'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Dezember 2005
Der Zeitriese
von Albertine Sprandel

Am frühen Abend des 27. Mai 1955 brach Homer auf, um seine Brotvorräte aufzustocken. Alle paar Jahrhunderte machte sich der Zeitriese auf diesen Weg und brauchte exakt fünfzig Jahre von seinem Wohnturm am Stadtrand bis ins Zentrum. Am Marktplatz rechts von der Kirche fand er immer eine Bäckerei mit Brotlaiben so groß wie Waschschüsseln in der Auslage. Den Rest seiner unendlichen Zeit verbrachte er zunächst mit Beobachten und Zuhören, seit es die Schrift gab, auch mit Lesen.

***

Ungläubig starrte Homer in das Schaufenster und musterte winzige, längliche Gegenstände, grau oder silbern blitzend, mit kleinen Ziffern auf erhöhten Vierecken. Daneben, auf einem Plakat, pressten sich zwei Menschen diese Teile ans Ohr.
Wo war die Bäckerei geblieben?
„Was suchst du, Großer?“ raunzte ein dünner Junge mit pickeligem Gesicht und langen, fettigen Haaren.
Homer sah ihn an. Die graugrünen Pupillen starrten völlig ruhig zurück.
Von hinten tönte eine weibliche Stimme:
„Ich glaube, der kann nicht reden.“
Homer erkannte im Schaufenster das Spiegelbild einer schmalen Gestalt mit roten, nach allen Richtungen abstehenden Haaren. Daneben ein kleiner, dicker Kerl in schwarzer Lederjacke. Homer sah auch seine eigene Figur: drei Köpfe größer und fast doppelt so breit. Er musste einschüchternd auf diese Menschlein wirken, aber keine Furcht, kein Grausen war in ihren Gesichtern zu erkennen.
Die ersten Menschen, die keine Angst vor meiner Größe haben!
„Ich wollte Brot kaufen“, sagte er und begann sich umzudrehen. Das dauerte, wie Homer wusste. Deswegen ging er auch so selten in die Stadt. Die Menschen fanden ihn zu lahm. Seit er das letzte Mal beim Bäcker war, dachte er darüber nach: Was ist schnell, was ist langsam? Was ist Zeit? Vielleicht kümmern sich diese jungen Leute nicht um mein Tempo. Dann wären sie bereit, etwas von mir zu lernen.

