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November 2005
Qu├Ąlende Gewissheit
von Andr├ę Steinbach

G. ging wie gew├Âhnlich, aber diesmal zur Mittagszeit ├╝ber die Neckarbr├╝cke, um seiner Verlobten einen Besuch abzustatten. Es war ein Tag mitten im Sommer 1969, die Neckarwiesen waren ├╝berf├╝llt mit Studenten, die ihre Zeit zwischen Vorlesungen dazu nutzten, Sonne aufzutanken und den Neckarschiffen nachzuschauen, die regelm├Ą├čig kleine Wellen ans Ufer sp├╝lten. Da waren kleine holl├Ąndische, deutsche, franz├Âsische und belgische F├Ąhnchen gehisst, die auf den Frachtern im Gegenwind flatterten. Er war gut gelaunt und sang vor sich hin in der Sonne.
Es war nur ein kurzer Weg zur Buchhandlung, wo seine Verlobte arbeitete und alle ihn schon so gut kannten, dass manchmal sogar hinter vorgehaltenen M├╝ndern eifrig getuschelt wurde. G. war auch gut bekannt mit der besten Freundin seiner Verlobten, der er ab und zu einmal sch├Âne Augen machte. Aber das war nur platonisch, da sie nicht nur gut aussah, sondern auch ein nettes und gutm├╝tiges Wesen hatte, ja jemand, der sie nicht n├Ąher kannte, h├Ątte sie auch glatt f├╝r etwas naiv halten k├Ânnen, was sie aber keinesfalls war.
Als G. sie nach seiner Verlobten fragte, sagte sie ihm, dass der Lebensgef├Ąhrte einer ├Ąlteren Kollegin sie abgeholt h├Ątte und sie habe nur vage geh├Ârt, dass sie in der N├Ąhe etwas essen wollten. In einem kleinen gem├╝tlichen Restaurant, ja sie konnte sich zwar nicht genau daran erinnern, aber sie h├Ątte so etwas wie ÔÇ×griechischÔÇť geh├Ârt.
G. schaukelte sich in seiner Wut so langsam hoch, lie├č sich aber weiter nichts anmerken und tat vor allen so, als w├╝sste er bescheid und habe es nur vergessen. G. bedankte sich und ging den gleichen Weg wieder zur├╝ck, den er gekommen war. Er wusste, dass seine Verlobte nur knappe zwei Stunden Mittagspause hatte und dass sie normalerweise nicht irgenwo in ein Restaurant essen ging, sondern nur eine Kleinigkeit in ihrer gem├╝tlichen Wohnung zu sich nahm. ÔÇ×Nein, hatte sie ihm einmal gesagt, ÔÇ×wenn ich auch noch mittags eine komplette Mahlzeit essen w├╝rde, wei├čt du wie ich dann aufgehen w├╝rde? Nein, das wollte sie nat├╝rlich keinesfalls, denn schlie├člich hatte sie eine gute Figur, die sie unter allen Umst├Ąnden auch halten wollte.
Da G. auch einen Schl├╝ssel zur Wohnung seiner Verlobten besa├č, dachte er es w├Ąre wohl am besten sich Gewissheit zu verschaffen. Ob seine Verlobte wirklich mit dem Freund ihrer Kollegin essen gegangen war? Er konnte es einfach nicht glauben. Er gr├╝belte vor sich hin und ging mit schnellen Schritten ├╝ber die Theodor-Heuss-Br├╝cke auf die andere Neckarseite nach Neuenheim wo seine Verlobte wohnte. Er lief zu schnell, als dass er Augen f├╝r die Neckark├Ąhne gehabt h├Ątte, die unter ihm vorbei fuhren.
Als er die Wohnung seiner Verlobten schlie├člich erreichte, zitterten seine H├Ąnde beim Aufschlie├čen der Haust├╝r. Es war ruhig, als die die Treppenstufen nach oben ging. Dann ganz vorsichtig und ger├Ąuschlos, damit ihn niemand h├Âren konnte, schloss er die Wohnungst├╝r auf. Die T├╝r zur K├╝che war angelehnt, aber die Schlafzimmert├╝r war geschlossen und als er langsam sich in diese Richtung begab und sein Ohr an die T├╝r hielt, wurden seine Bef├╝rchtungen zur Tatsache. Er h├Ârte St├Âhnen und das Federn des Metallbettes. Dann, er war ganz blass geworden, sah er durchs Schl├╝sselloch, wie seine Verlobte und der Lebensgef├Ąhrte der Kollegin seiner Verlobten, der so etwa zwanzig Jahre ├Ąlter sein musste, als G., mitten im Geschlechtsakt waren. Beide waren nackt und G.'s Verlobte sa├č mit dem R├╝cken zur T├╝r auf dem Scho├č des Mannes, der abwechselnd ihre Br├╝ste k├╝sste.
