Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Dezember 2005
Quantensprung
von Renate Hupfeld

Was für eine Überraschung! Der kleine Chip mit dem TTT-Hologramm glänzte silbern in meiner Hand. ‚Time Travel Terminal - Reise in die Achtundvierziger’, stand darauf.
„Wahnsinn, Jannis. Eine Fahrt in das 19. Jahrhundert. Das ist ja, das ist ...“
„Beruhige dich, Maleen. Dreißig wird man nicht alle Tage. Da kann es auch mal ein besonderes Geschenk sein.“
Ich war sprachlos und nahm einen Schluck von meinem morgendlichen Milchkaffee. Dann beugte ich mich hinüber zu Jannis, der mich erwartungsvoll anschaute, und gab ihm einen dicken Kuss.
Er nahm mich in den Arm.
„Liebes, ich weiß doch, dass du im Jubiläumsjahr dein Buch über die deutsche Revolution fertig haben willst. Aufbruch in Deutschland. An diesem strahlenden Märztag des Jahres 1848 waren alle deine Protagonisten in Frankfurt.“
„Julius Fröbel. Wenn ich den treffen würde ... oder Friedrich Hecker ... krasse Typen.“
„Wie meinst du das?“ Mein Mann schaute ein wenig irritiert.
„Was ist denn los, Jannis? Diese Männer waren vor zwei Jahrhunderten ungefähr so alt wie du jetzt. Vor zweihundert Jahren, hörst du?“ Ich strich ihm über die Haare. „Wann soll die Tour losgehen?“
„Der nächste Timetrain in die Achtundvierziger geht in zwei Wochen, am 27. Dezember 2046. Du kannst aber auch später reisen.“
„Je eher, desto besser“, sagte ich.
„Dann mache ich gleich alles perfekt.“ Jannis eilte an seinen Computer.

Ich ging ans Fenster und betrachtete den grauen Himmel und die kahlen Bäume in unserer Allee. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass diese Technik sich so rasant entwickeln würde und innerhalb kürzester Zeit überall im Lande Time Travel Terminals angesiedelt sein würden. Von Zeitschleifen und künstlichen Wurmlöchern hatte ich zwar keine Ahnung, aber musste ich das denn? Bewegte ich mich doch auch im World Wide Web ohne genau zu wissen, wie das Internet funktionierte. Ich musste an einen Ausspruch meiner Großmutter denken und insgeheim schmunzeln: „Das World Wide Web ist ein Quantensprung wie vor Jahrhunderten die Erfindung des Buchdrucks.“ Wenn sie das TTT noch erlebt hätte! Es war ein Quantensprung wie im 20. Jahrhundert das WWW.

