Sexlibris
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Oktober 2005
Die Hand des Engels
von Hans-Jürgen Block

Der Zug gleitet fast geräuschlos dahin.
Draußen rauscht Regen, als hätte ihm ein Meer die Stimme geliehen. Blitze belichten schemenhaft die vorbeifliegenden nassen Felder, fressen für Augenblicke die Schatten. Dunkel folgt dem Zug. Der alte Mann spürt es fast körperlich.

Ein Mädchen sitzt ihm gegenüber, lächelnd.
Er hat das Kommen des Mädchens nicht bemerkt. Schmerz in der Brust nahm ihm die Sinne. Den Versuch, das Alter des Kindes zu schätzen, gibt er auf ... Er sieht zum Fenster. Der Regen auf der Scheibe lässt das Draußen nur als Schatten erkennen, spiegelt drinnen verzerrt das Gesicht des zarten Gegenübers ... ist es doch einige Jahre älter?
Sein Blick trifft die Augen des Mädchens, schüchtern, er will nicht aufdringlich sein.
Er glaubt, das Mädchen zu kennen – weiß nicht woher. Lange muss es zurückliegen, sehr lange. Mit fahriger Hand streicht er sich über Augen und Stirn, schüttelt den Kopf, als würde das die Erinnerung zurückbringen. Er zweifelt - das Kind und sein hohes Alter passen nicht.
Der Zug gleitet sonderbar geräuschlos dahin - er fühlt sich leicht, glücklich.
Das Mädchen reicht ihm die Hand. Die Berührung ist wie der Hauch eines Sommerwindes.
Sommerwind! Erinnern zieht wie ein Nebel herauf, verfestigt sich ...

Das Mädchen steht an seiner Seite, sie reden nicht. Wind weht ihm ihr Haar ins Gesicht, tief atmet er ihren Duft ein. Er genießt die Berührung der Hände, das Streifen des Kleides an seinem Arm ... Die erste Liebe. Weit und voller Geheimnisse ist ihrer beider Himmel.
Perlen glänzen in Augen ...

Das Mädchen lächelt, stimmt seinem Rückblick zu und setzt sich zu ihm. Durch das Fenster sieht er die Landschaft seines Lebens vorbeigleiten.
Die Geheimnisse des Neuen, Unbekannten lüfteten sich im Laufe seiner Lebenszeit. Erfüllte Wünsche lösten sich irgendwann auf in Überdruss, blieben zurück als Erinnerungen. Sein spätes Urteilen zerfließt wie das Fleisch des Alters.
Er ist wieder Kind – fühlt wie ein Kind ... Das lange Zurückliegende gewinnt an Zauber oder vergeht.
Das Durchsichtig-fassbare ihrer jugendlichen Hand füllt ihn wieder aus - zieht ihn in die Sehnsucht nach Wiedergeburt.
Er fragt das Mädchen, wohin die Reise geht. Die Worte sind tonlos, ohne Atem. Es deutet in die Fahrtrichtung - seine Augen strahlen dunkel und warm, ... wie vor langer Zeit, in einem anderen Leben.

Laut wird die Tür aufgeschoben. Der Kontrolleur sieht in das blasse Gesicht des alten Mannes, beugt sich über ihn, berührt seine Hand – sie ist kalt.
Eine rundliche, schweratmende Frau schiebt sich neugierig an ihm vorbei: „Ist der Mann ...? Gütiger Himmel ...!“

Das lächelnde Mädchen an seiner Seite sehen sie nicht ...

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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