G. hatte genug gesehen. Sein Herz pochte bis zum Hals und er sp├╝rte, wie eine pl├Âtzliche Schw├Ąche ihn ├╝berfallen wollte. So leise, wie er gekommen war, verlie├č er die Wohnung seiner Verlobten wieder und kehrte zur Buchhandlung zur├╝ck, wo sie arbeitete. Er wusste, dass sie regelm├Ą├čig die Antibabypille nahm und das w├╝rde sie wohl ausn├╝tzen, dachte er zumindest. Er fragte wieder nach seiner Verlobten, und eine Angestellte erwiederte, dass sie aus der Mittagspause noch nicht zur├╝ckgekommen sei, aber er solle sich doch etwas gedulden, sie m├╝sste ja jeden Moment wieder zur├╝ck sein.
G. wartete und wartete, doch in der Buchhandlung wurde es ihm zu eng. Er musste seinen Kragen ├Âffnen und seine Kravatte lockern, weil er kaum Luft bekam. Er verlie├č die Buchhandlung, nachdem er dem Personal gesagt hatte er wolle drau├čen warten und sollte er doch wider Erwarten seine Verlobte missen, sollten sie ihr doch bitte ausrichten, dass er ÔÇô wie ├╝blich nach Gesch├Ąftsschluss ÔÇô vorbeikommen wolle.
Auch auf der Stra├če vor der Buchhandlung hielt er es nicht lange aus. Selbst die im Schaufenster ausgestellten B├╝cher und Plakate konnten seine Gedanken nicht zerstreuen. Warum tat sie das? Wie lange ging das wohl schon so mit ihr und dem Freund der Kollegin? Ahnte ihre Kollegin etwas davon? Aber so oft er sich auch diese Fragen stellte, so wenig fand er Antworten darauf.
Dann schlie├člich ÔÇô er hatte wohl eine halbe Stunde in der N├Ąhe der Buchhandlung gewartet, das hei├čt er war nerv├Âs hin und her gegangen und eine Zigarette nach der anderen geraucht, war aber stets weit genug entfernt von der Buchhandlung geblieben, damit ihn von dort niemand sehen konnte.
G. schaute immerzu auf seine Automatik-Armbanduhr, einem Verlobungsgeschenk, und so langsam legte sich seine Wut. Sollte er noch l├Ąnger warten? Wie w├╝rde seine Verlobte bei ihrem Zusammentreffen reagieren? Wie sollte er selbst reagieren? Es waren zu viele Fragen, auf die er keine Antwort finden konnte.
F├╝r ihn war die Zeit stehen geblieben. Noch konnte er nicht an das glauben, was er gesehen hatte. Dann schlie├člich war sie da. Da sie ja zu sp├Ąt nach der Mittagspause kam, hatte sie sich auch schon etwas ausgedacht. Ihrer Chefin in der Buchhandlung wollte sie sagen, dass sie wohl etwas im Restaurant gegessen hatte, was nicht in Ordnung war, und dass es ihr danach ├╝bel wurde, was ihrer Meinung nach auch einleuchtete, da ja alle in der Buchhandlung wussten, dass sie essen gegangen war. Jedenfalls hatte sie das allen gesagt. Der Lebensgef├Ąhrte der Kollegin hatte sie einige Stra├čen entfernt mit seinem Auto abgesetzt, damit niemand irgendeinen Verdacht sch├Âpfen konnte. Er war dann in sein B├╝ro gefahren.
Anita hatte noch keine Zeit gehabt, ihre etwas in Unordnung geratene Frisur zu richten, alles war sehr schnell gegangen. Sie fand gerade noch Zeit, sich anzukleiden und das Bett wieder herzurichten, damit G. nicht argw├Âhnisch wurde. Sie wollte nichts riskieren, denn G. w├╝rde sie wie gew├Âhnlich nach Gesch├Ąftsschluss abholen und dann gingen sie meistens in ihre Wohnung, wo sie zusammen zu Abend a├čen.
