Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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November 2005
Herzschlag mittelmäßig
von Linde Felber

Catherina steckte den Schlüssel ins Schloss, da riss Oliver die Tür auf, fuchtelte mit einer Mappe vor ihrer Nase herum und schrie:
„Was, bitte, ist das?“ Er betonte jedes einzelne Wort. Catherina blickte ihn verdutzt an und beeilte sich, die Wohnungstür zu schießen. Jeden ersten Donnerstag im Monat kam sie um Mitternacht nach Hause. Von zwanzig bis dreiundzwanzig Uhr schrieben sie sich die Finger wund, fabrizierten Geschichten und diskutierten darüber. Seit einem halben Jahr war diese Schreibgruppe ein Fixpunkt in ihrem Leben!
Hatte Oliver nicht freiwillig und gut gelaunt angeboten, auf ihre beiden Kinder aufzupassen? Sie konnte sich noch genau an sein „Bleib, solange es dir Spaß macht“, erinnern.
Irritiert stellte sie die Tasche auf den Boden und schlüpfte aus dem Mantel.
„Kannst du mir das erklären?“, brüllte er.
Catherina hob den Zeigefinger an den Mund. „Du weckst die Kinder.“
Er drängte seine Frau ins Wohnzimmer, feuerte die Mappe auf den Tisch.
„Diese Geschichten, sind das deine Memoiren? Bist du dieses Luder, das seinen Mann betrügt? Bin ich der Trottel, der sich das gefallen lässt?“
Seine Augen flackerten unstet, seine Stimme nahm einen weinerlichen Ton an. Er schlug die Hände vors Gesicht.

“Nicht schon wieder!“, dachte Catherina und nutzte die Atempause, um ein Glas Wasser zu holen. Dieses Manuskript hatte sie ganz hinten in ihre unterste Schreibtischschublade gelegt. Sie hatte geahnt, Oliver würde es missverstehen, wie die meisten ihrer Texte – besonders wenn er betrunken war. Das letzte Thema war dem Seitensprung gewidmet. ‚Alles niederschreiben was Euch einfällt. Korrigiert wird später!’, war Vorgabe gewesen und Catherina hatte sich kompromisslos darauf eingelassen.
Sie stellte das Getränk auf den Tisch, setzte sich Oliver gegenüber.
„In diesem Text“, Catherina zeigte auf das Geschriebene, „steht das Leben meiner Protagonisten und das habe ich erfunden, Oliver, hörst du, erfunden. Du hattest kein Recht, in meinen Sachen zu wühlen!“
Klitzekleines Bedauern blitzte in seinen Augen auf, der nächste Schluck Whisky machte es zunichte.
„Du hast mich betrogen“, schrie er, „wie die Schlampe in deiner Geschichte. Gib es zu!“
Catherina trank einen Schluck Wasser, es schmeckte schal. Sie stand auf. „Ich bin müde, ich geh ins Bett. Wir reden morgen.“
„Das könnte dir so passen! Bleib gefälligst da! Ich bin noch nicht fertig.“ Er stockte, packte Catherina am Arm: „Wer ist ER?“
„Wer - ER?“
„Dein Liebhaber aus der Geschichte. Sag’s mir!“
In seiner Stimme schwang Selbstmitleid und sein Gesichtsausdruck wechselte zwischen Wut und kindischer Verzweiflung.
Catherina riss sich los.
„Oliver, du bist betrunken, hör auf!“
Er murmelte etwas Unverständliches, suchte nach einer Textstelle die er gelb markiert hatte, erhob sich und las: ‚Liane und Frank waren verheiratet. Sie liebten sich bei Tag auf sommerwarmen Wiesen und bei Nacht unter funkelndem Sternenhimmel. Sie waren glücklich, alles passte, bis auf die Namen ihrer Ehepartner. Diese waren nicht Liane und nicht Frank.’
„Na, wie rechtfertigt sich die Schriftstellerin?“, höhnte er.
“Niemand kann über so etwas schreiben, wenn er es nicht selbst erlebt hat. Gib es endlich zu!“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Gläser klirrten.
Catherina verspürte ein Brennen in der Kehle. Erinnerungen an eine ausgelassene Feier mit Freunden stiegen in ihr auf: Oliver, hinreißend witzig, charmant beschwipst, sein heißes Werben um die andere, sein Verschwinden mit der anderen. Wie mit Blut übergossen hatte sie dagesessen, unfähig zu reagieren. Sie hatte sich so geschämt wie noch nie in ihrem Leben und später überlegt wegzugehen, eine Wohnung zu suchen, Arbeit. Doch die beiden Kinder liebten ihren Vater. Und Mutter predigte immer: ‚Catherina, es kommt bestimmt nichts Besseres nach. Glaub mir, die Männer sind alle gleich – Männer, eben!’
Seit einem halben Jahr flehte Oliver um Verzeihung, schwor, dass so etwas nie wieder passieren würde, schleppte Blumensträuße an, schenkte ihr ein wunderschönes Goldarmband. Sie mochte es nicht. Genauso wenig wie sie sein Trinken mochte.
Wut stieg in Catherina auf. „Du hast der anderen damals vor meinen Augen den Hof gemacht, hast mit ihr geschlafen. Ich hätte Grund, dir Vorwürfe zu machen und mich zu betrinken, nicht du!“
Oliver setzte zum Sprechen an: „Komm her ..., bin betrunken, zu viel Whisky, verzeih mir ...“
Er ließ sich auf die Couch fallen, blieb wie betäubt sitzen und begann zu schnarchen. Catherina musterte ihn. Ein Karpfen, der nach Luft schnappte. Speichelfäden tropften auf sein Hemd.
Catherina schaute aus dem Fenster. Die orangefarbene Sichel des Mondes hing am Himmel wie eine Schaukel. ‚Aufsitzen. Fliegen.’
’Träumerin’, wurde sie von ihrer Mutter immer geschimpft. „Komm in die Wirklichkeit zurück. Machst wegen eines einzigen Ausrutschers so ein Theater. Siehst du nicht, wie Leid es ihm tut? Willst du den Kindern ihren Vater wegnehmen und dir das schöne Leben ohne Geldsorgen? Und alles nur, weil er dich einmal betrogen hat und hie und da einen über den Durst trinkt? Ich bitte dich!“
’Hie und da?’, Catherina fixierte die Whiskyflasche auf dem Tisch: Leer bis auf den letzten Tropfen. Gestern war sie noch halbvoll gewesen! Sie starrte zum Mond hinauf. Ihr Herz sehnte sich danach, wieder vor Liebe zu brennen und nicht nur mittelmäßig zu schlagen. Sie blinzelte durch einen Tränenschleier.

