Bitte lächeln!
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November 2005
Rastafahndung
von Susy Clemens

I’m a Black Samourai”, schallt es aus den Boxen.
A bright light in your black night –
Black Samourai – preachin’ love to the twilight -
What a shivaaa...
” *
Ein Stockwerk tiefer wird die Wohnzimmertür geräuschvoll zugeworfen. Aus Trotz drehe ich den Lautstärkeregler noch ein wenig mehr nach rechts, nehme nur die Bässe raus. Kann ich etwa was dafür, wenn Joseph diese Musik nicht gefällt? Er war es, der mich vor einigen Jahren auf den Reggae gebracht hat und mir schließlich diese gewaltigen Boxen schenkte. Nun muss er damit leben.

Ja, ich weiß: ich habe eine Macke. Mein Mann schickt mich deswegen zum Psychiater, der übrigens Dr. Smoke heißt. Der lacht nur und meint:„Steht Ihnen gut, Ihre Macke. Sie wirken wie ein junges Mädchen, wenn Sie von ihm reden. Gehen Sie hin, schütteln Sie ihm mal die Hand!“
Ich werde hingehen, aber wenn es dazu käme, dass ich ihm wirklich „die Hand schütteln“ dürfte, würde ich wahrscheinlich bei lebendigem Leibe verbrennen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor.
Vor einem Jahr fing alles an. Beim Geschenkekauf für meine Tochter, die Geburtstag hatte, sah ich sein Portrait auf einer CD und wusste instinktiv: das ist meine Muse, er ist es, der mich inspiriert. Ich bin Schriftstellerin – Kurzgeschichten sind mein Metier – und lasse gern meinen Mann durch meine Stories geistern, weil er so einen gesunden, trockenen Humor hat. Meistens jedenfalls. Da er unerkannt bleiben will, hatte ich mir angewöhnt, ihn ein bisschen schwarz einzufärben. Der Leser bekam sozusagen ein Negativ zu sehen. Doch woher kamen diese Bilder? Schon seit zehn Jahren wohnte ich nicht mehr in der Ahornhüttengasse, wo wir einen schwarzen Nachbarn gehabt hatten. Und der ähnelte Joseph ganz und gar nicht.
Ohne die Musik anzuhören, kaufte ich die Scheibe in dem Ich-bin-doch-nicht-blöd-Laden. Wie jede große Leidenschaft begann es langsam. Zuerst gefielen mir nur ein paar Stücke auf der CD, dann fing ich an, im Netz zu forschen und fand 80 000 Einträge, wenn ich seinen Namen eingab. (Inzwischen sind es 507 000).
Mein Mann Joseph knallte die Türen zu und fuhr in die Stadt zum Bier trinken, wenn ich seine Musik hörte. Die CD-Sammlung wuchs. Die Stücke wurden auf Kassetten überspielt, und wenn ich im Auto durch die Gegend fuhr, drehte ich auf volle Lautstärke. Bei manchen Liedern – fast alle von ihm selbst geschrieben – bekam ich eine Gänsehaut oder die Tränen liefen mir übers Gesicht. Nicht gerade ungefährlich, so Auto zu fahren.
Das Internet gab eine Menge her. Mittlerweile kenne ich sein Lieblingsgericht und seine Schlafgewohnheiten. Der „Erste Bandit“, wie sein Künstlername übersetzt lautet, ist genauso alt wie ich – nur 27 Tage trennen unsern Eintritt in diese Welt.
