Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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November 2005
Bewohnt von einem Schrei
von Ines Nagy

Es ist wie im Film, denkt sie mit einer Mischung aus Faszination und Erstaunen, als sie ihn neben sich auf
ihrem Bett liegen sieht, nackt und wehrlos. Blut sickert aus seinem Mundwinkel, rinnt in kleinen Bächen auf das weiße Laken. Er röchelt, als verschlucke er sich an seinem eigenen Blut. Sie ist ruhig. Eine wohlige Wärme breitet sich in ihr aus. Er sieht sie an. Wie viel Unschuld in seinen Augen liegt, denkt sie, wie in den Augen eines Kindes. Sie sieht das Flehen in seinen Augen. Es ist kein Flehen um Hilfe. Das weiß sie. Es ist das Flehen um eine Antwort.

Eine beruhigende Süße liegt in der Gewissheit, dass sie nicht mehr auf ihn zu warten braucht. Sie wird nicht mehr unter Hochspannung auf das Schrillen des Telefons horchen, nicht mehr, wenn sie heimkommt, auf das Licht des Anrufbeantworters starren, um zu sehen, ob es blinkt. Sie braucht nicht mehr darauf zu hoffen, dass er unerwartet an der Tür klingelt.
Abends, wenn sie von der Arbeit gekommen war, war sie sofort ins Bad gegangen, hatte geduscht, ihr Make-up aufgefrischt und sich umgezogen. Sie hatte die Kerze angezündet und von der Anrichte auf den Wohnzimmertisch gestellt, den Strauß Blumen neu drapiert, die Bücher gerade gerückt, den Vorhang gerichtet und das Bett glatt gestrichen. Sie wollte vorbereitet sein. Immer. Jede Minute konnte es klingeln. Dann saß sie auf dem Sofa und ihr Blick irrte unruhig durch das Zimmer. Sie stand auf und stellte die Kerze zurück auf das Sideboard. Sie zog die Vorhänge zu, um sie im nächsten Moment wieder auf die Seite zu schieben. Wie konnte sie die Nacht ausschließen? Die Nacht, die ihr alles bedeutete.

Sie stand nackt vor dem großen Spiegel im Badezimmer. Das Licht war hell und weiß, leuchtete ohne Gnade jeden Makel ihres Körpers aus. Ihre kindlichen, kleinen Brüste, die wilde, dunkle Scham, die sie mit Schere und Rasierer bändigte, um sie auch dort wie ein kleines Mädchen aussehen zu lassen. Etwas war falsch an diesem Körper, der ihr aus dem Spiegel entgegensah. Unter dem warmen unschuldigen Fleisch spürt sie den Hunger des anderen, des sich vom Verlangen verzehrenden Körpers. Diese schöne Hülle ist eine Lüge, dachte sie, Tarnung, um den Dämon zu verbergen, der mich zur Raserei treibt. Sie streichelte ihre Brüste, wanderte mit der Hand den Bauch hinunter zwischen die Beine, aber die Berührungen schmerzten, sie waren rastlos, drängend, ohne Zeit. Wie etwas Fremdes ohne Aussicht auf Erlösung. Nur der Ersatz für etwas großes Fehlendes.

Er wird anrufen, vielleicht sogar vorbeikommen, und ich werde nicht da sein, dachte sie, als sie die Haustür hinter sich zuzog. Wie ein nervöses, unruhiges Tier war sie in ihrer Wohnung auf und ab gegangen, hatte die Stille nicht mehr ertragen, die ihr in den Ohren geknurrt hatte. Es war längst dunkel. Den ganzen Tag hatte es geregnet. Wie ein beleuchteter Tunnel glitt die Stadt an ihr vorüber. Sie wusste nicht, wohin sie geht. Sie wusste nicht, ob sie zurückfinden würde. Nur, dass sie gehen musste. Als könne sie sich mit jedem Schritt von dem quälenden Ausharren entfernen. Immer wieder schob sie die Ärmel ihres Mantels über die rotgefrorenen Hände zurück und sah auf die Armbanduhr, hörte in Gedanken zu Hause das Telefon klingeln. Langsam würde er sich Sorgen machen und sich wundern, wo sie ist. Er würde sich fragen, mit wem sie wohl ausgegangen ist. Sie wird sagen, dass sie mit einer Freundin weg war. Er sollte nicht denken, sie kenne nur ihn.

