Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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November 2005
›Charlie Staberl und seine Sicht der Dinge‹
von Hans Maria Doé

Wie ist das eigentlich passiert? Ah ja, ich war mit ihr Abendessen, als sie mir plötzlich eröffnete, das sie schwanger ist. Dieser Flashback ist keine angenehme Erinnerung. Auf einmal floss aus meinem Mund ein elendslanger Monolog, unaufhaltsam. Ich habe ihr gesagt, was alle Männer der Welt ihren schwangeren Frauen gern reinwürgen würden: »Ich fände es am besten, wenn wir uns trennen ... Verzeih ... Bitte weine nicht ... Ich sehne mich nach dem Ende ... Ich werde alleine verrecken ... Hau ab, verschwinde, bau dir ein neues Leben auf, solange du noch schön bist ... Geh bloß weit weg von mir ... Ich habe es versucht, glaub mir, ich hab versucht durchzuhalten, aber ich kann das nicht ... Ich ersticke, ich schaffe es nicht mehr, ich kann einfach nicht ... Ich träume von einer Einsamen Insel und flüchtigen Abenteuern ... Ich möchte allein in fremde Länder reisen ... Ich kann kein Kind großziehen, wo ich doch selbst noch eins bin ... Ich bin mein eigener Sohn ... Jeden Morgen schenke ich mir das Leben ... ich hatte nie einen Vater gehabt, wie soll ich selbst einer werden ... Ich will deine Liebe nicht ... Ich ...«
Gerda saß mir ruhig gegenüber, scannte noch einmal mein Gesicht, stand vom Tisch auf und verschwand aus meinem Leben, ohne Luft zu holen.
Komisch war nur, dass ich, als sie schluchzend das Lokal verließ, es war der abgehauen ist.
Ich atmete tief ein und aus, fühlte diese ›feige Erleichterung‹, die allen Trennungen folgt; schrieb in mein Stammbuch: »Was die Menschen Zärtlichkeit nennen, nenne ich Trennungsangst«, und: »Es ist immer dasselbe mit den Frauen: Entweder du machst dir nichts aus ihnen, oder sie machen dir Angst.« Das heißt: Wenn sie dir nicht egal sind, kriegst du die Panik.
Erzählt eine Frau ihrem Kerl, dass sie ein Kind erwartet, lautet die erste Frage, die der Mann sich stellt, nicht: »Will ich das Kind?«, sondern: »Will ich mit der Frau zusammenbleiben?«
Schließlich ist die Freiheit nur ein unangenehmer Moment, der vorbeigeht.
Nach Gerdas Abgang beschloss ich, in Moniques Bar zu gehen, mein bevorzugtes Freudenhaus. Dort gab es schöne Musik. Herrlichen Schampus. Dort lieben dich die Mädchen, kaum das du da bist. Und sie haben zwei Vorzüge: Sie sind schön. Und sie gehören dir nicht. Kaum hast du eine Runde Schampus ausgegeben, streicheln sie dir übers Haar, lecken an deinem Hals, graben ihre Nägel in dein Hemd, streicheln deine Hose, die sich beult, und säuseln dir feuchte Obszönitäten ins Ohr: »Du bist so süß, dass ich dir gern einen bla..., würde. Monique, sieh mal was für ein Süßer! Steck mir doch seine Hand ins Höschen, damit er spüren kann, wie feucht ich bin..«
Ja, ja man glaubt ihnen aufs Wort. Man vergisst, dass man sie bezahlt. Hier bin ich der Hahn im Korb der Luxushühner. Am Tisch im Extraraum nuckle ich an Silikontitten. Sie hätscheln mich. Lange Zungen legen sich auf mein Gesicht. Ich hebe zu meiner Rechtfertigung an:
»Um den Wagen zu reparieren, bringt man ihn in die Werkstatt. Baut man ein Haus, nimmt man tunlichst den besten Baumeister. Wenn man krank wird, möchte man einen kompetenten Arzt. Warum sollte die körperliche Liebe der einzige Bereich sein, in dem man nicht auf Spezialisten zurückgreift? Wir sind alle Prostituierte. Fünfundneunzig Prozent der Menschen würden mit jemandem schlafen, böte man ihnen dafür zehntausend Euro an. So manche Frau würde dir schon für die Hälfte einen bla... Sie wird zwar beleidigt tun, doch sie wird es deiner Frau oder Freundin nicht erzählen, aber ich denke, für die ganzen zehntausend machst du mit ihr, was du willst. Wenn du willst, kriegst du beinahe jede, alles nur eine Frage des Tarifs: Liebe ist; nicht immer, aber meistens Heuchelei: Vor allem hübsche Mädchen verlieben sich in Männer, die ganz zufällig Geld wie Heu haben und ihnen ein schönes Luxusleben bieten können. Sind das keine Nutten? – Eben.«
Heute spiele ich wieder den knallharten Provokateur, aber eigentlich bin ich gar nicht so. Ich gehe nicht aus Zynismus zu Prostituierten, ganz im Gegenteil, ich tu das aus Angst vor der Liebe. Sie geben dir Sex ohne Gefühlsduselei, Lust ohne Herzschmerz.
