Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Oktober 2005
Liebende Augen sehen mehr
von Ingeborg Restat

Sonia war allein. Nach einem zermürbenden Streit war Gerald am Tag vorher unversöhnt abgefahren. Sie sah ihn noch vor sich, wie er vor kurzem mit leuchtenden Augen nach Hause gekommen war und ihr mitgeteilt hatte: „Mir ist von der Firma eine leitende Stellung in München angeboten worden. Was sagst du?“
Erschrocken hatte sie ihn angesehen. „Aber das ist ja so weit weg.“
„Na, und? Du weißt, wie lange ich schon darauf warte. Wenn du mich liebst, dann kommst du mit!“
Keine Frage danach, was es für sie bedeuten würde, hier ihre in langen Jahren aufgebaute Stellung aufzugeben. Wie zwei Kampfhähne waren sie sich in den nächsten Tagen begegnet, bis Gerald endgültig sagte: „Entscheide dich! Ich gehe auf jeden Fall, mit dir oder ohne dich.“
Danach hatte er sich jeder weiteren Diskussion verweigert. Zehn Jahre Ehe schienen nichts mehr zu bedeuten.
Bedrückt dachte Sonia über alles nach, während sie mit ihrem Auto eine Landstraße entlang dem Ort entgegenfuhr, in dem ihre Tante Luisa wohnte. Es verlangte sie danach, mit ihr darüber zu reden. Schon immer war Luisa für sie wie eine Freundin gewesen. Doch würde sie ihr überhaupt zuhören?
Auch Luisa war allein, seit vor wenigen Wochen Onkel Erich gestorben war. Unerwartet hatte der Tod ihn von ihrer Seite gerissen, nach langen in inniger Verbundenheit gemeinsam verbrachten Jahren. Wie verzweifelt musste sie sein.
Sonia war zum Heulen, als sie vor Luisas Haus vorfuhr. Eigentlich hätte sie längst einmal nach ihr sehen müssen, stattdessen kam sie nun mit eigenen Sorgen. Jetzt fürchtete sie sich fast vor der Begegnung. Wie sollte sie bei ihr, die doch sicher von Gram gebeugt war, Verständnis finden?
Alles sah aus wie sonst, der Vorgarten so sauber, als hätte Onkel Erich eben den Rasen abgeharkt. Beklommen stieg Sonia aus, ging zum Gartentor und klingelte. Die Haustür öffnete sich. Aufrecht wie immer und keineswegs gebeugt trat Luisa heraus. „Sonia, wie schön, dass du vorbeikommst!“
Sonia stutzte.
Lächelnd strich Luisa eine Strähne ihres silbernweißen Haares zurück und drückte auf den Summer für die Gartenpforte. „Komm herein! Es ist gerade recht, wir wollen Kaffee trinken.“
„Wir?“ Sonia war überrascht. „Hast du Besuch?“
Luisa überging die Frage und drängte sie, ins Haus zu kommen.
Im Wohnzimmer war auf dem Couchtisch für zwei gedeckt - vor den gewohnten Plätzen von Erich und Luisa -, aber kein Gast saß dabei.
Sonia lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Luisa, um Gottes willen ...!“
„Warte, ich hole nur noch den Kaffee und ein Gedeck für dich.“ Luisa achtete nicht auf ihren Ausruf und lief zur Küche.
Bildete sich Luisa etwa ein, Erich säße hier noch bei ihr in seinem Sessel? Verstört blickte Sonia Luisa hinterher. Aber verwirrt wirkte sie nicht. ‚Ich sollte mich da hineinsetzen, um Luisa deutlich zu zeigen, dass es nicht sein kann’, überlegte sie und machte einen Schritt darauf zu. Aber ein Empfinden, das ihr unheimlich war, ließ sie zaudern.
Schon kam Luisa aufgeregt hereingerannt. „Nein, nicht in den Sessel!“, rief sie und dann betont ruhig: „Nimm hier, mir gegenüber Platz!“
Sonia setzte sich beklommen. „Wie kommst du jetzt zurecht, Luisa?“
„Oh, gut! Wirklich gut.“
„Du hast sicher viel zu erledigen, nach Erichs ...“
„Kein Problem! Wirklich, kein Problem“, unterbrach sie Luisa hastig und schenkte in alle drei Tassen Kaffee ein.
Irritiert sah Sonia sie an, wollte etwas sagen, aber Luisa forderte sie schon auf: „Schau mal! Habe ich nicht ein schönes Bild von Erich aufgestellt?“
Sonia sah hinter sich zu einem Schränkchen. „Ja, und wundervolle Blumen hast du dazugestellt.“ Nachdenklich blickte sie auf die Fotografie.
„Die gefallen Erich auch sehr.“
War Luisa bewusst, was sie eben gesagt hatte? Sonia drehte sich wieder um und wollte das schon fragen, da bemerkte sie, die Tasse von Onkel Erich war leer. Luisa schenkte gerade nach. Hatte sie selbst heimlich den Kaffee ausgetrunken? Beunruhigt blickte Sonia auf die nun wieder volle Tasse und sah eine Lache auf der Untertasse, so, wie es bei Onkel Erich immer gewesen war.
