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Dezember 2005
Vorstellungsgespräch
von Birgit Erwin

„Ha, diesmal ist es aus mit dir! Diesmal krieg ich dich. Hahahaaa!“
Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, so seriös wie möglich zu wirken, stieß ich einen gellenden Schrei aus. Aber mal ehrlich: Wer würde nicht loskreischen, wenn aus dem Nichts ein alter Mann auf einem klapprigen Motorroller auftaucht, in irres Triumphgeheul ausbricht und wieder verschwindet.
„Was ... was war das?“
Mein Gesprächspartner und – wie ich hoffte - zukünftiger Arbeitgeber, Professor Fillibuster McAlistair, zuckte die Achseln.
„Ach, das war nur ...“
„Ich werde dich vom Angesicht der Erde tilgen. Wenn ich mit dir fertig bin, wird es dich nie gegeben haben! Hahaaa!“
Da war er wieder – und auch schon wieder weg! So hatte ich mir mein Vorstellungsgespräch bei Professor McAlistair wirklich nicht vorgestellt. Der Professor sprang auf und schlurfte eilig durch den Raum.
„Es tut mir Leid, Miss Drummond“, sagte er und lächelte hilflos, „ich fürchte, es ist gerade eine unvorhergesehene Verzögerung unseres überaus interessanten Gesprächs eingetreten. Aber bevor wir fortfahren, werde ich wohl meinen geschätzten Kollegen Wilbur davon abhalten müssen, mich zu ermorden.“
Ich starrte ihn mit offenem Mund an, aber der Professor bemerkte es nicht. Er zerrte die Plane von einem klobigen Gegenstand in der Ecke des Zimmers. Meine Augen wurden noch größer. Was da zum Vorschein kam, sah nicht anders aus als der Motorroller des seltsamen ... ich suchte noch nach einem Wort, das die Erscheinung beschrieb, als der Professor mir schon hektisch zuwinkte.
„Kommen Sie, Miss Drummond.“
Ich stand auf. „Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Professor, aber ich hätte doch gerne eine Erklärung. Wer war das? Und was um Gottes Willen ist das?“
Erst jetzt bemerkte Professor McAlistair meine Verfassung. Er entschuldigte sich charmant und versuchte mir im gleichen Atemzug weiszumachen, dass es sich bei dem Motorroller um eine Zeitmaschine handelte, die er und sein Kollege Wilbur Frederickson mehr oder minder zeitgleich entwickelt hatten.
„Er behauptet, ich hätte seine Erfindung gestohlen.“ Professor McAlistair seufzte. „Wieder einmal.“
„Und deswegen will er Sie umbringen? Aber ...“
„Helfen Sie mir mal bitte?“ Der Professor drückte mir den Schraubenzieher in die Hand, und ich begriff, dass er den Soziussitz anmontieren wollte. Einen Augenblick lang war ich versucht, einfach zu gehen, aber dann dachte ich an die verzweifelte Jobsuche der letzten Monate. Wie viele Chancen hatte ich denn, eine junge Diplomphysikerin ohne Berufserfahrung. Entschlossen griff ich nach dem Schraubenzieher.
„Der Wilbur Frederickson?“, fragte ich, während wir ziemlich unfachmännisch den Sozius anschraubten.
„Sie kennen ihn?“, erkundigte sich der Professor, und für den Bruchteil einer Sekunde befürchtete ich, einen Fehler begangen zu haben, aber die hellen grauen Augen drückten weder Verärgerung noch Neid aus.
„Ich habe seine Schriften über Zeitparadoxa gelesen“, gestand ich. „Sie waren faszinierend.“
„Ach ja!“ Der Professor seufzte. „Er ist ein genialer Wissenschaftler. Schade, dass er vollkommen verrückt ist. Sind Sie auch im Bilde über seine letzte Veröffentlichung?“
„Äh, nein.“
„Es war eine Abhandlung über den perfekten Mord. Wilbur behauptete, man müsse nur die Zeugung eines Menschen verhindern, und schon habe man keine Probleme mehr. Ich arbeitete damals an meiner Zeitmaschine und ich erinnere mich noch, wie ich dachte: Hoffentlich kriegt er die nie in die Finger. Soviel dazu ...“
„Und jetzt will er in die Vergangenheit reisen, um Sie zu töten?“, murmelte ich.
Der Professor nickte. Er sah wirklich aus, als glaubte er, was er sagte. Ich zwang mich, an den sicheren Job zu denken.
„Tja, sehr kollegial ist das wirklich nicht.“ Professor McAlistair streckte seine Hand aus, um mir in den Sozius zu helfen. „Aber das muss man wohl seinen Wahnvorstellungen zugute halten. Ganz im Vertrauen, was mich bei Wilbur wirklich stört, ist sein Aussehen. Er entspricht genau dem Klischeebild, das die Öffentlichkeit von einem zerstreuten Professor hat. Wahrscheinlich merkt er es nicht einmal.“
Er schüttelte betrübt den Kopf, fuhr sich durch die wirre weiße Haarpracht und ließ mich einmal mehr die Lederflicken an den Ellenbogen seines schäbigen Jacketts bewundern. Ich verkniff mir jeden Kommentar.
„Und jetzt?“
„Jetzt reisen wir in die Vergangenheit!“, verkündete der Professor und schwang sich auf den Sitz des Motorrollers. Ich wollte noch etwas sagen, aber da rasten wir schon auf die Wand seines Arbeitszimmers zu, und ich begann aus Leibeskräften zu kreischen.

