'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespĂŒrt.
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November 2005
Leos Gedankensprung
von Felix Getzki

Im Regen dieses Novembernachmittages lief ein junger Mann ohne Schirm eine stark frequentierte Straße entlang. Die Schuhe der Leute um ihn herum platschten in den PfĂŒtzen und er selbst fĂŒhlte das Wasser schon zwischen den Zehen seiner FĂŒĂŸe, was ihn noch schneller laufen ließ. Er war nicht der Einzige, der in diese Richtung lief, aber es kam ihm vor, als mĂŒsste er allein gegen die ihm entgegenströmenden Menschen ankĂ€mpfen. Die Regentropfen prasselten unermĂŒdlich auf die verbittert blickenden Menschen herab und der dunkle und wolkenverhangene Himmel schien kein Ende zu nehmen.
Die EingangstĂŒr des hell beleuchteten CafĂ©s, in welches der junge Mann ohne Schirm nun trat, schlug hinter ihm zu und unterbrach jĂ€h den LĂ€rm der Straße.
Es waren nur wenige Menschen in dem Café und der junge Mann setzte sich an den nÀchstbesten Tisch. Sofort eilte eine sehr beleibte blonde Frau herbei, um die Bestellung aufzunehmen. Der junge Mann, noch triefend vor Wasser, hatte gar keinen Blick in die Karte werfen können und erwiderte der Kellnerin, dass er schlicht einen Kaffee bekÀme.
Den völlig durchnĂ€ssten Mantel hing der junge Mann ĂŒber eine Stuhllehne. Jetzt erst hatte der nasse CafĂ©gast Gelegenheit, sich den Gastraum nĂ€her anzuschauen, den er ĂŒberhastet und vor dem Wetter fliehend aufgesucht hatte.
Die Kellnerinnen liefen aufgesetzt lĂ€chelnd von Tisch zu Tisch, wischten da etwas weg, zĂŒndeten dort eine Kerze an und brachten Torten, Kuchen und GetrĂ€nke schnell zu dem Gast, der sie eben bestellt hatte. So schnell bekam auch der junge Mann sein GetrĂ€nk, denn mitten in seine Beobachtungen zwitscherte die dicke Kellnerin irgendetwas auswendig Gelerntes und platzierte eine Tasse heißen und duftenden Kaffee direkt vor ihn. Er hörte gar nicht, was sie sagte, schaute sie auch nicht an, bedankte sich nicht einmal und schien den Kaffee gar nicht bemerkt zu haben, denn sein Blick haftete an etwas, dass jetzt von der dicken Kellnerin verdeckt wurde. Er lehnte sich zur Seite, um an der Kellnerin vorbeizuschauen. Diese wandelte wieder davon und der junge Mann sah seine Entdeckung in voller Schönheit.
Mehrere Tische von ihm entfernt saßen zwei junge Frauen und unterhielten sich sehr angeregt. Die schwarzhaarige und wunderschön lĂ€chelnde Frau, die links saß, hatte seinen Blick auf ihr verweilen lassen, so dass der Kaffee zwar wunderbar duftete, aber von keinerlei Interesse war fĂŒr den fasziniert schauenden Mann.
Nach einer Weile wurde sie seiner gewahr und erwiderte den aufdringlichen Blick des jungen Mannes, der völlig hingerissen war von ihren großen blauen Augen, ihrem schmalen feinen Gesicht und ihrem vielsagenden LĂ€cheln. Von dieser Entfernung aus konnte er unmöglich feststellen, ob die Augen blau oder das LĂ€cheln nun so vielsagend waren, aber ihm kam es in diesem Augenblick genau so vor und davon war er begeistert.
Noch als er auf dem Heimweg war, seine WohnungstĂŒr mit dem Namensschild Leo Kerzer aufschloss und seine immer noch nassen Klamotten ĂŒberall aufhĂ€ngte und trocknen ließ, hatte er stĂ€ndig das Gesicht dieser jungen Frau vor Augen, ihr LĂ€cheln, ihre Bewegungen und ihren Augenaufschlag.
