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Oktober 2005
Erleuchtung in der Unsicht-Bar
von Susy Clemens

„Er behandelt mich wie ein Hausmädchen“, murrte sie. „Oder er ignoriert mich. Haben wir was zu essen da? ist der einzige ganze Satz, den ich von ihm höre. Ich könnte unsichtbar sein, und er würde es nicht mal merken. Demütigend ist das!“
Annas Mann, übergewichtig, mit kinnlangen Haaren und einer nach außen ruppigen Art an den Partner einer beliebten Tatortkommissarin erinnernd, lächelte gequält. „Übertreibst du nicht ein bisschen? Was erwartest du denn – in dem Alter? Er wird dir bestimmt nicht mehr lange auf die Nerven gehen, in zwei oder drei Jahren sind wir ihn sowieso los!“
Er geht mir nicht auf die Nerven, dachte sie. Manchmal mochte sie ihn nicht besonders, fand ihn sogar abstoßend in diesen lächerlichen Hosen, deren Schritt zwischen den Knien schlabberte, mit den fettigen Haaren, die er im Nacken zusammenzurrte und dem blassen ausdruckslosen Gesicht.
Da er seit elf Jahren bei ihnen lebte, war er wie ein Sohn für sie, und genauso liebte Anna ihn. Nach Anerkennung und ein wenig Respekt sehnte sie sich, wenn er sie schon nicht mehr so brauchte wie früher. Stundenlanges Vorlesen, gemeinsam malen, Ausflüge zum Abenteuerspielplatz und ins Schwimmbad – die Zeiten waren vorbei, das war ihr klar. Aber konnte Luca nicht mal mit ihr zu Mittag essen, anstatt sich mit einem Backofenbaguette in sein Zimmer zurückzuziehen? Oder ihr beim Wochenendeinkauf helfen, wenn sein Vater eine Umzugstour hatte?
Na ja, vielleicht lieber nicht... Anna dachte zurück an den letzten Urlaub, als der damals Fünfzehnjährige ihnen die Ehre gegeben hatte, sie nach Südwestfrankreich auf einen Campingplatz zu begleiten. Bevor er sich einer Clique Gleichaltriger angeschlossen hatte, war er einmal mit in den riesigen Supermarkt gekommen. Während sie Salat und Früchte aussuchte, schlenderte er bei den CDs herum. Sie hatte ihn aus den Augen verloren. Irgendwann fand sie ihn, wie er suchend umherschaute, sein Blick streifte sie flüchtig. Sie wollte gerade lachen und „hi, da bist du ja wieder!“ rufen, da wandte er sich um, lief weiter. Er hatte sie angesehen und nicht erkannt, obwohl er gute Augen hatte.
Anna war einfach unsichtbar für ihn – meistens jedenfalls. Erst als sie ihm hinterher rannte, ihn antippte und „he, suchst du vielleicht zufällig mich?“ fragte, nahm er sie wahr. Ließ achselzuckend ein paar Ansichtskarten (die er nie schrieb) und eine teure Taucherbrille (die er nie benutzte, weil die Clique lieber Beach-Volleyball spielte) in den Einkaufswagen plumpsen.
Anna stellte erschrocken fest, dass der Stiefsohn ihr zunehmend fremder wurde, als der Urlaub beendet war. Sie lebten unter einem Dach wie Hotelgäste.
