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Oktober 2005
Wunsch-Ich
von Matthias Ziebarth

Marvin Ehrweh wollte es wissen. Lag hinter diesem Tor die Lösung seines Problems? Er drückte den Riegel hinunter. Das schwere Tor sprang auf. Ehrweh stolperte in eine geräumige Empfangshalle. Schwarze Couchgarnituren auf cremefarbenem Teppichboden und dezente Deckenbeleuchtung verbreiteten eine lockere und entspannte Stimmung.

Nach seinem missglückten Romandebut vor zwei Jahren war Ehrweh von dem Ehrgeiz besessen, etwas noch nie da Gewesenes zu schreiben: den detailgenauesten Historienroman über die Französische Revolution, den es je gab. Das Buch sollte noch den skeptischsten Leser glauben machen, der Autor habe als Zeitreisender das Geschehen selbst durchlebt und protokolliert. Nur: Ohne Zeitmaschine war sein Projekt nicht durchführbar. Ehrweh hatte schlaflose Nächte verbracht, bis er eines Nachts in einen tiefen Traum gefallen und an jenem geheimnisvollen Ort erwacht war, den er jetzt betrat.

Eine modisch gekleidete Frau um die 50 trat von der Rezeption auf Ehrweh zu.
„Herzlich willkommen im Hotel der ungelebten Wünsche! Mein Name ist Debus. Ich bin Ihre persönliche Hostess. Ihr Anliegen ist mir bereits bekannt. Sie sind Schriftsteller und träumten von einer ungewöhnlichen Recherche in der französischen Vergangenheit. Bevor ich Sie zum Zeitreisetunnel geleite, werde ich Ihnen das Hotel erklären und zeigen. Folgen Sie mir bitte, Herr Ehrweh!“
Sie geleitete ihn zum Aufzug. Ehrwehs Nervosität wuchs.
„Wo bin ich hier? Ich muss mit meiner Frau sprechen ...“
Frau Debus verzog die grellrot geschminkten Lippen zu einem Lächeln.
„Keine Sorge! Hier leben Sie eine Woche lang ungestört Ihre Wünsche aus. Danach kehren Sie in den Alltag zurück. Aber vorläufig sind Sie quasi zweigeteilt in Ihr Gewohnheits-Ich und Ihr Wunsch-Ich. Das erste macht weiter so wie gehabt: Familienmanagement, Schreibtischarbeit, den Mülleimer ausleeren ... Ihre Frau erlebt Sie wie sonst auch, nur weiß sie nicht, dass Ihr Wunsch-Ich hier, an diesem geheimen Ort ist. Denn für alle, die nicht ins Hotel eingecheckt haben, ist das Wunsch-Ich unsichtbar. Sie selbst dagegen haben freie Sicht.
Da, sehen Sie mal!“
Sie reichte ihm ein fernglasähnliches Gerät. Ehrweh schaute hindurch und sah sich selbst mit seiner Frau am Frühstückstisch sitzen. Ihm stockte der Atem. Doch dann gab er das Gerät an Frau Debus zurück, verließ den Aufzug und folgte ihr durch einen langen Flur im vierundvierzigsten Stockwerk. Er sagte:
„Ich bin also gespalten in einen sichtbaren und einen unsichtbaren Teil? Jetzt sagen Sie bloß noch, dass ich krank bin!“
Frau Debus wies auf die vor ihnen liegende Reihe von Hotelzimmertüren.
„Krank, meinten Sie? Nun ja, krank sind hier gewissermaßen alle. Krank aus Hass gegen das Gewohnheits-Ich. Sie alle verzehren sich danach, endlich jemand anderes zu sein oder endlich das ganz Unmögliche zu vollbringen. Aber die Widerstände sind groß. Viele scheitern an sich selbst oder an der Umgebung, die meisten an der Wirklichkeit. Trotzdem, in einigen Menschen siegt die Hoffnung über alle Widerstände, nicht wahr, Herr Ehrweh?“
„Nun ja, das stimmt, ich habe feste gehofft“, erwiderte Ehrweh. „Aber reicht das? Wünschen tun doch viele! Was muss man denn noch mitbringen, um durchs große Tor zu kommen?“
„Konsequenz“, sagte Frau Debus knapp. „Und Zähigkeit.“
`Habe ich beides`, dachte Ehrweh. Sein Puls schlug schneller, Glücksgefühle durchrieselten seinen Körper. Schon sah er sich selbst -, als Sieger des Klagenfurter Literaturwettbewerbs las er vor Publikum aus seinem Roman über die heiße Phase der Französischen Revolution.
Frau Debus deutete mit dem Zeigefinger auf ein Nischenfenster.
„Schauen Sie, dort unten! Unser Hotelpark.“
Tief unter ihnen erstreckte sich eine riesige Parklandschaft bis an den Horizont: Amphitheater, bepflanzte Plätze mit Pavillons und Cafés. Ehrweh rief begeistert:
„Hier bleibe ich für immer! Zum Teufel mit meinem Gewohnheits-Ich!“
Frau Debus machte einen Schritt rückwärts.
„Da muss ich Sie leider enttäuschen. Wie Sie wissen, müssen Sie nach einer Woche gehen. Mit den neuen Erfahrungen werden Sie es im Alltag nicht gerade leicht haben. Alle Rückkehrer erleben den Rückfall in die raue Wirklichkeit traumatisch. Etliche sind schon verzweifelt. Einigen ist es aber gelungen, ihr Leben so zu ändern, dass sie ihr Gewohnheits-Ich und ihr Wunsch-Ich ein Stück weit miteinander versöhnen konnten. Die Geduldigsten und Hartnäckigsten unter ihnen träumten sich mehrmals zu uns zurück - und wurden von Mal zu Mal ausgeglichenere Menschen.“
Ehrweh schwieg. Dann sagte er:
„Ich wusste nicht, dass Sie hier eine Auslese der Besten betreiben. In wessen Auftrag handeln Sie?“
Frau Debus wurde wieder formell.
„Wir sind kein Wellness-Institut und auch keine Zuchtanstalt“, dozierte sie. „Wir zeigen keine Ziele, wir bieten Coaching.“
„Heißt das in meinem Fall: Sie garantieren mir, mich zum originellsten Autor von Historienromanen zu coachen?“
„Wir garantieren gar nichts. Wenn unsere Gäste wissen, was sie wollen, begleiten wir sie bis an jedes gewünschte Ziel.“

