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November 2005
Dessous mit Spitzen
von Ulrike Lauterberg

Bei der Suche nach den Unterlagen für meinen Kurantrag, öffnete ich Ritas Schreibtischschublade. Ich nahm einen Stapel Umschläge heraus und sah sie durch. Aus einem fiel ein Foto. Ich hob es auf und erstarrte. Kein Zweifel. Sie war es. Rita war auf dem Bild, meine so schöne und junge Frau. Aber es war keine gewöhnliche Fotografie. Nein. Sie räkelte sich anscheinend wohlig und fast nackt auf der Treppe, die zu unserm Schlafzimmer führte. Alles was sie am Körper trug, waren fetzenartige, lachsfarbene Teile, mit Spitze besetzt. Rita würde Dessous dazu sagen. Mich überkam Übelkeit. Ich fragte mich, wer auf den Auslöser gedrückt und sie so gesehen hatte. Wen lächelte sie in dem Moment leidenschaftlich, fast verrucht an? Und dieser Blick, ich kannte ihn gut. Er sendete tiefere Gefühle aus. Nur dass diese offensichtlich nicht für mich bestimmt waren.

Ich ließ mich auf den nächsten Stuhl fallen. Meine Hände zitterten. Jegliche Kraft wich aus ihnen. Die Fotografie entglitt mir und fiel zwischen die Füße.

Zwanzig Jahre jünger war Rita und ich erinnerte mich an die Worte meines Bruders. Vor zehn Jahren, kurz vor unserer Heirat, sagte er: ”Die wird sich irgendwann was Knackigeres suchen. Du wirst es bereuen, eine so junge Frau gewählt zu haben.” Wenn bewundernde Blicke jüngerer Männer auf Rita geworfen wurden, dann war dieser Satz wieder präsent in meinem Kopf. Hatte er also Recht behalten. Ich fühlte mich gedemütigt und dachte darüber nach, ob noch weitere Fotographien vorhanden waren. Mit spitzen Fingern nahm ich das braune Kuvert vom Tisch und hielt es mit der Öffnung nach unten hoch. Es fielen weitere erotischen Bilder heraus, als ich es leicht schüttelte. Ich war entsetzt und fühlte mich nicht in der Lage, sie vom Boden aufzuheben. Wie eingefroren blickte ich auf die Ablichtungen. Mal rekelte sie sich auf dem Sofa, mal auf unserem Bett. Ihr blondes, langes Haar legte sich dabei schmeichelnd um ihre Schultern oder fiel ihr wild ins Gesicht. Immer in der gleichen, knappen Bekleidung lag oder saß sie da und blickte liebevoll, fast sehnsüchtig in die Kamera. Ihren schlanken, Körper und ihren vollen Busen hatte sie dabei gut in Pose gesetzt, ohne dass es schmutzig wirkte. Sie betrügt mich, das war der einzige Gedanke, der mich in dem Moment beherrschte.

Nachdem ich an diesem Nachmittag mehrere Glas voll Weinbrand die Kehle heruntergeschüttet hatte, steckte ich alle Fotos in den Umschlag und legte sie in die Schublade zurück. Wut und Enttäuschung machte sich derweilen in mir breit. Nichts würde ich mir anmerken lassen - ich brütete insgeheim einen Plan aus. Ich hatte vor mich zu rächen, sie zu strafen. Bald wollte ich sie damit konfrontieren. In zwei Wochen war unser Hochzeitstag. Meinen Ehering wollte ich ihr schenken und sie würde verstehen, dass sie mich verloren hatte. Wie konnte sie mir nur jeden Tag aufs Neue sagen, dass sie mich liebt? Diese Lüge. Diese Abgebrühtheit. Sich mit einem anderen treffen und das in unserem Haus?
Wühlend bohrte ein großer Schmerz in mir und der hielt an bis zum achtzehnten Mai, unserem Hochzeitstag.

Als dieser Tag kam, war ich bereit sie zu demütigen. Mit Genugtuung hatte ich mir oft die Szene ausgemalt. Ich sah, wie sie voller Freude mein hübsch verpacktes Geschenk auswickeln und meinen goldenen Ring anstarren würde und dann realisiert, dass ich alles weiß. Ich konnte es schon sehen, wie ihr fröhlicher Gesichtsausdruck vor Entsetzen zur Maske erstarrt.

