Der himmelblaue Schmengeling
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November 2005
Das Haus am Meer
von Denise Zoephel

„Wie weit ist es noch?“ Er drehte sich zu ihr um. Ihr Profil hatte ihm von Anfang an nicht gefallen. Die Nase war ein wenig zu spitz und die Wangenknochen traten für seinen Geschmack zu weit heraus. Sie hatte ihn nicht angesehen, als sie die Frage stellte. „Nicht mehr weit“, gab er zur Antwort und wusste, dass es nicht das war, was sie hören wollte. Seit er sie kannte, fiel ihm immer wieder auf, dass sie Fragen gern bis ins Detail beantwortet haben wollte. Er tat ihr selten den Gefallen. Hielt seine Aussagen gerne vage, wie er es schon immer getan hatte. Seine Frau warf ihm das seit Jahren vor. Er hörte ein Seufzen von der Beifahrerseite. Sie sagte nichts mehr. Wenn er mit ihr verheiratet gewesen wäre, hätte sie womöglich einen Streit angefangen. Ein leichtes Grinsen zog über sein Gesicht. Das war der Vorteil an einer außerehelichen Beziehung. Die Treffen waren begrenzt und in dieser kurzen Zeit wurde alles Negative, alles Störende ausgeblendet. „Wahrscheinlich“, dachte er, „will sie sich die kommenden Stunden nicht verderben.“ Er war zufrieden damit. Diskussionen und Auseinandersetzungen hatte er schließlich zu Hause bei seiner Frau und seinen Kindern schon genug. Vielleicht ging es ihr mit ihrem Mann genauso.

Sie kannten sich seit etwa sieben Monaten und hatten sich bisher immer in irgendwelchen Hotels getroffen. Als sie sich kennen lernten, hatten sie beide nicht daran gedacht, eine Affäre miteinander zu beginnen. Aber noch am selben Abend war es passiert. Sie hatten sich auf sein Zimmer zurückgezogen, weil sie die weinselige Stimmung der anderen Kollegen, die aus allen Teilen Deutschlands angereist waren, nicht ertragen konnten. Zuerst hatten sie nur geredet. Wie es dazu gekommen war, dass sie in seinem Bett gelandet waren, dass wusste er nicht mehr. „Dort hinten kannst du schon die erleuchteten Häuser sehen.“ Er blickte kurz zu ihr hinüber, aber er konnte keine Regung in ihrem Gesicht bemerken. „Wir sind gleich da“, sagte er zur Versöhnung und es tat ihm ein bisschen leid, dass er vorhin so unfreundlich geantwortet hatte. Links und rechts standen die kahlen Bäume der Allee, die er im Sommer so sehr liebte.

Nach der Nacht im Hotel hatten sie sich immer wieder getroffen, obwohl es schwierig war, weil sie mit ihrem Mann in einer anderen Stadt lebte. Bei der zweiten Verabredung hatten sie sich vorgenommen, einmal im Monat irgendwo zusammenzukommen, wo sie keiner kannte. Mehr wollten sie beide nicht voneinander und er fragte sich immer und immer wieder, nachts, wenn er wach lag, warum er seine Frau, die ruhig atmend neben ihm schlief, nichts ahnend, betrog. Er liebte die Mutter seiner beiden Kinder. Trotz allem. Natürlich war es längst nicht mehr so wie zu Beginn ihrer Beziehung. Der Alltag hatte mit den Kindern Einzug gehalten. Aber er schlief noch regelmäßig und gern mit seiner Frau und er glaubte, dass es auch ihr gefiele. Es gab wenig, was er in seiner Beziehung vermisste. Er glaubte auch nicht, dass es mit einer anderen Lebensgefährtin nach so vielen Jahren anders wäre.

Langsam fuhr er um die letzte Ecke und steuerte sein Auto auf das Haus zu, das weit entfernt von den anderen Häusern stand. Das Dorf, zu dem das Feriengebiet gehörte, lag etwa eineinhalb Kilometer hinter ihnen. Jetzt im November hielt sich hier niemand mehr auf. Der Wind der letzten Wochen hatte alle Blätter von den Bäumen geweht. Sie standen ohne ein einziges Blatt an den Ästen vor den Häusern. Er liebte die Herbststürme, die über die Nordsee fegten. Einmal hatte er zu seiner Frau gesagt, der Wind bliese ihm den Kopf frei. Unmerklich schüttelte er sich. Jetzt bloß nicht an seine Frau denken, die wahrscheinlich gerade die Kinder ins Bett brachte, voller Vertrauen darauf, dass er beruflich unterwegs war wie sooft in den vergangenen Monaten. Sie war eine schöne Frau, viel schöner als die, die jetzt aus seinem Auto ausstieg und auf das kleine Reet gedeckte Haus zuging. Was um Himmels Willen wollte er von dieser Fremden? Sie hatte nichts mit seinem Leben zu tun. Und er nicht mit ihrem.

