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Oktober 2005
Die Heilerin
von Heidi Hoppe

Es war in einer Vollmondnacht. Lilian schritt durch den Bauerngarten im Schatten der Wildhecke. Die taufeuchte Wiese funkelte im fahlen Licht.

Ihre Vision war Wirklichkeit geworden. Dort ruhten sie: Siebzehn Findlinge, angeordnet in einem Oval; einer von ihnen in der Mitte. Sie blieb stehen und besah sich die Monumente in einiger Entfernung. Das Licht des Mondes ließ die Quarzeinschlüsse glitzern. Bevor Lilian den Steinkreis betrat, richtete sie den Blick zum Himmel, hob ihre Arme und bat: „Himmlische Heerscharen, gewährt mir Einlass. Ich bin gekommen, den Ort zu weihen.“ Lilian kniete nieder, legte ihre Hände auf den Stein neben sich und spürte die Worte:

Ich bin das Tor.
Ich bin der Eingang in die Ebenen und Dimensionen des Seins.
Wächter behüten meinen Eingang.
Sei aufmerksam.
Ich fordere Respekt und Achtung.
Spiel nicht an meinen Toren, aber wisse, dass ich hier bin,
wenn du mich brauchst.
Ich mahne dich zur Verantwortlichkeit.



Ehrfurchtsvoll trat sie ein, ging von Stein zu Stein, befühlte ihre Oberfläche und erfragte ihr Sein. So antworteten sie:


Ich bin die Heimat, das Zuhause, das jede von euch auf diesem Planeten hat.
Ich bin das Lächeln und die Freundlichkeit.
Ich bin die Vielschichtigkeit.
Ich bin das Leben, das sich immer wieder selbst gebiert.
Ich bin der Süden, wo der Sommer wohnt.
Ich bin die Gastlichkeit.
Ich bin der Fluss des Lebens, der dich trägt.
Ich bin das Tor.
Ich bin das Fühlen und die Emotionen.
Ich bin die Verbindung zum Reich der Tiere.
Ich bin die Ruhe und die Rast
Ich bin die raue Schale und der weiche Kern.
Ich bin der Wille, die Kraft und die Richtung.
Ich bin die Liebe, die dein Leben durchzieht und die Dinge zusammenfügt.
Ich bin der Mut
Ich bin die Weisheit und das Alter.
Ich bin die Mitte.


Erst im Morgengrauen kehrte sie ins Haus zurück. Erschöpft und beseelt zugleich. Lange Wochen der Ungewissheit lagen hinter ihr. Sie spürte das Gefühl der inneren Ruhe und sie wusste: Ihr Leben würde eine Wendung nehmen.

***

Vor einem Jahr hatte sie ihre Zelte in der Stadt endgültig abgebrochen und war zu Thies auf den Bauernhof gezogen. Der Liebe wegen. Sie fand schnell einen Halbtagsjob als Krankengymnastin. Seit einiger Zeit bemerkte Lilian, dass sie eine außergewöhnliche Gabe hatte. Sie spürte eine ungewöhnliche Kraft, die durch ihre Hände auf die Patienten überging. Als ihr dann einige berichteten, dass ihre Beschwerden, wie Migräneanfälle, ganz plötzlich verschwunden waren, betrachtete Lilian das als Aufforderung, sich intensiv mit alternativen Heilmethoden zu beschäftigen. Für eine Ausbildung zur Heilerin nahm sie den weiten Weg nach Dänemark in Kauf. Hier erlernte sie unter anderem das zielgerechte Handauflegen um Krankheiten heilen zu können.

Lilian zerrte die Wäsche aus der Maschine und grummelte vor sich hin:
„Verdammt, demnächst kann er seine Dreckplünnen selbst waschen!“ Dabei blickte sie aus dem Fenster des alten Fachwerkhauses. Der Anblick des üppigen, farbenfrohen Gartens linderte ihren Frust ein wenig, und sie lächelte.
Als sie den Wäschekorb herunterheben wollte, schaute sie noch einmal hinaus. Vor ihrem inneren Auge sah sie sechzehn Findlinge in einem Oval, angeordnet um einen Mittelstein. Lilian wusste um die tiefe Verbundenheit ihrer Seele zu Steinen unterschiedlicher Art. Deshalb fragte sie sich, ob es sich bei dieser Vision um die ganz spezielle, persönliche Aufgabe handeln sollte, nach der wohl jeder auf die eine oder andere Weise in seinem Leben sucht.

