Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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November 2005
Muse
von Bertold Werkmann

„Ich warte. Mein Warten riecht wie nasses rostendes Eisen. Ich schmecke den Geruch im Rachen – hinten am Gaumen – während ich vergessen habe, auf welche Erfüllung, welcher Hoffnung ich gerade warte. Ziellos warte, weil von dort, wo ich jetzt bin, alle Wege aufwärts gehen und ich keine Kraft mehr übrig habe. Das Warten füllt mich aus, ich muss nichts tun, nichts investieren, nichts geben. Ich stehe still, wie ein Wassertropfen an der Kante und spüre wie das Warten mich mit Schwere anfüllt, bis zum Maximum. Dann falle ich.“
Erfüllt von wohliger Zufriedenheit legte ich den Füller zur Seite, lehnte mich zurück und stellte eine von bedeutenden Gedanken zerfurchte Miene zur Schau. Sie schaute wieder herüber. Selbst in einem mit Zuhörern angefüllten Raum wäre mir dieses Mädchen aufgefallen. Ein Gesicht wie eine Käthe Kruse-Puppe mit großen grünen Augen, hennarote Haare und – unter einem formlosen, schwarzgrau verwaschenen Sweatshirt – enorme Titten. Ich hatte lange keine Lesung mehr gehalten, geschweige denn lesenswertes zu Papier gebracht. Zwischen Kinderbetreuung, den Haushalt und die endlosen Vorwürfe von K. passten keine bedeutungsschwangeren Zeilen mehr, nicht mal Chickliteratur. Einen Groschenroman, an dem ich mich in meiner Verzweiflung versucht hatte, fand ich im Papierkorb meines früheren Verlegers wieder. Er hatte ihn vor meinem Stuhl platziert, um seinem Schweigen eine semiotisch eindeutige Aussage zu verleihen.
Worüber hätte ich schreiben sollen? Essays über Kleinkinderperestaltik, ein Drama über das Rollenverständnis von Hausmännern oder einen Reiseführer durch die Landschaften der deutschen Discountmärkte? Mein Lebenswandel passte zu meiner literarischen Vergangenheit in etwa so gut wie... Natürlich fiel mir keine gute Analogie dazu ein. „Völlig aus der Übung!“, resignierte ich. Um der alten Zeiten willen bestellte ich, mit einem Seitenblick auf meinen Groupie – sie schaute erneut zu mir herüber – einen doppelten Whisky. Mehr noch als den Alkohol, der mir ungewohnt in der Kehle brannte, genoss ich dieses lang vermisste Gefühl: Mittags um eins, mit einem wohldosierten Drink in der Hand, unter den scheuen Blicken einer üppigen Möse in meiner Lieblingskneipe zu hocken – ganz wundervoll bohemiös. Die Autoren die hierher kamen waren abstoßend – schon immer gewesen. Ich glaube keiner von uns hatte wirklich etwas für die anderen übrig. Dennoch oder gerade deswegen herrschte zwischen uns eine kumpelige Stimmung. Die eine Krähe hackt ja bekanntlich der anderen kein Auge aus. Wir kamen, weil es hier ein Publikum gab, das unseren Drang zur Selbstbeweihräucherung so wohlwollend aufnahm. Manche brauchen das so nötig wie das weiße Pulver auf ihren Schleimhäuten, manche noch nötiger – die lebten quasi hier. Nirgendwo sonst im Umkreis war die Chance größer erkannt zu werden, falls man sein Konterfei in einer Literaturzeitschrift wiedergesehen oder gar in einem der Buchläden der Stadt eine Lesung gegeben hatte. Und natürlich kamen viele, weil, wenn man „noch“ nicht verlegt worden war, Hermann einem einen Deckel gewährte. Vorausgesetzt man erwähnte seine Kneipe in den schlechten Kurzgeschichten die man honorarfrei irgendwo veröffentlichte um „dazuzugehören“. Dazuzugehören war wichtig, denn die Frauen die hierher kamen waren selten Autorinnen, obwohl jede von ihnen einen angefangenen Roman in der Schublade hatte – autobiografisch angelegt, aber im Mittelalter-Fantasy-Genre und natürlich mit einer sozialkritischen Attitüde. In die „Romanschmiede“ kamen sie um „echten“ Schriftstellern zu begegnen, sich mit ihnen zu betrinken – schließlich sind Literaten immer Alkoholiker – sinnlose intellektuelle Diskussionen zu führen und zwischen deren ungewechselten Laken wieder aufzuwachen. Ein Krimiautor, der in seinem wirklichen Leben Buchhalter war, erzählte mir einmal, dass er sich gezwungen sah seine Bude über Wochen nicht aufzuräumen bevor er eine Muse abschleppte. „Von wegen der Authentizität“, wie er sagte. Ich erinnerte mich daran wie irritiert K. war, damals als wir uns kennenlernten und sie feststellte, dass ich einen Staubsauger besitze. Das war lange ehe sie anfing mir Vorwürfe zu machen wegen meinem „Ordnungsfimmel“.