Wider Erwarten starben wir nicht.

Der Professor tippte mir sanft auf die Schulter.
„Sie können die Augen wieder aufmachen, meine Liebe.“
Ich blinzelte. Statt des staubigen Halbdunkels der professoralen Studierstube stach mir helles Sonnenlicht in die Augen. Ich sah mich um und erkannte, dass ich in einem fremden Zimmer stand. Plötzlich fühlte ich mich so erschöpft, dass ich am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. Neben mir führte der Professor ein etwas wackliges Freudentänzchen auf. Dass er seinem eigenen Mörder auf seiner Spur war, schien er vergessen zu haben.
„Es funktioniert! Es funktioniert wirklich!“
„W-wo sind wir?“
„Erkennen Sie es nicht? Wir sind im gleichen Zimmer. Vor rund siebzig Jahren.“ Er runzelte die Stirn. „Mich würde nur interessieren, wie es Wilbur geschafft hat, auch den Ort zu verändern. Vielleicht hat er ...“
Er unterbrach sein Selbstgespräch abrupt. Im nächsten Augenblick wurde die Türe geöffnet. Auf der Schwelle stand eine junge Frau in der Mode der frühen Dreißiger, die nacheinander mich, den Professor und den Motorroller anschaute. McAlistair hob die Arme in einer Geste, die er wahrscheinlich für beruhigend hielt.
„Bitte, haben Sie ... hab keine Angst. Ich kann das erklären. Ich ... es wird vielleicht ein Schock für dich sein, aber ... na ja, die Sache ist die ... ich bin dein Sohn.“
Die Frau lächelte. Sie sah aus wie ein Filmstar aus einem frühen Frank Capra Film, nur in Farbe.
„Ich weiß“, sagte sie.
Der Professor ließ die Arme sinken. „Wirklich? Woher?“
Die Frau griff nach seiner Hand und tätschelte sie.
„Ich weiß es von dir, mein Lieber. Du hast mir einen Brief geschrieben. Oder vielmehr, du wirst mir einen schreiben.“
„Aha.“ Irgendwie klang er enttäuscht. „Und was werde ich schreiben?“
„Ein wahnsinniger Arbeitskollege versucht, dich zu ermorden, indem er deine Zeugung verhindert. Deine Handschrift ist übrigens fürchterlich. Aber kommt doch erst einmal in die Küche und trinkt eine Tasse Tee.“

