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Dezember 2005
Das Medaillon
von Ingeborg Restat

Eine tiefe Freundschaft von Kindheit an verband Viktoria und Gudrun. Nicht einmal der Krieg hatte ihre Wege getrennt. Durch viele Höhen und Tiefen waren sie gemeinsam gegangen. Und das, obwohl Viktoria aus wohlhabenden Verhältnissen stammte und Gudrun aus bescheidenen. Es hatte sie nicht gekümmert. Viktorias Mutter war aber auch stets darauf bedacht gewesen, dass Gudrun nie leer ausging, wenn Viktoria etwas erhielt. Erst als sie einen jungen Mann aus Viktorias Kreisen heiratete, verwischten sich die Unterschiede.
Nun waren sie alt geworden, aber nicht grau. Wozu gab es Haartönung? Stützte sich Viktoria auch auf einen Stock, wurde Gudruns Rücken krumm, eine gewisse Eitelkeit war ihnen erhalten geblieben, über die sie beide wissend lächelten. Sie kannten sich zu gut. Sie gehörten zusammen, auch zur jeweilige Familie der anderen. So durfte Viktoria nicht fehlen, als Gudruns Enkeltochter Lisa ihren vierzehnten Geburtstag feierte.
Herzlich wurde Viktoria von Gudrun umarmt, sobald sie ihr Haus betreten hatte. Fröhliches Lachen, Stimmengewirr und leise Musik drang aus dem Zimmer, in dem Lisa bereits mit Gästen und Freunden beisammen war. Alle blickten auf und begrüßten Viktoria erfreut, als sie zu ihnen kam.
Lisa fiel ihr um den Hals, nachdem sie ihr Geschenk ausgepackt hatte und eine Armbanduhr in der Hand hielt. „Oh, die hab ich mir so gewünscht!“, rief sie und zog Viktoria weiter zu ihrem Gabentisch. „Schau, was ich bisher alles bekommen habe.“
Viktorias Blick blieb sofort an einem Medaillon hängen. Glich es nicht dem, das ihr einst zu ihrem vierzehnten Geburtstag geschenkt worden war? Nur durch den Rubin in der Mitte unterschied es sich, ihr Medaillon hatte eine Perle geziert. Ehe sie es sich jedoch näher ansehen konnte, wurde zur Kaffeetafel gerufen.
Während sie mit den anderen am Tisch saß, ihre Stimmen sie in lebhaftem Gespräch umschwirrten, glitten ihre Gedanken in die Vergangenheit. Schon nach zwei Jahren war ihr das Medaillon bei ihrer ersten Tanzstunde verloren gegangen. Überall hatten Gudrun und sie danach gesucht, in jeder möglichen Ecke. Es blieb wie vom Erdboden verschwunden. Sie hatte ihm sehr nachgetrauert. Das war das erste und vielleicht das einzige Mal in ihrem Leben gewesen, dass sie zu spüren glaubte, Gudrun verstehe sie nicht. „Darum solch ein Tamtam zu machen!“, hatte sie nur abfällig gemeint. Und nun schenkte sie ihrer Enkeltochter ausgerechnet zum vierzehnten Geburtstag so ein Medaillon. Warum?
„Viktoria! Was ist heute mit dir los? Du vergisst ja das Essen“, unterbrach Gudrun ihre Gedanken.
Das riss Viktoria aus ihrem Grübeln. Doch kaum war die Kaffeetafel aufgehoben, zog es sie wieder zu dem Gabentisch. Sie nahm das Medaillon in ihre Hand.
Sogleich stand Gudrun neben ihr. „Gefällt es dir?“
„Welche Frage? Gleicht es doch dem, was ich einmal besaß. Erinnerst du dich?“
„Ja. Darum habe ich es Lisa geschenkt“, antwortete Gudrun kurz und lief wieder eilig davon, weil sie in die Küche gerufen wurde.
Viktoria setzte sich neben den Gabentisch in einen Sessel und ließ gedankenverloren die lange Kette des Medaillons durch ihre Finger gleiten. War Gudrun damals nicht enttäuscht gewesen, als sie von Viktorias Mutter statt genauso einem Schmuckstück nur einen kleinen Bernsteinanhänger erhalten hatte? ‚Das steckt sicher noch heute in ihr drin, darum wollte sie wohl, dass ihre Enkeltochter so ein Medaillon bekommt. Vielleicht bedeutete es für sie auf ihre Art, damit einen verspäteten Ausgleich zu damals zu schaffen’, überlegte Viktoria. Fest umschloss sie es in ihrer Hand. Sie spürte, wie sich das Metall erwärmte. Ein eigenartiges Gefühl durchströmte sie dabei. Alles um sie herum begann sich zu verwischen. Die Umgebung verwandelte sich. Sie fühlte sich zurückversetzt in ihre Jugend, wo das Leben noch so viel versprechend vor ihnen gelegen hatte. Wie in einer Halluzination erlebte sie als Zuschauer noch einmal mit, was damals geschehen war.

