Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
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Oktober 2005
Überraschungsmenü
von Renate Hupfeld

Die sympathische Ausstrahlung der jungen Frau neben ihm konnte das Gefühl der Beklemmung nicht verdrängen, das er in diesem kleinen, spärlich beleuchteten Raum empfand. Beim Empfang hatte er erfahren, dass sie Sonja hieß und blind war, wie die meisten, die hier arbeiteten. Sie sollte ihn begleiten auf seinem Ausflug in die rabenschwarze Ungewissheit. Warum hatte er sich überhaupt auf dieses Abenteuer eingelassen? Niemand hatte ihn dazu gedrängt. Völlig ausgeliefert würde er sein. Jetzt war noch Zeit diesen skurrilen Trip abzubrechen. Einfach die Tür zum Entree öffnen, hinaus auf die Straße gehen und im Strom der Menschen mitschwimmen.
Zu spät.
Sonja schaltete das Licht aus. Im gleichen Augenblick drohte ihn die undurchdringliche Schwärze auf den Boden zu werfen, wo er vorsichtig tastend an den Rand des Abgrundes kriechen würde, um nicht beim kleinsten Schritt verschlungen zu werden.
„Haken Sie sich bei mir ein“, sagte Sonja, nahm seine Hand und half ihm, sie in die Lücke zwischen ihrem Oberkörper und angewinkeltem Arm zu schieben. „Ich bringe Sie an Ihren Tisch.“
Es hörte sich dumpf an, als die Tür zum Gastraum geöffnet wurde. Eher widerwillig ging Marc ein paar Schritte mit und zog dabei unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern. Übermächtig war die Angst, in dieser stockdunklen Höhle an schroffe Felsen zu stoßen. Die Augen hatte er weit aufgerissen, doch nichts war zu sehen, nicht der kleinste Lichtpunkt, alles schwarz, unvorstellbar schwarz. War es so, wenn man blind war? Schrecklich musste das sein.
Wieder das dumpfe Geräusch, als Sonja die Tür schloss.
„Nicht so schnell“, jammerte er.
„Es passiert nichts. Ein paar Minuten, dann fühlen Sie sich besser.“
Sie zog ihn weiter, endlos lange schien ihm das.
„Vorsichtig jetzt“, sagte Sonja und löste mit leichtem Druck seine Hand von ihrem Arm. Sie umfasste seine Schultern und drehte ihn herum, bis er einen Stuhl in den Kniekehlen fühlte. Mit Hilfe seiner Begleiterin setzte er sich und rückte an den Tisch heran. Er atmete auf.
Dann ließ er die Hände über die Tischplatte wandern und fand tatsächlich ein Gedeck in der gewohnten Anordnung, Teller, Besteck und Serviette. Ein blaues Arrangement stellte er sich vor.
„Alles okay?“
„Ja.“
„Ich bin gleich wieder da.“
Eine leere Stelle in der Finsternis blieb zurück. Doch Sonja war sicherlich nicht in einen Abgrund gestürzt. Sie würde sich auch nicht an schroffen Felsen stoßen, wenn sie in dem Labyrinth zwischen Tischen und Stühlen durch eine Lichtschleuse in die Küche ging, sondern Speisen holen und ihm das an der Rezeption ausgewählte, in Rätseln beschriebene Menü mit vier Gängen servieren, zum Löffeln, Appetit holen, satt werden und zum süßen Schluss.
Helle Töne sprangen hoch und tanzten in buntem Reigen, eine wunderbare Gitarrenmelodie, als könnte er sie greifen, so nahe. Lebendige Heiterkeit herrschte in diesem farbigen Geräuschegarten. Reden und Lachen, eigentlich wie in jedem gut besuchten Restaurant, nur mit dem Unterschied, dass die Menschen hier unsichtbar waren.
Er wurde auch nicht gesehen, eine seltsame Erfahrung. Wie sollte er eigentlich seinen Kopf halten? Er probierte es aus. Nach unten auf den Teller gerichtet? Nach oben? Nach rechts? Nach links? Schließlich hielt er ihn in Geradeausstellung, zog die Augenbrauen hoch und schnitt eine Grimasse. Ob seine Krawatte richtig saß? Das war hier genauso unwichtig wie Kopfhaltung und Mimik. Er lockerte den Knoten und öffnete die oberen Hemdknöpfe.
