Sexlibris
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November 2005
Die falsche Seite
von Dominik B.

Noch nie hatte er sich auf ein solches Abenteuer eingelassen. Nein, Jens war eher der Typ, der Abenteuer vermied, sofern er denn die Wahl hat. Und doch lag er nackt und schweigend im Bett neben Katharina und wunderte sich, wie es dazu gekommen war. Er hatte einfach eine Haustür der falschen Straßenseite erwischt. Wer konnte denn ahnen, dass in ein und der selben Straße zwei Personen mit ein und demselben Namen wohnen, die nur die Tatsachen unterschied, dass Katharina erstens nicht Gerhard hieß, zweitens ungefähr 47 Jahre jünger war, drittens keinen Klavierunterricht gab und viertens dermaßen unmusikalisch war, dass sie bereits in der Grundschule aus der Chor AG geflogen war. Nicht der Rede wert, dass sie fünftens noch sexuell aktiv, allerdings auch chronisch unbefriedigt war. Das erklärt auch die Tatsache wieso sie es zuließ, dass Jens jetzt neben ihr lag. Immerhin hatte sie eigentlich einen Freund, den sie eigentlich auch liebte, mit dem sie eigentlich auch häufig Sex hatte. Leider war dieser für Katharina meist unbefriedigend.
Jens schaute sie an. Sie war wunderschön, hatte langes, glattes, blondes Haar, einem Traumkörper, war humorvoll und gescheit. Und er war nach wie vor der Langweiler, der Abenteuer hasst.
Das Klingeln von Katharinas Telefon unterbrach die peinliche Stille nach dem ersten Sex. Sie schaute auf das Display und nuschelte genervt: „Meine Mutter...“
Die Gelegenheit wäre perfekt gewesen, um abzuhauen, denn sie kannte seinen Namen noch nicht. Sie hat nie danach gefragt. Er war gerade dabei seine Cordhose über seine Feinrippunterhose zu ziehen als Katharina ein entsetztes „Ach, du Scheiße!“ flüsterte. Mehr nicht. Sie schwieg und starrte in die Leere. Jens konnte das bitterliche Weinen von Katharinas Mutter hören und erstarrte ebenfalls. Er wollte sich nicht vorstellen, was Katharina gerade erfahren musste. Sie sollte das anonyme Mädchen von der falschen Straßenseite bleiben. So war es doch geplant ...
Er sah auf die Uhr. Da Gerhard, der Klavierlehrer, jetzt sicher eh nicht mehr mit ihm rechnete, beschloss Jens, es sei wohl besser bei Katharina zu bleiben. Sie könnte ihn jetzt vielleicht brauchen.„Ich nehme direkt den nächsten Flieger und komme zu dir“, sagte sie endlich und unterbrach damit die angespannte Stille. „Ich glaube zwar nicht, dass ich heute noch was kriege, aber gleich morgen früh nehme ich den ersten Flieger. – Kommst du so lange klar? – Es tut mir so leid.“ Sie legte auf. Jens starrte sie fragend an: „Alles klar?“ „So eine bescheuerte Frage. Nein, es ist nicht alles klar. Mein Vater ist gestorben. Einfach so.“ Sie brach in Tränen aus und Jens schämte sich dafür, dass er sich gerade dabei erwischt hatte wie er überlegte, was für ihn peinlicher war. Die Stille nach dem Sex oder seine aktuelle Situation, mit der vor ihm weinenden Frau. „Das tut mir leid. Das tut mir wirklich sehr leid. Ich bin fassungslos.“ „Danke“, sagte sie, hob ihren Bademantel vom Wäscheberg neben ihrem Bett auf und zog ihn langsam an. Das taffe Mädchen von der falschen Straßenseite wirkte plötzlich so schwach.
„Kann ich irgendwas für dich tun?“ fragte er und zog sich weiter an.
„Halt mich fest“, antwortete sie und fiel ihm dabei um den Hals. Dicke Tränen tropften auf Jens schwarzen Pullover. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Aber Katharina machte auch nicht den Eindruck, al wollte sie etwas hören. Sie wollte nur weinen, und fühlen, dass sie nicht alleine war.
„Heute ist so ein verschissener Scheißtag!“ schrie sie. „Erst fliegt mein Freund für zwei Monate nach Australien auf Dienstreise und nur zwei Stunden später liege ich mit einem anderen im Bett dessen Namen ich nicht mal kenne. Ich mein, wer bist du überhaupt? Und der Anruf, dass mein ...“ Sie brach weinend zusammen. Jens hatte Mühe, sie zu halten und überlegte noch kurz, ob er sie vielleicht doch trösten soll. Er wusste nur nicht wie. „Alles wird gut“ schien ihm zu flach und unehrlich. Wie sollte er das denn auch einschätzen können. Schließlich sagte er doch etwas: „Ich würde dich so gerne trösten, dir etwas Aufbauendes sagen, aber ich weiß nicht wie. Ich kann es einfach nicht..“
„Danke, du musst nichts sagen.“
„Doch. Weißt du, ich dachte immer, ich hätte Probleme. Ich mein ... schau mich an. Ich bin ein absoluter Langweiler. Ich lasse mich auf keine Beziehung ein, weil ich Angst habe, jemanden zu verlieren. Ich desinfiziere vor jedem Toilettengang meine eigene Klobrille. Einmal habe ich sogar aus Angst vor Gefrierbrand meine Eisklümpchen weggekippt. Ich bin ein Freak. Aber jetzt habe ich dich kennen gelernt und sehe, wie du leidest. Meine Ticks sind nur Banalitäten gegen deinen Verlust. Dein Vater ist gestorben. Und auch wenn ich dich nicht wirklich kenne, bricht es mir das Herz, dich so weinen zu sehen.“

Letzte Aktualisierung: 05.11.2013 - 21.56 Uhr
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