Als er Licht gemacht und die Heizung angestellt hatte, wurde es schnell warm in dem Wohnzimmer, dass seine Frau so gemütlich eingerichtet hatte. Vor dem Kamin, den er heute nicht anzünden würde, lag noch ein Spielzeug seiner älteren Tochter. Seine Geliebte - dieses Wort missfiel ihm, aber es traf wohl zu - sah es im selben Moment wie er, doch es schien ihr nicht das Geringste auszumachen. Sie selbst hatte keine Kinder, hatte davon gesprochen, dass ihr Beruf ihr wichtiger sei. Verstehen konnte er das nicht und doch zog ihn gerade das an. Sie war so anders als seine Frau, irgendwie kühler. Obwohl er lieber warmherzige Frauen mochte, fühlte er sich zu der anderen hingezogen.
Als sie im Bad war, um sich frisch zu machen, überlegte er, dass er niemals mit ihr leben wollte.

Am nächsten Morgen verließen sie ohne Frühstück das Haus. Die halbe Nacht hatten sie miteinander geschlafen und er musste zugeben, dass der Sex mit dieser Frau, die ihm eigenartig unvertraut blieb, besser war als mit seiner eigenen. Sie mussten nicht dauernd mit einem Ohr auf die Kinder hören. Saskia, die jüngere seiner beiden Töchter, hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nachts mindestens einmal in sein Bett zu kommen und so waren er und seine Frau immer ein wenig in Hetze. Mit seiner Liebhaberin war das anders und er wusste nur zu gut, dass es an den Umständen lag und nicht an ihrer Person.

Mittlerweile waren schon beinahe zwei Jahre vergangen, seit sie sich das erste Mal getroffen hatten. Sie hatten schon einige Nächte im dem Ferienhaus an der Nordsee verbracht. Nie gingen sie dort spazieren. Sie unterhielten sich wenig, saßen niemals Hand in Hand vor dem Kamin, wie es Liebende getan hätten. Langsam wurde er diese Beziehung leid. Seine Frau schien noch immer keinen Verdacht zu schöpfen, selbst damals nicht, als die ganze Familie zwei Wochen Urlaub in dem kleinen Haus gemacht hatte. Er hatte nachts kaum schlafen können, weil er sich schuldig gefühlt hatte. Hier in diesem Bett lag er regelmäßig mit seiner Geliebten. Roch es noch nach ihr? „Quatsch, das bilde ich mir nur ein“, dachte er. Am ersten Abend hatte sich seine Frau in die Kissen geschmiegt, ihm einen zärtlichen Kuss gegeben und war beinahe sofort eingeschlafen. Nichts ahnend. Ein-, zweimal hatten sie während dieser vierzehn Tage miteinander geschlafen, aber er war nie richtig bei der Sache gewesen. Nicht, weil er die andere vermisst hatte. Es war seine Scham, die ihn davon abhielt, sich ganz auf seine Frau und ihre Zärtlichkeiten einzulassen.

Am letzten Donnerstag im Januar fuhren sie wieder hinaus ans Meer. Seit Wochen hatte er darüber nachgedacht, ob er die Beziehung beenden sollte. Solange seine Frau nichts ahnte, hatte er noch die Chance, ungeschoren aus der Sache herauszukommen. Während der Fahrt waren sie beide sehr schweigsam. Er versuchte nicht einmal aus Höflichkeit, ein Gespräch mit ihr zu beginnen und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie vollkommen gleichgültig sie ihm war. Es erschreckte ihn, obwohl er es längst wusste. Wie konnte er mit einer Frau schlafen, immer wieder, ohne auch nur das Geringste für sie zu empfinden? Sein Entschluss, noch heute Nacht die Beziehung zu beenden, wurde während der Fahrt immer klarer. Ihm war es egal, ob es ihr etwas ausmachte. Bei den letzten zwei, drei Treffen, hatte er sich unbehaglich gefühlt. Sie hatte plötzlich von Liebe gesprochen und davon, ihren Mann zu verlassen. Geantwortet hatte er nie darauf, hatte sie stattdessen geküsst, damit sie nicht weitersprechen, keine unangenehmen Fragen stellen konnte. Erst später hatte er sich gefragt, ob sie dies als Zeichen seiner Zustimmung gedeutet haben könnte. „Heute noch werde ich Schluss machen. Ich werde nicht mehr mit ihr schlafen“, überlegte er, während das Auto langsam an den großen, alten Eichen vorbei glitt. Er sah sie von der Seite an. Kein Gefühl regte sich in ihm. Sie döste vor sich hin und schien seine Unruhe nicht zu bemerken. Er sehnte sich danach, endlich anzukommen, um es hinter sich zu bringen. Weshalb er es nicht hier im Auto schon tat, war ihm selbst unklar.