„Achtung!“. Das war unverkennbar die Stimme seines guten Geistes.
„Der Barbera wartet hinter dem kleinen Löffel, das Wasser bringe ich gleich.“
„Danke, Sonja.“
Vorsichtig tastete er über das Besteck und fand das Weinglas. Er balancierte es über dem Teller zu sich heran. Ein intensiv fruchtiges Aroma stieg ihm in die Nase. Er drehte das Glas in der Hand, wollte noch ein wenig an dem Inhalt riechen, bevor er trank.
„Zum Wöhlerchen.“
Eine Frauenstimme gegenüber an seinem Tisch.
War er gemeint?
Wer denn sonst?
„Zum Wöhlerchen auch. Mit wem habe ich das Vergnügen?“, beeilte er sich zu fragen und bewegte sein Glas langsam über dem Tisch, so lange, bis ungefähr in der Mitte ein zaghaftes Klingen zu hören war.
„Ich bin Tamara.“
Hatte jemals ein Frauenname so verführerisch geklungen?
„Ich heiße Marc, freut mich sehr. Dann lass uns dieses köstliche Getränk probieren, dunkelrot funkelt es in meiner Vorstellung.“
Er nahm einen Schluck.
„Ein erlesener Rotwein ist das“, fuhr er fort.
„Und schmeckt mindestens so gut wie er riecht“, ergänzte Tamara.
Sie stellten die Gläser zurück an ihre Plätze. Marc wunderte sich, wie schnell es ihm gelang, sich auf dem Tisch zu orientieren.
„Was führt dich denn in diese schwarze Höhle, Tamara?“, fragte er.
„Es gibt für mich nichts Schöneres, als ein paar Stunden ganz ich selbst zu sein. Das gönne ich mir ab und zu, hier jetzt schon zum dritten Mal. Und du?“
„Abenteuerlust. Nichts zu sehen ist ein Alptraum für mich.“
„Das macht einen wahren Abenteurer aus. Erzähl mehr von dir. Ich bin ein neugieriger Mensch.“
„Zweiundvierzig Jahre alt, immer bereit für ein aufregendes Erlebnis, frisch geschieden und auf der Suche nach...“
„Nicht doch“, reagierte sie prompt.
„Entschuldige, das war wirklich nicht so gemeint. Männer!“
„Vergiss es!“, sagte sie. „Lass uns mit der Vorstellung weitermachen.“
„Gute Idee, ich bin auch neugierig.“
„Einundzwanzig Jahre alt, meine Hobbys sind meine schwarze Gibson Firebird und Psychokrimis, noch verheiratet.“
„So jung. Dann hast du dein ganzes Leben vor dir. Was du noch alles machen kannst, reisen...“
„Für mein Alter bin ich schon sehr viel herumgekommen, nicht nur in Europa, auch in Kalifornien und Kanada“, unterbrach sie ihn.
„Nicht schlecht. In Kanada war ich mal mit dem Kanu auf Wilderness Tour, unendliche Wälder, totale Stille auf kleinen Inseln. Einzigartig. Aber so was interessiert dich wahrscheinlich noch nicht. Warst du im Osten oder im Westen?“
„Im Osten, eine Rundreise mit meinen Eltern und meinem Bruder, als ich vierzehn war. Die Niagarafälle haben mich fasziniert, schon von weitem hört man das Wasser donnern, die Fälle übertönen dort fast alles, selbst den Trubel auf Clifton Hill. Und Toronto hat mir gefallen, eine Stadt, die einen reinzieht, multikulturell, sie gibt das Gefühl, ein Kanadier zu sein. Das Hardrock Café am Skydome war Klasse.“
„Erinnert mich an Manhattan und meinen Besuch dort im Hardrock Café. Ach, ich möchte mal wieder nach New York.“
„In New York war ich auch mit meinen Eltern, du hast Recht mit deinem Vergleich, ist ähnlich wie Toronto, du gehst aus dem Hotel auf die Straße und gehörst dazu. Selbst stundenlanges Anstehen für last-minute Tickets am Timesquare ist interessant, weil du dabei nette Leute kennenlernst...“
Ehe sie das Thema vertiefen konnten, meldete sich Sonja zurück und im gleichen Augenblick duftete es auf dem Tisch nach Koreander. Sie löffelten ein abenteuerlich sämiges Süppchen. Zu Marcs Verwunderung verfehlte der Löffel nicht ein einziges Mal sein Ziel.
