Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Oktober 2005
Ein Hauch Vanille
von Jutta Federkeil

Ehe Jakob Binder ins Haus trat, vergewisserte er sich mit angstvollem Blick, ob ihm auch niemand folgte. Sein sonst eher blasses Gesicht war stark gerötet. Er zitterte Angstschweiß trat ihm aus allen Poren.
Hektisch stieß er die Wohnungstür hinter sich zu. Als erstes lockerte er mit fahrigen Fingern seine Krawatte, dann ging er mit Straßenschuhen und Mantel in die Küche.
Niemals zuvor war es ihm eingefallen die Küche oder einen anderen Raum seiner Wohnung zu betreten, ehe er nicht seine Straßenkleidung abgelegt hätte.
Er stellte die Tasche, die kaum etwas wog, aber die er bis dahin krampfhaft festgehalten hatte, mit einem Ruck auf den Küchentisch.
Binder betrachtete den Fremdkörper auf der blau weißen Wachstuchtischdecke. Und doch passte sie irgendwie dahin.
Meine Güte, was hatte er getan? Binder konnte es selbst nicht begreifen, er versuchte Klarheit in seine Gedanken zu bringen.
Nach Büroschluss war er in den Bus gestiegen. Als er sich auf seinen üblichen Platz setzte, stieß er mit seinen Füßen gegen etwas.
Es war die Tasche. Sein erster Gedanke war: Was macht dieses Ding da, wo sonst meine Füße stehen? Und irgendwie ärgerte es ihn. Schließlich war dies sein Platz.
Als der Bus anhielt, griff er das Gepäckstück. Doch anstatt es beim Busfahrer abzugeben, nahm er es wie selbstverständlich mit.
Ihm war selber unbegreiflich, warum er so gehandelt hatte; diese Tasche hypnotisierte ihn förmlich.
Nachdem er ausgestiegen war, bekam es Jakob mit der Angst zu tun. Und nun stand diese altmodische Damentasche auf seinem Küchentisch.

Schwer atmend setzte Binder sich auf einen Stuhl, starrte sie an und wagte nicht sie zu öffnen. Er hatte vergessen zu essen - niemals zuvor hatte er versäumt sich sein Abendbrot zu machen.
Bei ihm mussten die Tage immer gleich ablaufen, nie gab es eine Abweichung aber heute war alles anders.
Die Tasche stammte wohl aus den fünfziger Jahren, sie hatte ein großes Karomuster in verschiedenen Blautönen. Die schwarzen Tragegriffe waren nicht aus echtem Leder - für so etwas hatte er einen Blick.
Langsam erwachte Binder aus seiner Lethargie und, da diese Tasche nun mal in seinem Besitz war, rang er sich dazu durch sie zu öffnen.
Vorsichtig zog er den Reißverschluss auf.
In der Tasche befanden sich Briefe und er nahm einen intensiven Geruch von Vanille wahr. Verwirrt stellte er fest, dass er diesen Duft mochte. Jakob gehörte nicht zu dem Typ Mensch, dem Gerüche oder schöne Dinge um ihn herum auffielen. Dass sich die Jahreszeiten änderten, bemerkte er normalerweise nur weil es im Kalender stand. Ansonsten hatte er für so etwas keinen Blick.
Neugierig geworden nahm er einen Brief heraus und als ihm die Adresse in die Augen sprang, war er völlig perplex. Es war seine eigene!
Wie konnte das sein? Er drehte den Umschlag doch es gab keinen Absender dazu. Irritiert und mit zitternden Fingen öffnete er ihn und zog ein hellgelbes, mit Tinte beschriebenes Papier heraus und er wunderte sich mehr und mehr.
Lieber Jakob,
ich wusste, dass Sie diese Tasche mitnehmen: Ich wollte, dass Sie sie finden. Seit Jahren schon beobachte ich Sie aus der Ferne und ...