Luca rempelte sie gelegentlich im Flur an, wenn sie ihm im Weg war, ohne sich zu entschuldigen. „Ich weiß, dass er’s nicht absichtlich macht“, beteuerte sie Max gegenüber. „Aber er könnte wenigstens was sagen! Ich bin doch kein Möbelstück!“
„Mach mal was mit ihm – was besonderes“, schlug Max ihr vor. „Ich hab’ eine Idee: du gehst nächsten Samstag mit ihm in die Unsicht-Bar, da war er noch nicht. Dann kann er mal am eigenen Leib erleben, wie es ist, unsichtbar zu sein!“
„Wieso sollte er mit mir da hingehen?“, fragte sie. „Und wenn er’s tut, wieso sollte ihn das beeindrucken?“
„Die Unsicht-Bar ist gerade in, gestern beim Elternabend wurde darüber geschwatzt. Viele seiner Klassenkameraden waren schon da. Deshalb ist es ein absolutes must, da gewesen zu sein. Und Luca hat als Kind große Angst vor der Dunkelheit gehabt, erinnerst du dich? Bis er zehn war, mussten wir ein Licht bei ihm brennen lassen, noch mit zwölf hat er bei Stromausfall Schreikrämpfe gekriegt. In der Unsicht-Bar ist es nicht nur dunkel, da ist es richtig stockfinster. Du siehst buchstäblich die Hand vor Augen nicht, hab’ ich gehört. Mal sehen, wie er das findet – falls er bereit ist, mitzukommen.“
„Wohin soll ich mit wollen?“ Luca kam ins Wohnzimmer geschlurft. Als seine Eltern versuchten, ihm die Unsicht-Bar schmackhaft zu machen, verdrehte er die Augen. „Was soll ich denn da? Seit wann seid ihr dafür, dass ich was mache, weil’s gerade in ist?“ nörgelte er. Schließlich willigte er ein, jedoch „nicht ohne Kris“. Sein bester Freund war selbst mit fünf Jahren ein „Unsichtbarer“ gewesen – so hießen die Straßenkinder in Rio, wo Ute ihn damals weggeholt hatte. Als gute Freundin von Anna war sie für Luca wie eine Ersatzmama, vielleicht würden beide mitgehen.

Die Unsicht-Bar war im Kellergewölbe der Alten Uni untergebracht. Sie wurde von ein paar blinden Studenten betrieben, die feste Regeln aufgestellt hatten, wie der Besuch zu verlaufen hatte. Am Ende einer langen gewundenen Steintreppe befand sich ein dunkler Vorhang, über dem ein rotes Licht leuchtete, wenn die Bar vollbesetzt war. Erst wenn die fünfzehn Gäste, die in den Raum passten, ihn verlassen hatten und das Lämpchen grün wurde, bedeutete das Einlass für die nächste Gruppe. Der Barkeeper führte die Leute einzeln oder zu zweit an ihre Plätze. Alkoholika wurden nicht ausgeschenkt. Der Raum konnte erst wieder verlassen werden, wenn alle bezahlt hatten und der Wirt die Tür öffnete.
Luca hatte kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache.
Leider hatte Kris keine Zeit gehabt. Ein Capoeira-Workshop reizte ihn mehr als „mal wieder unsichtbar zu sein“: er besann sich gerade auf seine Wurzeln, wie er sagte. Für Luca war die Vorstellung, brasilianischen Kampftanz zu erlernen, eher furchteinflößend, und so hatte er widerwillig zugestimmt, Anna allein zu begleiten. Wenigstens würde er seinen Senf dazutun können, wenn es das nächste Mal um die „megageile“ Unsicht-Bar ging.
Jetzt zappelte er herum und war versucht, Nägel zu kauen, was er eigentlich schon lange aufgegeben hatte, während er mit Anna darauf wartete, in die absolute Finsternis einzutauchen.
Die andern Leute alberten herum, Pärchen flirteten oder umklammerten einander gespielt ängstlich. Luca vermied es, Anna anzuschauen, die ihn verstohlen zu beobachten schien.
Endlich: grünes Licht, die Tür öffnete sich und nachdem die Gäste erleichtert plappernd und kichernd ins Freie gestolpert waren, zog der Wirt die nächste Gruppe hinter den Vorhang, ohne selbst in Erscheinung zu treten.
Als Luca den Barhocker erklommen hatte, tanzten Sternchen und Lichtblitze vor seiner Netzhaut. Verzweifelt bemüht, irgendetwas zu erkennen, überhörte er die Anweisung, der Reihe nach seine Bestellung aufzugeben. Wie sollte er wissen, wann er an der Reihe war? Saß Anna rechts oder links von ihm? Sie sagte nichts und war, wie alle andern, völlig unsichtbar.
„Apfelschorle“, krächzte Luca in die Schwärze vor sich, doch der Wirt polterte unwirsch: “Halt, du bist noch gar nicht dran!“ Luca merkte, wie er rot wurde. Unsichtbar, was für ein Glück, dachte er. Als er vernahm, wie Anna neben ihm fröhlich einen Milchkaffee orderte, wiederholte er seine Bestellung. Seine Stimme klang ihm fremd. Hatte er geschrieen, gequiekt oder gebrüllt? „Du brauchst nicht so laut zu reden – ich bin zwar zu neunzig % sehbehindert, aber nicht taub!“, entgegnete der Wirt. Diesmal spürte Luca zu seinem Entsetzen, dass ihm wie einem Kleinkind vor Scham die Tränen in die Augen stiegen. Er hatte Mühe mit dem Atmen und überlegte, inwiefern er überhaupt existierte, wenn ihn keiner sah... Etwas, worüber er niemals nachdachte, wenn er allein zu Hause war.