Auf verschiedenen Kontinenten aufgewachsen, haben wir als Jugendliche dieselbe Musik gehört, Deep Purple, Richie Heavens, Pink Floyd und natürlich die Stones. Zog es mich als junges Mädchen nach Indien, nahm er ein Studium in Amerika auf. Als ich mich mit Sanskrit beschäftigte, lernte er Englisch und Wirtschaftswesen. Mit Ende Zwanzig – ich war nach einem schweren Unfall lange im Krankenhaus – landete er für zwei Jahre in einer Nervenheilanstalt.
Sobald ich bei meinen Netzforschungen an diesem Punkt angelangt war, wurde Joseph übrigens richtig sauer. „Du legst es aber darauf an!“, meinte er, als ich nächtelang wach blieb, um den „Ersten Banditen“ besser zu verstehen.
Zwei Jahre Irrenhaus – was macht das mit einem Menschen?
„Das willst du doch nicht wirklich wissen!“, brüllte mein Gatte mich an, ehe er mich zu Dr. Smoke schleppte.
Ich mied das Ehebett, lauschte wie betrunken der sinnlichen Stimme meines ebenholzschwarzen Lieblingskünstlers und betrieb weiter meine Forschungsarbeit. Gleich nach der Klapsmühle startete „Der Erste“ seine schwindelerregende Karriere. Er wurde politisch aktiv, veranstaltete Benefizkonzerte für seine ärmeren Brüder und Schwestern, betrieb Strandcafés und zeugte sechs Kinder mit „mehr als einer Handvoll Frauen“.
Verheiratet ist er ebenso lange wie ich. Zur selben Zeit, als ich schluchzend im Wochenbett lag, weil meine Hormone verrückt spielten, soll er einen Selbstmordversuch unternommen haben.
Das muss etwas zu bedeuten haben, dachte ich. Jede Menge Photos von ihm mit Gipsbein – er hatte beim Abgang von der Bühne eine Stufe verfehlt und sich den Fuß gebrochen – inspirierten mich zu einer flotten Geschichte.
Kenne ich überhaupt jemand, der so enorm schwarz ist, fragte ich mich und begann, die Augen nach ähnlichen Exemplaren auf der Straße zu verdrehen. In einer Universitätsstadt gibt es nicht wenige von der Sorte. Joseph, der zwar beim ersten Sonnenstrahl knackig braun wird, ein guter Tänzer und manchmal auch ein feuriger Lover ist, aber absolut nicht schwarz, wurde zunehmend eifersüchtig.
„Willst du jetzt unter die Brickettschlampen gehen?“, schimpfte er. In jeder Stadt gäbe es solche Frauen, die es aus Prinzip nur mit Farbigen trieben. Hätte mit Liebe nichts zu tun. Da er selbst einige Monate allein durch Schwarzafrika gereist war, sah ich ihm den rassistischen Ausdruck nach.
„Mir geht’s nur um den Ersten“, beruhigte ich ihn.
„Ich kann den Namen nicht mehr hören!“ Joseph ließ die Haustür zu krachen und bretterte nach einem Kavaliersstart die Straße hinunter, Richtung Stadt.
Ich warf den PC an und hinterließ eine schwärmerische Nachricht im Gästebuch des Banditen. Auf eine mehr kommt’s auch nicht an, dachte ich. Meine Leidenschaft teile ich leider mit Tausenden von Fans in aller Welt.

