Ganz schön bissig ...
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November 2005
Der Sportunfall
von Marlene Geselle

Der Dienstagnachmittag ist für die dicke Hausfrau eigentlich eine ganz gemütliche Angelegenheit: die kleine freche Tochter zum Sportunterricht bringen, die Zeit zum Shoppen nutzen, das liebe Kind wieder abholen, nach Hause fahren, Kaffee trinken. Hausfrauenherz was willst du mehr, noch dazu vierzehn Tage vor den Sommerferien!
Mitten in der langen Schlange vor der Supermarktkasse klingelt Mamas Handy. Die Sportlehrerin ist’s. „Frau G.“, kommt die Dame gleich, wenn auch ein wenig atemlos zur Sache. „Es hat da einen bedauerlichen Unfall in der Sporthalle gegeben. Ihre Tochter ist bei den Proben für die Tanznummer aus Versehen mit einem Mitschüler zusammengestoßen und hat sich den Knöchel verstaucht, sagt der Doktor.“
Da kriegt die dicke Hausfrau erst einmal nen tüchtigen Schreck. Den randvoll gepackten Einkaufswagen einfach an die Seite geschoben, sich an einem Dutzend verdutzt guckender Leute vorbei aus dem Laden gedrängt, vor der Türe sich alles nochmals erklären lassen. Kurz gesagt: Kind verletzt, eine Fahrt zum Krankenhaus angesagt, die für den späten Nachmittag geplante Fahrt zur Oma erst einmal absagen ... Ach ja, der Papa sollte auch noch Bescheid bekommen. Und die Ruhe bewahren.
Nach knappen drei Minuten steht die gestresste Mama auf dem Schulparkplatz. Auf einem der wunderschön mit Graffiti vollgemalten Betonpoller hockt das Unfallopfer und macht ein tapferes Gesicht. Wegen eines malträtierten Knöchels veranstalten kleine freche Töchter noch lange kein Theater. Ein Unfall ist schließlich kein Weltuntergang! Und ein Mädchen keine Memme!
Der Arzt erklärt der dicken Hausfrau kurz Art und Schwere der Verletzung (simple Verstauchung, soweit man das vor Ort und ohne größeren technischen Aufwand klären kann). Sein Rat: Man möge doch bitte mit dem Kind zur Unfallambulanz fahren, des Röntgens und der weiteren Versorgung wegen. Gesagt getan: Die Mama nimmt das liebe Kind nebst Ranzen, Sporttasche und Unfallbericht (schnell noch ausgefüllt) entgegen.
„Ach Frau G.“, hat der Doktor noch eine Bitte. Zeigt dabei auf einen jungen Burschen, der auf einem anderen Betonpoller hockt, auch nicht mehr so ganz taufrisch, bis dato von allen unbeachtet. Aus diesem Grunde leicht beleidigt, reibt er sich theatralisch den verbundenen Knöchel und zieht ein schmerzverzerrtes Gesicht. Mann darf schließlich Gefühle zeigen!
„Der Joachim H. hat sich auch verletzt bei dem Zusammenstoß. Leider konnten wir bei Familie H. niemanden erreichen. Sie sind doch so nett ...?“
Selbstverständlich ist die Mama so nett. Die beiden Unfallopfer nebst umfangreichem Gepäck und Papierkram werden vorsichtig im Auto verstaut, ab geht’s nach S. zum Krankenhaus. Erst jetzt kommt frau dazu, sich nach der Vorgeschichte zu erkundigen.
„Das war so, Mama“, wird die dicke Hausfrau von der kleinen frechen Tochter gebrieft. „Der Joachim sollte beim Tanzen nach links springen, so wie wir anderen auch. Aber er ist nicht nach links, sondern nach rechts gesprungen. Und das hat sein Knöchel nicht vertragen.“
„Na, Töchterchen“, schüttelt die dicke Hausfrau da den Kopf. „Dein Fuß sieht aber auch nicht besser aus. Und überhaupt“, das fällt der Mutter jetzt erst ein. „Was hat das mit dem Tanzen auf sich? Ich denke, ihr macht gerade Bodenturnen?“
„Wir proben schon für das Schulfest, Frau G.“, meldet sich Joachim H. zu Wort. „Wir machen den Tanz aus ‚Rocky Horror Picture Show’. Sie wissen doch: ‚Jump to the left ...’ Nur, dass ich nicht nach links, sondern nach rechts gesprungen bin. Tut mir Leid, war wirklich keine böse Absicht.“
Da hat sich die dicke Hausfrau erst einmal am Lenkrad festhalten müssen und schlucken, ehe sie was sagen konnte.
„WAS übt ihr da ein?? Die Rocky Horror Picture Show nebst Tanzeinlage? Ich glaube, mit euren Lehrern muss ich mal ein ernsthaftes Wort reden. Im Religionsunterricht nehmt ihr Sekten durch. In Kunst knetet ihr die passenden Wachspüppchen dazu. Macht ihr nur noch Blödsinn in der Schule? Oder was? Von Hanf und Bongs in Sozialkunde will ich da ja gar nicht erst reden. Zur Hundertjahrfeier der ehrenwerten Lehranstalt gibt’s natürlich was für Freaks.“ Die arme Frau muss zwischendurch tief Luft holen, ehe sie die eigentlich bedeutende Frage stellen kann. „Und warum bist du nicht einfach nach links gesprungen, junger Mann?“
„Nicht böse sein, Frau G. Hab ganz einfach die Vokabel für ‚Links’ mit der für ‚Rechts’ verwechselt. Und dabei ist’s dann passiert. Ehrlich, war keine Absicht.“
„Ich glaub, das kriegen wir aufn Grabstein“, seufzen die lieben Kinder unisono zum krönenden Abschluss des Kurzberichts.
„Sagt mal ihr Beiden, wie geht das denn jetzt weiter mit euch? So, wie ich die Sache mitbekomme, ist’s mit dem Tanzen erst einmal vorbei. Ihr könnt froh sein, wenn ihr morgen nach Hause dürft.“
„Ach Mama“, beruhigt das liebe Kind die besorgte Mutter. „Das haben wir schon mit der Lehrerin abgesprochen. Frau M. meint, wir sollen uns lila Bandagen machen lassen und mit denen einfach mithumpeln. Wenn die Eltern einverstanden sind, heißt das.“
„Na schön“, seufzt da die dicke Hausfrau. Tatendrang statt Drückebergerei muss ja schließlich auch belohnt werden. „Aber nur, wenn du vorher deine Englischvokabeln lernst.“
„Ach, Frau G.“, meldet sich das zweite Unfallopfer zu Wort. „Mein Vater ist gerade auf Montage und meine Mutter muss dem Opa bei der Ernte helfen. Könnte ich da mitlernen?“
„Kannst du, Junge. Die Hauptsache ist, ich muss nicht selber tanzen.“

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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