Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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November 2005
Rosa Schweinchen
von Heike Gellert-Diekmännken

Meine Schwester Pia und ich sehen zwar genau gleich aus, aber das ist auch alles. Sie ist die begnadete Malerin, also künstlerisch begabt, ein Stipendium wartet auf sie. Ich will Jura studieren und werde Oberstaatsanwältin. Sie steht auf Ökokleidung-Schlabberlook; ich bin sehr an der aktuellen Mode interessiert.
Gestern entdeckte ich in ihrem Zimmer einen Koffer mit orangefarben Reizwäsche und Strapsen, viel zu teuer für das Taschengeld, das wir bekommen. Ach ja, und dann war da noch so ein rot-schwarzes Notizbuch. Da würde ich gern mal drin stöbern. Jede Nachfrage, auch warum sie sich im Schambereich rasiere, beantwortete sie mit einem Rausschmiss.
Heute ging es ihr nicht so gut. Sie hatte sich mit einem Kamillentee ins Bett gelegt, Paps fuhr zum Markt einkaufen und Mam machte in ihrer Praxis die Jahresabrechnung. In einem günstigen Moment, Pia war tief und fest eingeschlafen, gelang mir ein Blick in dieses ominöse Notizbuch. Neben diesen üblichen Eintragungen einer 19-jährigen wie ISBN-Nummern von guten Büchern, Datum der Menstruation und kleine tagebuchähnliche Notizen fiel mir nichts Besonderes auf - bis auf eine Telefonnummer: 1438. Ohne Vorwahl, also aus unserem Ort. Ich war so neugierig zu erfahren, was sich hier abspielte, also rief ich kurzerhand an. Da meldete sich doch tatsächlich der Karl-Heinz Schetter, Vorstand der Sparkasse, ein so schleimiger Mensch und nennt mich `Pia-Schätzchen´. Wann ich komme, war seine Frage. Dass er mich für Pia hielt, war logisch. Unsere Stimmen klangen am Telefon sehr ähnlich. Aber welches Spiel trieb er wohl mit ihr? Ich erklärte ihm, es könne noch eine Stunde dauern. Da fragte er mich nur noch, ob ich das `Orange´ anziehe. Das machte ich doch glatt. Ich hatte mir nur noch schnell einige Klamotten von Pia aus zu leihen. Sie schlief immer noch tief mit hochrotem Kopf; bestimmt fieberte sie.
Ich hatte einen Plan...
An der Haustür erwartete mich dieser Schetter mit einer einladenden Geste in Richtung verdunkeltes Wohnzimmer, in dem eine Kamera stand. `Oho´, sagte ich zu mir. `Pass auf´. Er erklärte kurz, dass seine Frau erst in zwei Tagen zurück sei. Wir hätten genug Zeit. Er meinte, ich solle mich sofort ausziehen. Doch ich erklärte ihm, ich hätte heute eine Überraschung für ihn.
„Bist du endlich auf den Geschmack gekommen?“ frohlockte er.
Er zog sich also zuerst aus und ich verkniff mir das Lachen, weil der Kerl Boxershorts mit rosafarben Schweinchen anhatte. Aus dem mitgebrachten Koffer nahm ich ein großes Seidentuch, zart duftend, damit band ich Schetter die Äuglein zu. Er schmunzelte – noch. Dann waren die Hände dran, und zwar am Bein vom Tisch mit der schweren Marmorplatte. Nun folgte mein großer Auftritt. Ich war bereit - nahm eine Pipette, füllte sie mit dem mitgebrachten ätherischen Öl und gab einen einzigen Tropfen auf ein rosafarben Schweinchen.
Jetzt erklärte ich ihm, welche Gefühlzustände ich ihm entlocken konnte.
„Eukalyptus, Karl Heinz,“ sagte ich. „Im geistig-seelischen Bereich wirkt Eukalyptus erfrischend und anregend. Es steigert die Konzentrationsfähigkeit und unterstützt das logische Denken. Es kühlt Hitzköpfe und erregte Gemüter. Hilft gegen Akne, Geschwüre und Insektenstiche. Und nicht zu vergessen wirkt es gegen Schuppen. Na, wird es kühler? Die Verdunstung des Eukalyptus verhindert das Ausbreiten von Keimen im Raum und bietet deshalb Schutz vor ansteckenden Krankheiten. Es ist aufmunternd bei Lethargie. Fühlst du dich jetzt besser?“
Bei dem Wort `Lethargie´ versuchte Schetter, seine Hände von dem Seidentuch zu lösen. Ich nahm nochmals einen Tropfen für das nächste rosafarben Schweinchen.
„Sandelholz. Spielt in Indien seit Tausenden von Jahren eine herausragende Rolle in der hinduistischen Religion; insbesondere wird es bei Ritualen benutzt. Aber aufgepasst: Es enthält Borneol, eine kampferähnliche Verbindung. Ist nicht so wichtig. Teresantalsäure ist auch noch drin. Wie gefällt dir der Duft? Der kommt von dem Santanol“.
