Ganz schön bissig ...
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Oktober 2005
Unsichtbar
von Marcus Watolla

Als ich das große, alte Haus am Täuberhofer-Platz kaufen konnte, war ich überglücklich. Ich hatte jahrelang jeden Pfennig gespart, um endlich meinen lang gehegten Traum zu erfüllen. Hauseigentümer sein.
Der Makler hatte mir wegen diverser Mängel in und am Haus einen günstigen Preis gemacht. Erstaunlich günstig! Das Haus stand schon seit längerer Zeit leer, kein Käufer hatte wohl Interesse daran gehabt. Die Wasser- und Gasleitungen waren extrem überholungsbedürftig.
Die Renovierung wollte ich später durchführen. Hauptsache, ich wohnte erst einmal in meinen eigenen vier Wänden.
Das Gebäude stammte aus dem letzten Jahrhundert. Zwischen beiden Etagen gab es eine alte, hölzerne Wendeltreppe. Unten befanden sich die Gesellschaftsräume und die Küche. Oben das Schlafzimmer, einige von mir unbenutzte Räume und mein Arbeitszimmer.
Ich richtete mich häuslich ein. Schuf ein kleines Reich, das nur mir gehörte.
In der ersten Woche geschah noch nichts außergewöhnliches.
Ich lebte stolz und fröhlich in meinem „kleinen Palast“, wie ich das Haus nannte. In der zweiten Woche wurde ich nachts wach. War da nicht ein Geräusch? Ja. Auf dem Flur hörte ich das Knarren der Fußbodenbohlen. Es klang, als liefe irgendjemand darauf. Vorsichtig setzte ich meine Beine aus dem Bett. Bewegte mich auf leisen Sohlen zur Schlafzimmertür. Lauschte.
Das Knarzen klang rhythmisch. Wie Schritte. Sie kamen näher. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Spähte hinaus in den dunklen Flur. Nichts. Das Knarren hatte plötzlich aufgehört.
Schlich durch das Haus. Durchsuchte jeden Winkel. Fand nichts.
Doch in den darauf folgenden Nächten hörte ich wieder diese Schritte. Schließlich redete ich mir ein, es sei das Holz. Es arbeitete.
In der nächsten Nacht erwachte ich schlagartig.
Wurden da nicht Worte geflüstert, gezischelt? Kaum hörbar...?
Wieder erhob ich mich aus dem Bett und schlich hinaus auf den Flur.
Und da. „Raus“, flüsterte eine Stimme aus dem Wohnzimmer. „Raus.“
Ich erstarrte. Angstschweiß trat mir auf die Stirn.
Einbrecher?
Ich stürzte zurück ins Schlafzimmer. Zerrte den Baseballschläger aus dem Schrank. Stolperte wieder hinaus auf den Flur. Zur Wendeltreppe.
Draußen flüsterte der Wind um die Ecken des alten Gemäuers und pfiff durch alle Ritzen.. Es war ein scheußlich hoher Pfeifton. Leise ging ich die Treppe hinunter. Erreichte das Wohnzimmer. Alles dunkel. Schatten in allen Ecken und Nischen. Nichts und niemand war zu sehen. Ich schaltete überall Licht an, durchsuchte das gesamte Erdgeschoss.
Nichts.
Der Wohnungsschlüssel steckte im Schloss. Die Tür war verriegelt. Alle Fenster waren geschlossen. Es konnte keiner in der Wohnung sein.
Vielleicht der Wind ...?
Zwei Nächte darauf wurde ich erneut von einem merkwürdigen Geräusch geweckt. Mir war, als hätte jemand ein Möbelstück im Wohnzimmer über den Boden gerückt. Unsicher verließ ich, wie schon so oft, das Schlafzimmer. Den Baseballschläger in den Händen. Schon auf dem Korridor hörte ich es: „Raus. Raus...“
Wieder durchsuchte ich die Wohnung. Auch dieses Mal. Nichts.
Drehte ich langsam durch? Oder war es wirklich nur der Wind, der leise um das Haus strich und sich in den Erkern und Simsen verfing?
