Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Dezember 2005
Kein guter Tag
von Christine Hettich

Heute ist kein guter Tag. Irgendwie spürte ich das schon lange, bevor ich die Augen aufschlug. Ich habe keine Ahnung, was der Auslöser meiner immer wiederkehrenden Melancholie-Attacken sein könnte. Die Symptome jedenfalls sind immer gleich. Zuerst wäre da jenes bedrückende Gefühl, einer plötzlichen Lähmung ausgeliefert zu sein, diese „Rien ne va plus“- Empfindung, und zwar ganz wörtlich genommen. Danach, diesen Eindruck von Last, Plage, Schmerz. Schließlich nur noch Verzweiflung und Leere. Sollte ich es symbolisch darstellen, würde ich mich für einen Haifisch entscheiden. Manchmal glaube ich, dass er tatsächlich existiert und in meinem Bauch seine Runden dreht. Ja, das muss wohl so sein, denn was sonst könnte mich dermaßen auffressen? Von innen meine ich. Schließlich bilde ich mir die Schmerzen nicht ein, ich neige nicht zu solchen Spinnereien, dafür fehlt mir jegliche Fantasie. Heute werde ich nicht zur Arbeit gehen. Wozu denn auch? Ich habe sowieso keine richtige Aufgabe mehr. Längst bin ich überflüssig geworden, sowie die ganze Abteilung eigentlich. Immer bessere und neuere Computer-Programme haben dafür gesorgt. „Ist das nicht wunderbar?“, sagen meine Kollegen. „Die Arbeit erledigt sich ganz von selbst.“
Wunderbar, in der Tat. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die in den oberen Etagen auch Wind davon bekommen, und dann? Tja, dann werden sie uns feuern, so einfach ist das. Von was ich in dem Fall leben soll, weiß ich nicht. Eine private Arbeitslosenversicherung habe ich nie abgeschlossen und die Staatskassen sind bekanntlich leer. Vermutlich werde ich diese sogenannte Grundversorgung erhalten und in das „Ghetto“ ziehen müssen. Ein scharfes Wort, muss ich sagen. Der offizielle Name klingt natürlich neutraler: Gemeinschafts-Unterkünfte für Hilfeempfänger, kurz „Gufhi“ genannt. Meine dringend benötigten Medikamente werde ich mir auch nicht mehr leisten können. Zu dumm aber auch, dass die Krankenkassen die Kosten für Allergie Erkrankungen nicht mehr übernehmen. Zugegeben, es würde sie ruinieren, nach der explosionsartigen Zunahme dieses Leidens. Ist man als „Gufhi-Einwohner überhaupt noch krankenversichert? Da bin ich mir gar nicht so sicher. Diese Grübelei wird nicht dazu beitragen meine Stimmung zu heben. Vielleicht sollte ich endlich meine Wohnung aufräumen, zumindest würde ich nicht so herumhängen. Ich gebe zu, Ordnung ist nicht gerade meine Stärke. Neulich, als sich unverhofft Damenbesuch ankündigte, war mir nichts anderes übrig geblieben, als all die Häufchen schmutziger Wäsche in den Schrank zu stopfen. Mal sehen, wie das inzwischen aussieht. Wie erwartet, kommt mir alles entgegen. Super, ich habe schon keine Lust mehr. Ich überlege, wie ich das Ganze wieder hineinbefördern kann, als mir ein kleines, blaues Etwas ins Auge springt.
Ist das nicht ...? Doch, das ist es tatsächlich, mein liebes, altes Tagebuch. Komm, alter Freund, lass dich begrüßen. Wie lange ist das nur her?
„Tagebücher schreiben ist was für Mädchen“, hatte mein Bruder gesagt, damals. Markus, diese kleine Wanze. Mal sehen, was ich so schrieb.

3. Juli 2054
Heute war ein langweiliger Tag. Dabei fing alles so gut an. Der Unterricht fiel aus. Ozonwerte zu hoch. Cool, keine Schule, dachte ich erst, doch dann kam einer dieser fiesen, unberechenbaren Asthmaanfälle und überwältigte mich. Außerdem hat Markus den ganzen Tag genervt, wie immer. Er kann angeblich nichts dafür, soll unter Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen leiden.

