'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Dezember 2005
Das Winterkind
von Sabine Ludwigs

Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien machte die Klasse einen Ausflug ins Museum. Der Führer blieb vor der Standuhr aus Mahagoni stehen. „Leonardo da Vinci“, erklärte er. „1452-1519. Viele denken an da Vinci nur als Maler der Mona Lisa und übersehen, dass er ein genialer Erfinder mechanischer Geräte war. Dies ist seine Zeitmaschine.“
Alle Schüler lachten.
Der Museumsführer öffnete den Uhrenkasten. Im Inneren schlug ein goldenes Pendel, umgeben von Gewichten, Federn, Antrieben und Zahnrädchen.
„Dieses Meisterwerk enthält viel mehr Mechanik als eine Uhr braucht. Wozu sie diente, konnte bisher nicht geklärt werden.“
Mit einem Ruck zog er eine Lade auf. Zum Vorschein kam eine Tastatur aus Perlmuttknöpfen, die mit Ziffern versehen waren.
„Hier kann man das Datum eingeben. Die Uhrzeit ist per Hand über das Zifferblatt einzustellen. Und dort ... “, er deutete auf eine Halterung mit einem Raster, in die er zur Demonstration den Stadtplan von Linden geschoben hatte, „wurden vermutlich die Koordinaten eingegeben. Schon oft versuchte man die Maschine in Gang zu bringen. Vergeblich! Das Geheimnis dieser Uhr bleibt ungelöst!“
Behutsam schloss er den Uhrenkasten. „In welche Zeit würdet ihr reisen?“, frage er.
„Ich würde gerne wissen, ob Jesus wirklich gelebt hat!“, rief Florian.
Anna wollte in die Antike, und Kevin in die Zeit, in der jeder zu anderen Planeten reisen konnte.
Frank Paulsen, genannt Frankie, blieb stumm. Er wollte lediglich in den vergangenen Januar reisen. Das war sein Wunsch, für dessen Erfüllung er alles tun würde. Frankie erinnerte sich genau an jenen Tag.

