Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Oktober 2005
Vielgötterei
von Birgit Erwin

Es hieß, dass Godspeak City jedem offen stand, egal an wen oder was er glaubte. Der Ankömmling lächelte verträumt, als er über die breite, von Tempeln gesäumte Hauptstraße wanderte. Er hatte die feste Absicht, das zu ändern. Ein Mann in blauem Turban und Seidenkaftan drückte ihm einen Handzettel in die magere Hand.
„Neu in der Stadt?“, rief er im Vorbeigehen. „Dann solltest du da hingehen. Könnte witzig werden: Irgendein Trottel macht Werbung für seinen Gott.“
Er grinste und hastete weiter, ehe der schwarz gekleidete Mönch Zeit zu einer Entgegnung fand. Langsam rollte der das Papier auseinander und las:
Neuer Gott in Godspeak City
Vortrag und Podiumsdiskussion - Isis-Tempel. 19.00 Uhr c.t.
Eintritt frei - Opfergaben abzugeben bei Schwester Benaya

Der Mönch zerknüllte das cremefarbene Blatt mit der exquisiten Goldschrift und schleuderte es mit einem Ausdruck von Ekel auf die Straße.
„He, der Gott der Wege findet das sicher gar nicht gut!“, blökte ein junger Lümmel und zeigte auf das Papier.
„Schweig, du verdorbener Sünder!“ Der Mönch hatte sie zu seiner ganzen Größe aufgerichtet und warf dem Jungen einen derart stechenden Blick zu, dass der hastig den Mund zuklappte und sich verdrückte.
„Oh Herr, was muss ich noch in deinem Namen erdulden“, flüsterte der Mönch und schloss die Augen. „Doch dein Wille geschehe.“
„Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst, Mensch?“
Ein harter Stoß traf ihn zwischen die Schulterblätter, so dass er auf die Straße stolperte. Kutschen begannen zu bimmeln, und die Sänftenträger brüllten Verwünschungen, als sie der taumelnden Gestalt ausweichen mussten.
„Blöder Ausländer! Idiot!“
„Trottel, was legt der sich auch mit einem Kriegsgott an...“
Bei den letzten Worten kam der Mönch schwankend auf die Füße und starrte dem hünenhaften Mann hinterher, der in diesem Augenblick in einer Kneipe verschwand. „Nur für Götter“, stand in großen Buchstaben auf der schmutzigen Scheibe.
„Da hast du aber Schwein gehabt.“
Der Mönch hob den Kopf und sah direkt in ein Paar spöttische blaue Augen.
„Mein Gott war mit mir“, murmelte er, während er sich mit zitternden Händen die Kleider abklopfte.
„Wirklich? Ich hab ihn nicht gesehen.“
„Er war ...“ Der Mönch brach ab und schüttelte den Kopf. „Nicht so wichtig. Mein Name ist Egerius.“ Er streckte die Hand aus. Sein neuer Bekannter betrachtete sie interessiert, ehe er sich leicht aus der Hüfte verneigte.
„Hey, den Namen kenn ich doch! Bist du nicht der Typ mit dem neuen Gott? Na, der führt sich ja gut ein. Warum folgst du ihm, wenn er dich nicht mal vor diesem Kriegsgott beschützt, der dich einfach auf die Straße schubst?“
„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, sagte der Priester mit feinem Lächeln.
„Tja, das sagen unsere Götter auch immer, wenn wir was von ihnen wollen.“

Als die Sonne unterging, wusste Bruder Egerius mehr über Godspeak City, als ihm lieb war. Er verstand nicht, warum Gott diesen Schandfleck nicht mit einem Blitzstrahl dem Erdboden gleichmachte. Das war schlimmer als Sodom und Gomorrah. Immer noch voll gerechten Zorns blickte der Mönch auf die Telefonnummern, die ihm im Lauf des Tages zugesteckt worden waren. Drei waren von örtlichen Liebesgöttinnen, die Gläubige warben, die letzte von einer Keuschheitsgöttin auf der Suche nach ein bisschen Spaß.
„Nur ein klitzekleiner Blitzstrahl?“, fragte er mit einem Blick nach oben. Die Sonne lachte von einem strahlend blauen Himmel. Bruder Egerius war ziemlich sicher, dass sie ihn auslachte. „Offenbar nicht.“ Er seufzte leise. Gottes Wille hin oder her, er hatte ein ungutes Gefühl, als er den Isis-Tempel betrat.
