Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Oktober 2005
Da, und doch nicht da...
von Kathleen Strobach

„Ein Jahr ist es her!“, beginnt sie zu erzählen. Gespannt lauscht ihre Schwester. Leise spielt auch Nikolas an dem Springbrunnen, um ein paar von den Worten seiner Tante zu verstehen, die nicht für seine kleinen Ohren bestimmt waren. Langsam nimmt ihre Geschichte Formen an und versetzt sie wieder zurück in die Vergangenheit.

***

Ein Jahr zuvor:
Ihre Stimmung ist auf dem Nullpunkt und gleicht ganz und gar nicht dem tollen Wetter draußen. Verärgert knallt sie die Bücher auf den Tisch. „Verdammt Louis! Wie lange soll ich mir das anhören? Die Leute bekommen es schon mit! So kann`s nicht weiter gehen, Louis!“ Zuckend kratzen ihre Nägel in der Tischdecke. „Louis, sieh die Realität!“ Röte steigt in ihr Gesicht. Ihre Stirn kocht vor Wut. „Louis, das geht nicht!“ Fassungslos schüttelt sie den Kopf.
„Warum, Diana?!“, fragt er flehend. Seine Stimme senkt sich. Kopfschüttelnd sieht sie ihn an. „Verdammt Louis!“ Ratlos schlägt sie mit der Faust auf die Tischplatte. „Ich hab nicht die Zeit für so was!“
Enttäuscht sieht er sie an. Schlurfend verlässt er den Raum. „Louis!“, hört er sie rufen. Die Tür ist bereits wieder ins Schloss gefallen.
Schweigend steigt er die schmalen Stufen des Treppengeländers herunter. Er greift nach dem Türgriff und tritt hinaus. „Warum tut sie das? Warum glaubt sie mir nicht?!“ Verzweifelt starrt er auf seine Hände. „Bin ich wirklich verrückt?!“ Er setzt sich in Bewegung und geht die Allee hinunter. „Warum macht sie das? Sie ist meine Frau!“
Er konnte es schon damals nicht ausstehen, ihren Hang zur Realität. Alles Unerklärliche schob sie davon. Nur Wissen zählte. Und ständig, ständig kam sie mit neuen Büchern heim. „Man lernt nie aus!“, sagte sie.
Seine Gedanken drehen Kreise. Noch immer ist sein Atem unregelmäßig. Aber nachmittags, nachmittags ging es. Erst wenn die Dunkelheit von der Stadt Besitz ergriff, wurde es schlimmer.
Er konzentriert sich und beschleunigt seinen Gang. Starr blickt er auf den Asphalt unter seinen Füßen. Er will diesen Passanten nicht in die Augen sehen. Sie denken wie seine Frau.
Er nimmt einen tiefen Atemzug. Der Duft von frischen Croissants dringt in seine Nase. Wie liebte er diesen Duft bei seiner Ankunft! Und jetzt, was hatte ihm Paris gebracht? Alles ging den Bach runter: erst die Karriere und nun scheinbar sogar sein Verstand.
Berauscht von den Ereignissen der letzten Tage lässt er sich auf der Holzbank nieder. Schweigend beobachtet er die Kinder die unschuldig mit ihren Händen im Wasserbecken des Springbrunnens spielen. Beiläufig lauscht er dem Gelächter. Sein Blick fällt nun auf die kleinen Marktbuden. „Alles läuft normal weiter.“, denkt er. „Bin ich es? Liegt es an mir?!“ Sein Blick wandert. Paris hat so viele Schönheiten: Er sieht die munteren Gaukler, die Künstler die an der Straße eifrig ihre Gemälde malen und bewundert die Details und die lebensechten Steinfiguren dieser alten und kleinen Kathedrale, die zu jeder vollen Stunde ihr Lied preisgab. Aber jetzt, was bedeuten diese Schönheiten ihm jetzt noch? Er schließt die Augen. „Bin ich verrückt?!“
Etliche Minuten verharrt er so. Schon läutet die große Glocke der alten Kathedrale die nächste Stunde ein. Ruckartig schreckt er hoch. „Da ist es wieder!“ Nein, sein Verstand versagt nicht. Er spürt das Rasen seines Herzens. Schmerzlich dringt ein Pochen in seine Ohren, während er angestrengt hört. „Ja, es ist hier!“ Vorsichtig schaut er sich um. Die Menschen gehen unbesorgt ihrem Treiben nach. Er kann nichts Ungewöhnliches sehen.
Es streift seinen Rücken. Prompt dreht er sich um. Doch nur die Bäume ruhen hinter ihm. Wieder kreist sein Blick über den Platz. Hart presst er seine Lippen aufeinander. Wieder streift ihn dieser Wind. „Was ist das?!“ Ängstlich drückt er die Arme an sich. Es ist ein windstiller Tag heute. Nicht mal die Blätter der Bäume rascheln. Wieder und wieder kreist dieses Lüftchen um ihn. Eine heiße Welle flutet durch seinen Körper. Er steht auf. Schnellen Schrittes hastet er über den holprigen Platz. Wieder streicht dieser Wind seinen Arm. „Es ist irgendwas.“