Jakob drehte das Blatt herum, doch auch da fand er keine Unterschrift Nicht nur keine Signatur sondern auch den Rest des Textes nicht.
Mittlerweile waren auch die Abendnachrichten, die er niemals versäumte, vorbei. Aber dies schien alles nicht mehr wichtig für ihn zu sein

Fieberhaft riss er den zweiten Brief auf, diesmal war er rosa, wieder begann er mit den Worten:
Lieber Jakob,
sicher wird es Sie verwundern, dass ich Ihnen schreibe. Aber ich bin jemand, der Ihr Leben verändern wird. Und nun legen Sie dies Schreiben einfach wieder in die Tasche zurück.

Binder konnte kaum klar denken, doch er steckte, wie ihm geheißen wurde, diesen Brief wieder zurück. Als er einen Blick in die Tasche warf, erschrak er. Alle anderen Briefe waren verschwunden. Es gab nur noch den in der Tasche und den vor ihm auf dem Tisch, den Brief, den er als ersten gefunden hatte.
Verblüfft stellte Binder fest, dass aus der einen Seite zwei geworden waren und er begann zu lesen.
Jakob, ich kann mir gut vorstellen, dass Sie dies alles mysteriös finden und den Kopf schütteln ( tatsächlich schüttelte Jakob den Kopf). Aber Sie haben den ersten Schritt getan und vielleicht werden Sie nun auch weitere Schritte gehen. Ich möchte Ihnen einiges zeigen und wenn Sie sich darauf einlassen, werden Sie kleine Wunder erleben. Warten Sie ab es werden Dinge geschehen die Sie glücklich machen werden...
Von diesem Abend an veränderte sich einiges in Binders Leben. Die Briefe enthielten einen besondern Zauber, sie rissen Jakob aus seinem Alltagstrott und eröffneten ihm eine Welt, die er nicht kannte.
Schon am nächsten Morgen kam Binder erstmals zu spät zur Arbeit. Als er sein Büro betrat, wehte ihm ein Hauch Vanille entgegen und er entdeckte auf seinem Schreibtisch einen himmelblauen Brief. Er stürzte sich auf ihn und las ihn wie im Rausch.
Von nun an erhielt er täglich eine Nachricht mit neuen Anweisungen und dem Hinweis, wo er den nächsten Brief finden würde.
Der unsichtbare Schreiber oder die namenlose Schreiberin delegierte ihn an viele unterschiedliche Orte: mal in ein Café, wo er sich einen

Cappuccino bestellen sollte. Noch nie hatte er sich den Luxus geleistet in einem Café zu sitzen und Cappuccino zu trinken. Aber es gefiel ihm. Ein anders Mal wurde er in eine Galerie geschickt um sich Bilder anzuschauen - er sollte ein Gespür für Kunst bekommen.
Dann wieder empfahl ihm ein Brief, sich zum Bahnhof zu begeben, um sich dort den Trubel der Reisenden zu vergegenwärtigen. Eine der Botschaften führte ihn ins Theater und nachts in den Park - an all diesen Stellen fand er eine Nachricht, die für ihn bestimmt war und der den Duft von Vanille verströmte.
Manchmal war der Brief mit: „Ihr Freund“ oder „jemand der an Sie denkt“ unterzeichnet, manchmal lockte er auch mit den Worten: “Auf bald“. Binder wurde immer begieriger auf die Person, die ihm schrieb und ihn an Plätze führte, die er zu lieben begann. Es wurde wie eine Sucht für ihn.
Überall begegnete er dem unwiderstehlichen Vanilleduft – dieses Aroma begleitete ihn bis in seine Träume. Und dieses Duftes wegen wurde er sich immer sicherer, dass diese Botschaften nur von einer Frau geschrieben sein konnten. Doch so sehr er auch Ausschau hielt, die Absenderin blieb unsichtbar.
Schon lange hatte Jakob keine Abendnachrichten mehr geschaut. Doch seinen Platz im Bus bei der morgendlichen Fahrt zum Büro und am Abend zurück, den nahm er immer noch ein – und zwar immer den gleichen Platz, wenn es sich machen ließ.
Aber ansonsten glich kein Tag mehr dem anderen. Diese Briefe hatten ihn erstmals in seinem Leben dazu gebracht, die Dinge um sich herum wahr zu nehmen.
Wenn er morgens erwachte, hörte er die Vögel zwitschern und sah den Sonnenaufgang – für solche Naturschauspiele hatte er früher keine Augen. Er konnte wieder träumen und ein starkes Gefühl der Sehnsucht war in ihm geweckt.