„Kannst gleich anfangen, Kollege“, sagte die üppige Tempeldienerin und zeigte mit einem Zwinkern in den Raum. Bruder Egerius hatte nicht einmal Zeit, sich über die Anrede zu ärgern. Er zuckte unmerklich zusammen. Der Isis-Tempel war sehr groß. An diesem Abend war er auch sehr voll, und Egerius sah sofort, dass nicht alle Anwesenden Menschen waren. Der junge Mann gab sich einen Ruck. Er würde diese falschen Götzen schon aus dem Tempel treiben. Der Abend würde ein Triumph für den Einen Gott.
Er trat vor und breitete die Arme aus.
„Und der Herr spricht: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“
Leises Gemurmel ging durch die Versammlung. Egerius sah in fragende Gesichter.
„Aber da ist ein Gott neben mir. Der hat sich einfach da hingesetzt.“
„Ist das ne neue Regel? Hab ich nie von gehört.“
„Wir durften hier immer sitzen, wo wir wollten!“
Endlich sagte eine Stimme in der letzten Reihe: „Vielleicht meint der so ne Art bunte Reihe. Ihr wisst schon: Mensch, Gott, Mensch, Gott ...“
„Nein, was ich meinte...“ Doch Egerius Stimme ging in dem allgemeinen Stühlerücken unter, während Götter und Menschen eifrig die Plätze tauschten. Zehn Minuten später kehrte Ruhe ein. Die Gesichter waren erwartungsvoll und ein bisschen selbstzufrieden.
„Äh danke ...“, murmelte der junge Mönch. „Ich glaube, ich fange jetzt mit den Geboten an. Sie sind einfach und ermöglichen allen Menschen, in Frieden miteinander zu leben.“
An dieser Stelle begannen ein paar der besonders eindrucksvoll gepanzerten Gestalten zu murren. Ein Ölzweig flog durch die Luft und eine sanfte Stimme flüsterte ein vernehmliches „Siehste!“, aber dieses Mal sprach Egerius hastig weiter.
„Und aus diesem Grund lautet auch eines seiner Gebote: Du sollst nicht töten!“
Eine Hand wurde gehoben.
„Ja, bitte?“
„Warum nicht?“
„Äh... weil... es falsch ist?“, sagte der Mönch. Auf diese Frage war er nicht vorbereitet.
„Und wie kommen wir dann nach Walhalla?“, erkundigte sich ein Hüne in der zweiten Reihe und kratzte sich unter dem Flügelhelm.
„AH!“, rief Egerius. „Es gibt kein Walhalla. Walhalla ist...“
„Gibt es doch!“
„Nein!“
„Doch!“
„NEIN!“
Unwillkürlich verstummte der blonde Hüne. Der Mönch fuhr mit gesteigertem Eifer fort:
„Es gibt kein Walhalla, keinen Olymp, nichts davon ist wirklich. Denn es gibt nur einen Gott... einen wahren Gott“, setzte er mit einem Blick auf seine Zuhörerschaft hinzu. „Alle jene, die ihr in eurer Unwissenheit anbetet, sind falsche Götzen, die ihr aus euren Tempeln und euren Herzen vertreiben müsst, ehe ihr Seligkeit erlangen könnt.“
Egerius schloss die Augen. Gleich würden diese bösen Geister sich auf ihn stürzen, dann würde Gott ein Wunder vollbringen, und als König in Godspeak City einziehen. Er selber würde unvergessen sein. Als irdische Stellvertreter Gottes. Oder als Märtyrer. Er hoffte, dass Märtyrertum nicht allzu wehtat. Nichts geschah. Endlich wagte er zu blinzeln. Die Augen seiner Zuschauer waren mit wohlwollendem Interesse auf ihn gerichtet.
„Äh... ja...“, sagte er und öffnete auch das zweite Auge. „Also, nur ein Gott...“
Die gute Nachricht war, dass er noch lebte. Die schlechte, dass er vollkommen den Faden verloren hatte. Eine Weile herrschte sehr tiefes Schweigen über dem Tempel. Endlich wurde zögernd eine Hand gehoben.
„Ja?“, rief der Mönch hastig. „Was willst du wissen, mein Bruder?“
„Na ja, mich tät halt interessieren, was dein Gott so zu bieten hat.“
Zu bieten... Egerius schauderte innerlich, aber er brachte ein strahlendes Lächeln zustande.
