Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Dezember 2005
Der König und die Ruhe
von Sandy Green

Es war einmal ein König, der herrschte über ein riesiges Reich und hatte sehr viel zu tun. Von früh morgens bis spät in die Nacht arbeitete er. So ging es seinem ganzen Volk. Die Menschen waren fleißig, versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen und rannten den ganzen Tag wild durcheinander. Sogar seine Frau, die Königin und seine Tochter, Prinzessin Isabella, hatten so viel zu tun, dass sie kaum noch Zeit fanden, die köstlichen Speisen zu genießen oder einen Spaziergang im blühenden Schlossgarten zu machen.
Eines Tages bemerkte der König, dass der freudige Glanz aus Prinzessin Isabellas Augen gewichen war. Auch die Königin blickte traurig drein. Er fühlte plötzlich, dass er unendlich müde war. Es wurde ihm klar, dass irgendetwas in seinem Reich fehlte, doch er wusste nicht, was es war. Da er jedoch so beschäftigt war, hatte er keine Zeit, um darüber nachzudenken.
Einige Zeit später geschah es, dass der König durch den wunderschönen Garten eilte, als er plötzlich eine zarte, hell klingende Stimme hörte. „Lieber König, was hetzt ihr so die Wege entlang und seht nicht, wie prächtig die Blumen für euch blühen?“ Der König hielt inne und sah sich um. Doch er konnte niemanden erkennen. Schon wollte er weitergehen, als erneut die Stimme erklang: „Seht ihr nicht, dass euer ganzes Reich müde und freudlos geworden ist?“ „Wo bist du?“ fragte der König. „Hier!“ Die winzige, fast durchscheinende Gestalt eines kleinen Mädchens schwebte hinter einer Rose hervor. Klitzekleine Flügel trugen sie auf den König zu. „Mein Herz ist traurig über die Not meines Volkes. Ach liebe Fee, kannst du mir nicht sagen, was meinem Reich fehlt?“ Das zarte Geschöpf nickte. „Eurem Reich fehlt die Ruhe.“ „Die Ruhe? Aber wo finde ich die?“ „Nun, das weiß ich nicht, aber ich werde euch etwas verraten,“ sprach die Fee und schwirrte ein wenig näher. „Um die Ruhe zu finden, braucht es einen tapferen weisen Mann mit einem guten Herz.“ Dies flüsterte sie ins Ohr des Königs. Dann tat es ein zischendes Geräusch, die Fee verschwand, nur noch eine winzige Rauchwolke blieb zurück und schwebte auf die Rosen zu.
Noch am selben Tag schickte der König Boten in die Welt, die überall verkündeten, dass sich die tapfersten Männer beim König melden sollten. Welcher der Männer es schaffen sollte, dem König die Ruhe zu bringen, dem versprach er die hübsche Prinzessin Isabella zur Frau.
Bald schon meldeten sich drei Männer beim König. Der erste war ein Prinz aus einem fernen Land. Er saß auf einem feurigen Pferd, trug eine schimmernde Rüstung und hatte ein entschlossenes Gesicht. Der zweite war ein Edelmann, der in kostbare Gewänder gekleidet war. Er ritt auf einem ausdauernden Pferd. Der dritte aber war ein armer Bauernsohn. Er hockte auf einem alten Ackergaul und hatte nur Fetzen am Leib.
Der König musterte die drei Männer. Dann gab er dem Prinzen einen Beutel mit Brot, eine Flasche mit Wein und eine Decke für die kalten Nächte. Nun schickte er ihn los, die Ruhe zu suchen. Der Prinz machte sich auf den Weg. Er war noch nicht weit gekommen, als ihm ein altes hutzeliges Männlein den Weg versperrte. „Was willst du?“ fragte der Prinz unwirsch. „Mich friert,“ antwortete das Männlein. „Na schön,“ sagte der Prinz gereizt, „ich bin warm genug angezogen. Hier hast du die Decke.“ Das Männlein freute sich, legte sich die Decke um die Schultern und sagte: „Dafür will ich dir den Weg weisen, der dich zur Ruhe führt. Reite nur immer diesen Weg entlang, zwei Tage. Dann kommst du an einen Hügel, auf dessen Kuppe eine Pinie steht. Warte, bis der Morgen graut. Wenn die ersten Strahlen der Sonne auf die Pinie fallen, wird ihr Schatten dir den Eingang einer Höhle zeigen. Dorthinein musst du gehen.“ Der Prinz nickte dem Männlein zu und ritt ohne ein Wort des Dankes weiter. Kurze Zeit später verstellte ihm erneut ein kleines hutzeliges Männlein den Weg. Doch der Prinz wollte sich nicht mit solch armen Leuten abgeben. So machte er einen Bogen um das Männlein. Nicht lange danach entdeckte er ein drittes altes Männlein auf dem Weg. Doch er rief grimmig: „Aus dem Weg!“ und jagte sein feuriges Pferd dicht an dem kleinen Männlein vorbei. Nach zwei Tagen kam der Prinz an den Hügel, wartete auf die ersten Strahlen der Morgensonne und entdeckte den Eingang zur Höhle. Mutig betrat er die Höhle, drang tief in die Erde vor bis er an eine dicke Tür gelangte. Er öffnete die Tür und kam in einen finsteren Raum. Doch er hatte vorsorglich eine Fackel mitgebracht und entzündete sie. Da sah er, dass der ganze Raum voll war mit Uhren. Überall hingen sie, an den Wänden, an der Decke, Standuhren verstellten den Raum. Mit einem Mal begannen die Uhren zu ticken. Erst leise, dann immer lauter und lauter, bis es der Prinz nicht mehr aushielt. Er ließ die Fackel fallen, rannte zur Tür und stürzte hinaus. Als er die Höhle verließ merkte er, dass er nichts mehr hören konnte. Das Ticken der Uhren hatte seine Ohren taub gemacht. Krank und elend kehrte er zum König zurück.