Jakob beschloss, auf die Suche nach der Briefschreiberin zu gehen, denn mittlerweile war er fest davon überzeugt, dass sie sein Glück bedeutete.
Doch so merkwürdig, wie die Angelegenheit bisher verlaufen war, entwickelte sie sich weiter: kaum hatte er beschlossen, nach der Frau mit dem Vanilleduft zu suchen, schien das Schicksal diese Sache selber in die Hand zu nehmen. Denn als er sich am Tag darauf zur Heimfahrt mit dem Bus auf seinem Stammplatz niederlassen wollte, lag darauf ein großer Umschlag mit der Aufschrift: An Herrn Jakob Binder, persönlich! Und in der Luft um Brief und Sitzplatz hing der gewohnte Vanilleduft.
Unwillkürlich blickte Jakob die Sitzreihen im Bus hinauf und hinunter, in der Erwartung, dass ihm der Blick einer schönen Frau begegnen würde. Doch das war nicht der Fall – nur ganz am Ende des Busses, an der hinteren Ausgangstür, saß eine alte Frau die seine Mutter hätte sein können.
Während der Bus bereits an der nächsten Haltestelle anhielt, Fahrgäste ein- und ausstiegen, öffnete Binder den Brief.
Lieber Jakob,
sicherlich sind Sie neugierig mich kennen zu lernen. Auch ich bin neugierig, Sie näher kennen zu lernen –obwohl ich Sie schon seit Jahren kenne, zumindest zu kennen glaube. Klingt das geheimnisvoll? Nun, gleich mit den nächsten Zeilen wird sich das Geheimnis lüften.
Jakob, Sie erinnern mich sehr an meinen verstorbenen Sohn, Sie sind sein Spiegelbild. Aber es ist nicht nur das Aussehen, Sie ähneln ihm auch in seiner Lebensweise. Er führte ein Leben in Einsamkeit und versank irgendwann in seiner Alltäglichkeit. Er lebte am eigentlichen Leben vorbei
verfiel in Depressionen und hat sich vor Jahren das Leben genommen
(Jakob zuckte zusammen, auch er hatte schon oft Todessehnsucht verspürt – aber seit er diese Briefe bekam nicht mehr)
und als ich Sie sah... ja da war ich so erschüttert von der Gleichheit und Ihrem Wesen, dass ich mich in Ihr Leben einfach einmischen musste – vielleicht verstehen Sie? (Jakob nickte automatisch). Jakob, wenn auch Sie mich kennen lernen möchten, dann besuchen Sie mich doch in meiner Wohnung: in der Karlstraße sieben warte ich auf Sie.
Er faltete den Brief zusammen. Er war total aufgewühlt. Ja, er wollte die Frau unbedingt kennen lernen. Die Straße kannte er und in diesem Moment hielt sein Bus auch schon davor.
Jakob verließ den Bus. Als er vor dem kleinen Einfamilienhaus in der Karlsstraße Nummer sieben stand, wehte ihm ein Hauch Vanilleduft entgegen, und kaum dass er die Klingel gedrückt hatte wurde ihm die Tür geöffnet. Vor ihm stand eine zierliche Frau die ihn anlächelte: „Wie schön dass Sie gekommen sind - treten Sie ein Jakob.“ Der Klang ihrer Stimme berührte seine Seele, es war ihm alles so vertraut, als würden sie sich schon ewig kennen. Wie verzaubert hörte er ihr zu. Sie erzählte ihm von ihrer Sorge - die sie sich um ihn gemacht hatte und dass sie ihm zu einem glücklicheren Leben verhelfen wollte. Dann zeigte sie ihm ein Foto - fassungslos starrte Jakob auf das Bild des Mannes: er sah aus wie ein Zwillingsbruder von ihm – und Jakob wusste, dass er die Wohnung dieser Frau noch viele Male betreten würde.

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