Sexlibris
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Oktober 2005
Eugenios unsichtbare Kraft
von Ulrike Lauterberg

Mit kurzem Gruß schlurfte Eugenio Salmadore an seiner rundlichen Nachbarin vorbei. Zwischen Brustkorb und Kinn balancierte er einen Stapel Bücher, die er bei einem Bibliotheksabverkauf preiswert erstanden hat. Vorsichtig tapste er die letzten Stufen bis ins oberste Stockwerk hinauf. Nur mit Mühe gelang es ihm die Tür zu seiner kleinen Wohnung zu öffnen. Vorfreude und Neugierde erfüllte ihn, als er mit der neuen Lektüre das Arbeitszimmer betrat. Eugenio stellte seine Beute ab, setzte sich und wählte einen Band aus. Dann begann er zu lesen. Nur ab und zu hob er den Kopf und blickte nachdenklich aus dem Fenster.

Nach zwei Stunden schlug Eugenio das Buch mit einer solchen Wucht zu, dass ihm die Haare aus der Stirn wehten. Verträumt, mit leuchtenden Augen, sah er über den dicken Wälzer hinweg. Gedankenverloren strich er über den Einband, als er im Geiste das Gelesene Revue passieren ließ und es mit eigenen Gedanken vermischte.
Einfach fantastisch. Einen Gegenstand bewegen, ohne ihn anzufassen, nur mit reiner Gedankenkraft. Unglaublich. Und doch soll es bereits Menschen gelungen sein. Ja klar! Uri Geller! Ach nein, der verbiegt Löffel und bringt alte Uhren zum Ticken. Aber warum soll es nicht auch anderen gelingen Unglaubliches zu vollbringen? Mir zum Beispiel. Und dann – Eugenios Mund verzog sich zu einem Grinsen – berühmt werden. Reich. Ja, und endlich genug Geld haben.
Für einen Augenblick sah er sich als Gast in einem Fernsehstudio, wie er ein Wunder vorführte. Er hörte das Raunen, den tosenden Beifall. Zufrieden blickte er in die ehrfurchtsvollen Gesichter des Publikums.
Eugenios Mimik hellte sich weiter auf. Sein Blick richtete sich wieder auf das Buch. ”Was stand dort geschrieben? Materie ist auch Energie?” Aufgeregt blätterte er erneut in den Seiten und las die gesuchten Zeilen:
”Eine Verbindung zwischen Seele und physikalischer Energie existiert ohne jeden Zweifel. Materie soll ebenfalls Energie sein, auf die bei der Telekinese durch eine psycho-physische Interaktion eingewirkt wird.”
Was genau mag das bedeuten?
Eugenio rätselte kurz, bevor er ungeduldig weiter las:
”Testen Sie Ihre eigene PSI–Begabung und nehmen Sie Einfluss auf materielle Dinge. Versuchen Sie etwas zu bewegen, ohne eine Berührung von Ihnen, dem Tester oder einer anderen Person. Achten Sie aber besonders ...”