Es war eine Landschaft wie im Wintermärchen gewesen! Sein bester Freund Frank Peddack, genannt Pedda, und er gingen zum Köhlersee, um Schlittschuh zu laufen. Auf dem Weg dorthin bewarfen sie sich lachend mit Schneebällen. Innerhalb weniger Minuten waren ihre Handschuhe durchnässt.
Niemand sonst war draußen am See, denn ein stürmischer Westwind hielt alle davon ab, aus dem Haus zu gehen.
„Klasse!“, rief Pedda. „Das ganze Eis gehört uns allein!“ Brüderlich legte er einen Arm um Frankies Schultern. Sie sahen sich verblüffend ähnlich: dunkelblondes Haar, graugrüne Augen, fröhliches Gesicht, mittelgroß und dünn.
Frankie wurde todtraurig, wenn er daran dachte.
Am Ufer setzten sie sich auf die Bank vor der alten Fischerhütte, um ihre Schlittschuhe anzuziehen. Ein Eiszapfen brach vom Dach und zerschellte.
Nie würde Frankie dieses Splittern vergessen. Nie die anderen Geräusche, die er an diesem Tag hörte.
Mit klammen Fingern schnürten sie ihre Schlittschuhe und flitzten kurz darauf über das Eis, das aussah, wie eine feuchte Milchglasscheibe. Aus ihrem Versteck unter der großen Tanne holten sie die Hockeyschläger und lieferten sich ein großartiges Spiel - bis Pedda stolperte, bäuchlings auf dem Eis landete und ein Stück weiter rutschte.
Ehe Frankie bei ihm war, hatte er sich aufgerappelt und stob lachend davon - da hörten sie ein eigenartiges Knistern. Das Eis bekam feine Risse, die sich die Fäden eines Spinnennetzes über die Eisfläche zogen. Ein lang anhaltendes Ächzen ertönte und die Risse wurden zu Spalten. Wasser leckte gierig hindurch und Frankie sah, wie das Eis unter Peddas Kufen wegbrach.
Alles passierte so wahnsinnig schnell, dass Pedda keine Zeit für einen Schrei blieb. Frankie erkannte das Entsetzen in seinem Gesicht, sah, dass er seine Arme hochriss, wie sein Hockeyschläger über das Eis schlidderte. Wasser spritzte auf, als Pedda in das Eisloch stürzte. Und augenblicklich versank.
Nur Peddas Hände in den hellroten Handschuhen schauten noch aus dem Krater, griffen um sich, flatterten wie aufgescheuchte Vögel durch die Luft.
„Peddaaa!“, gellte Frankie Schrei. „Peddaaa!“
In der nächsten Sekunde war er an dem scharfkantigen Loch, legte sich auf den Bauch, griff nach einem der roten Vögel und bekam ihn zu fassen.
Der Handschuh war kalt und glitschig und drohte ihm zu entschlüpften - aber er ließ nicht los, sondern zerrte, bis Peddas Kopf prustend aus dem dunklen Wasser auftauchte.
„Pedda!“
Sein Gesicht war blau, richtig blau. Besonders die Lippen. Peddas Lungen pfiffen beim Luftholen. Er griff mit ungelenken Bewegungen nach dem zackigen Rand des Eises, der unter seinen Händen wegbrach. Wieder und wieder. Bis es endlich aufhörte.
Keuchend hielten sie in ihren Bewegungen inne, verschnauften für Sekunden.
Es gluckerte drohend. In der Eisdecke unter Frankies Bauch bildeten sich weitere Brüche. Wasser drang hindurch und durchtränkte seine Kleidung.
„Halt den Kopf hoch“, Frankie wagte nur zu flüstern. Seine Arme schmerzen, als würden sie jeden Augenblick aus den Schultergelenken springen.
Ich ... kann nicht mehr Pedda ...“
Wieder knirschte es. Die Eisdecke gab langsam nach.
Peddas Augen weiteten sich.
„Halt fest“, raunte er beschwörend. „Lass nicht los.“
Das Scholle sackte tiefer.
„Pedda!“
Sein bester Freund, sein Bruder, blinzelte; seine Augenlider flatterten, der Blick wurde müde und die Bewegungen träge, bis sie beinahe erlahmten. Die Kälte saugte die letzte Kraft aus Peddas Körper. Bestimmt würde er gleich ohnmächtig werden.
„Kalt ... so kalt ...“
Frankie heulte, Tränen strömten über sein Gesicht. Verzweifelt riss er an Peddas Händen. Der linke Handschuh glitt langsam über Peddas Handgelenk, sodass Frankie seine Armbanduhr sehen konnte: 11.50 Uhr – und im gleichen Augenblick waren Frankies tauben Hände plötzlich leer.
Es platschte, als das Wasser über Peddas Kopf zusammenschlug. Frankie sah kurz eine bleiche Hand aufblitzen, weiß, wie der Bauch eines toten Fisches.
Dann war Pedda fort und sank hinab in die Finsternis ... die unendliche, immerwährende Finsternis. Eine Weile stiegen Luftblasen auf. Dann trieben nur noch ein paar Eisbrocken auf dem Wasser.
Und ein roter Handschuh.

Später wusste Frankie nicht mehr, wie lange es dauerte, bis er anfing rückwärts in Richtung Ufer zu robben. Als er jemanden rufen hörte, sah er auf.
An den Rest konnte er sich auch nicht erinnern. In seinem Kopf gab es lediglich einen nassen Schwamm. Er wusste nicht, wie man ihn von dem gefrorenem See gezogen hatte. Nichts von der Polizei und den Schaulustigen, die sich inzwischen am Ufer versammelt hatte. Es existierte keine Erinnerung an die Feuerwehrmänner, Taucher, den Krankenwagen.
Später, als er Zuhause im Bett lag, hielt er sich die Ohren zu, wenn seine Eltern mit ihm darüber reden wollten.
Er lauschte nur Peddas Stimme in seinem Kopf, die flüsterte: „Lass nicht los“, sah die Uhr vor seinen Augen: 11.50 Uhr, und eine blasse Hand, die im dunklen Wasser verschwand.
In der Zeitung las er:
Tödliches Ende in Linden.
Am Sonntag (16.01.04) starb der vierzehnjährige Frank P., nachdem er während eines Eishockeyspieles auf dem Köhlerteich eingebrochen war. Taucher bargen den Jungen. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.

Frankie wünschte, dass Frank P. für Frank Paulsen stünde, und nicht für Frank Peddack.
Niemand, der das nicht selbst erlebt hatte, würde das verstehen.
Er war nie wieder an den Köhlersee gegangen. Nicht zum Angeln, zum Schwimmen oder zum Eislaufen.

