Bitte lächeln!
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Oktober 2005
Kalte Wärme
von Ivonne Schönherr

Im Schneidersitz saß Smithie da, ein Schild mit der Bitte um eine Spende und eine kleine Schüssel, die sich nur selten durch das Klirren von Münzen meldete, vor sich. Sein Haar war schütter, die Sachen abgetragen und er trug zwei nicht zusammenpassende Schuhe. Niemandem von den Passanten war es bisher aufgefallen. Für die Fußgänger war der alte Mann Luft. Noch einer der vielen Obdachlosen, vergessen von der macht- und geldgierigen Gesellschaft in ihrer Gefühlskälte. Im schlimmsten Fall war er eine Belästigung, von einem Ort zum anderen gescheucht von der Polizei und den Ordnungskräften. Kaum tauchte er auf, dauerte es nicht lange und er musste wieder gehen. Er seufzte und streckte sich, dem eingeschlafenen Bein ein wenig Bewegung verschaffend.

Eine aufgetakelte Frau stolzierte vorbei, einen Pinscher auf dem Arm, dem sie Küsse auf die Nase gab und Leckerbissen in die sabbernde Schnauze schob. Hoffnungsfroh hob der Alte seine Schüssel, rasselte ein wenig, um auf sich aufmerksam zu machen. Nicht mal einen Blick warf sie auf ihn herab, schien ihn gar nicht zu bemerken. Nur die Duftspur eines süßlich riechenden Parfüms blieb zurück, ließ ihn allein mit seinen Gedanken und seiner Einsamkeit.

Ihr folgten weitere Leute, einige eilig, andere gemächlich, mehr oder weniger gut gekleidet. Alle ignorierten ihn. Ein Mal sah ihn ein Kind an, wurde von der Mutter weitergezerrt und zurechtgewiesen: „Sieh da nicht so hin“. Er sah ihnen aus traurigen Augen hinterher. Früher hatte er auch ein Kind gehabt, ein kleines Mädchen. Sie hatte so hübsch ausgesehen in ihrem roten Kleidchen, mit der breiten Schleife im Haar, als sie an der Hand seiner Frau über die Straße ging. Er hatte erstarrt dagestanden, nur hilflos zusehen können als das Unheil nahte. Schreien hatte er wollen, doch seine Stimme versagte, gelähmt vor Entsetzen. Der Autofahrer hatte beide nicht gesehen. Wie eine Puppe war die Kleine durch die Luft geflogen, während seine Hilde unter die Räder gekommen war. Die beiden hatten keine Chance gehabt, waren gestorben, noch bevor der Wagen halten konnte. Seit jenem Tag hatte er keine Lust am Leben mehr verspürt, alles war ihm gleichgültig geworden, er war immer tiefer in das Niemandsland versunken und hatte alles verloren. Tage und Nächte zogen trostlos an ihm vorbei. Manchmal wenn er es nicht mehr ertragen konnte, stellte er sich vor, dass er außerhalb seines Körpers weilte, sich selbst beobachtend, wie alle an ihm vorbeigingen, er von niemandem wirklich wahrgenommen wurde, zumindest nicht als Teil der Gesellschaft und schon gar nicht als Mensch. Ein unsichtbares Etwas, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, ein Aussätziger. Für einen kleinen Augenblick half die Distanz die er sich so erschuf. Doch letzten Endes tat es trotzdem weh, tief in seinem Inneren blutete der Teil von ihm, dem nicht alles egal war. Meistens weinte er dann um das, was nicht mehr war.

Ein kalter Wind wehte heran, fegte ein paar Blätter über den Bürgersteig. Sie erzeugten ein leises, scharrendes Geräusch, das ihn aus seiner Melancholie riss. Nieselregen setze ein, trieb die letzen Menschen, die ihre Mantelkragen höher zogen und Schirme aufspannten, in den Schutz ihrer Häuser. Eine Katze, grau getigert, rannte über die Straße, sprang auf eine Mauer und verschwand auf der anderen Seite. Smithie folgte ihr mit seinen Blicken, solange er konnte. Dann mühte er sich hoch, nicht ohne zuvor die Münzen in die Tasche seines grauen Mantels gleiten zu lassen und suchte einen kleinen Kiosk in der Nähe auf. Der Inhaber war kurz vorm Schließen und war nicht sonderlich erfreut über den späten Kunden, holte dann aber doch eine Flasche Wein heraus. Er trat von einem Bein aufs andere, während ihm der alte Mann die Münzen in die Hand zählte, das war nicht die Art von Kundschaft mit der man gerne gesehen wurde. Ungeduldig steckte er das Geld ein, schob dem Alten die Pulle in eine zerknüllte Papiertüte, schloss ab und eilte davon ohne ein weiteres Wort für den Obdachlosen übrig zu haben.

Der alte Mann strebte dem Eingang der U-Bahn zu, latschte die Treppe hinab und ging an ein paar vereinzelten Leuten vorbei. Manche standen auch beieinander und redeten miteinander. Er trat näher an eine der Gruppen heran, als wäre er einer der ihren, lächelte, aber keiner schenkte ihm Beachtung oder auch nur ein freundliches Lächeln. Also setzte er seinen Weg fort. Für die Welt war er unsichtbar, nicht wichtig.

