Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Dezember 2005
Vor langer Zeit
von Melanie Conzelmann

Irgendetwas stimmte nicht. Peter überprüfte den Kolben mit der destillierten Flüssigkeit. Die Verbindungen zu dem Apparat, dem er bisher keinen Namen gegeben hatte, waren in Ordnung. Auch die Einstellungen an der Erfindung stimmten. „Wo liegt das Problem?“, murmelte er. Aufmerksam sah er zu, wie die Maschine die Lösung durch ein Pulver presste. Er war so nahe daran, sein Ziel zu erreichen. Letztes Mal war das Endprodukt - ein alternativer Treibstoff - leider explodiert. Peter hatte eine Möglichkeit gefunden, damit der Kraftstoff seine Energie sparsamer abgab. Aber sein Versuch war schief gelaufen. Mit wachsender Besorgnis betrachtete er die Anzeigen, die begannen verrückt zu spielen. Die ersten Teile des Apparates zitterten, Dampf trat aus. Er schnappte sich seine Aufzeichnungen, um sie aus dem Labor zu retten. Doch zu spät. Auf einmal war der ganze Raum mit Rauch erfüllt und um seine Erfindung bildete sich eine immer größer werdende Kugel aus goldenem Licht.

***

Als Peter erwachte, erinnerte er sich an das goldene Licht. Aber mehr wollte sein schmerzender Kopf nicht preisgeben. ,Was ist passiert?´
Mühsam, mit steifen Gliedern, stand er auf. Er fror schrecklich. Die Beleuchtung des Labors musste Schaden genommen haben. Er konnte kaum etwas erkennen. Vorsichtig tastete er sich in die Richtung, in der er die Tür vermutete. Als Peter sie schließlich erreichte, stellte er verwundert fest, dass die Tür aus einem großen Brett bestand, das vor die Maueröffnung gelehnt war. Er schob das Brett beiseite und trat hinaus in den Flur. Sanftes Licht fiel durch das Fenster zu seiner Linken. Von der Glasscheibe waren nur einzelne scharfe Zacken übrig. Die Wände bestanden aus nacktem Mauerwerk, der Putz lag herabgebröckelt auf dem Boden. Überall war es feucht. Durch ein großes Loch in der Decke konnte Peter den Himmel sehen. Er schloss verzweifelt die Augen, der Schock lähmte ihn. ,Was hat mein Experiment alles zerstört?´ Er atmete tief durch und drehte sich um, damit er einen Blick in sein Labor werfen konnte – es war leer. Keine Scherben, keine ausgelaufene Flüssigkeit, kein zerstörter Apparat – nichts.
Hastig kletterte Peter über das Geröll im Flur, arbeitete sich hektisch durch das Erdgeschoss, um zum Ausgang zu kommen.
Keine Spur von einer Menschenseele. Nur vermodertes Mauerwerk und Leere. „Hallo!“ Er schrak zusammen, als ihm das Echo die Einsamkeit bewusst machte. Ihm brach kalter Schweiß aus. Sein Herz krampfte sich vor Angst zusammen.
Atemlos stolperte Peter ins Freie. Fassungslos blickte er um sich: Die ganze Stadt war eine Ansammlung von Ruinen! Wo sich einmal Straßen wanden, wuchsen hohes Gras und Bäume. Kein Zweifel: Sein gescheitertes Experiment konnte diese Katastrophe nicht verursacht haben.
Was zum Teufel war vorgegangen, während er bewusstlos gewesen war? Hilflos blickte er sich um. Seine Zähne klapperten und sein Atem bildete eine Dunstwolke, als er nochmals laut „Hallo?“ rief. Ohne Erfolg. Peter versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er brauchte dringend etwas Warmes zum Überziehen, doch er machte sich keine großen Hoffnungen darauf, fündig zu werden. Die Stadt sah aus, als wäre sie schon sehr lange verlassen. Entschlossen ging er wieder in das zerfallene Haus, aus dem er gekommen war. Vielleicht konnte er darin etwas Brauchbares finden. Wenn nicht, würde er sich schleunigst auf die Suche nach anderen Menschen machen. Während er die Ruine durchsuchte gingen seine Gedanken auf Wanderschaft. Ihm wurde bewusst, dass er überhaupt nicht wusste, was passiert war, wo er sich befand und ob es überhaupt ein Lebewesen hier gab. Das Entsetzen über diese Möglichkeit bildete einen kalten Klumpen in seinem Magen. Mit ein paar tiefen Atemzügen versuchte Peter die aufkommende Übelkeit zu bekämpfen.
Er konnte, wollte nicht der einzige Mensch weit und breit sein.