In diesem Augenblick flog neben Ehrweh eine Tür auf, und heraus stürzte ein Mann ganz in Schwarz, dessen fleischige Lippen fettig glänzten. Als er die beiden erblickte, zuckte er zusammen, verbarg sein Gesicht und machte, dass er schleunigst hinter der nächsten Toilettentür verschwand.
„Das Wunsch-Ich von Rabbi Jakob Wiesenthal“, erklärte Frau Debus. „Unser Schlachthof beliefert ihn täglich mit Schweinefleisch. Er schlemmt in seinem Zimmer, denn ins Park-Restaurant traut er sich noch nicht.“
Ehrweh stellte sich vor, wie dieser Mann kiloweise Schweinefleisch in sich hineinstopfte und schüttelte den Kopf.
„Ihr Hotel scheint ja ein Tummelplatz für Tabubrecher und Getriebene zu sein. Wie ist das, Frau Debus, wenn zwei Gäste mit extrem entgegen gesetzten Ansichten aufeinander treffen? Fliegen da nicht die Fetzen?“
Frau Debus rollte die braunen Augen.
„Da könnte ich Ihnen Sachen erzählen ... aber sehen Sie selbst! Kommen Sie.“

Sie fuhren mit dem Aufzug abwärts und betraten den Park durch eine schmiedeeiserne Pforte, die mit „Treffpunkt der Antipoden“ überschrieben war. Auf einem gepflasterten Platz waren Stuhlreihen und Rednerpulte aufgebaut. An den Außenseiten des Platzes befanden sich nach vorne hin offene Kojen, in denen lärmend gestritten wurde. Männer und Frauen saßen oder liefen herum, redeten aufeinander ein, flehten, fluchten, schluchzten, schrieen sich an, wandten sich seufzend voneinander ab. Immer wieder griffen Hotelbedienstete ein, um Gewalttätigkeiten zu verhindern. Ehrweh fühlte sich an Szenen im Boxring erinnert. Er wollte gehen.
Frau Debus hielt ihn zurück.
„Der Antipoden-Parcours gefällt Ihnen nicht, Herr Ehrweh? Ich kann Ihnen verraten, dass Leute mit extremen Neigungen nach dieser Erfahrung etwas selbstkritischer geworden sind. Schauen Sie mal geradeaus: Die beiden Damen da erarbeiten sich ganz öffentlich eine neue Identität zwischen Hemmungslosigkeit und Askese.“
Eine junge Frau im schwarzen Gewand einer Nonne war an eines der Rednerpulte getreten. Am Pult ihr gegenüber lehnte eine nachlässig gekleidete Mittvierzigerin mit blondierten Locken.
„Muss ich mir wirklich anhören, wie die Nonne die Hure bekehrt?“, seufzte Ehrweh.
Frau Debus legte den Zeigefinger auf die Lippen.
„Passen Sie auf, wer von den beiden wer ist.“
Die Frau unter der Nonnenhaube stemmte die Arme gegen das Pult und rief mit fester Stimme:
„Ich arbeite als Pornodarstellerin und habe es satt, mich wie rohes Fleisch behandeln zu lassen. Es widert mich an, den Ruf einer läufigen Hündin zu haben. Und Sie, Schwester Alfonsa, widern mich an, weil sie genau da hin wollen. Wenn Sie denken, größtmöglicher Männerverbrauch bringe Ihnen größtmögliches Glück, dann irren Sie sich gewaltig!“
Die andere wiegte ihren blondierten Lockenkopf.
„Nee, Kleine, mein Irrtum war, im Kloster zu hocken und langsam zu vertrocknen. Meine Haut knistert ja schon, wenn ich nur den Mund aufmache! Ich sage dir, Betschwester, seit ich hier bin, ist damit Schluss! Mit jedem neuen Mann im Bett blüht mein Körper auf wie ´ne Orchidee.“
Schnell kam es zum Streit. Als die Frauen aufeinander losgehen wollten, gingen zwei Hotelbedienstete noch rechtzeitig dazwischen.
„Das Porno-Starlet“, erklärte Frau Debus,“ nennt sich jetzt Schwester Immaculata, die Unbefleckte. Sie wird ihre Filmverträge stornieren und ein Keuschheitsgelübde ablegen. Die andere will nach zehn Jahren strengster Kloster-Askese als Hure arbeiten.“