Sie sah sich, gerade sechzehn Jahre alt, das Medaillon um den Hals, in einem festlichen Kleid mit Gudrun zu ihrer ersten Tanzstunde gehen. Es war ein letzter heißer Tag im September, bereits Krieg und eine der Veranstaltungen, die es in dieser Zeit bald nicht mehr geben sollte. Aufgeregt und scheu betraten sie den Tanzsaal und gingen zu den Stühlen an der einen Seite der Tanzfläche, bei denen sich die Mädchen versammelten. Ihnen gegenüber standen oder saßen die Jungen. Die Mädchen kicherten aufgeregt, während die Jungen neugierig und nervös herüberäugten. Bei den ersten Erklärungen des Tanzlehrers, schienen sie schon in den Startlöchern zu stehen, um als Erste ein Mädchen auffordern zu können. Bald war klar, es gab mehr Mädchen als Jungen. Viktoria hatte keinen Mangel an Tanzpartnern, nur Gudrun blieb manchmal sitzen.
Damals hatte sich Viktoria nicht weiter darum gekümmert. Dann tanzte Gudrun eben mit einem anderen Mädchen zusammen. Jetzt aber, in dieser Vision, erkannte sie den eifersüchtigen Blick, mit dem Gudrun sie und ihren jeweiligen Tanzpartner verfolgte, und erschrak. Sie sah aber auch, dass ihr das entgehen musste, weil sich Gudrun nichts anmerken ließ, wenn sie zusammentrafen.
„Hätte ich mir nur nicht so ein hochgeschlossenes Kleid angezogen. Mir ist das schon unangenehm, wenn mein Tanzpartner mir die Hand auf meinen verschwitzten Rücken legt“, hörte sie sich sagen, als sie zusammen in einer Pause vom Tanzen erhitzt aus dem Saal gingen.
Gudrun lachte: „Die armen Kerle sind schlimmer dran als wir in ihren Anzügen. Komm, wir gehen uns frisch machen.“
Aber danach verlangte es sie nicht allein. In dem Vorraum zu den Toiletten drängten sich viele Mädchen um die Waschbecken. Das war ein Schubsen, Durcheinanderrufen und Lachen. Mit Mühe gelang es ihnen, einen Wasserstrahl kurz über ihre Hände laufen zu lassen, dann wurden sie wieder zur Seite gedrängt. Viktoria sah, wie sie sich seufzend mit den nun kühlen Händen über Gesicht und Nacken strich. Und da - die Schließe der Kette des Medaillons öffnete sie ungewollt. Es konnte zu Boden fallen, ohne dass sie es in dem Getümmel bemerkte.
Dort also war das Medaillon verloren gegangen. Doch was geschah jetzt? Gudrun ließ ihre Tasche fallen, bückte sich hastig, hob sie zugleich mit dem Medaillon wieder auf und steckte es ein.

‚Gudrun hat es mir gestohlen, mir einfach weggenommen!“, murmelte Viktoria fassungslos vor sich hin, als sie langsam in die Gegenwart zurückkehrte. Entsetzt blickte sie auf das Medaillon in ihrer Hand. Sollte das ihr einmal gehört haben? Unmöglich! Das würde Gudrun nie tun. Ehrlich miteinander umzugehen, war ihnen immer wichtig gewesen. ‚So seltsam es sein mag, ich war eben sicher einer trügerischen Vision erlegen, vielleicht hervorgerufen durch einen kleinen Schwächeanfall’, überlegte sie. Denn dieses Medaillon hatte einen Rubin in der Mitte und keine Perle. Außerdem müsste es noch innen am Rand, bei dem Riegel zum Öffnen, einen kleinen Kratzer geben.
Um sich zu überzeugen, öffnete sie das Medaillon - und erstarrte. Nur für den, der wusste, wo er danach suchen musste, war dieser Kratzer zu finden – und sie sah ihn. Erschüttert und aufgewühlt saß sie noch da, als Gudrun zu ihr kam.