Peters Hausdurchsuchung hatte nichts anderes zutage gefördert, als die Aufzeichnungen seiner Treibstoffmaschine. Zitternd vor Kälte trat er durch den Ausgang, um gleich darauf wie angenagelt stehen zu bleiben. Erleichterung durchströmte ihn, erreichte jede Faser seines Körpers. Vor dem Haus, auf der Wiese, standen ungefähr zehn Männer. Sie trugen seltsame Winterkleidung aus Fell. Die Hosen einiger Männer schienen aus Leder zu sein. Manche trugen Armbrüste bei sich, doch die meisten waren mit Pfeil, Bogen und Speer bewaffnet. Ein großer Mann hob seinen Speer und winkte Peter damit zu sich. Peter ging langsam näher auf ihn zu. Als er vor ihm stand, fragte der Hüne mit einem merkwürdigen Akzent wer Peter war, und was er hier wollte. „Mein Name ist Peter, Peter Schmidt“, seufzte Peter, nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „Was ist hier passiert?“
Der große Mann musterte Peter eingehend. Bevor dieser ein höfliches Wort der Begrüßung aussprechen konnte, knurrte der Mann ihn an:„Woher kommst Du?“ Seine blassblauen Augen blickten Peter stechend an. Blitzschnell erwog er die Möglichkeit zu lügen. In Anbetracht der Feindseeligkeit seines Gegenübers entschied er sich jedoch dagegen. „Ich komme von hier. Jedenfalls wenn diese Stadt Tübingen ist, oder war. Ich hatte einen Unfall im Labor und wurde ohnmächtig. Als ich vorhin aufwachte, fand ich mich in dieser Geisterstadt wieder. Was ist geschehen? Wer seid ihr?“ Der Hüne warf seinen Gefährten verstohlene Blicke zu. „Ich bin Berthold. Ich bin der Anführer dieser Gruppe. Wir kommen aus dem Süden und gehören zum Stamm der Zollern. Hier ist nichts geschehen. Alles ist beim Alten.“ Berthold sah Peter in die Augen. „Du hast Recht, diese Stadt wurde vor langer Zeit Tübingen genannt. Was hat dieses Wort zu bedeuten, La-bor?“
Peter war bei Bertholds Worten bleich geworden. Alles drehte sich vor seinen Augen.
Drei Worte hallten immer wieder in seinem Kopf wieder
– vor langer Zeit - . Mit einer Kopfbewegung wies Berthold einen Gefährten an, Peter zu stützen. „Ist dir nicht wohl? Was für fremdartige Kleider du trägst. Sie sehen nicht aus, als könnten sie dich warm halten.“ Die anderen Männer stimmten Berthold zu.