„Ey, lass mich doch mal los!“
„Wollt’ nur mal sehen...“
„Hier gibt’s nix zu sehen!“
„Ich hab’ Angst, dass...“
„Wann dürfen wir wieder raus?“
„Is’ voll krass hier!“ hörte er die andern Gäste einander zurufen. Seltsam gedämpft klangen ihre Stimmen.
„Bitteschön!“ Eine Tasse wurde offenbar vor Anna abgestellt, die sich bedankte, dann jaulte Luca erschrocken auf. Der Wirt hatte seinen Arm gepackt, griff nach seiner Hand und drückte ein kühles Glas hinein. „Hier, junger Mann – nur keine Panik!“ Er konnte das Grinsen in der Stimme hören.
Wieso sprach Anna nicht mit ihm? Er hatte Angst, seine Stimme würde ihm nicht gehorchen, wenn er sie anredete.
Und was sollte er ihr auch sagen?
Hier war wohl kaum der richtige Ort, um darüber zu reden, dass er die Schule hasste und befürchtete, sitzen zu bleiben. Dass er überlegte, ob er nicht besser abgehen und eine Lehrstelle suchen sollte – aber das würde Dad nie erlauben, und finden würde er sowieso keine.
Dass er sich von seinen Klassenkameraden abkapselte und nur mit Kris abhing, der eine andere Schule besuchte. Dass er im Chat ein Mädchen aus Israel kennen gelernt hatte, das er unheimlich gern besuchen würde, wenn er das nötige Kleingeld hätte. Dass er Anna gern hatte, aber keine Ahnung, was bei ihr so abging – was sie dachte, fühlte, wünschte. Dass er sich an seine richtige Mum immer weniger erinnern konnte – sie war krank geworden, als er erst drei war und zwei Jahre später gestorben.
Luca stürzte die Apfelschorle hinunter und tastete vorsichtig nach links, von wo es nach Kaffee und schwach nach Annas Parfum duftete. Er legte seine Hand auf das weiche Wildleder von Annas Lieblingsjacke.
„Mama?“, sagte er leise. „Ich kann dich zwar nicht sehen, aber riechen... genau wie zu Haus. Ich weiß immer, ob du da bist oder nicht. Wenn wir hier raus sind, lad’ ich dich zu ’ner Pizza ein, okay?“
Anna lachte, legte ihre warme Hand über seine, und Luca sah ihre rauchgrauen Augen, von unzähligen Lachfältchen umgeben, vor seinem inneren Auge. „Lass uns lieber zum Döner-Ahmed gehen, ja? Viel Zwiebeln, schön scharf, mit Knoblauchsauce – und ich lad’ dich ein!“, meinte sie.
Luca atmete auf – Pizza war schon lange nicht mehr sein Lieblingsgericht. Trotz der undurchdringlichen Finsternis fühlte er sich plötzlich nicht mehr unsichtbar und gab mit seiner männlichsten Stimme bekannt: „Ich zahle den Kaffee für die Dame mit!“, als der Barmann fragte: „Wer hat noch nicht bezahlt?“
„Bring mich bloß nicht durcheinander, Mann!“, knurrte der zurück. „Welche Dame – welcher Kaffee? Und wer bist du überhaupt?“ Die andern Gäste lachten. Luca lächelte in die Schwärze und schüttelte den Kopf. Alles nur Schau, dachte er.

„Nun, wie ist es gelaufen in der Unsicht-Bar?“, fragte Max seine Frau am Abend mäßig interessiert, während er sich durch die TV-Kanäle zappte.
„Ganz gut!“ erwiderte Anna. „Dein Sohn nennt mich Mama, wie früher, und hat sogar bei einem Spaziergang danach bemerkt, dass ich mir kürzlich Strähnchen machen ließ. Immerhin sprechen wir beiden wieder miteinander... he, hörst du mir überhaupt zu?
Hier bin ich! Also, ich glaube, wir zwei sollten auch mal in die Unsicht-Bar gehen...“

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