Eugenio war es nicht möglich weiterzulesen. Seine inneren Bilder gewannen die Oberhand und er ließ seiner Fantasie freien Lauf. Wieder sah er aus dem Fenster. Meine eigene PSI-Begabung? Hastig blätterte Eugenio zurück in das Kapitel der Anleitung und überflog den Text, um sich die nötigen Schritte einzuprägen. Ich, Eugenio Salmadore, werde jetzt versuchen Einfluss auf materielle Dinge zu nehmen. Ja nichts falsch machen. Aber was nehme ich als Versuchsobjekt? ”Oh, ich weiß.” Er erhob sich und lief händereibend in die Küche. Zielstrebig griff er in den Käfig seiner Kanarienvögel. Ohne auf das erschreckte Flattern seiner gefiederten Mitbewohner zu achten, nahm er eine Feder vom Boden. ”Man muss ja nicht sofort mit schweren Gegenständen beginnen”, sagte er als er ins Arbeitszimmer zurückschlurfte. Er legte die Vogeldaune auf die aufgeschlagenen Buchseiten, genau in die Mitte und setzte sich zurück an den Schreibtisch. Sein Herz begann jetzt vor Aufregung schneller zu schlagen. Eugenio rückte seinen Körper im Stuhl zurecht und bemühte sich ruhiger zu werden. Das war der erste Schritt dieser Anleitung. Entspannen. Er ließ die Schultern fallen und atmete gleichmäßiger und tiefer. Während sein Herzschlag sich verlangsamte, blieb er unbeweglich sitzen. Bereits wenige Minuten später verspürte Eugenio bleierne Schwere in den Gliedern. Der zweite Schritt lautete: den Gegenstand fixieren. Seine Augen waren weit geöffnet, als er die Feder anstarrte. Schwebe hoch ... schwebe hoch ... schwebe hoch ...
Einen Gedanken im Befehlston senden, das war der letzte und wichtigste Schritt. Seinen Blick auf die kleine Feder gerichtet und die Worte wie ein Mantra wiederholend, hoffte er, dass diese sich erheben würde.
Ein Brennen in den Augen irritierte Eugenio. Ihm war nicht bewusst, dass es am fehlenden Lidschlag lag, der die Augäpfel trocken werden ließ.
Gebannt blickte er in das aufgeschlagene Buch und dachte immerzu die gleichen Worte.
Plötzlich tauchte kreisförmig milchiger Nebel vor seinem Sichtfeld auf. Schwebe hoch ... Der schneeweiße Dunst nahm zu, wurde dichter. Sein Blickfeld hatte sich stark verkleinert. Es schien ihm, als würde er sein Zielobjekt durch eine zusammengerollte Zeitung betrachten. Eugenio fühlte Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete.
Dann geschah es.
Wie von Geisterhand geführt, erhob sich die linke Buchhälfte. Schwebend klappte sie nach oben und blieb senkrecht in der Luft stehen. Die Feder rührte sich keinen Millimeter von der Buchmitte weg, sie wurde regelrecht eingeklemmt.
”Jesses Maria.”, entfuhr es Eugenio. Sein Atem stockte. Reflexartig blinzelte er mit den Augen. Der Nebeltunnel löste sich auf und der monotone Gedankenfluss war unterbrochen. Mit lautem Knall fiel die schwere Buchhälfte zurück auf den Tisch.