Schon die letzten Nächte erschien im dieser Wind, der sogleich ein unbehagliches Gefühl in ihm auslöst. Wäre es nur dieser Wind gewesen, hätte es ihm nichts ausgemacht. Aber dieser Wind, dieser Wind wollte seine Aufmerksamkeit! Er riss ihn aus dem Schlaf, jede Nacht. Dinge, die er für unbeweglich hielt, schienen vor seinen Augen zu tanzen. Und wie oft ist er schweißgebadet aus diesen Träumen aufgewacht?! Keine Stunde Schlaf war ihm gegönnt, das merkte er am stündlichen Läuten der Kathedrale. Jede Nacht verharrte er schweißgebadet auf der Couch, die er für sich jetzt einnahm, unfähig sich zu bewegen. Und Diana? Diana schenkte ihm keinen Glauben! Aber er wusste es: Es ist da!
Hastig eilt er weiter die Straße hinunter. Er muss zu Diana! Sie muss ihm helfen!
Wieder streift ihn die kühle Luft. Sie schleicht seinen Arm spiralförmig hinauf. Schneller und schneller windet sie sich um seinen Körper. Louis beginnt zu laufen. Rasant legt er die letzten Meter zurück. Stürmisch braust der Wind hinter ihm her. „Verflucht, was ist das?!“ Außer Atem erreicht er die Tür des alten Hauses. Fieberhaft stürmt er die Treppe hinauf und reißt die Wohnungstür auf.
Die Kathedrale beendet ihr Läuten als Louis in den Flur tritt. „Diana! Diana!!“
Desinteressiert verlässt sie die Küche und tritt ihm entgegen. „Was gibt es, Louis?! Erzähl mir nicht wieder diesen Unsinn!“ – „Diana! Fühlst du es denn nicht?!“ Doch der Wind ist verstummt. Fragend sieht Louis wieder auf seine Hände, die sich zunehmend verkrampften und mehr und mehr diesen grauen Teint annahmen. „Ich bin wirklich verrückt!“, seufzt er kaum hörbar. „Louis, was soll ich mit dir machen. Vielleicht sollte ich dich wirklich in die Obhut von Ärzten geben.“, spricht Diana benommen. „Aber,... es ist wie ein Wind. Es ist unsichtbar! Es ist da, verdammt noch mal! Es macht mir Angst!“ – „Ach Louis!“, tröstend nimmt sie ihn in die Arme. „Ich habe auch Angst um dich, Angst, dass du deinen Verstand verlierst!“ Er reißt sich los. „Ich bin nicht verrückt!“ Wild gestikulierend verlässt er den Raum und flüchtet ins Arbeitszimmer. Vorwurfsvoll verfolgt ihn ihr hilfloses Flehen.
„Ich bin nicht verrückt! Warum fühlt sie es nicht?!“ Plötzlich dringt ein Geräusch in seine Ohren. Er starrt an die Decke. Leise flackert die Lampe. Ein merkwürdiges Surren gibt sie von sich. Er hatte das Licht nicht eingeschaltet. Ungläubig fixiert er das Phänomen. „Es beginnt wieder!“ Er wirft sich auf die Couch, greift nach dem großen Kissen und drückt es über seinen Kopf. „Ich will nicht!“, schreit er. „Ich will das nicht.“ Er spürt wie sich seine Hände in das Leder der Couch krallen. Blass sind sie.
Stille kehrt ein. Ängstlich schaut Louis unter dem Kissen hervor. „Ist es vorbei?“ Sein Atem ist schwach. Kaum hörbar stößt er die verbrauchte Luft aus, die Lampe im Visier.
Wieder vergehen Stunden. Fünf mal zählte er nun schon das nahe Glockenläuten. Reglos liegt er noch immer da. Seine Hände entkrampfen sich. Doch er weiß, es wird bald wieder losgehen, denn die Dunkelheit schlich schon in sein Zimmer.
Wieder und wieder unterbricht er seine Gedanken um zu Hören. Er ist schläfrig. Die Folgen des fehlenden Schlafes machen sich bemerkbar. Langsam schließt er die Augen und fällt in eine tiefe Traumphase. Das Kissen rutscht von seinem Kopf. Unbeachtet landet es auf seinem Bauch.
Bereits zwei Mal ertönte wieder das Glockengeläut und Louis, er schläft - friedlich. War es doch nur sein Verstand, der ihm einen Streich spielte?
Plötzlich fährt mit einem klagevollen Schrei hoch: „Nein!!“ Krampfhaft zerreißen seine Hände das Kissen. Wieder merklich grauer zeichnen seine Finger sich auf dem Bezug ab. „Nicht schon wieder dieser Traum!“ Schweiß klettert auf seine Stirn.
Wieder und wieder rannte er im Traum auf dem Marktplatz auf und ab. Dieser Wind verfolgte ihn, schloss ihn ein. Er flüchtete in die Kathedrale und dann... dann schloss sich immer ruckartig das gewaltige Tor hinter ihm und eine riesige, unvorstellbare dunkle Kralle griff nach ihm.
Schnell atmet er. Er richtet sich auf. Prüfend schaut er sich um. Kein Wind. Er konzentriert sich auf seine Atmung. Plötzlich rauscht ein lautes Zischen durch den Raum. Wieder verkrampfen sich seine Hände. Der Wind ist wieder da! Schwach klettert er Louis` Beine empor. Stärker und stärker wird er. Aufbrausend wirbelt er um seinen Kopf. Ein starker Schmerz zieht durch Louis´ Körper. „Ah! Nein!... Diana! Diana!“ Wild kreist die Sturmwolke um ihn herum. Heftiger werden seine Schmerzen. Sein ganzer Körper nimmt die graue Farbe seiner Hände an. „Diana! Diana!“ Doch seine Schreie bleiben unbeantwortet.
Stille kehrt ein...

