Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Oktober 2005
Spaziergang
von Anna Dreher

Herbst. Blätter fallen vom Tode berührt zu Boden und hinterlassen ein traurig kahles Bild nackter Bäume. Ich gehe spazieren, um meiner Gedankenwelt zu entfliehen. Zuviele die Erinnerungen, die auf mich einströmen, wenn ich zu Hause vor dem Schreibtisch hocke. Der Versuch, zu schreiben scheitert; Meine Erinnerungen an dich wollen mich einfach nicht los lassen. Die Gedanken sind frei! rufen sie, und entziehen sich damit aller Kontrolle. So gehe ich nun unter dem herbstlichen Winterhimmel meiner einsamen Wege. Ich beschleunige meine Schritte, versuche, den geistigen Ballast abzuhängen, um endlich allein sein zu können.
Doch es ist mir unmöglich, mich von deiner Abwesenheit zu befreien. Sie umklammert meine Brust und nimmt mir den Atem, wie es einst deine Anwesenheit tat. Kann ich etwa ohne deine Unterdrückung, deine Qual und deinen Schmerz nicht mehr leben? Ich bekomme Angst. Angst vor der Verrücktheit, die mich ergriffen hat. Der Geruch deines Schweißes, dein keuchender Atem, dein erhitzter Blick verfolgen mich und wecken die alte Furcht in mir. Werde ich dir jemals entfliehen?

Während ich so laufe kitzelt ein Duft von Sommer meine Nase, inmitten dieser herbstlichen Welt. Nostalgisch denke ich zurück an ferne Kindertage, als der Sommerduft noch Wildheit in mir weckte. In meinen Ohren klingt unser altes Kinderlied und ich summe leise vor mich hin.
Ringel rangel rose butter in der dose.
Doch ich bin nicht mehr allein. Ein altbekanntes Stimmchen hat sich zu dem Duft gesellt. Schmalz in den kasten morgen wolln wir fasten summt es im Einklang mit mir.
Ich halte an, sehe mich um, bin allein auf dem frostigen Weg. Übermorgen lämmlein schlachten das soll schreien mäh. Als komme es aus dem Nichts, schwirrt das Stimmchen durch den Wald. Es hallt wider an der kalten Winterluft, um dann im Frühlingshimmel zu verklingen. Mit gesenktem Kopf gehe ich weiter Richtung Heimat, auf der Suche nach dem Vergessen.
Es gibt kein Vergessen sagt das Stimmchen neben mir und als ich mich umdrehe, sehe ich sie endlich. An meiner Seite trippelt ein kleines Mädchen mit langem blondem Haar das dem Meinigen gleicht. Auf dem Kopf trägt sie einen Blumenkranz, der nach Sommer riecht. Unsichtbar sind die Abdrücke ihrer schwebenden Füßlein und sie summt noch immer mein Liedchen vor sich hin. Die Leichtigkeit in ihrem Gang und ihrer Stimme macht mich traurig und schwer. Es gibt kein Vergessen.
"Wo warst du so lange?" frage ich das kleine Mädchen vorwurfsvoll. Sie aber antwortet nicht, lacht nur glockenhell. Wut packt mich und ich schreie mit schriller Stimme: "Wo warst du so lange?" Meine kleine Begleiterin hüpft unbekümmert neben mir her.
Wie alt ich bin. Verbraucht. Müde. Leer. Kalt. Finster. Dunkelheit bricht über mich herein. "Du hast mich einfach allein gelassen" sage ich leise. Tränen kullern meine Wangen herunter. Ich war die ganze Zeit hier. Aber du wolltest vergessen.
Ich bleibe stehen, setze mich auf einen Baumstumpf, lasse den Tränen freien Lauf. Das Mädchen legt seine Hand auf meinen Kopf. Komm jetzt, gehen wir nach Hause, nun hast du mich ja wiedergefunden. Als ich in ihr liebliches Gesichtchen sehe, finde ich die Kraft aufzustehen, noch vorn zu sehen, meinen Weg fortzusetzen.
Meine kleine Begleiterin leuchtet mir mit dem Licht ihrer Fröhlichkeit. Ein Licht so hell, dass es meine Schatten vertreibt und selbst in meiner Seele ein kleines, längst verlorenes Lichtlein anzündet.
Ich nehme das Mädchen mit nach Hause und im Traum vereinen wir uns. Ohne das Vergessen kann ich endlich wieder frei sein.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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