”Das ist ja ein Ding.” Kopfschüttelnd und überwältigt saß Eugenio vor dem Telekinesebuch und fuhr sich mit beiden Händen durch sein spärliches Haar. ”Ich hab was bewegt, ohne es anzufassen. Das gibt’s doch nicht. Ich habe es geschafft. Das ist ja der Hammer.”
Aber es war nicht wirklich das, was ich wollte. Ich glaubte, mit der Feder würde es leichter sein, doch dann bewegte sich die schwere Buchhälfte. Eine PSI-Begabung ist also ohne Zweifel in mir vorhanden. Ich habe mit meinem Geist Einfluss auf Materie genommen. Was aber lief verkehrt? Warum erhob sich die Buchhälfte und nicht die Feder? Aber ich habe es geschafft.
Eugenios Gedanken kreisten unaufhörlich, ohne eine Antwort zu finden. ”Ach, was soll’s, ich komm schon noch dahinter. Ich habe etwas bewegt und das wird jetzt gefeiert.”, sagte er, als er eine Flasche billigen Schaumwein öffnete und sich euphorisch selber zuprostete, bevor er einen großen Schluck daraus nahm.

Es war kur vor Mitternacht, als er von seinem Bett aus zur Zimmerdecke seines Schlafzimmers hochsah. Unentwegt blickte er auf seinen indianischen Traumfänger. Die warme, aufsteigende Luft im Raum ließ das Federspiel über Eugenios Kopf langsam kreisen. Was habe ich übersehen? Erneut begann diese Frage sein Denken zu beherrschen. Ob ich den Faden zum Zerreißen bringe, so dass der Traumfänger auf mich fällt? Ich muss es unbedingt noch einmal probieren. Warum nicht gleich jetzt und hier?
Eugenio entspannte sich. Wieder wurde sein Atem ruhig. Die bleierne Schwere füllte den Körper aus. Sein Blick wurde starr und haftete gebannt am Faden, der den Traumfänger an der Decke hielt. Der Nebeltunnel bildete sich. Erwartungsvoll begann er seine Gedanken zu formulieren. Immer dieselben Worte: Zerreiße und komm runter ... zerreiße und komm runter ...
Als nichts geschah, befahl er weiter. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Die Hitze in seinem Körper wurde fast unerträglich. Kurz darauf nahm er leises Knistern wahr. Schneller und schneller begann der Traumfänger sich zu drehen. Eugenio konnte es sehen und lächelte, ohne die Gedanken zu unterbrechen. Wieder fühlte er in den Augen das Brennen. Das Knistern wurde lauter. Immer unruhiger, immer schneller flatterten die Federn. Bald drang berstendes Knarren an sein Gehör. Dann ein ohrenbetäubendes Gerumpel und Krachen und noch bevor er die unsichtbare Verbindung unterbrechen konnte, war es geschehen.

***

Die Kirchenglocke schlug eins. Im Treppenhaus war es unruhig durch ein stetiges Auf und Ab von fremden Menschen. Die rundliche Frau im Morgenmantel und ein Feuerwehrmann standen vor der Wohnungstür.
”Ist Ihnen heute etwas aufgefallen”, fragte der Uniformierte, ”irgendetwas Ungewöhnliches?”
”Nee, ich sah ihn nur kurz heute Morgen, wieder mal mit irgendwelchen Büchern. Wissen Sie, der ist ein ganz seltsamer Kauz.” Sie blickte vielsagend und sprach leise weiter: ”Wir nennen ihn heimlich den Professor. Na ja und vorhin wurde ich durch diesen Höllenlärm wach. Ich machte Licht und sah, wie sie schaukelte und da er direkt über mir wohnt ...”
”Was meinen Sie mit schaukeln?”
”Na, meine Schlafzimmerlampe. Zuerst dachte ich, wir hätten ein Erdbeben. Ich hab mich so erschreckt. Dann wusste ich sofort, da ist was passiert und lief hoch zum Professor. Ich klingelte, doch der machte nicht auf. So rief ich die Polizei. Man soll ja als Nachbarn seine Augen und Ohren aufhalten.”
”Gut. Vielen Dank. Sie haben vollkommen richtig gehandelt.”
”Was ist denn nun mit dem Professor?”, fragte sie und lugte neugierig in die aufgebrochene Wohnungstür.
”Herrn Salmadore haben wir leider nur noch tot bergen können. Ein Teil seiner Zimmerdecke ist aus bisher unerklärlichen Gründen auf ihn nieder gestürzt.”

Zwei der Freuerwehrmänner betraten das Arbeitszimmer.
”Seltsam”, sagte der eine, ”dieser Raum ist auch unbeschädigt.”
”Ja, ist schon merkwürdig, dass nur das Schlafzimmer unter Geröll liegt”, antwortete der andere. ”Was aber kann die Ursache gewesen sein? Gas kommt nicht in Frage.” Sein Blick wanderte suchend durch den Raum und blieb am Schreibtisch haften. Interessiert ging er darauf zu und nahm das aufgeschlagene Buch in die Hand. Fast pfeifend pustete er eine kleine Feder fort und blätterte zurück zum Anfang des letzten Kapitels.
”Du, der scheint sich mit seltsamen Dingen beschäftigt zu haben”, sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen, ”hör dir mal an was hier steht:
Testen Sie Ihre eigene PSI-Begabung und nehmen Sie Einfluss auf materielle Dinge. Versuchen Sie etwas zu bewegen ohne eine Berührung von Ihnen, dem Tester oder einer anderen Person. Achten Sie aber besonders darauf exakt zu formulieren, auf welche materiellen Dinge Sie Einfluss nehmen wollen. Benennen Sie unbedingt den Gegenstand mit seinem Namen, auf den Sie Ihren Blick richten. Ansonsten könnte sich die unsichtbare Kraft auf die umliegende Materie auswirken.

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