Zwei kräftige Arme umschlangen sie. Oliver war aufgestanden, drückte sie an seinen Körper. Sie spürte sein pochendes Herz an ihrem Rücken, sein Verlangen, roch seine Alkoholfahne. Ekel und Abwehr verdrängten ihr aufkommendes Mitleid. Sie drehte sich um. „Oliver, was ist aus dir geworden?“ Er setzte ein verlegenes Grinsen auf. „Friede?“ fragte er.
Catherina straffte die Schultern und blickte ihm fest in die Augen. „Ich hab solche Szenen schon viel zu lang ertragen, ich hab sie so satt. Ich verlasse dich.“
„Das wirst du nicht!“ Er streckte die Arme nach ihr aus.
Sie trat einen Schritt zur Seite. Er stolperte, stieß im Fallen an die Vitrine und knallte auf den Boden. Blut floss aus seiner rechten Schläfe. Catherina wählte die Nummer der Rettung. Zehn Minuten später kamen zwei Sanitäter und hoben ihn auf eine Trage.
„Kommen Sie mit?“
„Ich kann die Kinder nicht allein lassen, muss erst meine Mutter anrufen.“

„Mama, Oliver ist im Krankenhaus, er ist hingefallen, hat sich verletzt. Er war wieder betrunken.“
„Catherina, es ist dreizehn Uhr, du sollst mich um diese Zeit nicht anrufen. Du weißt, ich brauche meinen Mittagsschlaf! Kann das nicht bis später warten?“
„Nein“, sagte Catherina, es kann nicht mehr warten. Ich wollte dir nur sagen, ich wohne mit den Kindern bei meiner ehemaligen Schulfreundin und komme nicht mehr zurück. Schlaf weiter, Mama, und träum was Schönes!“

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