Sie hatte nie zuvor geschrieen. Und als es geschah, war ihr, als wäre nicht sie es gewesen, die geschrieen hatte. Sie erinnerte sich, dass sie sich inmitten der Lust über ihre eigene Stimme gewundert hatte. Es waren kehlige Laute gewesen, die sie nicht wieder erkannte, ein dumpfes, tiefes Stöhnen, das aus ihrer Brust drang, heißere, bettelnde Worte, immer fordernder, die ihr nie zuvor über die Lippen gekommen waren.
Dann war er gegangen, wie viele Male zuvor, und hatte sie zurückgelassen. Sie war auf dem Bett gelegen, hingegeben, offen und weich, ohne Schutz. Ihr Körper eine gierige, klaffende Wunde.

Wenn sie abends aus dem Fenster sah und die Stadt zu ihren Füßen lag, lösten sich die Häuser und Straßen, die Menschen und Autos unter ihr zu blinden Zeichen ohne Bedeutung auf. Es war, als wich alles vor ihr zurück.
Sie verirrte sich in den Gängen des Supermarktes wie in einem Labyrinth, fand sich plötzlich vor einem Regal wieder und kehrte nur mühsam in die Wirklichkeit zurück. Sie sah auf den Einkaufszettel und zwang sich, ihre Handschrift zu entziffern. Mehl, Zucker, Nudeln, Eier. Aneinandergereihte Buchstaben, die sich zu Worten formten, deren Bedeutung sie nicht mehr kannte. Es waren Dinge wie aus einer anderen Welt.

Sie küsste ihm den silbern glitzernden Tropfen von der Spitze seines aufgerichteten Geschlechts. Wie sie den Geruch seines Unterleibs liebt, der sie an den warmen Duft eines Babys erinnert. Dann setzte sie sich auf ihn, um ihn in ihren nassen Schoß gleiten zu lassen. Sie wusste, was sie tun würde und der Gedanke daran fachte ihre Erregung wie ein Sturmfeuer an. Zärtlich nahm sie seine Hände und streckte sie weit über seinem Kopf aus. Schließ die Augen, flüsterte sie ihm ins Ohr, vertrau mir, so wie ich dir vertraut habe. Sein heißer Atem streifte ihren Hals, als sie in den Spalt zwischen Bett und Matratze griff und das Messer herausholte. Die Bewegungen ihres Unterleibs wurden rhythmischer, heftiger. Sie sah sein von Lust entstelltes Gesicht, hörte sein Keuchen, das immer lauter wurde. Wie sehr sie ihn dafür hasst, dass sie ihn so rasend liebt! Dann stieß sie ihm mit der Heftigkeit ihres Höhepunkts das Messer in die Brust.

Dass sie ihr an jenem Morgen in einem Cafe in der Stadt begegnet war, war Zufall gewesen. Sie erkannte sie sofort. Oft genug hatte sie ihr Foto in seinem Portemonnaie gesehen. Ihr Bild, das sich ihr auf die Netzhaut gebrannt hatte.
Warum trug er das Foto noch bei sich, wo er doch nicht müde wurde zu betonen, dass sie nicht mehr miteinander schlafen, sie ihm nichts mehr bedeutete.
Du liebst mich doch, hatte sie ihn einmal gefragt und er hatte genickt. Ganz langsam. War da nicht ein unmerkliches Zögern gewesen, als bräuchte er Zeit zum Überlegen, während des Nickens, um es jederzeit zurücknehmen zu können? Immer, wenn sie sich später an diese Szene erinnerte, sah sie ihn wie in Zeitlupe nicken, das Zögern schmerzhaft verlängert. Sie wusste, dass sie zu oft Fragen stellte, deren Antworten sie fürchtete.
Als die Frau aufstand und ihren Mantel von der Stuhllehne nahm, kreuzten sich ihre Blicke. Es war ein glücklicher, fast entrückter Blick gewesen, der sich wie ein eisiges Falleisen um ihr Herz schlug. Nur mit Mühe konnte sie ihr Entsetzen und Zittern verbergen, als sie die Hand sah, mit der sich die Frau zärtlich und selbstvergessen über die leichte Wölbung ihres Bauchs strich.

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