Endlich waren die Lichter des Dorfes zu sehen. Noch einige Minuten und sie wären angekommen. Gleich nachdem er die Heizung überall angedreht hätte, wollte er es ihr sagen. Als er eingeparkt hatte, stiegen sie aus, um zum Haus zu laufen. Es war kalt und sie wollten sich so schnell wie möglich aufwärmen. „Ob es sich überhaupt lohnt einzuheizen?“, fragte er sich. Am liebsten würde er sie sofort zurückbringen, dorthin, wo ihr Auto stand. Auf keinen Fall würde er noch eine Nacht mit ihr verbringen. Ohne aufzusehen, schloss er die Tür auf. Er machte gerade Licht, da hörte er hinter sich ein Geräusch. Als er sich umdrehte, blieb er starr vor Schreck stehen. Seine Geliebte stand neben ihm, hielt seine Hand fest und hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt. „Guten Abend Herr Sander“, sagte eine ihm nur allzu vertraute Stimme. Es war der Nachbar, mit dem er und seine Frau in den Sommerwochen, wenn sie hier Urlaub machten, abends manchmal zusammen saßen. Sein Haus stand etwa fünfhundert Meter entfernt. Der Blick des Mannes sagte mehr als ihm Recht sein konnte. „Ihre arme Frau“, brachte er mit unterdrücktem Zorn heraus. Er mochte die Frau und die beiden Kinder sehr und sagte manchmal, sie seien für ihn fast wie eine eigene Familie. Er starrte seinen Nachbarn an. „Bitte“, seine Stimme zitterte und er ärgerte sich darüber, weil er sich vorkam wie ein Schuljunge, der vor seinem Lehrer stand, „bitte sagen Sie meiner Frau nichts davon. Ich wollte heute sowieso Schluss machen.“ Wie kam er bloß dazu, sich vor dem alten Mann zu rechtfertigen? Er spürte den Kopf seiner Geliebten noch immer schwer auf seiner Schulter. Sie hob ihn kurz und ließ ihn dann wieder fallen. Hatte sie denn nicht verstanden, was er gesagt hatte? Einen Moment lang war es ganz ruhig. Nur von Ferne konnte man das Meer rauschen hören. „Sagen Sie doch Frau Sander Bescheid, dann können wir die Heimlichtuerei endlich beenden.“ Mit einem Ruck drehte er seinen Kopf in die Richtung seiner Liebhaberin. War sie jetzt übergeschnappt? Er stieß sie von sich, so heftig, dass sie sich an der Haustür festhalten musste, um nicht zu stürzen. Der Nachbar blickte ihn einige Sekunden stumm an, dann drehte er sich um und ging weg. „Ob er bei mir zu Hause anruft?“, schoss es ihm durch den Kopf. Alles, was er denken konnte, war, dass er so schnell wie möglich nach Hause musste. Vielleicht war noch irgendetwas zu retten. Er lief den kurzen Weg zum Auto zurück. Gerade als er den Motor starten wollte, hörte er die Beifahrertür. Die Frau, die bis vor wenigen Minuten noch seine Geliebte gewesen war, ließ sich auf den Sitz neben ihm fallen. Ohne ein Wort parkte er rückwärts aus und fuhr zurück zu der kleinen, holprigen Straße, die in das Dorf führte. Kurz nachdem er auf die Landstraße eingebogen war, schrie sie ihn plötzlich an. „Was soll das?“. Ihre Stimme überschlug sich und ihre Hände zitterten. Er sah es aus den Augenwinkeln. „Guck mich an“, rief sie viel zu laut in seine Richtung. Er gehorchte ihr, ohne zu wissen, weshalb.

Später in dieser Nacht fragte der Polizeibeamte seine Frau, ob sie die Beifahrerin kannte und ob sie Angaben darüber machen konnte, woher die beiden kamen und wohin sie fahren wollten. Er sagte ihr, dass sich das Auto um einen der Alleebäume gewickelt hatte und nur noch ein Haufen Schrott war. Außerdem bat er sie, ihren Mann zu identifizieren.

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