Wenige Tage später, während Thies seiner Freundin Kaffee einschenkte,
fragte er:
„Sag mal, ist irgendetwas Besonderes passiert?“
„Wieso?“ Lilian tat überrascht.
„Du bist so nachdenklich in letzter Zeit.“
„Eigentlich ist die ganze Sache noch nicht spruchreif, denn ich weiß nicht, was passieren wird.“
„Nun spann mich nicht auf die Folter.“
„Erstmal eine Frage: Die Wiese vorm Haus, würdest du mir die zur Verfügung stellen?“
„Warum? Willst du einen Gemüsegarten anlegen?“
„Nein!“ lachte Lilian. „Damit habe ich etwas Besonderes vor.“ Sie neigte ihren Kopf zur Seite und sah ihren Freund geheimnisvoll an.
„Erzähl schon.“
„Nun gut. Vor einigen Tagen hatte ich eine Vision. Dort vorm Haus standen siebzehn Findlinge und bildeten einen Kreis.
„Findlinge.“ Thies stellte den Kaffeebecher mit einem Rumms auf den Tisch.
„Ja, Findlinge. Ich sah diese Eiszeitriesen vor mir.“
„Weißt du eigentlich, was die Dinger wiegen? Ich habe sie oft genug mit dem Trecker vom Acker geschleppt. Du weißt ja, wo der Haufen liegt.“
„Ja, das weiß ich, aber das sind nicht die richtigen.“
„Woher willst du das wissen? Und woher willst du wissen, dass diese Vision Realität werden wird?“
„Das habe ich mich auch gefragt und deshalb bat ich in einer Meditation um Klärung. Ich sah mich plötzlich von siebzehn strahlenden Engeln umgeben. Sie forderten mich auf, die Steine zu suchen und mit ihrer Hilfe einen Kraftplatz zu schaffen. Weißt du noch, als ich das erste Mal bei dir war? Deine Eltern lebten noch hier und deine Mutter zeigte mir voller Stolz die Wildhecke, die sie gepflanzt hatte.“
„Klar weiß ich das noch.“
„Schon damals dachte ich, dass auf der Wiese irgendetwas fehlt, dass sie noch eine besondere Bedeutung bekommen würde. Was ist nun, krieg ich sie oder nicht?“
„Versprochen. Aber... wo willst du die Steine herbekommen? Ich weiß ja nicht, welche Größe diese Urgestalten haben sollen. Siebzehn Stück! Das sind einige Tonnen an Gewicht.“
„Gewicht hin, Gewicht her. Der Steinkreis wird in der Realität entstehen.“ Entschlossen stand Lilian auf und beugte sich über den Tisch. Sie wuschelte ihrem Freund durch seine Rastamähne und küsste ihn auf die
Stirn.
„Wo ich sie finden werde, weiß ich noch nicht, aber das wird sich ergeben.“

Monate vergingen. Es passierte nichts Außergewöhnliches. Thies hatte das Projekt seiner Freundin nur noch im Hinterkopf. Lilian hingegen beschäftigte ihre Vision. Sie sprach nicht darüber, doch in ihrem Inneren fragte sie sich immer wieder, wo sie die Steine wohl finden würde.

Dann machte sie einen Spaziergang. Der Feldweg lag geschützt zwischen den Knicks, wie es in Schleswig Holstein üblich ist. Lina, die dicke Promenadenmischung, lief voraus. Als die Hündin plötzlich stehen blieb, und ins Gebüsch kläffte, begann Lilians Herz zu rasen. Ausgehend von ihrem Sonnengeflecht breitete sich eine Kraft in ihrem Körper aus, auf die sie so lange gewartet hatte.
Sie wusste: `Hier liegen meine Steine`. Lilian lief zur Hündin. Und richtig: zwischen Brennnesseln und Efeu verborgen lagen ihre Findlinge. Sie waren versteckt, zum Teil im Erdreich versunken und bildeten einen Wall entlang des Weges. Lilian verschwand im Gestrüpp. Sie tastete über die bemoosten, von Flechten bewachsenen Granitbrocken. Modriger Geruch stieg ihr in die Nase. Hier und da huschten Mäuse über den Erdboden.
Erschöpft setzte sie sich auf einen der Kraftsteine. Sie legte ihre Hände rechts und links neben sich. Worte kamen aus ihrem Inneren. Lilan lauschte:

Ich bin die Mitte
Ich bin die Zentrierung
Ich bin die Bündelung
In bin das Netz
Ich bin die Verbindung zu den Planeten und den Sternen
Ich bin die Verbindung zur Sonne und zum Mond
Ich bin die Mitte des Kreises
Ich bin der Hüter der Steine
Der Kreis ist das Symbol für die Unendlichkeit, in der ihr
Gehalten seid, aus der ihr nicht herausfallen könnt.
Ich bin die Mitte.


Sie atmete tief durch. Dieses war also der Mittelstein, auf dem sie sich ausruhte.
Lilian versuchte, ihre Gedanken zu beruhigen, die wie Blitzeinschläge immer wieder durch ihren Kopf zuckten.
`Wem gehören die Steine? Muss ich sie bezahlen? Wie kriege ich die Dinger hier weg ?`
Nach einer Weile holte sie das Geknatter eines Treckers in die Wirklichkeit zurück.
Der Trecker hielt, ein Mann stieg herunter. Es war Peter, ein Bauer aus dem Dorf und Freund des jungen Paares. Er wusste um Lilians Vision und kam gleich zur Sache:
„Na, nun gibt`s Arbeit!“ Er bückte sich, um Lilian ansehen zu können. „Nächstes Wochenende hab ich Zeit. Ich hab einen alten Bagger hinten auf dem Hof stehen. Der wird die Dinger wohl wuppen.“
„Aber ...“
„Willst du die Steine nun, oder nicht?“
Lilian verschlug es die Sprache. Sie hatte das Gefühl, als lösten sich alle Probleme von allein.
„Ich will die Steine.“

Es dauerte wenige Tage, bis der Steinkreis auf dem vorgesehenen Platz stand.

***

Der hohe Quarzanteil in den verschiedenfarbigen Granit-Findlingen hat Unmengen Mengen von Informationen gespeichert, die bis zur Entstehung der Erde zurückreichen

Lilian hat ihren Beruf aufgegeben. Sie ist jetzt Heilerin. Ihre Fähigkeiten haben sich herumgesprochen und sie hält bei Wind und Wetter Gruppen- und Einzelsitzungen an diesem Kraftort ab. Seine Energie unterstützt sie dabei, ihre Patienten auf dem Weg zur Heilung zu begleiten.

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