Leo Kerzer war möglicherweise verliebt. In jedem Fall war er sehr interessiert an dieser Frau, wollte sie wieder sehen und sie irgendwann natĂŒrlich ansprechen.
Ob er sie ĂŒberhaupt jemals wieder sehen wĂŒrde, ob sie dieses CafĂ© denn hĂ€ufiger besuchte, schien ihm alles nebensĂ€chlich. Er war sich seltsam sicher, dieser Frau wieder zu begegnen.

TatsĂ€chlich kam er am nĂ€chsten Tag wieder in das CafĂ©, obwohl nicht ein Wölkchen am Himmel, kein Regentropfen auf seinem Mantel und kein Grund da war, von der Straße zu fliehen. Nur die Gewissheit, dieser geheimnisvoll schönen Frau wieder ĂŒber den Weg zu laufen, zog ihn in dasselbe CafĂ©.
Und wie selbstverstĂ€ndlich saß sie wieder an dem Tisch, an dem sie am Tag zuvor gesessen hatte, nur war sie diesmal allein da, nippte an einem Kaffee und las hin und wieder in einer Illustrierten. Und auch diesmal saß Leo Kerzer weit entfernt und blickte sie die ganze Zeit an. Wenn sich ihre Blicke trafen und das taten sie natĂŒrlich immer hĂ€ufiger, lĂ€chelte sie, trank einen Schluck, lĂ€chelte nochmals und schaute wieder in ihre Illustrierte. So ging das eine ganze Weile. Auch diese ganze Zeremonie wiederholte sich am nĂ€chsten Tag fast genauso.
Den darauf folgenden Tag streifte sich Leo seinen Mantel daheim ĂŒber in der Überzeugung, heute zu ihr zu gehen und unter irgendeinem Vorwand ein GesprĂ€ch zu beginnen.
Dieser Tag war Ă€hnlich verregnet wie der, an welchem Leo dieser ihm gleichzeitig völlig fremden und doch so vertrauten Frau begegnet war. Voller Enthusiasmus und Entschlusskraft betrat Leo, der wieder ohne Schirm unterwegs gewesen war, das CafĂ©, von dem er meinte, es sei das Erhoffte. Doch drinnen strömte ihm ein ganz fremdartiger Duft entgegen. Die Einrichtung war eine völlig andere. Leo blickte verwirrt in alle Richtungen, bis er registrierte, dass dies nicht das CafĂ© war, welches er gesucht hatte. Er drehte sich zweimal langsam im Kreis und hinterließ eine ziemliche PfĂŒtze an der Stelle, an welcher er stand. Dann kreuzte sein verwirrter und fast schon verzweifelt suchender Blick den einer jungen und sehr attraktiven Frau. Sie blinzelte ihn etwas vertrĂ€umt an und ließ ihren Kaffeelöffel auf die Untertasse fallen, was einen hohen klirrenden Ton erzeugte, der Leo durch alle Glieder fuhr.
Er setzte sich, ohne seinen Blick von der vertrĂ€umt lĂ€chelnden Frau zu lassen, an einen Tisch nahe beim Eingang. Wie in Trance bestellte er eine Tasse Kaffee und streifte sich den pitschnassen Schal vom Hals, alles ohne die Frau ein paar Tische weiter aus den Augen zu lassen. Nachdem er etwa drei Minuten völlig uninteressiert in seinem Kaffee gerĂŒhrt hatte, stand die immer noch vertrĂ€umt lĂ€chelnde Frau plötzlich auf und kam zu ihm herĂŒber. Seine Fantasie schien sie in seinen Augen aber eher auf ihn zuschweben lassen. Seine Faszination fĂŒr diese sagenhaft lĂ€chelnde und sagenhaft schöne Frau war in diesem Moment grenzenlos.