„Was sitzt du hier alleine herum. Komm, wir sind alle im Garten und wollen ...“ Sie stutzte und blieb stehen. „Was ist mir dir? Ist dir nicht gut?“
Viktoria hob ihr die Hand mit dem Medaillon entgegen. „Das gehört mir. Du hast es gestohlen!“
„Wieso? Wie kommst du zu so einer Anschuldigung?“
„Ich habe es gesehen.“
„Du hast es gesehen?“ Nervös zupfte Gudrun an ihrem Kleid herum.
„Ja. Als ich mein Medaillon verlor, hast du neben mir deine Tasche fallen lassen und es zugleich damit an dich gebracht.“
Gudrun lachte auf, Röte schoss ihr ins Gesicht. „Du fantasierst! Es ist unmöglich, dass du das gesehen haben kannst.“
„Du gibst es zu?“
„Was? ... nein, wieso? ... ach, du verstehst das falsch. Dein Medaillon hatte ein Perle, also kann dies hier nicht dir gehören.“ Damit machte Gudrun einen energischen Schritt auf Viktoria zu und wollte es ihr aus der Hand nehmen.
Viktoria aber zog es zurück und sprang blitzschnell auf. „Es ist nicht schwer, hier an Stelle der Perle einen Rubin einarbeiten zu lassen“, sagte sie erregt. zum Beweis ließ sie das Medaillon aufspringen und zeigte Gudrun den Kratzer.
Gudrun erbleichte.
„Warum hast du das getan?“, fragte Viktoria leise.
„Immer hattest und bekamst du alles, und ich ...“
„Meine Mutter hat stets dafür gesorgt, dass du selten leer ausgegangen bist, wenn mir etwas geschenkt wurde.“
„Was weißt du schon davon, wie es ist, niemals einen Anspruch darauf zu haben, alles wie eine milde Gabe empfangen zu müssen“, ereiferte sich Gudrun.
„Du bist also nie ehrlich zu mir gewesen?“
„Doch, doch, versteh das nicht falsch. Es ist so lange her. Es war das einzige Mal.“
„Das war einmal zu viel.“ Viktoria nahm ihre Tasche und ihren Stock.
„Willst du jetzt alles wegwerfen, unsere ganze lebenslange Freundschaft, nur weil mich einmal in unserer Jungend der Neid übermannte? Kannst du das nicht verstehen? Bitte, versuche dich in meine Lage zu versetzen. Du hast das Medaillon bekommen, was ich mir schon lange im Schaufenster ausgesucht und gewünscht hatte. Aber meinen Eltern fehlte das Geld dafür. So hast du es erhalten und mir schenkte deine Mutter zugleich einen kleinen Bernsteinanhänger. Kannst du wirklich nicht nachempfinden, wie arm und beschämt ich mich da gefühlt habe?“
„Ich habe nie gesehen, dass du diesen Bernsteinanhänger getragen hast.“
„Ich habe ihn gehasst.“
Überrascht und erstaunt sah Viktoria Gudrun an. „So war also die Annahme, dass der Unterschied unserer Elternhäuser für unsere Freundschaft keine Rolle spielte, eine Lüge?“
„Nein! Ganz unabhängig davon war mir die Freundschaft zu dir immer wichtiger.“
Viktoria machte einen Schritt auf die Tür zu.
„Du willst doch jetzt nicht gehen? Was soll ich Lisa sagen?“ Verzweifelt versuchte Gudrun, sie zurückzuhalten.
„Sag ihr, es gehe mir nicht gut, sonst nichts von alledem. Nun soll es so sein, jetzt gehört ihr das Medaillon.“ Mit diesen Worten trat Viktoria wieder an den Gabentisch und legte es zurück. Danach wandte sie sich ab und wollte, auf ihren Stock gestützt, erneut zur Tür gehen.
Gudrun hielt sie verzweifelt fest. „Damals waren wir jung, sehr jung; Jetzt sind wir alt. So viele in Freundschaft verbrachte Jahre liegen dazwischen. Gilt dir das nichts mehr, weil ich einmal gefehlt habe?“, bettelte sie. „Bist du sicher, nie etwas falsch gemacht zu haben?“
Nachdenklich blieb Viktoria stehen. „Nein, das bin ich nicht.“
„Dann bleib doch.“
„Nicht heute, vielleicht ein anderes Mal. Ich muss erst nachdenken, über sehr vieles nachdenken.“
Einen Moment standen sie sich noch stumm gegenüber. Aus dem Garten wurde nach Gudrun gerufen.
Schnell umarmte Viktoria sie, sagte leise: „Lass mir Zeit“ und ging.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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