Der Professor rührte in der zarten Porzellantasse und setzte an, seiner Mutter zum dritten Mal zu versichern, wie bezaubernd sie aussah. Seine Ruhe machte mich ganz kribbelig. Immerhin konnte er jeden Augenblick verschwinden.
Und was würde dann aus mir?
„Professor McAlistair-Lean!“, flüsterte ich. „Sollten wir nicht etwas unternehmen?“
„Wie? Ach ja, äh ... Mutter ... Mama ... zu unserem Problem: Mein Kollege ist hierher gereist, um den Ablauf der Dinge zu ändern. Zeit ist etwas sehr Sensibles, und es genügt eine winzige Änderung der Ereignisse. Nun ist Wilbur kein Mörder, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Er wird nicht versuchen, dir etwas anzutun, aber er wird irgendetwas tun, damit Vater und du nicht ... naja, du verstehst schon...“
Ich schaute zwei Mal hin, aber der Professor war tatsächlich rot geworden. Seine Mutter auch. Sie blickte auf ihre Hände.
„Liebling ...“, begann sie und biss sich dann auf die Lippe. Er tätschelte sanft ihre Hand, während mir allmählich der Boden unter den Füßen brannte.
„Professor“, zischte ich.
Professor McAlistair-Lean kehrte in die Gegenwart zurück. Er gab sich einen Ruck.
„Mama, ich muss wirklich etwas tun. Meine gesamte Existenz steht auf dem Spiel, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Gwynteth McAlistairs lange Wimpern flatterten.
„Aber ist die Tatsache, dass du hier sitzt, nicht der beste Beweis, dass es ihm nicht gelungen ist?“
Wir sahen uns an, dann schüttelte der Professor den Kopf.
„Nein, es handelt sich hier um ein Paradoxon. Ich weiß, dass das schwer zu verstehen ist, aber ...“
Das sah nach einer langatmigen Erklärung aus, für die wir nun wirklich keine Zeit hatten! Zu meiner Erleichterung hob seine Mutter die Hand.
„Ist ja gut, Schatz, ich glaub es dir, nur ...“
„Können Sie uns nicht einfach sagen, wo Ihr Mann ist, Herrgott?“
Beide starrten mich an, als hätte ich in der Kirche gerülpst. Ich wurde rot.
„Entschuldigung, ich wollte nicht ... es ist nur ... wichtig?“ Meine Stimme verklang in einem Flüstern.
„Ich weiß nicht, wo mein Mann ist“, sagte Gwyneth in diesem Moment leise. „Und ich glaube, es ist auch nicht wichtig.“ Sie blickte den Professor an und sah mehr denn je aus wie eine Hollywoodschauspielerin. „Schatz, ich wollte es dir nie sagen. Ich habe es dir nie gesagt, aber du musst deinen Vater nicht finden.“
„Äh, warum?“
Sie legte die Hand auf den Bauch und ein winziges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Der Professor verstand nicht. Ich komme aus einer anderen Generation, vielleicht macht das den Unterschied.
„Wow“, sagte ich.
Gwyneth sah mich kurz an, dann kehrte ihr Blick wieder zu ihrem Sohn zurück.
„Ich bin schon schwanger“, sagte sie sanft.
Er verstand immer noch nicht. „Aber ...“
„Hast du dich nie über den Namen Fillibuster gewundert?“
Jetzt endlich fiel der Groschen.
„Du ... du meinst Onkel Buster? Vater ist nicht ... “, stammelte der Professor. Ich erhob mich lautlos auf, nahm eine Hand voll Kekse und verließ die Küche. So wie die Dinge lagen, konnte ich ihnen einige Minuten schenken. Erst jetzt spürte ich, dass ich am ganzen Körper zitterte.

Die Stimme des Professors rief mich – ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war. Gemeinsam gingen wir in das Zimmer, in dem die Zeitmaschine auf uns wartete. Er sah nicht, als wolle er darüber reden. Als ich es mir gerade unten im Sozius bequem gemacht hatte, hörten wir unten das Telefon klingeln. Gwyneth Stimme drang hell und scharf zu uns.
„Du kannst heute nicht kommen, Schatz? Wie schade! Nein, kein Problem ...“
Wir tauschten einen Blick. Der Professor lächelte grimmig und gab Gas.

„Und, wann wollen Sie bei mir anfangen?“
Ich saß wieder vor seinem riesigen Schreibtisch und hob die Schultern. Am liebsten hätte ich den Kopf auf die Tischplatte gelegt und geschlafen. Ich konnte mich nicht erinnern, je so ausgelaugt gewesen zu sein.
„Sieht die Arbeit bei Ihnen immer so aus?“
Er hob abwehrend beide Hände und strahlte mich an.
„Oh nein, keine Sorge! Manchmal wird es richtig interessant!“

Er verstand wirklich nicht, warum ich den Job nicht wollte.

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