Dann stand sie ganz dicht vor ihm, streckte ihre Hand aus, streifte ihm mit dieser ĂŒber die Schulter und verschwand hinter ihm aus dem CafĂ©. Er sprang schnell auf, bezahlte hektisch seinen unberĂŒhrten Kaffee, schnappte seinen Mantel und seinen Schal und rannte aus der TĂŒr. Weit von ihm entfernt glaubte er die Frau, die lange blonde Haare hatte, noch zu sehen. Er folgte dem Blondschopf eine ganze Weile. Unterwegs meinte er im Kreis zu gehen. Doch gerade in diesem Moment verschwand die blonde Frau in irgendeinem Eingang. Er riss die TĂŒr auf, von der er glaubte, dass es die TĂŒr sei, in welcher sein Blondschopf verschwunden sei. Plötzlich stieg ihm ein altbekannter Duft in die Nase. Eine dicke blonde Kellnerin kam auf ihn zu und bot ihm einen Platz am Fenster an, an welchen er sich auch setzte.
Er war in dem CafĂ©, welches er von Anfang an gesucht hatte. Dieser seltsame Umstand verschlug ihm die Sprache, als die dicke Kellnerin ihn um seine Bestellung bat. Ihm rutschte ein „Wie immer“ raus, ohne dass er selbst bemerkte, was er sagte. Die Kellnerin verschwand, nachdem sie irgendetwas gebrummt hatte. Leo suchte nach seinem Blondschopf, aber vergeblich. Nirgendwo erblickte er ihn. Doch da sah er etwas, dass ihn gewaltig aus seinem tranceartigen Zustand herausriss. Die schwarzhaarige junge Frau mit den großen blauen Augen saß an ihrem gewohnten Tisch und lĂ€chelte zu ihm herĂŒber. Leo war vollkommen verstört, kratzte sich am Kopf und versuchte ebenfalls zu lĂ€cheln, aber es ging nicht. Er konnte sie nicht mal lĂ€nger als vier, fĂŒnf Sekunden ansehen. Als er schließlich doch mit großer Anstrengung die Mundwinkel hochzog und sein Blick langsam zu der jungen schwarzhaarigen Frau wanderte, lĂ€chelte diese nicht mehr. Sie schob ihre Kaffeetasse langsam von sich weg, bestellte die Rechung und lĂ€chelte ĂŒberhaupt nicht mehr. Ein einziges Mal schaute sie noch zu ihm hinĂŒber, als sie gerade bezahlt hatte und in ihre Winterjacke schlĂŒpfte. Ihr Blick war kalt, enttĂ€uscht und fast ein wenig vorwurfsvoll. Leo konnte ĂŒberhaupt nicht mehr denken. In seinem Kopf hĂ€mmerte es unaufhörlich. Er wollte gerade aufstehen, obwohl er nicht wusste warum und was er weiter tun sollte, als die schwarzhaarige junge Frau an ihm vorbeirauschte.
Leo fĂŒhlte eine Art Schuldbewusstsein in sich aufsteigen. Völlig unerklĂ€rlich schien ihm das, aber er fĂŒhlte sich schuldig am Verschwinden der Frau, welche er heute doch endlich ansprechen wollte. Gleichzeitig fĂŒhlte er sich aber auch selbst hintergangen oder zumindest veralbert. Er wusste ĂŒberhaupt nicht, wohin mit sich, aber eins wurde ihm immer klarer, je lĂ€nger er darĂŒber nachdachte: Er fĂŒhlte sich schuldig, die schwarzhaarige Frau mit den großen blauen Augen betrogen zu haben mit der ebenso geheimnisvollen blonden Frau aus dem anderen CafĂ©. Selbst wenn dies alles nur in Gedanken geschehen war, so war Leo doch ungewöhnlich erschĂŒttert darĂŒber.

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