***

Zurück in der Gegenwart:
„Das war der letzte Tag, an dem ich ihn gesehen hab. Ich hörte ihn noch schreien!“, schildert sie ihrer Schwester. „Er war spurlos verschwunden. Die Polizei sagte, es lag an unserer Ehe. Er hätte sich davon gemacht. Aber die Tür war doch verschlossen. Der Schlüssel steckte noch und ich hatte doch sein Schreien gehört!“ Sie fängt an zu schluchzen. „Ich wollte ihm nie glauben. Immer wieder hat er mir von diesen Vorfällen erzählt.“ – „Ach Diana!“, beruhigt Jenny sie. „Werd du nicht auch noch verrückt. Er ist eben gegangen. Du musst dich daran gewöhnen, dass er nicht mehr da ist.“
In dem Moment ertönt die Glocke der alten Kathedrale. Nikolas unterbricht sein Spiel und starrt auf das alte Gebäude: „Aber Mama, Mama! Da ist doch Onkel Louis!“, zeigt er auf den Glockenturm. Die Frauen starren herauf die Turmspitze. „Aber Nikolas, du träumst! Das sind nur Steinfiguren!“
Mit Entsetzen stiert Diana diese grauen Gebilde an, die dort fast lebensecht in Stein gehauen waren. Ein unheimliches Kribbeln zieht kurz durch ihren Bauch.
„Wahrscheinlich hat Jenny Recht!“, denkt sie. „Ich sollte mich damit abfinden, dass Louis mich verlassen hat. Ich sollte anfangen, die „Schönheiten“ von Paris zu genießen.“ Und ein sanfter Wind umspielt kurz ihre Nase, während das Glockenläuten langsam verstummt...

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