Ich prostete der Rothaarigen zu. Sie wandte verlegen den Blick ab, besann sich dann eines besseren und hob mir ihre Kaffeetasse mit einem scheuen Lächeln entgegen. Sie war genau mein Typ. Frauen mit großen Brüsten machten es mir erfahrungsgemäß leicht. Ein paar tiefsinnig klingende Sätze, gespickt mit Fremdworten und Zitaten von möglichst unbekannten und natürlich verkannt genialen Autoren, das gab ihnen das Gefühl als Intellektuelle vollwertig anerkannt zu sein. Selbst oder gerade weil sie keine blasse Ahnung hatten wovon gerade die Rede war – meistens hatte ich selber keinen Schimmer – hauptsache es klang gut. Was man keinesfalls sagen darf ist: wie schön oder attraktiv man sie findet, das reduziert sie auf ihre ungeliebte Körperlichkeit. Eine sagte mir mal: „Wenn ich Dir nur wegen meiner Titten gefalle, hätte ich auch bei meinem Schreiner bleiben können, der hat es mir wenigstens richtig besorgt“. Ich glaube, dass ist der Grund warum die meisten Schriftsteller mit dem herben, flachbrüstigen Frauentyp verheiratet sind. Irgendwann kommt raus, dass sie ihre Freundinnen körperlich anziehend finden und dann war’s das. Offenbar ertragen es hässliche Frauen leichter wenn man ihnen sagt, dass sie geil sind – ebenso wie die Dummen nicht genug davon bekommen können als intelligent bezeichnet zu werden. Möglicherweise ein urmenschliches Prinzip? Für einen Moment fragte ich mich was K. gesagt hatte weshalb sie mich liebte, also zu der Zeit als sie mir das mitzuteilen noch für notwendig gehalten hatte. Ich konnte mich nicht erinnern, vielleicht wollte ich es auch nicht – seither war viel Zeit vergangen. Ich hatte sogar begonnen ein Script anzulegen über die Frage: wofür wollen wir geliebt werden – und wohin führt uns das? Jedoch hatte ich es schnell verworfen, weil ich es keiner Frau zum Lesen vorlegen konnte, zumindest Keiner auf die ich scharf war. Immerhin hatte dieses offenkundige Naturgesetz den Vorteil, dass man sich leicht aus einer ungeliebten Affäre verabschieden konnte. Man hörte einfach auf zu lügen. vorausgesetzt man hatte keine gemeinsamen Kinder und noch ein eigenes Girokonto. Und das Beste daran war, man kam moralisch sauber aus der Sache raus: mit der Wahrheit. „Und hey“, darum geht es doch angeblich immer: Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Die meisten Menschen glauben Heiraten hat etwas mit der Frage nach ausreichender Liebe zu tun, ich glaube, es geht dabei um die Entscheidung ob man bereit ist sich ein Leben lang die selben Lügen zu erzählen. Leute die stolz sind auf ihre „ehrliche und direkte“ Art sind meistens ledig, und ich meine damit die Sorte Singles, die wirklich verzweifelt einsam ist. Jemandem jahrelang nicht zu sagen, dass er genau so ist wie er es in seinen schlimmsten Alpträumen befürchtet, dass er genau das nicht ist was er sich am meisten wünscht, darüber sogar die Klappe zu halten wenn es Angriffe, Beleidigungen und Vorwürfe hagelt wie in einem Wintergewitter, der Versuchung zu widerstehen jemanden zu zerbrechen obwohl man weiß, dass man es könnte, wie ein Streichholz zwischen drei Fingern – mit nur einem Satz – das zeugt von mehr „ti amo“ als alle Versprechen dieser Welt.
Mein Glas war leer. Mit gerunzelter Stirn betrachtete ich die Notizen vor mir, lutschte bühnenreif an meinem Füller und vergewisserte mich mit einem Seitenblick ihrer Aufmerksamkeit. Schließlich knallte ich das Schreibgerät mit der flachen Hand auf den Tisch und ging, mich an meinem leeren Glas festhaltend, zu ihrem Tisch.
„Hallo“, sagte ich, „Du siehst aus als würdest du dich ein bisschen für Literatur interessieren. Ich bin Autor, niemand den man kennt natürlich, ein Gedichtband, Kurzgeschichten hier und da und...“ – ich machte eine Pause als handele es sich dabei um eine gestehenswerte Verfehlung – „ein Roman.“ Mein Lächeln war schüchtern und ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare. „Und ...na ja, ich kämpfe gerade mit ein paar Zeilen und habe mich gefragt ob ich dich zu einem Drink einladen darf und dich um deine Meinung bitte.“
Sie zögerte einen Moment, nach den richtigen Worten suchend: „Wow, das ehrt mich aber. Meinst du wirklich ich kann dir da weiterhelfen? Ich interessiere mich zwar fürs Schreiben, allerdings, so richtig Ahnung habe ich keine“, sagte sie und zog etwas verlegen ihr Sweatshirt über dem Hosenbund zurecht. „Du hast einen Roman veröffentlicht? Das finde ich enorm, ich schreibe auch an einem, ein wenig autobiografisch, du weißt schon...“ Mit Rehaugen sah sie zu mir auf. Ich nickte in stiller Zustimmung. „Herman, noch zwei!“, rief ich mit erhobenem Glas dem Mann hinter der Bar zu.
Um fünf muss ich die Kids aus dem Kindergarten abholen und dieses Mädchen..., riecht wie eine wilde Blumenwiese im Sommer.

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