Nun gab der König dem Edelmann Brot, Wein, Decke und schickte ihn los, die Ruhe zu suchen. Der Edelmann traf auf das erste hutzelige Männlein. Er hielt sein Pferd an. „Mich friert,“ jammerte das Männlein. Der Edelmann sagte: „Ich habe genug warme Kleidung. Hier nimm meine Decke.“ Da freute sich das Männlein und erzählte auch ihm, wie er den Eingang zur Höhle finden würde. Der Edelmann bedankte sich, ritt weiter. Da kam er am zweiten alten Männlein vorbei. Wieder zügelte er sein Pferd. „Ich habe Hunger!“ klagte das Männlein. Der Edelmann nahm ein kleines Brot aus dem Beutel, den ihm der König gegeben hatte und warf es dem Männlein zu. Das grub sofort seine Zähne in den knusprigen Brotleib. Dann kramte es in seinem alten Kittel, zog ein Tuch hervor, welches es dem Edelmann reichte. „Dieses Tuch ist mit Alraunensaft getränkt. Wickelt es euch um die Ohren bevor ihr in der Höhle eine Fackel entzündet. Es wird euch vor Taubheit schützen.“ Der Edelmann nahm das Tuch, bedankte sich und ritt weiter. Es drängte ihn, endlich die Höhle zu finden. Der Gedanke an die Belohnung, die der König versprochen hatte, machte ihn ungeduldig. Also gab er seinem Pferd die Sporen und jagte den Weg entlang. Das dritte Männlein hätte er fast umgeritten. Es konnte sich gerade noch mit einem hastigen Satz vor den trommelnden Pferdehufen in Sicherheit bringen.
Der Edelmann kam an den Hügel, wartete auf die Strahlen der Morgensonne. Bevor er die Höhle betrat, wickelte er sich das Tuch um den Kopf, nahm eine Fackel mit sich und suchte die Ruhe. Er kam zur Tür, zündete die Fackel an. Das Tuch schütze ihn vor dem lauten Ticken der vielen Uhren. Nun begann er, die Ruhe zu suchen. Doch er fand überall nur Uhren. Eine neben der anderen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Nachdem er lange Zeit zwischen den unzähligen Uhren umhergeirrt war, gab er auf, verließ die Höhle und kehrte traurig zum König zurück.
