Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2005
Geisterbahn
von Silvia Both

“Man müsste unsichtbar sein”, dachte Ernie und riss mit den Lippen ein großes Stück Zuckerwatte aus der weißen Masse heraus. Im Mund schmolz sie zu einem süßen klebrigen Klumpen zusammen. In seiner Hosentasche klimperte das Wechselgeld. Endlich war er den Fünfzig-Euro-Schein los, den er zu Hause in der Kaffeedose hinten im Schrank gefunden hatte. Dort, wo die Mutter immer das Einkaufsgeld aufbewahrte.
Bei den Autoscootern holte er sich drei Chips für fünf Euro. Auf der Fahrfläche kurvten zwei ältere Jugendliche herum, die sich immer wieder rammten. Er wich ihnen aus. Schmiss sich in die Kurven und genoss den Fahrtwind, die dröhnende Musik. Davonfahren bis ans Ende der Welt. Ein Stoss von hinten riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Die zwei hatten es jetzt auf ihn abgesehen und versuchten ihn zu schneiden. “He, lasst das!” rief er vergeblich. Der Älteste lachte und prallte auf Ernies Gummipolster. Sein Wagen machte einen Satz nach vorn. In einer Ecke blieben sie stecken. Die Frau an der Kasse schaute schon ärgerlich herüber. Doch die Fahrt war zu Ende. Alle drei stiegen aus. “Bleib cool, Ernie”, sagte der Größere. “Sag mal, bist du nicht in der Neunten, eine Klasse unter mir? Machst du heute blau?” Ernie verdrückte sich. Mist, jetzt hatte ihn auch noch einer erkannt. Hinter dem Riesenrad lag sein Schulrucksack, unter eine Plane geschoben. War das vorgestern ein Aufstand gewesen, als er die Sechs in Deutsch nach Hause gebracht hatte. “Dieses Jahr gehst du nicht auf die Kirmes.” Heute hatte er Englisch zurückbekommen. Wieder Sechs. Nach der Pause war er abgehauen.
Auf der Herbstkirmes war noch nicht viel los. Erst in der Abenddämmerung begannen die vielen hundert Glühbirnen des sich träge drehenden Riesenrades bunt zu leuchten, schob sich eine ausgelassene Menschenmenge durch das Gewühl. Das wär´s doch, dachte er, auf dem Rummel arbeiten.
Er schlenderte an den Losverkäufern vorbei, an den Bierständen, vor denen schon Erwachsene standen. Ganz hinten gab es wieder die Geisterbahn. Ernie musterte ihre grelle Bemalung. Die Fratzen der Geister und Monster gefielen ihm. Zwei Euro kostete die Fahrt. Mit rumpelnden Stößen bewegte sich der kleine Wagen durch den schwarzen Vorhang. Geisterhaftes Kichern begrüßte ihn. “Hallo Fremder! Deine letzte Stunde hat geschlagen!” Er ruckelte durch die Finsternis. Grell leuchtete ein Totenkopf auf. Etwas sauste auf ihn zu, bog im letzten Moment ab. Gruseliges Gelächter. Ernie grinste. Als sein Vater noch bei ihnen wohnte, war er einmal mit ihm in der Geisterbahn gewesen. Der Wasserstrahl von rechts hatte ihn zu Tode erschreckt. Vor den Gummimonstern hatte er panische Angst. Mehr tot als lebendig stolperte er heraus, und sein Vater spendierte ihm eine Zuckerwatte. Da war er sechs Jahre alt gewesen.
Plötzlich blieb sein Wagen stehen. Nichts passierte. Doch, jemand rief: “Stromausfall! Augenblick, gleich geht´s weiter.” Weiter vorne kicherten welche in der Dunkelheit. Mädchen. Mit einem spontanen Entschluss wand sich Ernie aus seinem Sitz heraus. Er tastete sich an der Wand entlang und spürte Stoff unter seinen Händen. Da stand eine Figur. Ernie befühlte den Gummikopf mit den übergroßen Augen und Ohren, die gebogene Nase. Da war auch ein Besen. Sollte wohl eine Hexe darstellen. Ohne zu überlegen zerrte er am Umhang und zog ihn von der Puppe, schlang ihn um seinen schlaksigen Körper. Er stülpte sich die Gummimaske über und griff nach dem Besen. “Haha!” lachte er probeweise. Hinter ihm knackte es und er fuhr herum. Die Stromversorgung funktionierte wieder. Sein Wagen klapperte davon. Bald würde der nächste kommen. Er war bereit.
“Huuuuuuuh!” heulte Ernie aus der Finsternis heraus. Entsetztes Aufkreischen belohnte ihn.
“Hihi hihi hihi!” Er kicherte, hechelte, röchelte sein Todesstöhnen. Mit dem Besen berührte er ab und zu die Köpfe der Fahrgäste. Stunde um Stunde. Die Geisterbahn füllte sich. In dem spärlichen Licht sah er viele kleine Kinder mit ihren Eltern. Er gab sein Bestes. Wie damals in der Theater-AG seiner Hauptschule, als sie die “Kleine Hexe” aufgeführt hatten, mit ihm als Oberhexe. Seine Kumpel hatten ihn ausgelacht. Aber der Applaus war es wert gewesen.