Als die Kellnerin Suppentassen und Löffel abräumte, bestellte Tamara zwei weitere Gläser Barbera. Sie tranken, aßen, lachten und redeten. Unglaublich, wie die Wörter durch die Dunkelwelt flogen und andockten. Brooklin Bridge, Nicci French, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Tamaras Gesangsstudium. Zwischendurch brachte Sonja Zucchini, Karotten und Paprika, in finger- und mundgerechte Streifen geschnitten. Marc stellte sich auf dem Teller ein Ensemble in rot, orange, gelb und verschiedenen Grüntönen vor.
Das Hauptgericht kündigte sich durch den unwiderstehlichen Duft von gegrillten Delikatessen an, es war die Krönung der Speisenfolge. Auch zu diesem Gang benötigten sie weder Gabel noch Messer.
„Koste mal, ist das Lamm, Rind oder Schwein?“, fragte Tamara und reichte ihm ein Filetstückchen herüber. Marc befühlte und beschnupperte es ausgiebig.
„Ist doch egal, ob Lamm, Rind oder Schwein. Außen kross und innen zartrosa, ich sehe es vor mir. Willst du es zurück? Sonst ist es gleich verschwunden ... Schon passiert. Hmmm, lecker. Und was sagst du zu den Kartöffelchen? Jam, jam.“
„Kartoffeln mag ich sonst gar nicht, doch diese hier sind köstlich. Wenn du schon so toll vorgekostet hast, mache ich mich jetzt auch mal an ein krosses Teilchen heran. Hmmmmmmmm, rosa und zart.“
Marc fiel auf, dass ihm das Sehen gar nicht mehr fehlte, die inneren Bilder waren ungewöhnlich lebendig. Wie viele Stunden waren eigentlich seit seinem Eintritt in diese Dunkelwelt vergangen?
‚Kalt und heiß’, dachte er zum süßen Schluss beim Vanilleeis mit Himbeeren. Ein wahres Fest der Sinne, zusammen mit einer unsichtbaren Frau unsichtbare Speisen tasten, riechen und schmecken, ein überaus sinnliches Abenteuer. Er versuchte, sich Tamara vorzustellen, mit Gibson Gitarre und ihrer Soulstimme auf der Bühne. Darüber und viel mehr müsste sie ihm noch erzählen.
„Wenn du magst, können wir hinterher in der Lichtwelt einen Cappuccino zusammen trinken“, schlug er vor. „Ich kenne da ein schnuckeliges Lokal in der Altstadt.“
„Gerne.“
„Worauf warten wir? Bitten wir die Herrscherin über die Finsternis uns hinauszuführen.“
„Sonja weiß Bescheid.“
Das wunderte Marc, doch es würde schon seine Richtigkeit haben.
„Ich führe dich hinaus“, fuhr Tamara fort.
„Wie du meinst.“
Er stand auf. Hatte der Fußboden sich beim Hineingehen auch schon so angefühlt, an einigen Stellen rau, an anderen glatt? Er stellte den Stuhl unter den Tisch und tastete nach Tamara. Unglaublich sanft umfasste sie seine Hand und sie setzten sich in Bewegung. Dumpfe Türgeräusche, schummerige Lichtschleuse, dann stand sie ihm gegenüber. Er musste blinzeln, so hell war es.
Wunderschön sah sie aus, brünette Haare, enge Jeans und Kordjackett in warmem Orangeton. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille.
Als sie ihre Rechnung beglichen hatte, holte die Frau am Empfang einen überlangen weißen Stock hervor und gab ihn Tamara in die Hand.
„Den brauchst du jetzt nicht“, sagte er und konnte den Blick nicht abwenden von ihr. „Wir gehen doch zusammen in die Altstadt.“
Er legte seinen Arm um ihre schmalen Schultern und führte sie hinaus auf die Straße.

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