Dem König wurde das Herz schwer, als er den Bauernsohn ansah. Wie sollte dieser Jüngling schaffen, was einen tapferen Prinzen und einen weisen Edelmann hatte scheitern lassen? Doch der Bauernsohn lachte fröhlich, nahm bereitwillig Brot, Wein, die Decke an sich, schwang sich auf den sattellosen Rücken seines alten Gaules und trabte los. Schon bald traf er auf das erste alte Männlein. „Mich friert!“ klapperte es mit den Zähnen. Der Jüngling überlegte nicht lange. „Nimm meine Decke. Wenn es kalt wird in der Nacht, werde ich mich an den warmen Leib meines Pferdes legen.“ Das Männlein lachte glücklich. Es erzählte dem Jüngling, wie er die Höhle finden würde. Da nickte ihm der Bauernsohn dankbar zu und ritt weiter. Als er das zweite hutzelige Männlein sah, fragte er: „Warum siehst du so unglücklich aus?“ „Mich hungert,“ antwortete das Männlein. „Oh ja, ich weiß, wie sich das anfühlt.“ Der Jüngling nahm den Beutel mit Brot, den er sich an den Gürtel gebunden hatte, reichte ihn dem Männlein, ohne auf seinen eigenen knurrenden Magen zu achten. Da schenkte auch ihm das kleine Männlein ein Tuch, das ihn vor Taubheit schützen sollte. Der Bauernsohn nahm es dankbar an. Dann setzte er seinen Weg fort. Schließlich traf er das dritte hutzelige Männlein. Er hielt sein altes Pferd, schaute das Männlein mitleidig an. „Mich dürstet,“ wimmerte es. Der Jüngling reichte ihm sofort die Flasche Wein, die ihm der König gegeben hatte. „Nimm du sie, ich werde schon eine Quelle finden, die meinen Durst stillt.“ Das kleine Männlein nahm dankbar einen großen Schluck aus der Flasche wobei es hörbar schmatzte. Dann winkte es den Jüngling nah zu sich heran. Leise flüsterte es: „Weil ihr ein so gutes Herz habt, werde ich euch verraten, wie ihr die Ruhe findet. Wenn ihr den Raum mit den tausend Uhren betretet, geht geradeaus durch zur gegenüberliegenden Wand. In der Mitte werdet ihr eine kleine Uhr finden, die stehen geblieben ist. Diese Uhr nehmt an euch und bringt sie dem König.“ Der Bauernsohn bedankte sich herzlich. Sofort machte er sich auf den Weg zum Hügel. Bei den ersten Strahlen der Sonne wickelte er sich das Tuch um den Kopf, betrat die Höhle und entzündete eine Fackel. Er fand die Tür, erblickte erstaunt die tausend Uhren, die den Raum füllten. Er tat, wie ihm das hutzelige Männlein geraten hatte. Tatsächlich entdeckte er eine winzige Uhr, die stehen geblieben war. Vorsichtig nahm er sie an sich, verließ den Raum der tausend Uhren und trat wenig später in den strahlenden Sonnenschein hinaus. Er nahm das Tuch vom Kopf und wickelte es behutsam um die kleine Uhr. Dann schwang er sich auf den Pferderücken, um sich auf den Heimweg zu machen. Er hatte schon fast das Schloss des Königs erreicht, als er auf die drei hutzeligen Männlein traf, die ihm den Weg versperrten. Mit einem freundlichen Gruß hielt er sein Pferd an.
„Eure Ratschläge waren gut. Ich danke euch.“
Die drei Männlein nickten mit den Köpfen.
„Wir sind müde,“ kam es seufzend wie aus einem Munde.
Der Bauernsohn rutschte vom Pferderücken herab und gab die Zügel dem alten Männlein in der Mitte.
„Ich bin jung und werde gern den restlichen Weg zu Fuß gehen.“
Die drei Männlein strahlten. Aufgeregt begannen sie miteinander zu tuscheln. Dann trat einer der drei vor und winkte den Bauernsohn zu sich. Dicht musste sich der Jüngling hinabbeugen, um die Worte des kleinen Männleins zu verstehen.
„Sorgt dafür, dass der König die Uhr verschluckt.“
Der Jüngling bedankte sich, sagte den drei Männlein Lebewohl und mit großen Schritten eilte er zum Schloss.
Ganz bang war dem König. Die Hoffnung drohte bereits, ihn zu verlassen, als er hörte, dass der Bauernsohn zurückgekehrt war. Sofort ließ er ihn zu sich bringen. Der Jüngling überreichte dem König das Tuch mit der winzigen Uhr. Seine Augen strahlten voller Glück. „Hier bringe ich euch die Ruhe.“
Der König nahm das Päckchen freudig entgegen und hielt sogleich die winzige Uhr in der Hand.
„Ihr müsst die Uhr verschlucken,“ erklärte der Bauernsohn.
Der König tat, wie der Jüngling gesagt hatte, steckte die Uhr in den Mund und verschluckte sie. Sofort spürte er, wie sich eine tiefe Ruhe in ihm ausbreitete. Ein wunderbarer Frieden erfüllte ihn. Als er sich umsah, bemerkte er, dass sein Hofstaat nicht mehr hektisch durcheinander lief. Die Diener und Soldaten bewegten sich langsam und geordnet. Statt zu schreien, sprachen sie plötzlich ganz normal miteinander. Ihre Gesichter strahlten eine Besonnenheit aus, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie breitete sich aus in seinem ganzen Reich, immer weiter, bis schließlich jedes Herz mit Ruhe erfüllt war. Dankbar gab der König ein riesiges Fest zu Ehren des armen Bauernsohnes. Ohne zu Zögern überließ er dem Jüngling seine Tochter Isabella zur Frau. Denn die Fee hatte gesagt, nur ein tapferer weiser Mann mit einem guten Herz würde die Ruhe finden. Und solch einem Mann gab er seine Tochter gerne zur Frau.

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