Erst als sein Magen spürbar knurrte, merkte Ernie, wie spät es war. In den Wagen saßen kaum noch Kleine. Er legte seine Verkleidung auf den Boden und enterte den nächsten freien Wagen. Wie ein normaler Fahrgast beendete er die Tour, ließ sich anspritzen, sauste in die Tiefe, bevor der Wagen abbremste. Ganz schwach vor Hunger stieg er aus und staunte über die lange Schlange vor der Geisterbahn. Im Vorbeigehen hörte er Gesprächsfetzen. “Unheimlich ...dieses Jahr besonders ... war schon dreimal drin ...” und musste grinsen.
An einem Imbissstand kaufte er zwei Bratwürste, eine große Portion Pommes Frittes, eine Cola. So gut hatte es ihm lange nicht mehr geschmeckt. Doch kaum hatte er seine Mahlzeit verdrückt, sah er von weitem seine Mutter. Sie schaute sich suchend um. An ihrer Seite ragte ein Polizist aus der Menge. Gleich würden sie bei ihm sein.
Er duckte sich hinter die Würstchenbude und schlich auf Umwegen zurück zur Geisterbahn. Dort musste er sich anstellen. Nervös wippte er von einem Bein auf das andere. Im Kassenhäuschen saß ein fülliger Mann, neben ihm ein junges Mädchen, seine Tochter wahrscheinlich. Sie trug einen blonden Pferdeschwanz und hatte sich die Augen geschminkt. Ihre Lippen glänzten. “Na, ganz alleine? Wo ist denn deine Freundin?” sprach ihn der Geisterbahnbesitzer an. Die Tochter guckte. Ernie wurde rot. Er legte seine zwei Euro auf die Ablage und huschte zu den Wagen. Ungeduldig rüttelte er am Haltegriff. Wann fuhr er denn endlich los? “Da ist er!” Seine Mutter zeigte auf ihn. Die Leute drehten sich um.
Sein Wagen zog an. Ernie verschwand hinter dem schwarzen Vorhang. Er hockte sich auf den Plastiksitz und schob den Griff zur Seite. Gleich hinter dem Skelett kam seine Stelle, wo er heraussprang und auf den Boden gepresst nach seiner Verkleidung tastete. Es war so dunkel, dass keiner etwas merkte. Er warf sich die Sachen über, griff nach dem Besen und verschmolz mit der Wand. Immer wenn ein Wagen kam, trat er vor. “Huuuuuuhuuuuuuuh!” Sein Besen fuhr in die Haare, streichelte Glatzen, stach in die Rücken. Schreie und Kichern antworteten ihm. Seine Mutter und der Polizist sollten sich doch draußen die Beine in den Bauch stehen. Er war verschwunden.
“Hier steckst du!” Eine Hand lag auf seiner Schulter und Ernie roch den süßen Duft eines Parfüms. “Die suchen dich!”
Eine helle Stimme. Es war das Mädchen, das er an der Kasse gesehen hatte. Ernie erkannte den Umriss ihres Pferdeschwanzes. Sie war etwas kleiner als er. “Schnell, komm mit!”
Sie zog ihn an der Holzwand entlang mit sich und hob eine Plane hoch. Dahinter verbarg sich eine Tür, die nach draußen führte. Sie eilten die Stahltreppe hinunter und standen auf der Rückseite der Geisterbahn.
“Ich bin Monika, meinem Vater gehört die Bahn.”
Sie kicherte. “Das Hexenkostüm steht dir gut.”
Ernie grinste. Er fühlte sich nicht mehr verlegen, sondern ernst genommen. Nur die Gummimaske störte. Er zerrte sie von seinem Kopf.
“Bist du abgehauen?”
Ernie nickte. “Stress zu Hause und in der Schule. Ich heiß´ übrigens Ernie.”
Monika lachte. “Wegen deiner Ohren?”
“Genau. Mein richtiger Name ist Stefan. Aber für meine Freunde bin ich Ernie. Wie der aus der Sesamstraße.”
“Kommst du mit zum Riesenrad? Es gehört meinem Onkel. Ich kann umsonst mitfahren.”
Sie liefen auf die andere Seite der Kirmes, bestiegen eine Gondel und ließen sich achtunddreißig Meter in die Höhe tragen.
Monikas Zähne blitzten.
“Was wirst du jetzt machen, Ernie?”
Ernie zeigte auf die Geisterbahn. “Am liebsten würde ich bei euch arbeiten und nicht mehr zur Schule gehen.”
“Du kannst ja mal meinen Vater fragen. So viel wie heute haben wir schon lange nicht mehr verdient.”
Ernie entdeckte unten den langen Polizisten. Neben ihm seine Mutter. Er hüllte sich in den dicken schwarzen Umhang. Das Riesenrad fuhr sie hoch über die Kirmes hinauf und wieder hinunter. Davonfahren bis ans Ende der Welt ...
Monika ließ die Gondel kreisen und lächelte.

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