Jetzt hatte er bemerkt, dass ich Pias Zwillingsschwester Lea war.
„Zitrone kann auf empfindlicher Haut bei Sonneneinstrahlung Irritationen verursachen. Zeder wirkt geistig-seelisch beruhigend, stärkend, aufbauend, tröstend, wärmend. Hilft bei Angst, nervösen Spannungen, Aggressionen, Ärger, seelischer Entwurzelung oder beim Fehlen innerer Würde“.
Schetter war schon lange nicht mehr in seinem Siebten Himmel. Er fing an zu strampeln.
„Lea“, schrie er. „Was soll der Quatsch? Wo ist Pia?“
„Ysop. Man nennt es auch Eisenkraut, lateinisch Hyssopus officinalis. Aber Achtung! Es darf nicht ins Bad, nicht in Massageöl. Es enthält Ketone. Das ist ein Aceton; ein Lösungsmittel. Terpene und Hyssopin ebenso, aber das ist im Augenblick nicht so wichtig. Ysop wirkt wie ein frischer Morgen voller unverbrauchter Energie; wenn alles noch neu ist und man neugierig darauf ist, was alles Schönes kommen mag. Es kühlt und erfrischt, gibt Energie und Dynamik. Es hilft bei Müdigkeit, Apathie, Lustlosigkeit, verflixte Werktage im Büro“.
Schetter zerrte an dem Seidentuch.
„Nimm´ mir die Fesseln ab. Ich tue auch alles, was zu willst“.
Ich nahm noch ein Seidentuch und steckte es ihm wie einen Knebel in seinen vor staunender Wut aufgerissenen Mund.
“Ysop ist eine wunderbare Essenz für Momente, in denen Managertypen durchhalten müssen. Sie hilft in Situationen, in denen man Dinge vollbringt, die an die Grenzen stoßen oder darüber hinausgehen. Für Menschen, die zu sehr in der Vergangenheit leben und die Aufgaben und Schönheiten des Hier und Jetzt nicht erkennen. Sie öffnet für neue Situationen, vermittelt ebenso Freude und Begeisterung...“.
In diesem Moment summte mein Handy. Meine Mutter war dran. Pia liege im Krankenhaus. Sie habe eine Blindarmentzündung, sei schon operiert. Ich müsse so schnell wie möglich kommen. Schnell noch die Kamera angestellt, Köfferchen packen und nichts wie weg hier.
Am übernächsten Morgen beim Frühstück, mein Paps hatte wie immer die Zeitung in der Hand, rief er, na ja, nicht ganz entsetzt, aber laut, dieser Karl-Heinz Schetter sei tot. Die Todesanzeige war eigenartig. Er las vor: „Viel zu früh, plötzlich und unerwartet, verstarb mein herzensguter Ehemann, treusorgender Vater, Onkel, Vetter, Karl-Heinz Schetter. Ein Herzversagen riss ihn aus der Blüte seines Lebens. Wir werden ihn in dankbarer Erinnerung behalten... Renate Schetter, Birgit Schetter usw. steht dort. Die Trauerfeier findet im engsten Familienkreis statt. Von Beileidsbekundungen bitten wir Abstand zu nehmen. Zugedachte Kranz- und Blumenspenden... Frauenhaus...“.
Die Kripo musste, so dachte ich mir, wohl davon ausgegangen sein, dass Schetter bei diversen Sexspielchen sein Leben gelassen hatte. Das las man oft. Es wurde nicht weiter kriminaltechnisch untersucht. Dazu noch die laufende Kamera. Die arme Gattin...
Mam meinte, der Karl-Heinz Schetter sei ein Frauenheld gewesen. Er habe ihr bei ihrem Kreditbegehren seinerzeit schöne Augen gemacht und ein gutes Angebot unterbreiten wollen. Aber sie habe das abgelehnt.
Auf der Seite mit dem Ortsgeschehen stand noch, dass auch trotz des plötzlichen Ablebens des Vorstandsvorsitzenden Schetter die Stipendien nach wie vor gesichert seien und morgen die Entscheidung gefällt werde. Pia Norden, Stipendium für Kunst und Kulturgeschichte, wurde nach wie vor in Erwägung gezogen.
„Lea,“ sagte Paps zu mir. „Ich sehe Pia schon nächstes Jahr an der Kunstakademie in Paris. Sie hat einfach das Zeug dazu und ich bin stolz auf sie“.
Ich bin auch stolz auf meine Zwillingsschwester.
Aber mein Rachefeldzug hat diesen Schetter das Leben gekostet. Ich konnte ja nicht ahnen, dass er ein schwaches Herz hat. Er hätte meine Schwester einfach nur in Ruhe lassen sollen. Dann wäre ihm nichts passiert. Der betrügt seine Ehefrau jedenfalls nie mehr.

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