„Gott ist Liebe, er ist Güte und Verzeihung. Es heißt, kein Spatz fiele vom Himmel, ohne dass Gott es wüsste.“
„Der Gott der Ornithologen!“, rief ein Witzbold in der letzten Reihe.
Egerius fuhr zu dem Sprecher herum. „Nein! Gott ist kein Gott für eine bestimmte Gruppe. Er ist ein Gott für alle Menschen. Jeder von euch ist Gottes Kind. Ihr seht, ihr braucht überhaupt keine anderen Götter!“
Zum ersten Mal begannen die Unsterblichen leise zu murren. Einige der Menschen warfen sich fragende Blicke zu.
„Egal welches Problem, ich kann zu deinem Gott kommen?“
„Zu unserem Gott! Ja, du hast es verstanden. Er ist unser aller Gott.“
„Ist der nicht ziemlich überlastet?“
„Gott ist allmächtig!“, sagte Egerius schlicht. Jetzt hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es war ein Gefühl, wie er es noch nie erlebt hatte. Das Feuer des Glaubens brannte hell.
„Ihr seid auf dem rechten Weg, ich fühle es. Gott sieht in eure Herzen und...“
„Igitt!“
„Er sieht in eure Herzen!“, fuhr der Mönch fort, ohne den Einwurf zu beachten. „Und er weiß, dass eure unsterblichen Seelen sich danach sehnen, gerettet zu werden. Schwört euren alten Göttern ab. Rettet eure Seelen.“
Gleich mehrere Hände schossen in die Höhe. Für den Bruchteil einer Sekunde fürchtete Egerius, dass diese Heiden nicht wussten, was eine Seele war. Zögernd zeigte er auf eine Frau in der ersten Reihe. „Was willst du wissen, meine Schwester?“
„Warum kommt dein Gott eigentlich nicht selber, dann könnten wir ihn fragen?“
„Er ist schon da!“, strahlte der Mönch.
„Wie? Wo?“
„Schau mich nicht so an... ich bin es sicher nicht. Aber wer sagt mir, dass du...“
„Ruhe! Bitte bleibt ruhig. Ihr könnt ihn nicht sehen. Gott ist... unsichtbar.“
„Dann ist er wohl ziemlich hässlich“, rief der Witzbold.
„Schweig!“, donnerte Egerius, der an Selbstvertrauen gewonnen hatte.
„Nein, ernsthaft, wir können deinen Gott nicht sehen!“, sagte die Frau.
„Unseren Gott“, korrigierte Egerius. „Er ist für das menschliche Auge unsichtbar.“
„Dann kann der sich jederzeit ranschleichen, und ich weiß es nicht.“
„Ranschleichen!“ Der Mönch riss beide Hände in die Luft und brüllte erbost: „Gott schleicht sich nicht heran. Er ist allgegenwärtig. Gott ist überall.“
„Wie bitte? Dann werde ich den gar nicht mehr los?“
„Stell dir mal vor, du drehst dich um, und dann steht so ein Gott hinter dir!“
„Ruhe!“, schrie Egerius. „Ihr macht euch vollkommen falsche Vorstellungen. Gott ist allgegenwärtig, aber nicht in einer menschlichen Gestalt. In jedem Stein, in jedem Busch, in dem geringsten eurer Mitmenschen ist seine Herrlichkeit spürbar.“
„Das wird ja immer schöner. Du trittst auf einen Stein, und schon hast du Gott beleidigt.“
„Oder irgendein Baum quatscht dich von der Seite an.“
„Oder meine Frau fängt an, sich für Gott zu halten!“
Das war der Moment, in dem die Podiumsdiskussion sich selbst eröffnete. Der junge Mönch brüllte noch ein paar Mal „Ruhe“, aber seine Stimme wurde immer halbherziger. Endlich verstummte er ganz. Zusammengesunken hockte er auf der Empore und blickte auf die streitenden Bewohner von Godspeak City. Nur wenige Teilnehmer verließen den Saal, als die Massenkeilerei anfing. Egerius schloss sich den Scheidenden an. In den Schatten gedrückt schlich er aus dem Tempel, dann erinnerte er sich an die Telefonnummern. Zögernd sah er sich um und griff in die Tasche seiner Kutte.

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