Nat├╝rlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass G. sie in der Mittagspause abholen w├╝rde.
G. hatte dies auch urspr├╝nglich nicht vorgehabt, aber das sch├Âne Wetter hatte ihn dazu verf├╝hrt, Anita in der Mittagspause in der Buchhandlung aufzusuchen.
Als Anita G. bemerkte, lie├č sie sich nichts anmerken. Aber auch G. versteckte seine Wut hinter einem ÔÇ×da bist Du ja, ich wollte dich vorhin abholen, aber deine Kollegin sagte mir, dass du essen gegangen seist. Leider wusste sie nicht in welches Restaurant, sonst w├Ąre ich dorthin gekommen.ÔÇť Anita war zuerst etwas verbl├╝fft, aber dann fing sie sich gleich wieder und antwortete: ÔÇ×Ja, B├Ąrchen, ich war mit einer Freundin im Akropolis, aber irgend etwas ist mir nicht bekommen, mir war ├╝bel und so musste ich zuerst zu mir in die Wohnung gehen um etwas gegen die ├ťbelkeit zu unternehmen. Jetzt geht es schon viel besser.ÔÇť So aber jetzt muss ich schnell zur Arbeit, ich bin ja sehr sp├Ąt dran. Mach's gut, dann bis heute Abend.ÔÇť Und ehe G. noch etwas erwiedern konnte, war sie schon in der Buchhandlung verschwunden.
Jetzt wuchs aber G.'s Wut erneut und er ├╝berlegte, wie er weiter reagieren sollte. Auf jeden Fall w├╝rde er seine Verlobte wie gew├Âhnlich nach Arbeitsende von der Buchhandlung abholen, das stand f├╝r ihn fest. Sollte er Anita direkt darauf ansprechen? Sie konnte ja nicht wissen, dass er sie mit dem anderen ertappt hatte. Sollte er warten, ob sie ihm bei Gelegenheit nicht doch die Wahrheit erz├Ąhlen w├╝rde? Schlie├člich kam er zu dem Entschluss vorerst einmal nichts zu unternehmen und abzuwarten. Irgendwann w├╝rde sich seine Wut schon legen.
Dann eine Woche sp├Ąter bot sich ihm eine gute Gelegenheit reinen Tisch zu machen. Anitas Freundin lud sie und G. zum Abendessen ein und nat├╝rlich w├╝rde dann auch dieser Lebensgef├Ąhrte der Kollegin anwesend sein. G. musste nur mit seinen Emotionen zur├╝ckhalten und sich nichts anmerken lassen. Es w├╝rde sicher eine interessante Begegnung mit offenem Ausgang werden.
Anita tat so, als w├Ąre nichts geschehen und freute sich auf das Wiedersehen. G. hatte einen gro├čen Blumenstrau├č besorgt, Anita eine Flasche Merlot, da sie wusste, dass ihre Freundin diesen Wein sehr mochte. Anita sa├č links von G. Und direkt gegen├╝ber dem Freund der Kollegin, die sich angeregt mit Anita unterhielt. Hin und wieder zuckte Anita kaum merklich zusammen, aber G. fiel es auf. Er b├╝ckte sich nach seiner Serviette, die auf den Teppich gefallen war. Was er dann aber sah, lie├č seine alte Wut wieder hochkommen. Der Mann gegen├╝ber war mit seinem rechten Fu├č aus dem Schuh geschl├╝pft und streichelte Anitas Schenkel. Dies war also der Grund, dass Anita ab und zu leicht zusammenzuckte. G. blickte beiden ins Gesicht, aber sie taten v├Âllig unbeteiligt.