Mit den Prostituierten wird das Falsche zu einem Moment des Wahren. Du bist endlich du selbst. Gerda gegenüber muss ich mich bemühen, mich beruflich aufplustern, mich brüsten, mich besser machen, als ich bin, also ständig lügen: Da verkörpert der Mann die Hure.
Im Bordell dagegen, versucht man nicht zu gefallen oder Eindruck zu schinden. Das Bordell ist der einzige falsche Ort, wo der Mann, wahr, schwach, schön und verwundbar ist.
Ich bezahle viel Geld für die Freudenmädchen, aber sie kommen mich billiger als wäre ich ein Jahr mit Gerda verheiratet. Ich bin zu empfindsam, als dass ich noch einmal riskieren könnte, mich zu verlieben mit allen Konsequenzen: Herzklopfen, Gefühlsausbrüche, plötzliche Ernüchterung, großes Gezeter: Ich kenne nichts Romantischeres, als ins Puff zu gehen. Nur wahrhaft sensible Wesen müssen bezahlen, um großen Herzschmerz zu meiden.
Mit vierzig haben alle ihren Panzer umgelegt: Nachdem sie ein paar Mal Liebeskummer hatten, fliehen Frauen die Gefahr, indem sie mit alten Trotteln ausgehen, die sie in Sicherheit wiegen: Männer lieben lieber gar nicht und legen Mädchen oder Huren flach; alle kapseln sich zu, keiner will sich mehr lächerlich oder unglücklich machen.
Manchmal trauere ich dem Alter nach, wo Lieben noch nicht wehtat. Mit sechzehn bin ich mit Mädchen ausgegangen und habe mich leichten Herzens von ihnen getrennt oder sie sich von mir; das war in wenigen Minuten erledigt. Warum ist später alles so bedeutsam geworden? Logisch betrachtet müsste es umgekehrt sein: Dramen in der Jugend, Leichtigkeit ab beginn des grauen Haarwuchses. Aber es ist nicht so. Je älter man wird, desto sensibler wird man. Mit vierzig ist man viel zu vernünftig.
Anschließend gehe ich nach Hause, werfe ein Schlafmittel ein und träume nichts. Nur so gelingt es mir, Gerda für ein paar Stunden zu vergessen.
*
Gerda hat mich verlassen, als ob das so beiläufig wäre.
Ich frühstücke allein. Früher hatte ich zu viele Freunde, jetzt habe ich keine mehr.
Das heißt, ich hatte ja nie wirklich welche.
»Lass mich dich verlassen, lass mich gehen. Wir sind nicht verheiratet, lass mich wieder zum Jungspund werden«, sagte ich zu ihr.
Ich gehe ohne Brille aus dem Haus, weil ich nicht weiter als einen Meter sehen will. Die Kurzsichtigkeit ist mein letzter Luxus. Alles ist so wunderbar verschwommen. Alles ist Oberfläche.
Ich sollte mich zusammennehmen. Mich benehmen. Schließlich stehe ich an der Spitze der Konsumgesellschaft.
In der Mittagspause bestelle ich mir ein Gänseleber- Sushi aus der Pfanne mit Sichuan- Pfeffer und Orangen- Chutney an einer Kalbsfondsauce mit Sojasprossen und Balsamicoessig.
Ich sehe ein Mädchen lächeln.
Ich liebe sie. Sie wird es nie erfahren.
Verflucht.
Das war eine schöne Minute.
Am Abend an die Bar gestürzt, träume ich von neuen Frauen. Es hat lange gedauert, bis ich wusste, was ich vom Leben will: Einsamkeit, Stille, Glenfiddich saufen bis zum abwinken, Lesen, oder gar selbst Bücher schreiben und ab und zu mit einer sehr schönen Frau vö..., die du danach nie wieder sehen musst.
Ich möchte auf einer Wiese liegen, in den Himmel schauen und heulen, denn in der modernen Welt ist jeder unglücklich: Die Arbeitslosen sind unglücklich, weil sie keine Arbeit haben, die Arbeitenden sind unglücklich, weil sie arbeiten müssen. Die verheirateten sind unglücklich weil sie verheiratet sind, der Rest weil sie alleine sind.
Zugegeben: Die Kommunikation unter den Menschen trägt die Hauptschuld an allem: Jeden Tag holst du dir Botschaften von vier verschiedenen Stellen; vom AB in deiner Wohnung und dem in deinem Büro, von der Mailbox deines Handys und vom Server deines Microschrotts...
Nur in deinem Briefkasten herrscht gähnende Leere. Du bekommst keine Liebesbriefe mehr.
Nie wieder wirst du Blätter entfalten, mit Herzblut in scheuer Schönschrift geschrieben, tränendurchnässt und nach Liebe duftend, mit der sorgsam geschriebenen Adresse auf dem Umschlag und einer Mitteilung an den Zusteller:
›... Lieber Briefträger, zaudre nicht viel und bring diese Botschaft schnell an ihr ersehntes Ziel ...‹
Die Menschen sind unglücklich und so mancher nimmt sich das Leben, weil er mit der Post nur noch Werbung kriegt...
Ja, so ist es heutzutage. Träumt süß, vergesst nicht ab und zu einen Brief an eure Lieben zu schreiben. Und stellt vor allem keine Fragen! Hier gibt es kein WARUM?

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