Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Dezember 2005
Schmetterlinge im Dezember
von Martina Bartels

Meine Finger sind klamm und ich friere trotz des dicken Wintermantels. Ich weiß, es liegt nicht an der Kälte in der Friedhofskapelle, sondern an meiner inneren Leere. Eine Lücke die nicht gefüllt werden kann.
Du warst da für mich, mehr als meine Mutter. Warum bist du gegangen?“ Lautlos formt mein Mund diese Worte, immer wieder die Frage nach dem Warum. „Warum jetzt? Warum ausgerechnet an Weihnachten? Warum? Warum? Warum?“
Ich spüre kaum die harte Holzbank, auf der ich sitze. Registriere nur die Stille, die mich umgibt. Totenstille. Den Kopf gesenkt, folgt mein Blick wieder und wieder dem Riss, der sich durch den alten Fliesenbelag zieht.
Gedanken suchen ihren Weg durch graue Nebel. Schemenhafte Erinnerungen fließen ineinander und flüchten, ehe sie greifbar werden.

Ich streiche mir die Haare aus der Stirn und schließe die Augen. Schatten huschen vorbei. Erinnerungen an fast vergessene Zeiten. Ich sehe mich als kleines Mädchen und höre meine Stimme von damals ...

„Omi, Omi, können wir in den Park gehen, bitte?“ Erwartungsvoll sah ich sie an.
„Möchtest du mit der Bahn fahren oder zu Fuß gehen?“
„Lieber zu Fuß, es ist ja nicht weit.“ Ungeduldig hüpfte ich auf und ab. „Ich möchte mit der großen Schaukel bis in den Himmel fliegen.“
Oma lächelte. „Dann komm, vorher erst ordentlich kämmen und Zöpfe binden!“
Ich zog eine Schnute, lief aber los, um Bürste und Zopfgummi zu holen.

Kurze Zeit später erreichten wir den Park und ich rannte sofort zur Schaukel. Höher und höher flog ich, den Himmel wollte ich erreichen.
„Nicht so hoch“, rief Oma besorgt. „Wenn du da runterfällst ...“
„Nie! Schau mal, ich bin so hoch wie die Schmetterlinge.“ Ich löste eine Hand von der Schaukel und deutete in die Luft. Ein kleines Stück über mir flatterten zwei weiße Schmetterlinge umher. „Guck mal, die spielen Fangen. Spielst du auch gleich mit mir?“
„Wirst du dich wohl festhalten!“ Vor Schreck bekam Oma ganz rote Wangen.
Ich kicherte, hielt mich aber brav wieder an beiden Seilen fest und gab weniger Schwung.
„Oma ist ein Angsthase! Oma ist ein Angsthase!“, trällerte ich leise.
„Als Angsthase spiele ich nicht mit dir Fangen, sonst habe ich ja Angst, dass ich stolpere“, neckte sie mich.
„Omi, du bist einfach die Beste!“

Nach dem Höhenflug saß ich neben ihr auf der Bank. „Sieh mal, da ist wieder mein Schmetterling.“
„Aber das ist doch nicht deiner.“
„Ist er wohl! Guck, der ist ganz weiß, das ist mein Schmetterling von der Schaukel.“ Für mich war das klar. “Juhuu, fast bin ich vorhin auch geflogen wie ein Schmetterling. Ich war leicht wie eine Feder da oben in der Luft.“
„Hör mal, wenn du immer so doll schaukelst, dann habe ich wirklich Angst und wir können nicht mehr in den Park gehen.“
„Ist gut, Oma, du weißt, wie gerne ich bis zum Himmel fliege ...“
„Schätzchen, Schmetterlinge können fliegen und du nicht.“

Oma tupfte sich über die Augen und zog mir umständlich die Zöpfe grade. Ich sprang auf, um ein lila Stiefmütterchen für sie zu pflücken.
„Danke, Spätzchen! Pass auf, dass du mit der Blume nicht an meine weiße Strickjacke kommst, sonst hab ich lila Farbe dran und die geht nicht mehr heraus.“
„Du meinst, ich kann mit dem Stiefmütterchen malen?“ Ungläubig schaute ich Oma an. Ehe sie nickte, fuhr ich schon mit der Blume über ihre Jacke.
„Oh!“ Erschreckt hielt ich inne: „Ganz lila!“

Oma runzelte die Stirn und schimpfte: „Ich habe es dir gesagt! Dass du nicht hören kannst! Jetzt ist meine schöne Jacke schmutzig!“
In diesem Moment kam der weiße Schmetterling und landete genau auf dem lila Fleck.
„Schau, Oma, nun bist du wie eine Blume, ist doch schön.“ Schelmisch zwinkerte ich ihr zu.
Auch sie lächelte jetzt wieder. „Demnächst hörst du, wenn ich etwas sage!“
Das Läuten der Kirchenglocke reißt mich aus meinen Gedanken. Die Trauerfeier ist beendet.
Eisiger Wind fegt um die Ecken, als wir die kleine Kapelle verlassen. Langsam folge ich dem Sarg durch die schmalen Wege des Friedhofs, bis das Grab erreicht ist.
Ich höre die Stimme des Pastors, aber die Worte dringen nicht bis zu mir durch. Noch immer habe ich den lila Fleck und den weißen Schmetterling vor Augen. Tränen fließen über meine Wangen.
Als ich vortrete und Blumen in das offene Grab werfe, sehe ich den weißen Schmetterling. Er flattert genau über dem Grab. Ein Schmetterling im Dezember.

„Lila Stiefmütterchen werde ich für dich pflanzen und dich nie vergessen, Oma. Ich bin nicht mehr klein und schaukle nicht mehr, und du, du kannst jetzt mit den Schmetterlingen fliegen“, denke ich, das Kind von damals.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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