Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Dezember 2005
Schwester Theopistas Wundertasche
von Marlene Geselle

Heute Vormittag, beim Altkleidersortieren, habe ich wieder an sie denken müssen. Ist jetzt mehr als fünfundvierzig Jahre her. Ein richtig komisches Gefühl war das, als ich die Plastikwanne aus dem Keller holte und alles auf dem Esszimmertisch ausbreitete. Besonders weil Barbara dabei war, so wie mein Bruder und ich damals immer dabei waren, wenn die Nonne kam.
Meine Eltern hatten gerade gebaut, zwei kleine Kinder und wenig im Geldbeutel – so wie alle bei uns in der Siedlung.
In der Waschküche, auf einer alten Kommode mit zerkratzter Platte, da stand ein ausrangierter Korb; der war noch aus Weidengeflecht, riesengroß und für alle unsere alten Kleidungsstücke. Und es war der „Korb für Schwester Theopista“.
Schwester Theopista kannte jeder bei uns in der Siedlung. Sie leitete vormittags den Kindergarten, (damals war an Ganztagsbetreuung noch nicht zu denken) arbeitete nachmittags noch im Altenheim, das von ihrem Kloster geführt wurde, und kümmerte sich um all die, die nicht zum Sozialamt wollten. Wie die Frau das geschafft hat? Keine Ahnung.
Groß und kräftig war sie wie ein Mann, trotzdem mehr Frau als mancher Filmstar, lachte den ganzen Tag.
In der Stadt hab ich sie nie ohne ihre gewaltige Ledertasche gesehen. Mit der war Schwester Theopista immer nachmittags unterwegs, wenn sie ihre Besuche machte. Aus dickem Leder war das Ding und randvoll. So klein wie ich war, glaubte ich damals felsenfest, dass die ganze Welt in Schwester Theopistas Tasche passte. Mich jedenfalls hätte man locker reinstecken können!
Viermal im Jahr, wenn die Jahreszeiten wechselten und die Hausfrauen in den Schränken Inventur machten, kam sie auch zu uns. Wir Kinder mussten dann den Weidenkorb aus dem Keller holen. Schwester Theopista konnte sich über alles freuen: Unterwäsche für Erwachsene, Kindermäntel, Trauerkleider für die älteren Frauen. Es gab nichts, was die gute Frau nicht brauchen und verschenken, konnte. Das tat sie übrigens ganzjährig, obwohl sie nur viermal im Jahr auf Sammeltour ging. Vielleicht ist an der Sache mit der wundersamen Brotvermehrung ja doch irgendwie was dran!
Und so wanderte alles in die Ledertasche. Stapel für Stapel – und in die Tasche passte immer noch was hinein. Selbst in dem Jahr, als mein Opa starb und seine gesamte Garderobe verschenkt wurde!
Von unserer Nachbarin (acht Kinder, kleine Lohntüte) hörten wir, dass es beim Auspacken ebenso zuging. Riesenstapel um Riesenstapel wurden dort auf den Küchentisch gezaubert, aber die Tasche wurde nie leer. Die müssen die Engel verzaubert haben.
Jeder, auch derjenige der viel gab und eigentlich nichts nötig hatte, bekam was von ihr. Ich weiß noch, dass ich meistens weiße Hemdblusen kriegte. Eine hatte sogar einen Spitzenkragen. Mein Bruder bekam seltsamerweise immer eine kurze Hose!
Die Kleidungsstücke, die Schwester Theopista in unserer Siedlung einsammelte, gingen immer in die Unterstadt oder in die benachbarten Dörfer. Wir aus der Oberstadt kriegten deren Sachen. Das hat die Nonne einmal erzählt. So musste keiner von uns mit Klamotten rumlaufen, die der Nachbar als seine abgelegten erkennen konnte. Auch daran hat die gute Frau gedacht.
So, jetzt muss ich aber Schluss machen mit der Erzählerei. Unsere alten Klamotten sind sortiert, die Plastikwanne ist leer, zwei kleinere Säcke (einmal Tragbares, einmal Lumpen und Schuhe) stehen im Flur. Mit denen geht’s jetzt zur Kleiderkammer. Da warten schon Schwester Bernarda und die arbeitslosen Mädchen vom Berufsvorbereitungskurs, die lernen irgendwas mit Änderungsschneiderei. Soll bei der späteren Stellensuche helfen, heißt es.
Damals, vor fünfundvierzig Jahren, waren etliche von den Männern in der Siedlung arbeitslos, erinnere ich mich gerade. Für die Frauen gab’s erst gar keine vernünftigen Jobs. Die hockten daheim und mussten Monat für Monat gucken, wie mit den paar Kröten auskommen.
Im kommenden Jahr hört Schwester Bernarda auf, geht ja auch schon auf die fünfundsiebzig zu. Die Nachfolgerin? Keine Ahnung, abwarten.
Ach ja, auf dem Rückweg muss ich beim ‚Picks Raus’ vorbei. Meine Plastikwanne ist kaputt. Schade, ein richtiger Weidenkorb wäre mir lieber.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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