Offensichtlich war Berthold bewusst, dass keine Gefahr von Peter ausging. Er hatte erst einmal Anweisungen gegeben, ein Lager aufzuschlagen und eine Felljacke aufgetrieben, die Peter jetzt wohlig warm hielt. Dafür war Peter Berthold zutiefst dankbar. Er hielt seine Zehen dem Feuer entgegengestreckt, das zwischen den Zelten brannte. Eine windgeschützte Stelle diente ihnen als Lagerplatz.
Berthold reichte Peter eine Tonschale mit einer dampfenden Flüssigkeit und setzte sich neben ihn. Peter erblickte ein grünliches Gebräu in der Schale. Fragend schaute er Berthold an. Dieser lächelte ihm aufmunternd zu: „Nur zu, der Tee wird dich wärmen und kräftigen.“ Vorsichtig nahm Peter einen Schluck. Das Getränk schmeckte nach Kräutern. Berthold hatte Recht, es tat ihm sehr gut. Er trank genüsslich und beobachtete die zwei Männer, die gerade die gegenüberliegende Seite des Lagers betraten. Sie trugen eine Stange, an der ein Reh hing. Alle Männer begrüßten die Jäger erfreut. Zwei davon gesellten sich zu ihnen, um beim Zerlegen der Beute behilflich zu sein. Peter brauchte eine Weile, so schockiert war er von dem Anblick, um zu begreifen, dass dies ihr Abendessen sein würde.
Berthold musste sein Entsetzen bemerkt haben. „Du hast nie gesehen, wie man ein Tier schlachtet?“ Er lächelte. „Du hast mir immer noch nicht gesagt was ein La-bor ist.“ Peter war froh über die Ablenkung. „Ein Labor ist ein Arbeitsplatz, an dem man forscht, erfindet, experimentiert. Man arbeitet mit vielen Rohstoffen und versucht neue, nützliche Stoffe herzustellen.“ Berthold atmete laut durch die Nase aus. Er fragte: „Weißt du, welches Jahr wir haben?“ „Welches Jahr? Nun, ich weiß nicht, was passiert ist, aber vor meinem Unfall hatten wir das Jahr 2005.“ Berthold nickte, als hätte er diese Antwort erwartet. „Du befindest dich ungefähr im Jahr 2443. Wir wissen es selbst nicht genau, da die Aufzeichnungen unserer Historiker erst seit den letzten 370 Jahren vollständig sind.“ Peter umklammerte seine Teeschale als er die Lider schloss. ,Im Jahr 2443, 438 Jahre von seiner Welt entfernt.´ Er hatte etwas derartiges schon geahnt. Zu merkwürdig war die zerstörte Stadt, die Kleidung der Männer. Er schlug die Augen wieder auf, nickte langsam und nahm einen kräftigen Schluck Tee. „Weißt du was in den letzten 438 Jahren passiert ist? Warum leben keine Menschen mehr in der Stadt?“ Berthold fing an zu erzählen:
„Wir wissen, dass langsam die Rohstoffe knapp wurden. Viele Länder kümmerten sich nicht darum, so steht es in den überlieferten Büchern. Sie suchten nicht nach anderen Möglichkeiten Ener-gie, wie sie es nannten, herzustellen, vielleicht waren sie in dem Irrglauben, es würde ewig reichen. Ungefähr im Jahr 2030 begann eine Eiszeit, große Not brach aus, zahlreiche Völker hatten innerhalb kurzer Zeit alle ihre Rohstoffreserven aufgebraucht. In den Ländern, in denen Str-om ohne Rohstoffe hergestellt werden konnte, gab es große Unruhen, da die Ener-gie nur für eine kleine Gruppe Menschen reichte. Andere benutzten die Ener-gie von speziellen Waffen. Sie konnten so einige Monate leben, aber es reichte nicht. Große Völkerwanderungen nach Süden setzten ein, die Menschen kämpften gnadenlos um Land. Ohne Indust-rie konnten nicht viele überleben. Die meisten Überlebenden gab es außerhalb der Städte. Sie fanden sich in Dorfgemeinschaften zusammen und leben nun im Einklang mit der Natur. Wir sind Bauern und Jäger. In die Stadt kommen wir nur, um nach Eisen zu suchen, das früher zum Bau der Häuser verwendet wurde. Wir machen daraus Werkzeuge und Waffen. Du hattest großes Glück, dass wir dich gefunden haben.
Kontakt zu anderen Gruppen haben wir über Händler. Von ihnen wissen wir, dass sich die Menschen überall ähnlich wie wir organisiert haben. Vermutlich ist das alles ein Schock für dich. Die Zerstörung der Welt, wie du sie kennst. Du sagtest, du wüsstest nicht, wie du hergekommen bist. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass du auch nicht weißt, wie du wieder zurückkommst. Bevor du die Möglichkeit hättest, würde ich dich töten. Ich habe kein Interesse daran, dass deine Zivili-sation gewarnt wird. Vermutlich würden sie dir sowieso nicht glauben. Diese egoistischen Leute, die unsere Mutter Erde mit den Füßen traten, haben bekommen, was sie verdienten. Wir wollen Eure Ener-gie nicht, wir leben ohne sie sehr gut.“ Angriffslustig schaute Berthold Peter an. Peter schüttelte niedergeschlagen den Kopf und seufzte: „Ich glaube darum musst du dir keine Gedanken machen, Berthold.“

***

Peter saß vor dem Kamin im Haus von Bertholds Familie. Wie jeden Abend, ehe er zu Bett ging, las er noch eine Weile. Mittlerweile war es wieder Herbst geworden. Er hatte bereits ein Jahr hier verbracht. Bertholds Kinder, Neffen und Nichten spielten laut schreiend fangen um ihn herum. Die Frauen des Hauses scheuchten sie lachend hinaus und wiesen sie an, endlich schlafen zu gehen. Unter ihnen war Sarah. Sie schaute ihn an, lächelte und fragte: „Kommst du auch bald?“ Peter ließ das uralte Buch sinken, in dem er gelesen hatte: „Ja, mein Herz, gleich.“ Als er seine Lektüre wieder aufnehmen wollte, fielen ein paar Blätter heraus und segelten langsam zu Boden. Murrend erhob er sich um die verstreuten Seiten einzusammeln
- die Aufzeichnungen der Treibstoffmaschine. In den ersten 6 Monaten nach seiner Zeitreise hatte er fast täglich darüber gebrütet. Trotz der Warnung Bertholds.
Achselzuckend warf Peter die Papiere ins Feuer. Drehte sich um und folgte Sarah. Er hatte seinen Platz in dieser Familie gefunden. Das einsame, bedeutungslose Leben seiner Vergangenheit wollte er nicht mehr zurückhaben. Leise zog er sich aus. Er seufzte zufrieden als er neben sie unter die Decke schlüpfte. ,Hier in diesem Zimmer, das wir zusammen bewohnen, ist alles was ich will und brauche´, dachte er glücklich, als seine Hand leicht auf Sarahs kleinem Kugelbauch lag und das heranwachsende Kind spürte.

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