Mainhattan Moments
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November 2005
„Rolf“
von Kathrin Schulz

„Komm!“ sagt sie und schiebt in der Dunkelheit ihre Hand in meine. Fordernd, drängend. „Komm!“ Nur dieses eine Wort – es läuft mir eiskalt den Rücken herunter. Eiskalt und prickelnd zugleich! Und zaghaft, zaghaft fällt meine Beklemmung ab. Denn ihre Hände! Ihre Haut auf meiner! So warm, so sanft. Wie die Wölbung ihres Busens, der wie zufällig meine Schulter streift, als sie sich über mich beugt, um mich zu - küssen! Himmel! Eine Frau küsst mich!? Ich küsse eine Frau! Weil ich es zulasse: Ich lasse mich fallen! Einfach so? Und ohne einen Funken schlechten Gewissens! Denn heute, grad in dieser Nacht, passiert das, wovon ich so lange schon träumte. Das also hat mir gefehlt?

Seit drei Jahren bereits sind wir Kolleginnen. Und anfangs ist mir sie mir gar nicht aufgefallen. Die unscheinbare Brünette, die das Büro neben mir besetzt. Nie haben wir ein Wort miteinander gewechselt. Warum auch? Ich war doch glücklich! In festen Händen noch. Und nie, nie hätte ich an ein Abenteuer gedacht!
Beim letzten Betriebsfest jedoch, vor neun Monaten dann... Der erste Blick! Feurig auf mich abgeschleudert von ihr! Auf mich! Die fast in die Knie gegangen wäre. Vor Schreck! Obwohl ich wusste, dass sie auf Frauen steht!? Nie hat sie ein Geheimnis draus gemacht. Grade drum!? ‚Egal!‘ denke ich. In dieser Nacht ist alles egal! Denn wir, hier in ihrem Bett, so, wie wir uns halten... Endlich!

Endlich haben wir es aufgegeben, das verlegene umeinander Herumgeschleiche. Wie damals auf dem Betriebsfest noch. Den ganzen Abend lang! Bis heute. Bis sie mich eingeladen hat. Zu sich! Nach langem Hin und Her! – bin ich drauf eingegangen. Ich bin hier! Hab mit ihr gekocht, geredet, vielleicht auch ein bisschen gelacht. Im Grunde aber waren wir von Anfang an nur auf das Eine aus. Wie wollten es! Beide! Weshalb ich, trotz Sträubens, noch blieb. Über Nacht! Und weil sie mir versprochen hat: „Ich tu dir nichts!“ Hoch und heilig. Während ich nur hoffte, sie würde lügen. Also bin ich geblieben, obwohl Rolf sich sicher schon Sorgen macht!?
Seine Ahnungslosigkeit, sie spielt keine Rolle. Auch das! – ist unwichtig jetzt, während ihre Hand sich vortastet, vorsichtig nach meiner Hüfte sucht, ganz langsam daran heruntergleitet, bis wir einander finden. Da kommt es mir! Vor, als müsste alles so sein. Als wäre nie etwas anders gewesen! Richtig! Ja! So fühlt es sich an.

Und später erst, mitten in der Nacht, als (mir) der Morgen schon graut und ich hochschrecke aus einem schönen Traum... Es war kein Traum, nein – sie ist immer noch da! Liegt leise atmend neben mir, ohne zu bemerken, wie ich sie betrachte. Ihr entspanntes Gesicht! Es lächelt im Schlaf. Über den kleinen Leberfleck vielleicht, der ihren Ellenbogen verziert, wie das mondförmige Grübchen unter ihrem Kinn... Da kommen sie doch, die Gedanken, schleichen sich hinterrücks heran, die Zweifel! Denn: Rolf! Wenn er von unserer Begegnung erfährt...
‚Ich kann nicht!‘ schreit alles in mir und gleich springe ich auf. Abrupt! Ziehe ich mich an, weil ich kann nicht bleiben! Kann nicht neben ihr liegen und mich schlafend stellen, während zu Hause, in einem anderen Bett...
Schnell! Schnell, doch auch leise, leise! – schicke ich mich an, auf Zehenspitzen davon zu schleichen. Erklärungen? Erspare ich mir. Sie würde mich ohnehin nicht verstehen. Nie wieder! So schwöre ich mir, werde ich diese Wohnung betreten. Mein Begehren? Fällt in sich zusammen wie ein windschiefes Kartenhaus. Ein schöner Traum! Das war’s, mehr nicht. Was bleibt, ist ein fahler Nachgeschmack, denn sie und ich – wir gehören nicht zusammen!
Getan? Haben wir es trotzdem. Und jetzt? Torkle ich nach Hause. Zurück zu Rolf. Zu unserem Sohn! Der friedlich in seinem Kinderbettchen schläft. Und während ich davor sitze und jetzt ihn betrachte, verkrampft sich mein Herz, weil ohne Vorstellung, wie das gehen soll: Rolf jemals wieder in die Augen zu sehen!?
Die Wahrheit zu sagen, geht leider nicht. Ein Sprung zur Seite, und alles ist vorbei? ‚Lügen haben kurze Beine!‘ denke ich. Verwirrt. Verwirrt lege ich mich zu ihm, zu meinem Mann. Er erwacht nicht einmal. Sondern dreht sich nur stöhnend zur Seite und grummelt etwas. „Was hast du gesagt?“ flüstere ich in die Stille der Nacht. Und er wiederholt, undeutlich, aber verständlich doch: „Da bist du ja!“ Liebevoll legt er seinen Arm um mich. „Komm!“ sagt er und zieht mich zu sich heran. „Komm!“ Mehr nicht. Da ist es wieder, dieses Wort! Diesmal verbirgt sich keine Lust dahinter. Liebe! Liebe ist das, was uns verbindet! Trennung? Kommt niemals in Frage. Weil wir, weil er... Rolf! Hat einen anderen Weg eingeschlagen. Damals, vor drei Jahren, ja! Und niemals hätte ich gedacht, diesen mitgehen zu können. Doch: Trotz Hormonen und OP – ich liebe Rolf! Auch wenn er vormals noch Katja hieß.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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