Der Reisetermin war gekommen. Jannis begleitete mich zum Check-in im uralten Gasometer.
„Pass gut auf dich auf, Maleen. Du weißt, es waren unruhige Zeiten damals. Ein falsches Wort kann böse Folgen haben.“
„Ach, du Lieber, wem erzählst du das. Als hätte ich nicht genug recherchiert. In jenen Märztagen des Vorparlamentes waren die Zeiten so liberal wie danach Jahrzehnte lang nicht mehr. Mach dir keine Sorgen. Ich bin kein Revolutionär.“
„Sondern eine junge Frau aus dem Volke“, ergänzte Jannis. „Auch das kann gefährlich sein. Sei nicht zu ... ich meine ...“
„Kokett? Wo denkst du hin?“
„Machs gut, Maleen. Ich warte hier im Coffeeshop auf dich.“
Heftiges Herzklopfen, ein langer Abschiedskuss, dann begab ich mich an den TTT-Schalter, wo mich eine nette Dame begrüßte.
„Ihr Timetrain geht in einer knappen Stunde. Passende Kleidung finden Sie in der Zeitschleuse. Legen Sie Ihre Sachen einschließlich Geldbörse, Armbanduhr und Handy in die bereitgestellte Box“, sagte sie und brachte mich in einen Raum mit einem gut bestückten Kleiderständer.
Ich wusste, was eine Frau aus dem Volke vor zweihundert Jahren getragen hatte und fand schnell das Richtige heraus. Nachdem ich mich ausgezogen hatte, streifte ich zunächst eine weiße Leinenunterhose und ein Unterhemd über, ein bisschen groß, aber ich würde mich daran gewöhnen. Ein Korsett kam für mich nicht in Frage, ich war schlank und knackig. Der lange braune Rock musste mit einem Gürtel auf der Hüfte gehalten werden. Darüber zog ich eine hübsche beigefarbene Leinenbluse und drapierte mir ein großes hellblaues Tuch um die Schultern. Mit Knöpfstiefeln an den Füßen verließ ich durch die andere Tür die Zeitschleuse.
In diesem Raum wartete ein Mann mit TTT-Plakette an der Brust auf mich. Er überprüfte mein Outfit und war sichtlich zufrieden. Dann überreichte er mir eine wunderbare altertümliche Taschenuhr und einen kleinen Lederbeutel mit Schnüren. Meinen silbernen Chip sollte ich in den Schlitz an der Seite des Uhrgehäuses stecken. Das machte ich und im gleichen Moment leuchtete das Display auf.
„Dieses Gerät zeigt nicht nur die Uhrzeit in den Achtundvierzigern an, sondern es ist auch ihr Navigationssystem für die Reise“, erklärte er. „Sind Sie bereit?“
„Ja“, antwortete ich, befestigte den Lederbeutel am Gürtel und ließ die Taschenuhr hineingleiten.
„Kommen Sie mit“, er führte mich durch einen schmalen Gang, der in einer schwach beleuchteten Kabine endete, gerade groß genug für den schwarzen Sitz mit hohen, steilen Lehnen. Ein bisschen wie ein Käfig sah das Ding aus. Ich setzte mich hinein.
„Achtung!“ Im gleichen Moment wurde ich hart eingezwängt und zwar so heftig, dass ich mich keinen Millimeter mehr bewegen konnte. Meine Arme, Schultern und Beine wurden mit ruckartigen Bewegungen von allen Seiten fixiert. Unerträglich eng war es. Ich fürchtete eingequetscht zu werden. Dann bekam ich auch noch etwas über den Kopf gestülpt, das sich anfühlte wie ein Motorradhelm und sich langsam so eng um meinen Schädel schloss, dass es ihn zu zerdrücken drohte. Panik machte sich breit, das Atmen fiel mir schwer. Ich konnte nur noch den Mund bewegen und die Augen rollen, was ich auch ständig ausprobierte.
Wie sollte ich hier jemals wieder heraus kommen?
Ich hatte nicht lange Zeit zum Nachdenken, denn mein Sitz begann zu vibrieren, erst sachte, dann immer heftiger. Die Vibration ging in eine Drehbewegung über, rasend schnell rotierte ich, begleitet von psychedelischem Flackern in unbeschreiblich schneller Folge. Als ich dann auch noch wie in einer rasanten Achterbahnfahrt steil hinauf und im freien Fall hinunter befördert wurde, immer wieder, endlos lange, bei gleichzeitig unglaublich schneller Rotation, wurde mir kotzübel.

Die Kabinentür stand offen, als ich wieder zu mir kam. Eine Hand streckte sich mir entgegen. Ich wankte hinaus und konnte kaum stehen.
„Alles okay?“, fragte eine Stimme.
„Es geht schon“, sagte ich und erst jetzt entdeckte ich, dass die Stimme zu einem gut aussehenden Mann mit dunklen, halblangen Haaren und TTT-Anstecker gehörte. Er zeigte auf das Ende des Ganges, in dem wir standen.
„Der Ausgang führt in einen Wald. Folgen Sie den Anweisungen auf dem Display ihrer Taschenuhr.“
Ich trat hinaus und befand mich in einem Dickicht unter Bäumen. Nach ein paar Metern schaute ich mich noch einmal um. Nichts Auffälliges war zu sehen.
Nach den Anweisungen auf dem Display wanderte ich los und war nach einer guten halben Stunde am Rande des Waldes auf einer kleinen Anhöhe angelangt.

Meine Augen mussten sich langsam an die helle Morgensonne gewöhnen. Frühlingsgrüne Wiesen und blühende Bäume breiteten sich vor mir aus. In einiger Entfernung lagen links und rechts des Mains die Häuser der Stadt Frankfurt. Die beiden Ufer waren verbunden durch die majestätische Steinbrücke mit der markanten Bogenreihe, wie ich sie von historischen Abbildungen kannte. Auf dem Fluss wimmelte es von Dampfschiffen, Segelbooten und Kähnen. Menschen pilgerten von Anlegestellen her hinauf in die Stadt, wo der mächtige Turm des Domes in den strahlend blauen Himmel ragte.
‚10:16’, stand auf meinem Display und darunter: ‚Jetzt haben Sie sechs Stunden und 44 Minuten zu Ihrer freien Verfügung’.
Nachdem ich die Taschenuhr im Lederbeutel verstaut hatte, ging ich in östlicher Richtung auf einem holprigen Pfad und erreichte die ersten prächtig geschmückten Häuser. Es wurde eng auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen und Gassen. Ich bewegte mich mitten im Strom der Menschen, wurde eingehakt, freundlich angelächelt und einfach mitgezogen. Ein tolles Gefühl. Die Stimmung war überwältigend. Freiheit lag in der Luft, Freude auf den Gesichtern.
Wir erreichten den Platz vor dem Römer. An den imposanten Gebäuden wehten schwarzrotgelbe Fahnen im Sonnenschein. Hier standen die Männer der Nationalgarde in ihren blauen, goldgeschmückten Uniformen und die Jungen der Turnergarde ganz in Weiß mit breitkrempigen Hüten, bereit zum Spalier für den Zug der Abgeordneten.
Ich ließ mich mittreiben in Richtung Paulskirche, wo die klügsten Köpfe des Volkes für ein besseres Deutschland kämpfen würden. Vor einer Art Holzbühne hatte sich eine Ansammlung von überwiegend jugendlichen Zuhörern gebildet. Ihre Augen hingen am Mund eines Redners, der mit seinen langen blonden Haaren und den ausdrucksvollen Augen nicht nur glänzend aussah, sondern mit einem Feuer sprach, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.
„Er sieht aus wie Christus“, sagte eine Frauenstimme hinter mir.
„Hecker ist der Beste. Hecker, Hecker“, rief einer und alle stimmten ein.
„Das Heckerlied ...“, tönte es in der Menge und im Nu war ein gemeinschaftlicher Gesang im Gange:
Wenn die Leute fragen,
Lebt der Hecker noch,
Sollt ihr ihnen sagen,
Ja, er lebt noch...