Ehrweh starrte seine Mentorin an, als hätte diese gerade den Weihnachtsmann angekündigt.
„Möchten Sie,“ fragte sie lächelnd, „Ihren Antipoden nicht auch gleich kennen lernen? Wir hätten da einen Zeitungsreporter, der alles Faktische gründlich hasst. Er will Märchenbücher schreiben und ...“
„Oh nein, vielen Dank“, wehrte Ehrweh ab. Die Beklemmung fiel von ihm ab, und er lief mit raschen Schritten auf die angrenzende Grünanlage zu. Die Pflanzungen am Eingang bildeten die Buchstabenfolge: „Irrgarten der Einzelgänger“.
Ehrweh lief mitten hinein, gelenkt von mannshohen Hecken aus Buchsbäumen, die die Wege eines Labyrinths markierten. Er begann zu rennen, als Frau Debus seinen Namen rief, rannte mit unverminderter Energie, bis er nur noch das eigene Keuchen hörte - und prallte mit voller Wucht gegen einen hochgewachsenen Mann. Er trug einen weißen Arztkittel mit schwarzem Umhang. An seinen Mundwinkeln klebte geronnenes Blut.
„Sie sollten sich vorsehen, Neuling! Wer mich trifft, von dem lasse ich nicht, bis er blass und leer vor mir liegt. Doch da Sie neu sind, werde ich Sie erst einmal vormerken.“
Ehrweh, der nichts mehr ernst nehmen konnte, vergaß alle Furcht.
„Ach, wissen Sie: Nach allem, was hier so herumläuft, würde es mich nicht wundern, mit Graf Dracula persönlich das Vergnügen zu haben!“
„Spotten Sie nur! Ja, ich bin ein Vampir. Ich war Spezialist für Wundbehandlung am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm. Ich nähte und deckte Stichwunden, Platzwunden, was Sie wollen. Bis ich es eines Tages nicht mehr über mich brachte, das Blut all dieser Wunden zu ersticken. Meine Kunst versagte, meine Blutgier siegte, und ich fing an zu trinken.“
Der Vampir leckte versonnen über die blutigen Mundwinkel.
„Meine - äh - Glückwünsche, dass Sie im Hotel der ungelebten Wünsche zu Ihrer wahren Bestimmung gefunden haben, Herr Vampir“, sagte Ehrweh und entfernte sich vorsichtig.
Er irrte noch eine Weile durch das Labyrinth, bis er in das Zentrum gelangte.
Dann schloss er die Augen und rief, so laut er konnte:

„Ich bin verrückt! Und ich bin am Ziel! Mein Roman wird besser und origineller, als ich es mir jemals erträumt hatte! Und das ganz ohne Zeitreise! Sollen doch die Historiker Rückwärtsreisen machen - ich werde meine Leser jedenfalls nicht langweilen mit authentischen Schilderungen von Begebenheiten aus dem revolutionären Frankreich. Nein, ich werde sie hierher holen, alle, die ganze Bagage: Das gesamte Personal der Französischen Revolution wird hier im Hotel antreten und sich einzeln zu seinem Wunsch-Ich bekennen! Robespierre, Marat, St. Just, Corday- die werde ich solange durch Antipodentreffpunkte und Irrgärten schleusen, bis denen das Denken und Morden vergangen sein wird! Unter meiner Regie werden diese Damen und Herren noch einmal Revolution machen, nur, dass diesmal ihr Wunsch-Ich das Denken und Handeln bestimmen wird! Hurra! Das wird ein historischer Science Fiction-Roman, kein Fakten-Langweiler!“

Marvin Ehrwehs Monolog war zu Ende. Übers ganze Gesicht strahlend lief er eilig zur Hotelleitung und bestürmte den Hotelmanager mit dem Wunsch, doch bitte eine Reihe historischer Persönlichkeiten, die er einzeln aufzählte, umgehend wiederzubeleben, um ihnen im Hotel der ungelebten Wünsche ein Quartier zu bereiten.

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