„Lasst uns weitergehen!“, zerschnitt die Stimme des Museumsführers seine Erinnerungen.
„Wissenschaftler!“, sagte ein Mädchen verächtlich. „Ich wette, sie haben nie daran gedacht, es an einem magischen Tag zu versuchen.“
„Magischen Tag?“, Frankie schaute sie perplex an.
„An magischen Tagen liegt eine besondere Kraft in der Luft, die Eingeweihte sich zu Nutze machen. Da Vinci hat das sicher gewusst! Heute wäre so ein Tag.“
„Heute ist der 21. Dezember.“
„Die längste Nacht. Wintersonnenwende,“ erwiderte sie, bevor sie sich abwandte und den anderen folgte.
Frankie blieb unauffällig zurück.

Es quietschte leise, als er den Uhrenkasten öffnete. Seltsam, dass ihm das vorhin nicht aufgefallen war. Seine Finger zitterten, als er die Perlmuttknöpfe drückte und das Datum eingab. 16.01.2004. Er richtete die Koordinaten mit Hilfe der Landkarte auf den Köhlersee aus und zögerte kurz, bevor er die Uhrzeit auf 11.15 Uhr stellte. Zeit genug bis 11.50 Uhr!
Die Standuhr blieb stehen.
Das Ticken erstarb.
Stille.
Ohrenbetäubende Stille.
Bis ein schrilles Schnarren in dem Augenblick die Lautlosigkeit zerfetzte, als die Zeiger entgegen dem Uhrzeigersinn über das Zifferblatt rasten. Die Luft knisterte wie statisch aufgeladen und Frankie spürte, wie sich seine Haare aufrichteten. Ein greller Blitz zuckte auf, dem ein Knall folgte.
Als er die Augen wieder öffnete, schwebte eine Kugel im Raum. Sie war ungefähr so groß wie ein Kleinwagen und sah aus, wie eine gigantische Schneekugel, in deren Mitte ein zugefrorener See und Bäume zu sehen waren.
Im gleichen Augenblick riss irgendetwas an Frankie, saugte ihn ein, verschlang ihn und spie ihn wieder aus – direkt in eine weiche, nachgiebige Kälte.

Vorsichtig rappelte er sich auf.
Kein Zweifel: Frankie stand am Ufer des Köhlersees, der Wind zerrte an seinen Kleidern und er fror erbärmlich.
Die Kugel war verschwunden. Frankie fragte sich zaghaft, wie er wieder zurückkommen sollte, und warum er nicht vorher darüber nachgedacht hatte. Und dann hörte er – viel zu früh! – den Schrei: „Peddaaa!“
Er sprintete los und konnte ein Knacken hören, als das Eis weiter riss. Frankie achtete nicht darauf.
Das da draußen war Pedda!
Er schlitterte über den zugefrorenen See, und als er an der Bruchstelle ankam, warf er sich auf den Bauch neben sein ein Jahr jüngeres Ich, anderes Ich, das nicht einmal richtig aufsah!
Für die Dauer eines Herzschlages schauten sie einander an, und der andere Frankie riss die Augen auf. Danach zerrten sie stumm und mit vereinten Kräften Pedda aus dem Eisloch. Frankies Blick fiel auf seine eigene Armbanduhr und er begriff schlagartig, warum er zu spät gekommen war: Es war 11.20 Uhr - nicht 11.50 Uhr!
Er hatte aus seiner Position damals Peddas Uhr auf den Kopf gestellt gesehen und in seiner Panik die Digitalziffern falsch gedeutet.
Unter ihnen bebte das Wasser gierig hinter einer Schicht aus Eis.
„Du kriechst vorsichtig zurück ans Ufer, Pedda. Ich ... wir folgen.“
Verstört starrte Pedda sie an, bevor er sich wie in Zeitlupe davon schleppte, während sie entkräftet auf der Eisfläche lagen, Arme und Beine ausgebreitet, um ihr Gewicht gleichmäßig zu verteilen.
Kurz darauf ertönte ein Krachen und Peddas Aufschrei: „Frankiiieee!“
Das Letzte was Frankie spürte war, dass irgendetwas an ihm riss, ihn einsaugte, verschlang und wieder ausspie – direkt in sein anderes Ich, mit dem er in der Finsternis versank ...

Tödliches Ende in Linden.
Am Sonntag (16.01.04) starb der vierzehnjährige Frank P., nachdem er während eines Eishockeyspieles auf dem Köhlerteich eingebrochen war. Taucher bargen den Jungen. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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