'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Oktober 2005
Nicht weiter aufgefallen
von Marlene Geselle

Im kleinen Konferenzzimmer war es ungemütlich. Ein überdimensioniertes Fenster sorgte für einen unerwünschten Panoramablick auf die Krankenhaus-Großbaustelle, Designermöbel in silbergrau und Buche trugen wenig dazu bei, Plauderstimmung aufkommen zu lassen. Nur der Kaffee und die Supermarktkekse auf dem Arbeitstisch vermittelten einen Hauch von Behaglichkeit.
Kommissar Mühlbauer störte das nicht. Geduldig hörte er dem Praktikanten aus der Lokalredaktion zu, der ihn mit kurzen, zusammenhanglosen Fragen löcherte.
„Wohl dein erstes richtiges Interview, Kleiner“, murmelte er unhörbar für sein Gegenüber. Musste dabei an seinen eigenen, stets übereifrigen Assistenten denken – und wie er vermutlich selber vor dreißig Jahren war. Nur, dass er durch Grips und Fleiß an seinen Posten gekommen war, nicht durch adelige Abstammung und altes Geld.
„Sie möchten also wissen, warum wir gerade auf Frau Friedrichs gekommen sind?“
Sein Gegenüber nickte, blickte dabei verstohlen auf die Digitalanzeige des Aufnahmegeräts, spielte mit Block und Bleistift, die auch noch zum Einsatz kommen sollten.
„Nun, das ist schnell erzählt.“ Mühlbauer nahm einen Schluck aus der Tasse. Der Chef der Lokalredaktion war sein ältester Freund; es gehörte zum Ritual, alle jungen Leute zu ihm zu schicken, um erste Erfahrungen zu sammeln. Der Kommissar warf einen Blick auf den strubbeligen Haarschopf des jungen Mannes: schmal, blass, klein, keine zwanzig Jahre alt, dafür Designerklamotten. Mühlbauer fuhr fort.
„Als die hundertsiebzigtausend Euro buchstäblich über Nacht aus dem Safe der Sparkasse verschwanden, haben wir uns natürlich zuerst einmal um die üblichen Verdächtigen gekümmert: die einschlägig Vorbestraften, die Leute von der Sparkasse, ein Geschäftsmann mit Vorliebe für größere Barabhebungen. Aber die schieden der Reihe nach aus; alle hatten bombensichere Alibis, die Hausdurchsuchungen verliefen ergebnislos.“
„Aber als Tippgeber?“
Mühlbauer schüttelte den Kopf. „Dazu hätten die Leute entsprechende Kontakte gebraucht. Hatte aber niemand von denen. Einer braver als der andere. Völlige Fehlanzeige.“
„Wie können Sie da so sicher sein?“
Mühlbauer schenkte sich und seinem Gegenüber nach, vergaß auch Milch und Zucker nicht. Rührte mechanisch in seiner Tasse, formulierte dabei im Geiste die Antwort vor.
„Das Übliche halt“, fasste er sich kurz. Das Interview würde ohnehin nicht mehr als eine schmale Randnotiz werden. „Telefone abhören, die Bankangestellten wurden beschattet, wie ich schon andeutete, zwei V-Leute wurden befragt. Um die Computer hat man sich auch gekümmert.“
„Und wie ist man denn jetzt auf diese Frau Friedrichs gekommen?“
Der junge Mann rutschte auf seinem Stuhl hin und her, kritzelte weitere unleserliche Krakeln auf die schon halb volle Seite. Mühlbauer grinste ein kleines bisschen. Wenn alle seine ‚Klienten’ so schlechte Nerven hätten, ja dann könnte er immer schon um zwölf Uhr nach Hause gehen.
„Also, wie Sie wissen, schieden alle Leute aus, die in so einem Fall irgendwie auffallen. Verstehen Sie?“
Hastiges Nicken, Kaffee verschütten, zupfen am Anti-Raucher-Ohrstecker waren die Reaktion. Mühlbauer blendete all dies aus, referierte weiter.
„Wir mussten also nach einer Person suchen, die nicht zum üblichen, gewissermaßen inneren, Kreis der Verdächtigen gehörte aber trotzdem über das notwendige Wissen und die Möglichkeiten verfügte, praktisch jederzeit an den Safe zu kommen.“
Der junge Mann trank einen Schluck Kaffee, gönnte sich einen Keks, warf einen prüfenden Blick auf seine Notizen, kratzte an der Nasenspitze. Mühlbauer rührte bedächtig in der Kaffeetasse, ließ sein Gegenüber ein bisschen schmoren. Gehörte auch dazu. Was war der kleine Kerl auch neugierig wie eine Hausfrau im Reihenhausgetto und unbedarft wie ein Kindergartenkind!