Achja, die unendlichen Möglichkeiten der modernen Technik! Ich druckte mir die schönsten Bilder des „Ersten“ aus und tapezierte meinen langweiligen Kleiderschrank damit. Als Joseph am nächsten Abend schüchtern den Kopf zur Tür hereinstreckte, um mir zu sagen, dass er Paella gekocht hätte, tippte er sich gleich darauf an die Stirn und sah aus, als würde er fast in Tränen ausbrechen. Nun ja, er ist der einzige bei uns, der Geld verdient – ich bin kürzlich aus meinem Job rausgeflogen, weil ich mich nicht mehr so gut konzentrieren konnte – und Druckerpatronen seien ziemlich teuer, gab mein Mann mir mit gepresster Stimme zu verstehen. Aber sollte er nicht froh sein, dass ich darauf verzichtete, nachts im Städtchen auf Reggaefeten zu gehen, um mit Rastas in Fleisch und Blut abzutanzen?
Bevor ich Josephs Essenseinladung folgte, musste ich noch rasch Klopapier kaufen. Leider konnte ich das, was Josephs Preisvorstellungen entsprochen hätte, nicht nehmen, denn es trug seinen Namen, und ehe ich zuließ, dass mein Mann sich den Hintern mit „Number One“ abwischte, gab ich lieber etwas mehr Geld aus. Nicht ganz ohne Neid dachte ich an eins der Interviews mit dem „Ersten“, der ein paar Presseleute durch sein rund um die Uhr geöffnetes Restaurant mit Night Club („passt zu meinem Lebensstil“) führt und die Toiletten stolz als „Meditationssäle“ präsentiert.
Zum Essen tischte Joseph einen süffigen Vinho Verde auf, und ich beschloss, ihn später zur Belohnung zu trösten, indem ich ihn in seinem Zimmer besuchte. Sollte ich es wagen, dabei eine meiner Lieblingskassetten aufzulegen? Nein, besser nicht, entschied ich und hörte, während ich mich sparsam mit Patchouli betupfte, über Kopfhörer „Lune de miel“, Honigmond, wo hingebungsvoll geseufzt wird bis zum Sonnenaufgang. Während ich zu Joseph hoch schlich, der im Zimmer über mir schon im Bett lag, fragte ich mich versonnen, ob der „Erste“ seiner koreanischen Ehefrau treu ist und ob er in seinem Alter immer noch so eine Ausdauer hat wie in dem Lied angedeutet wird. Wir hatten sie jedenfalls nicht, und gerade als wir uns als eingespieltes Team, dass wir sind, der koinzidenten Kulmination widmen wollten, passierte mir was Blödes. Anstatt den Namen des Zimmermannes aus der Weihnachtsgeschichte zu stöhnen, seufzte ich „oh, A....“, und das war’s dann gewesen. Mein Mann erstarrte mitten in der Bewegung. Mir schoss flüchtig der Gedanke durch den Kopf, bei Nacht sind alle Kater grau – was hat er denn!
Als Joseph sich von mir zurückzog und sich abwendete, nahm ich leise mein zusammengeknülltes Nachtgewand (ein T-Shirt mit seinem Konterfei, was mein Mann im Dunkeln nicht bemerkt hatte) und stolperte die Treppe hinunter, ehe ich noch mehr als unterdrücktes Schniefen aus Josephs Bett hören konnte.
„Dumm gelaufen“, flüsterte ich dem „Ersten“ zu, dessen strahlendes Lächeln im Schein meiner Lavalampe mich vom Kleiderschrank empfing.
Schlaflos allein in meinem Bett, überlegte ich mir, dass es das Beste wäre, am nächsten Morgen Fischli anzurufen, einen alten Jugendfreund, der mir versprochen hatte, ein Interview mit dem „Ersten“ auf seinem PC abzuspeichern und mir auf CD zu brennen. Seiner Sprechstimme zu lauschen – das würde mich bestimmt beruhigen. Am Ende würde ich vielleicht sogar erfahren, aus welchem Grund er damals wirklich in der Psychiatrie gelandet war. Fischli akzeptiert mich mit meiner Macke, und es würde ihn bestimmt nicht stören, wenn ich mir das Interview sofort anhörte. Er würde einfach solange ins Hallenbad gehen, denn er ist sehr sportlich. Zwischen Joseph und mir herrschte am folgenden Tag eisiges Schweigen. Bevor ich losfuhr, rief ich ihm zu, „ich fahr’ kurz zu Fischli!“
„Das war mir klar“, sagte Joseph bitter. „Bevor du dir ein Flugticket nach Abidjan kaufst, sagste mir aber schon noch Bescheid, oder?“
Das mit der CD hat geklappt. Fischli lachte nur gutmütig und schnappte sich seine Sporttasche, als ich verlangte, es sofort anhören zu dürfen.
In Josephs Gegenwart lege ich das Teil nie auf, hüte es wie ein Kleinod.
Aber ich weiß jetzt, was ich als nächstes tun werde: zu Weihnachten schenke ich mir eine Konzertkarte. Vielleicht singt der „Erste“ „Black Samourai“, das damit endet, dass er unheimlich erotisch „Yes, I...“ ins Mikrofon haucht.
Und vielleicht befolge ich dann den Rat von Dr. Smoke und drängle mich nach vorn, um ihm einmal die Hand zu schütteln.
Joseph wird ganz sicher nicht mit kommen, und ich hoffe, er nimmt es sich nicht allzu sehr zu Herzen, wenn am Ende nur ein Häuflein Asche von mir übrig bleibt.


* der Liedtext stammt von Alpha Blondy

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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