Smithie kletterte den Bahnsteig hinab und schlurfte den Gang herunter, die Gleise entlang, tiefer in das Tunnelsystem der U-Bahn hinein. Ab und zu nahm er einen Schluck aus seiner Weinflasche. Als er einen kleinen Seitengang erreichte, bog er ab. Am Ende erwartete ihn ein kleiner Raum mit schief hängender stählerner Tür. Er vermutete, dass er noch aus der Bauzeit stammte und vergessen worden war oder als Lagerraum gedient hatte. Aber ihm konnte es gleichgültig sein, solange es nur ein halbwegs gemütlicher Schlafplatz für ihn war. Mühsam öffnete er die Tür, quetschte sich durch den Spalt und nickte Harry zu, der an der Wand lehnte, seine Hände an den Lüftungsschacht haltend, aus dem ein wenig warmer Dampf von irgendeinem defekten Heißwasserrohr drang. Es war die einzige Wärme hier unten in der Kälte der Nacht. Müde ließ sich Smithie neben seinem Kumpel nieder, seine Sachen waren klamm durch den Nieselregen. Sie schwiegen, hatten sich schon lange nichts mehr zu sagen und legten sich dann dicht an den Schacht gedrängt schlafen.

Ein Gewicht auf der Brust weckte Smithie, er fühlte den harten Untergrund unter sich, die Kühle die er ausströmte und die dünnen Dampfschwaden aus dem Schacht, welche die beiden Bewohner wärmten. Es fiel ihm schwer zu atmen. Ein seltsam verzerrtes Geräusch schien ihm spöttisch ins Ohr zu wispern, fast wie eine Stimme. Er versuchte den Kopf zu drehen, oder wenigstens in die Richtung zu schauen. Erfolglos. Sein Körper gehorchte ihm nicht. Poch, poch meldete sich sein Herz, als sich Panik in ihm breit machte. Verzweifelt versuchte er die Lähmung, die ihn gefangen hielt, abzuschütteln und verspürte ängstlich, wie er wegnickte. Das durfte nicht sein, er wäre der unsichtbaren Macht hilflos ausgeliefert. Smithie schaffte es, sich wieder ins Bewusstsein zu kämpfen, und spürte erneut die Anwesenheit der fremden Kraft, die ihn niederdrückte, bedrohlich und furchterweckend. `Ein Sukkubus´, durchfuhr ihn eine schreckliche Ahnung, so wie es ihm seine Oma erzählt hatte, als er noch als kleiner Junge auf ihrem Schoß gesessen hatte, um ihren Geschichten zu lauschen. `Sie hat Recht gehabt´, dachte er. Erneut versuchte er einen Blick auf seinen Gegner zu erhaschen und sah einen Schatten am Rande seines Gesichtsfeldes, der sofort verschwand, als er ihn fixierte. „Es will mir das Leben aussaugen!“, schrie er auf und endlich gelang es ihm, die Starre abzuschütteln. Smithie`s Schrei weckte auch Harry, der seinem Mitbewohner verwirrt hinterher schaute, als der, zusammenhanglose Sätze schreiend, aus dem Raum stürzte.

Fluchend rannte er ihm nach, kletterte nur kurze Zeit nach ihm den Bahnsteig hinauf, wo sich schon die ersten Frühaufsteher eingefunden hatten und musste mit ansehen, wie Smithie in eine ältere Lady hineinlief. Das Bändchen ihrer Handtasche riss. Der Alte in seiner Panik, merkte nicht einmal, dass er sie hinter sich herschleifte. „Hilfe! Ein Dieb! Haltet ihn!“ Ihr Gezeter lockte einen Wachmann an, der seinen Schlagstock zog und auf den verängstigten Smithie losstürzte. Die plötzliche Aufmerksamkeit erschreckte ihn noch mehr, die Blicke aller Anwesenden ruhten plötzlich auf ihm, er taumelte zurück und wurde von der herannahenden U-Bahn erfasst. Entsetzen machte sich breit, als die Bremsen des Zuges vor Überbeanspruchung kreischten und alle auf den blutigen Körper schauten, der unter dem ersten Waggon sichtbar wurde, als die Bahn zurücksetzte. „Er hatte doch nur einen Alptraum“, flüsterte Harry in die Stille. „Nur einen Alptraum.“ Dann schlurfte er davon.


Anmerkung:
Die beschriebenen Symptome gehören zu einer Schlafstörung, die als Schlaflähmung bekannt ist. Sie wird häufig durch psychischen Druck verursacht. Im REM Schlaf wird der Körper durch die Lähmung geschützt. Der durch Schlaflähmung Betroffene wacht geistig auf, während der Körper noch in der Lähmungsphase gefangen ist. Dies löst Panikanfälle aus, das Atmen fällt schwer, man verspürt Druckgefühle, hört vielleicht Geräusche oder hat Halluzinationen. Oft wiederholt sich der Zustand mehrfach hintereinander in einer Art Endlosschleife. Diese Störung ist für diverse Legenden über Succuben oder Inccuben verantwortlich.

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