„Frau Friedrichs ist bekanntlich die Frau des Hausmeisters. Mit der Bank hatte sie direkt nichts zu tun. Kannte trotzdem alles und jeden. Keine eigentliche Verdächtige, mehr jemand aus der so genannten zweiten Reihe.“
Der Kommissar schüttelte mit dem Kopf, lachte leise, kümmerte sich nicht um sein Gegenüber, das Geschmack an den Keksen gefunden hatte und munter futterte. Ausgerechnet Frau Friedrichs! Kleidung vom Discounter, Billigfriseur, keine Vorstrafen, keine Schulden, nicht einmal ein Eintrag in Flensburg. Jemand, der neben einem stehen kann, den man aber trotzdem nicht wahrnimmt. Eine graue Maus wie aus dem Buch. Eine, um die man sich nur kümmert, wenn sie per Zufall in irgendeinem Raster hängen bleibt. So wie hier, als Ehefrau des Hausmeisters.
„Die Frau brauchte nach Feierabend nur unter einem Vorwand aus dem Haus zu gehen. Mit dem Generalschlüssel ihres Mannes kam sie in jedes Zimmer. Der Kassierer hatte die Gewohnheit, den Safeschlüssel in der Kleinkrambox zu verstecken, die obendrein noch offen auf dem Schreibtisch rumsteht.“
„Entschuldigung, was sagten Sie gerade, Herr Mühlbauer?“ Der Praktikant verschluckte sich am Kaffee, setzte die Tasse hart auf.
Der Angesprochene lachte leise: „Hab das Ganze auch erst geglaubt, als ich es erlebte. Angewandte Psychologie! Was vor der eigenen Nase rumtanzt, das sieht man nicht. Aber in dem Fall traf Cleverle auf Cleverle. Mich wundert im Nachhinein nur, dass die Frau nicht schon viel früher den Safe ausgeräumt hat.“
Der junge Mann bekam große Augen. Vergaß dabei völlig, auf die mittlerweile volle Kassette des Rekorders zu achten. Erst das laute Knacken des Geräts schreckte die Männer auf. Mühlbauer wartete geduldig, bis das Reserveband aus der Jackentasche gefischt und der Bandwechsel erledigt war. Nutzte die Gelegenheit, sich selber noch einen Keks zu sichern.
„Das Motiv war ganz klassisch. Ihr Mann trank, hatte seit kurzem auch andere Frauen. Zu viel des Unguten, da verstehe ich die Ärmste. Darum wollte sie einfach abhauen und anderswo ein neues Leben beginnen.“
„Und wo wurde das Geld gefunden?“
„Das war der einzige Fehler der Frau“, musste Mühlbauer einräumen. „Fingerabdrücke oder sonstige Spuren hat sie keine hinterlassen. Als Frau des Hausmeisters hätte sie ohnehin jedwede Ausrede gehabt. Als wir die Wohnungen der Verdächtigen durchsuchten, fanden wir am Schlüsselbrett der Hausmeisterwohnung auch den Bund der Ehefrau. Und an diesem Schlüsselbund entdeckte ich den Schließfachschlüssel einer anderen Bank, der Volksbank, um genau zu sein. Offen und für jedermann zu sehen – damit praktisch unsichtbar. Entweder ist die Frau selber eine gute Psychologin oder sie hat sich den Trick beim Kassierer abgeguckt.“ Mühlbauer schob die Keksschale rüber. Mit dem Grinsen eines kleinen Jungen, der das letzte Stück erwischt, griff er zu. Für Mühlbauer blieb der Rest aus der Kaffeekanne.
„Das kam mir verdächtig vor“, meinte er. „In der schwäbischen Pampa tut man so etwas einfach nicht. Dem Staatsanwalt, dem ich später davon berichtete, war das auch nicht geheuer. Der besorgte mir daraufhin den Durchsuchungsbeschluss für das Bankschließfach. Bingo! Ohne das gefundene Geld hätten wir ihr nichts nachweisen können. Gelegenheit hatten viele – aber bei ihr fanden wir die Beute.“
„Cool! Und solche Fälle haben sie tagtäglich?“
Mühlbauer schüttelte den Kopf, lächelte leise. Hatte mit sich selber gewettet und gewonnen. „Nein, Herr von Steinfeldhausen, einen solchen Fall habe ich höchstens einmal im Jahr.“

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