Sonia starrte noch ratlos darauf, da fragte Luisa besorgt: „Du siehst nicht gut aus. Hast du Kummer?“
Viel zu frisch waren noch die Wunden, die Gerald und sie sich gegenseitig geschlagen hatten. Kaum angetippt, dachte sie nicht mehr darüber nach, ob Luisa nun verwirrt sei oder nicht, sondern all ihr Kummer sprudelte aus ihr heraus.
Beruhigend strich Luisa ihr über die Hand. „Vor so einer Entscheidung zu stehen, ist schwer, zu schwer.“
„Wie konnte er mir das antun?“
„Und du?“
„Wieso ich?“
„Liebst du ihn noch?“
„Kann man so einen Egoisten lieben?“
„Warum kränkt es dich dann so sehr? Mach dir nichts vor.“
„Ihr habt es gut gehabt, Erich und du. Ihr habt nie ...“ Ein leises Lachen von Luisa ließ sie nicht weiterreden.
„Denkst du wirklich, unsere tiefe Verbundenheit ist uns in den Schoß gefallen?“ Sonia verfolgte, wie Luisa ihre Hand über den Tisch schob, so, wie sie es oft getan hatte, wenn sie Kontakt zu Erich suchte. „Jeder von uns beiden musste erst ein Stück von seinem Ich aufgeben, um zum Wir zu finden. Das ist auch nicht abgegangen, ohne Federn zu lassen. Doch was man dafür gewinnt, dieses unbeirrte Vertrauen zueinander, nie mehr das Gefühl zu haben, allein zu sein, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Irgendwann haben wir gewusst, dass uns nichts mehr trennen kann.“
‚Nur der Tod’, dachte Sonia und schaute wie gebannt auf die Hand von Luisa, die jetzt über dem Tisch schwebte, als ruhte sie auf der Hand von Onkel Erich.
Da sah Luisa auch noch zur Seite, als sähe sie ihn an, lächelte und sagte leise: „... auch nicht der Tod!“
„Aber Erich ist ...“
„... ist hier bei mir, Sonia.“
„Luisa!?“
„Erst wenn ich gehe, werden wir gemeinsam die Welt verlassen.“
„Wie kannst du ...?“
„Es mag dir seltsam vorkommen. Doch glaube mir, wenn du wirklich liebst, weißt du mehr und siehst du mehr. Wir Menschen wissen längst nicht alles.“
„Mag sein“, murmelte Sonia und blickte auf die Tasse Kaffee vor Erichs Platz. Sie war wieder leer. Wann hatte Luisa sie ausgetrunken? Ihr wurde unheimlich. Welche Kraft steckte in der Liebe, dass Luisa glauben konnte, er sei noch bei ihr? Sie stand auf, um zu gehen.
„Warte, wir bringen dich noch vor die Tür. Erich muss sich nur seine Schuhe anziehen.“ Eilig lief Luisa hinaus, kam mit den Schuhen von ihm wieder und bückte sich vor seinem Sessel. Als sie sich wieder aufrichtete, waren die Schuhe verschwunden.
Gebannt starrte Sonia dahin. Hatte Luisa sie unbemerkt unter den Sessel geschoben oder sollte Onkel Erich wirklich ...? Irritiert hastete sie aus dem Zimmer, nahm ihre Tasche von der Flurgarderobe und wollte nach ihren Autoschlüsseln greifen. Sie war sicher, sie daneben abgelegt zu haben, aber da lagen sie nicht mehr.
Luisa hatte schon die Haustür geöffnet. „Nein, typisch Erich!“, rief sie lachend. „Schau mal, was da auf dem Briefkasten am Zaun liegt. Erich kann es auch jetzt nicht lassen, seinen Schabernack zu treiben.“ Es war, als hätte sie keinen Grund zu trauern.
Da lagen wirklich ihre Autoschlüssel. Sonia verabschiedete sich und stieg eilig ins Auto.
„Mach dir um mich keine Sorgen. Erich passt auf mich auf. Und ihr beide solltet nicht so schnell aufgeben. Man ist reicher zu zweit!“, rief Luisa noch, ehe Sonia abfuhr.
„Ja, ja!“ Sonia winkte und gab Gas. Aufgewühlt von dem eben Erlebten fuhr sie zurück in die Stille und Leere ihres Heimes ohne Gerald. Luisa fühlte sich noch nach dem Tod mit Erich verbunden. Und sie beide?
Waren sie am Ende? Gab es keinen Ausweg mehr? „Wir müssen miteinander reden, egal wie. Wir dürfen damit nicht aufhören. Das Schweigen bringt nichts. Es darf nicht zu Ende sein. Es wird einen Ausweg geben“, murmelte Sonia vor sich hin und gab Gas, um schnell nach Hause zu kommen. Sie musste ihn anrufen, sofort! Er musste das verstehen, er musste es einsehen, er musste doch Sehnsucht verspüren wie sie, er musste ...

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