Da ich ohnehin nicht mehr schlafen konnte, beschloss ich ein Bad zu nehmen. Ich ließ mir Wasser ein. Die alten Leitungen bollerten. Ich erschrak. Musste die Reparaturen unbedingt bald in Angriff nehmen. Ich stieg in das heiße Wasser, versuchte abzuschalten. Die Wanne war zwar alt, aber nicht minder gemütlich.
Doch da.
Ein quietschendes Geräusch. Als ob jemand mit dem Finger über eine nasse Glasscheibe führe. Ich zuckte zusammen. Starr saß ich da.
Mir blieb fast das Herz stehen. Am beschlagenen Badezimmerspiegel hatte jemand etwas geschrieben. Zittrig und mit groben Lettern.
`RAUS´.
Voller Panik stolperte ich aus der Wanne. Überschlug mich fast, als ich ins Schlafzimmer floh, um meinen Baseballschläger zu holen. Als ich zurückkehrte, war der Spiegel leer. Beschlagen, aber leer. Keine Schrift. Keine zittrigen Lettern.
In den darauffolgenden Nächten stand ich kaum noch einmal auf, wenn die Dielen unter schweren Schritten knarrten, wenn ich aufwachte, weil ich es flüstern hörte: „Raus. Raus.“ Auch wenn ich dachte: „Nein, das kann nur der Wind sein.“
Nein. Das konnte nicht der Wind sein.
Der Baseballschläger wurde von da an mein ständiger Begleiter. Er vermittelte mir ein Gefühl von Sicherheit.
Mittlerweile hörte ich die Stimme auch am Tage. Leise. Zischend. Manchmal musste ich genau hinhören, um sie zu verstehen. Ein anderes Mal waren sie deutlich und klar zu vernehmen. Ich zweifelte langsam an meinem Verstand. Wurde verstört.
Ich bat meinen Freund Willi bei mir die Nacht zu verbringen. Sagte ihm jedoch nichts von den merkwürdigen Ereignissen. Ich wollte einfach nur wissen, ob ich phantasierte. Willi war erstaunt, als ich ihn darum bat, doch er stimmte zu. Er legte sich ins Wohnzimmer auf die Couch.
In der Nacht klopfte es plötzlich an die Tür meines Schlafzimmers. Willi stand kreidebleich vor mir und stotterte: „Halt´ mich nicht für irre. Aber ich habe da was gehört...“
„Was denn?“, fragte ich.
„Erst ist jemand durch das Zimmer gelaufen. Ich hörte genau die Schritte. Nachher vernahm ich etwas wie ein Flüstern. Weißt du, was die Stimme sagte?“
Ich nickte verdrossen. „Vielleicht `raus´?“
Zitternd bejahte er.
„Nimm´s mir nicht übel“, sagte Willi, „aber das ist mir zu unheimlich. Ich mache, dass ich wieder nach Hause komme.“ Er verließ mich noch in der Nacht. Durch das Fenster sah ich, wie er in ein Taxi stieg und verschwand. Gerade wollte ich zurück ins Bett gehen, da fiel das Licht plötzlich aus.
Schreckerstarrt!
Der Boden knarrte.
Irgend etwas rutschte mit scharrendem Geräusch über die Dielen.
„Raus!“ schrie es gellend. „Raus!“
Panisch floh ich in mein Schlafzimmer. Doch das Geschrei verstummte nicht.
„`raus! ´raus!“
Wie von Sinnen packte ich hastig ein paar Klamotten ein. Floh die Wendeltreppe hinunter. Hinaus aus dem Haus. Blieb diese Nacht bei Willi. Traute mich nicht mehr zurück. Am nächsten Tag mietete ich mir eine Wohnung, in der ich mindestens zwei Kilometer Luftlinie von diesem Ort des Schreckens entfernt war. Ich holte niemals meine Sachen mehr aus dem Haus. Kehrte nicht wieder zurück.
Der Makler erhielt von mir ein günstiges Angebot. Ich wollte diesen Ort des Terrors nur noch loswerden.
Drei Wochen nachdem ich Hals über Kopf geflohen war, ereignete sich in dem Haus eine schwere Explosion. Undichte Gasleitungen hatten sich entzündet. Kein Stein blieb auf dem anderen, alles wurde völlig zerstört.
Ein Polizist sagte zu mir: „Seien Sie froh, dass Sie dort nicht mehr gewohnt haben. Sie wären wohl kaum lebend herausgekommen...“

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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