Während des Frühstücks lächelte ich Rita an und nahm ihre Hand: ”Mein lieber Schatz.”, sagte ich. ”Erst wenn die Gäste da sind, bekommst du mein Hochzeitsgeschenk. Solange wirst du dich gedulden müssen.” Sie erwiderte das Lächeln und drückte meine Finger. “Das macht nichts Thomas, aber ich kann dir nicht erst heute Abend mein Geschenk geben, ich muss es jetzt gleich tun.”
Mach was du willst, dachte ich und antwortete: ”Jetzt schon? Da bin ich aber gespannt.”
Sie stand vom Tisch auf und holte ein bunt eingepacktes Päckchen, mit einer roten Schleife aus dem Schrank. In meinem Kopf hämmerte es: Welch ein Hohn. Wie gut sie es versteht ihre Rolle zu spielen.
Sie hatte sich hinter mich gestellt, und beugte sich über meine Schulter. Das Päckchen ließ sie in meine Hände gleiten. ”Hier mein Liebling”, hauchte sie mir ins Ohr. Ein wohliger Schauer lief über meinen Rücken - wie immer, wenn sie mir so nahe kam. Ich überlegte, ob der andere ähnlich empfand. Gibt er ihr mehr, als ich? Ist er attraktiver? Ich hätte sie jetzt gerne an mich gezogen, doch meine Wut hinderte mich daran. Seit jenem Tag hatte ich Rita mit anderen Augen angesehen, und ich musste feststellen, dass sie hübscher wirkte, strahlender, nein, glücklicher. Mein Kopf fand keine Ruhe.
Was nur gibt er ihr, was ich nicht schon alles gab? Ist es tatsächlich der Altersunterschied? Sie wollte doch ein Kind mit mir. Ihre biologische Uhr würde ticken, erklärte sie ständig. Ob er jünger ist als ich? Ich sehe immer noch gut aus, bin schlank, jogge täglich um fit zu bleiben. Was soll’s. Vorbei ist vorbei ... Sie bekommt heute den Ring. Ich muss ihn nachher nur noch verpacken.
”Nun mach es endlich auf!”, unterbrach Rita meine Gedanken.
Nachdem ich die Schleife abgezogen und das Papier knisternd entfernt hatte, kam ein schwarzes Kästchen zum Vorschein. Oben drauf sprangen mir handgeschriebene Zeilen in Silberschrift ins Auge. ”Für Dich mein Liebling, zum 10. Hochzeitstag.” Fragend sah ich zu Rita hoch, die lächelnd und erwartungsvoll auf mich blickte. Ich hob den Deckel ab und erschrak. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und in meinen Ohren rauschte es. Ich blickte auf das gleiche Foto, das mir vor zwei Wochen in die Hände gefallen war. Das Bild mit meiner Frau, auf der Treppe, mit ihren Augen, die so viel Gefühl ausdrückten, in den lachsfarbenen Dessous mit Spitzen. Diese Aufnahme war größer und sie lächelte jetzt hinter Glas, umgeben von einem goldenen Plexiglasrahmen. Sprachlos sah ich zu Rita hoch.
”Gefällt es dir nicht?”, fragte sie. ”Warum sagst du nichts?”
”Doch, doch.”, stotterte ich. ”Es ...” Ich räusperte mich, um einen Kloß im Hals zu beseitigen. ”Es ist schön. Nein, es ist sogar wunderschön. Das ist für mich?”
”Na ja, für wen denn sonst?”, lachte Rita. ”Ich glaube fast, dass es dir nicht gefällt, wenn ich mir deinen entsetzten Gesichtsausdruck betrachte. Mein lieber Thomas, das war harte Arbeit. Ein ganzer Vormittag ging dabei drauf und ohne Sabine hätte ich das gar nicht geschafft.”
”Sabine hat dir geholfen? Deine Freundin? Ja, es ist wirklich ein sehr schönes Foto.” Das war alles, was ich krächzend heraus bekam.
”Thomas, ich schenke es dir, damit du auch in den kommenden Monaten ab und zu deine Sexywomen anschauen kannst, denn ...” sie kicherte, lief zum Schrank und nahm ein weiteres Geschenkpäckchen heraus. ”... ich habe noch eine weitere Überraschung für dich.” Wieder stellte sie sich hinter mich und hielt mir das Päckchen vors Gesicht. Ich blickte über meine Schulter und sah sie an. Ihre Augen begannen erwartungsvoll zu leuchten, als sie befahl: ”Los, auspacken!”
Ich nahm es ihr aus den Händen und zupfte ungeschickt am Papier herum, bis ich voller Verwunderung ein paar weiße Turnschuhe von Puma erblickte. Die waren jedoch so klein, dass sie in meiner geschlossenen Hand hätten verschwinden können. Ich blickte Rita verständnislos an. Sie umarmte mich von hinten, drückte ihre Wange an meine und flüsterte: ”Thommi, ich werde bald kugelrund sein. Du wirst Vater.”

War in mir zuerst nur große Verwirrung, so wellte bald ein warmes Glücksgefühl durch meine Seele und zerbrach die dunkle Mauer der Wut, die mich blind werden ließ. Ich stand mit weichen Knien auf und nahm Rita schweigend, aber fest und liebevoll in den Arm. Mein Gesicht verbarg ich an ihrer Schulter. Sie sollte nicht die tiefe Beschämung sehen, die in meinen feuchten Augen zu entdecken war.

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