4. Juli 2054
Große Demo auf dem Kurfürstendamm. Ich glaube, es ging um Arbeitslosigkeit. Die Leute sagen, es wird einfach nicht besser. In unserem Hochhaus ist Papa der Einzige, der noch eine Arbeit hat, aber wir wissen nicht, wie lange noch.

5. Juli 2054
Meine Eltern wurden in die Schule zitiert, wegen meines tollen Bruders wieder mal. Von nun an muss er jeden Tag brav seine Tabletten schlucken, ansonsten wird er von dem Gymnasium verwiesen. Mama hat geweint, sie hat Angst vor den Nebenwirkungen.

6. Juli 2054
Als ich nach Hause kam, sah es so aus, als hätte Mama den Supermarkt geplündert.
„So einen kleinen Vorrat kann man immer gut gebrauchen“, meinte sie betont lässig. Mir braucht sie nichts vorzumachen, längst weiß ich Bescheid: Die nächsten Terroranschläge stehen uns bevor.

7. Juli 2054
Endlich Ferien. Wie ich mich freue! Heute haben wir Opa besucht. Er hat uns Geschichten erzählt von früher, wie es war und so, dass die Erde ein Garten war und dass man im Meer baden konnte. Armer Opa, ich glaube, er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf!

***

Mein Gott, ist das eine Ewigkeit her. Mein Opa ist längst verstorben. Der alte Sturkopf hat sich stets geweigert seine Ernährung den neuen Umständen anzupassen, wollte nicht auf Fleisch verzichten. Irgendwann ist bei ihm eine seltene Variante der Kreuzfeld Jakob Krankheit diagnostiziert worden. Das fing ganz schleichend an. Zuerst fielen uns leichte Gedächtnisstörungen auf. „Ich werde eben nicht jünger,“ meinte er, wenn man ihn darauf ansprach. Als sich aber Zustände erhöhter Reizbarkeit mit schweren Depressionen abwechselten, machten wir uns zunehmend Sorgen. Schließlich verlor er die Fähigkeiten zum Sprechen, Gehen und Essen. Innerhalb von wenigen Monaten trat der Tod ein. Es war besser so, er kam nicht mehr klar in dieser Welt, lebte nur noch in der Vergangenheit, festgeklammert an weit zurückliegenden Erinnerungen. Meine Eltern sind auch nicht mehr von dieser Welt. Mein Vater ist nach dem Verlust seiner Arbeit dem Alkohol verfallen und hat sich in einem Anfall von Wahn erhängt. Meine Mutter hat ihn nicht lange überlebt. Sie ist an gebrochenen Herzen gestorben. Die Schuldgefühle, die Ohnmacht und Hilflosigkeit die man als Angehörige eines Selbstmörders empfindet, haben ihren Körper zerfressen. Der Haifisch in meinem Bauch macht sich wieder bemerkbar. Drehe ruhig deine Runden und ernähre dich von meinem Leid, ich habe mich schon so an dich gewöhnt!

Und mein nerviger kleiner Bruder? Ich glaube, ich sollte ihn mal wieder besuchen. Wie lang ist er eigentlich schon in dieser Anstalt? Zehn Jahre? Oder sind es etwa schon zwölf? Nun, die Tabletten, die er damals einnehmen musste, waren eben doch nicht so harmlos. Spätfolgen, sagen die Ärzte, nicht absehbare Spätfolgen, tut uns Leid, uns trifft keine Schuld. Vielleicht schaue ich heute Nachmittag bei ihm vorbei. Manchmal erkennt er mich, möglicherweise empfindet er dann sogar ein bisschen Freude, ich weiß es nicht, niemand weiß es. So ist es eben.
Das Telefon klingelt, ich zucke zusammen.
Es ist mein Chef.
Unsere Abteilung wird komplett geschlossen.
Ich bin gefeuert.
Ich habe es gewusst: Heute ist kein guter Tag.

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