Eine Mandoline ertönte dazu.
Bei der zweiten Strophe konnte ich den Refrain mitsingen:
Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der deutschen Republik.

Viele begannen wie wild zu tanzen. Eine junge Frau nahm meine Hände und ich wirbelte glücklich mit, immer rundherum. Wieder und wieder ertönte das „Ja, er lebt noch ...“ Wir bekamen nicht genug vom Singen und Tanzen. Es war wie ein Sog, der mich unwiderstehlich mitriss.
Urplötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz bis in die äußersten Haarspitzen: Mein Lederbeutel war verschwunden. Ich stand da wie erstarrt und konnte es nicht fassen.
„Was hat dir denn den Tanz vergällt?“, fragte ein junger Bursche mit Federhut.
„Ach, mein Lederbeutel ist verschwunden und meine ...“ Er half mir beim Suchen in dem Gewirr von Beinen und Füßen. Vergeblich. Er ging sogar mit mir den mühsamen Weg gegen den Menschenstrom zurück zum Römerberg. Es war aussichtslos. Wie sollte ich in diesem Trubel mein Navigationsgerät finden? Die ganze Zeit redete der Federhütler auf mich ein, doch ich reagierte gar nicht mehr darauf.
Ich irrte durch die Menge.
Was sollte ich nur tun?
Wie von fremder Hand gezogen, ging ich den Weg aus der Stadt hinaus. Dabei suchte ich unentwegt den Boden ab. Das verdammte Ding blieb verschwunden.
Ich hatte keine Ahnung, wie spät es inzwischen war. Die Sonne stand schon im Westen, aber noch ziemlich hoch am Himmel. Vor mir lag die Anhöhe, ich ging hinauf. Doch ohne Orientierungshilfe würde ich niemals den Weg durch den Wald zurückfinden. Und kein Mensch weit und breit konnte mir helfen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und weinte.

„Hallo“, hörte ich nach einer Weile. Jemand klopfte mir ungeduldig auf die Schulter. Ich schaute hoch. Es war der hübsche Dunkelhaarige vom Timetrain, bekleidet mit brauner Hose und Leinenhemd, jetzt ohne TTT-Plakette.
„Hier, nehmen Sie.“ Er gab mir meinen verlorenen Schatz zurück. „Kommen Sie schnell“, fuhr er hektisch fort. „Siebzehn Uhr ist zwar vorbei, aber wenn wir uns beeilen, schaffen wir es rechtzeitig.“
Wir hetzten los und atemlos erzählte er mir, wie ein Alarmsignal bei ihm angekommen und er in die Stadt gerannt wäre. Sein Navigationsgerät hätte ihn zu einem Burschen mit Federhut und meiner Taschenuhr in der Hand geführt. Plötzlich hätte das Ding so heftig vibriert, dass er es auf den Boden geschmissen und mit schreckgeweiteten Augen angestarrt hätte. Danach wäre der Bursche weggerannt.
Weiß der Teufel, welchen Sensoren ich meine Rettung zu verdanken hatte. Jedenfalls war alles gut gegangen.

„Man kann dich wohl doch nicht alleine in die Vergangenheit reisen lassen“, sagte Jannis, nachdem ich ihm alles erzählt hatte. „Wenn du dein Buch geschrieben hast, machen wir gemeinsam eine Reise mit dem Timetrain in das 20. Jahrhundert. Die Neunundachtziger sind im Programm: ‚Wir sind das Volk’.“


Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus dem „Heckerlied“, überliefert aus dem Jahre 1847.

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