Dieses Spielchen schien so weiter zu gehen, bis sie gegessen hatten. G. konnte sich nur mit aller M├╝he beherrschen, aber noch lie├č er sich nichts anmerken. Als er aber bemerkte, dass Anita ihrerseits dieses Spielchen wiederholte, war es um seine Beherrschung geschehen. Wutentbrannt sprang G. auf und ging dem Freund der Kollegin Anitas an den Kragen. ÔÇ×Du Schwein,ÔÇť rief er, ÔÇ×was treibst du mit meiner Verlobten?ÔÇť Und bevor dieser sich versah, landete die Faust G.'s mitten in seinem Gesicht, so dass er zu Boden ging. Jeder Boxkundige h├Ątte sich ├╝ber einen solchen Haken gefreut, kurz angesetzt und mit voller Kraft getroffen. Auch Anita und ihre Kollegin waren erschrocken aufgesprungen. Anita begann zu weinen ÔÇô und noch heute wei├č G. nicht, ob sie wegen des zu Boden Gegangenen weinte oder aber weil G. anscheinend herausbekommen hatte, dass zwischen beiden etwas lief. Ihre Freundin stand bleich und regungslos neben ihrem Lebensgef├Ąhrten, der sich noch immer nicht r├╝hrte.
Dann rief sie mit sich ├╝berschlagender Stimme: ÔÇ×Was haben sie da getan, Karl, warum haben sie Gerhard geschlagen?ÔÇť Jetzt konnte G. nicht mehr an sich halten. Sollte sie doch endlich wissen, dass ihr Lebensgef├Ąhrte sie hinterging. Und er berichtete alles, was er gesehen hatte, aber mit dem Erfolg, dass beide Frauen jetzt weinten. Dann nahm G. Seine Verlobte an der Hand und sagte: ÔÇ×Es reicht, wir gehen, so etwas muss ich mir nicht antun!ÔÇť Seine Verlobte folgte ihm wortlos, zitternd und noch immer bleich. Sie wusste nicht, was jetzt geschehen w├╝rde, wo anscheinend G. ihr Spiel durchschaut hatte. ÔÇ×Hast du mir etwas zu sagen?ÔÇť fragte G., aber Anita erwiederte nichts und schaute an ihm vorbei. Dann streifte er seinen Verlobungsring ab und sagte zu Anita gewandt: ÔÇ× Ich bringe dich jetzt in deine Wohnung. Mehr habe ich nicht zu sagen. Von jetzt an werden sich unsere Wege trennen.ÔÇť
Er war selbst ├╝berrascht, dass er so ruhig bleiben konnte, als er dies aussprach. Anita, die weder ihm zugeh├Ârt hatte, noch begriff, was er meinte, ging wortlos neben ihm her, bis sie zu ihrer Wohnung kamen. G. schloss auf und sagte zu ihr: ÔÇ×Vielleicht wirst du ja mit diesem Kerl gl├╝cklich!ÔÇť Anita ging wortlos ins Haus, ohne sich umzusehen und G. zog die T├╝r hinter sich zu.
Am Tag darauf schickte er in einem gef├╝tterten Briefumschlag Anita ihre Wohnungsschl├╝ssel zur├╝ck, ohne aber etwas Geschriebenes beizulegen. Von Anita h├Ârte er nichts mehr, aber anfangs war auch sein ├ärger so gro├č, dass er alles was geschehen war, verdr├Ąngen konnte. Doch nach und nach kam die Erinnerung zur├╝ck und er fragte sich, wie es Anita jetzt wohl gehen w├╝rde. Hin und wieder zog er aus einem alten Schuhkarton Fotos hervor, die noch aus einer gl├╝cklicheren Zeit stammten.
G. hatte sich bei seiner Firma kurze Zeit nach dem Bruch mit Anita f├╝r eine Auslandst├Ątigkeit beworben und verbrachte f├╝nf Jahre in Mexiko. Jetzt, wieder zur├╝ck in Heidelberg, kehrten die Geschehnisse von damals zur├╝ck.
Die Ungewissheit qu├Ąlte ihn so sehr, dass er wieder die Buchhandlung aufsuchte und eine der Freundinnen von Anita fragte, ob sie w├╝sste, wie es seiner ehemaligen Verlobten gehen w├╝rde. ÔÇ×Ach, Anita,ÔÇť meinte die Freundin, ÔÇ×die ist seit drei Jahren verheiratet und lebt jetzt in Frankfurt. Sie soll dort bei einer gro├čen Buchhandlung arbeiten, aber ich habe schon lange nichts mehr von ihr geh├Ârt. Sie scheint uns alle hier in Heidelberg vergessen zu haben.ÔÇť G. ging zum Hauptbahnhof, wo er eine Fahrkarte f├╝r den n├Ąchsten D-Zug nach Frankfurt kaufte.

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