„Biste Boxer?“, fragte der kleine Dicke. Er stand jetzt neben dem Pickeligen und hielt die Lippen beim Reden fest aufeinander gepresst.
„Brot kaufen? Hey, ich glaube, das ist so ein Entlaufener aus dem Behindertenheim.“ Der Dünne zog seine Hose geringfügig hoch. Damit verhinderte er, dass der schwarze Stoff vollends den Hintern frei gab.
Haben die keine Gürtel? Das sind arme Kinder.
Das Mädchen mit den roten Haaren schien seine Bewegung genau zu verfolgen. Aus den Augenwinkeln spähte Homer in schöne, dunkelbraune Augen, umrahmt von schwarzen Linien.
„Oh Mann, ihr zwei wollt den Kerl nur fertig machen. Schaut euch doch an, wie der gekleidet ist. Der sieht aus wie mein Vater vor fünfzig Jahren. Die Hochwasserhosen! Die hatte mein Alter auf den Ausflugsfotos an. Und dann das Hemd. Könnte schon wieder trash sein. Stimmt’s, du kommst aus einer anderen Zeit?“
„Tinka, lass den Quatsch mit Außerirdischen, da glaubt kein Mensch dran.“
„Ich finde, der große Fremde auf dem Weg zum Brot holen sollte selber antworten.“ Mit diesen Worten schlich die Rothaarige ebenso langsam um Homer herum wie er sich drehte. Dabei strich sie mit einem Finger über ihre Unterlippe. Sie hatte nicht nur schöne Augen, sondern auch weiche, volle Lippen. Homer verharrte einen Moment und spürte das Vibrieren seiner Nerven, die feine Melodie der Spannung und genoss.
„Fremder, willst du nicht antworten. Wer bist du?“
Sie sind noch nicht reif für die Antwort.
Homer machte einen Schritt zur Seite. Er liebte besonders den Moment, in dem er das Gewicht seines massigen Körpers einen Augenblick in der Schwebe zwischen rechtem und linkem Bein halten konnte.
„Was tust du?“
„Ich gehe.“
„Wieso gehst du wie ein Bekloppter und redest ganz normal?“
Weil ich beim Sprechen durch die Zeiten wandern kann. Alles verstehen sie doch nicht, diese Halbwüchsigen. Aber es eilt nicht.
„Ich habe Hunger“, flüsterte Homer, statt auf die Frage des Dünnen einzugehen.
„Jetzt ham alle dicht. Nur bei der Tanke kannste noch Brot kaufen“, sagte der, der ihn für einen Boxer hielt. In seinen glänzenden Haaren hoben sich die Spuren des Kammes ab.
„Und wo ist das bitte?“
„Das sagen wir dir, wenn du uns sagst, wer du bist.“ Der Dicke starrte Homer herausfordernd an.
„Wenn du, wie Fritz sagt, aus dem Behindertenheim bist, müssen wir dich zurückbringen, damit dir nichts geschieht.“ Die Jungs wieherten vor Lachen.
„Wenn du ein Außerirdischer bist, müssen wir dich unschädlich machen, bevor du unseren Planeten zerstörst“, feixte der Schwarzgekleidete weiter.
„Wenn du ein Boxer bist“, nun holte der Dicke tief Luft, „wenn du ein Boxer bist, dann bringen wir dich groß raus und verdienen uns eine goldene Nase!“
Fritz folgte mit „Ho, Ho, Ho, Ho, Pep hat Pep!“
Das Mädchen blieb stehen. Genervt sagte sie: „Jungsträume. Vergesst das Boxen.“
„Schau ihn dir doch an, der hat Muskeln wie Drahtseile!“ Jetzt schlich Pep um Homer herum. „Ich könnte wetten, dass er eine unschlagbare Rechte hat.“
Das Mädchen stöhnte. „Woher willste das denn schon wieder wissen?“
„Probieren wir es aus?“
Homer wusste, was jetzt kam. Es lief immer gleich ab. Die Bengel wollten ihn provozieren. Er war größer und breiter und anders. Alle Jungs beeindruckte das. Das war in den letzten Jahrhunderten so und würde wahrscheinlich ein ganzes Zeitriesenleben lang so bleiben.
Homer sah die Faust des Bübchens in Richtung seiner Backe schnellen und unendliche Traurigkeit strömte durch sein Herz. Was nehmen die sich heraus? Und ich dachte, die drei sind anders.
Er hob beide Arme, wie um sich von einem Spinnennetz zu befreien, gleichzeitig stoppte er die geballte Hand des Dicken.
„Ich finde das Brot auch ohne eure Hilfe“, stellte Homer fest. Wieder hob er einen Fuß, um in absoluter Langsamkeit weiter zu schreiten
„Du kommst doch gar nicht voran!“ Das Mädchen begann seine Bewegungen zu imitieren.
„Ich habe Zeit.“
„Vergiss die Kerle. Ich zeige dir den Weg zur Tanke.“
Homer ertappte sich, wie er strahlte. Die rothaarige Tinka hatte Talent beim Gehen.
„Wie heißt du?“ fragte sie.
„Homer“, kam seine Antwort zögerlich. Noch nie hat jemand seinen Namen verstanden.
Ein Meter. Ich muss mich auf die Schritte konzentrieren, dann vergesse ich vielleicht das leere Gefühl im Magen. Ich brauche zumindest Wasser.

Rechts neben ihm tanzte Tinka, links spazierte Pep.
„Gibt es auf dem Weg einen Hydranten?“, fragte Homer. Der Pickelige schnaubte von hinten. „Hab ich’s nicht gesagt? Der kommt aus dem Behindertenheim.“
„Wozu brauchst du einen Hydranten?“, fragte Tinka.
„Was ist das?“ Pep ging ein paar Schritte vor und wartete bis Homer und Tinka auf gleicher Höhe waren.
„Hey, das wird mir zu langweilig.“ Fritz klang ärgerlich, „Lasst uns abziehen. Wir gehen in die Spielhalle.“
Pep zögerte. „Da kommen wir nicht rein!“
„Aber mit Homer schon!“
Homer hörte, aber die Worte gaben keinen Sinn. Was war eine Spielhalle? Gab es da Wasser? Zur Übelkeit gesellte sich Schwindel.
Von den beiden Kerlen vernahm er nur noch entferntes Gelächter.
Die Stimmen schienen in der Vergangenheit zu versinken, um von vorne wieder aufzutauchen:
„Los, mit Homer kommen wir am Türsteher vorbei und die gute Tinka kann ihm Wasser geben.“
„Unser Außerirdischer wird ganz schwach. Er torkelt!“
Es gibt Zeiten, die sind nichts für mich.
Seit seinem letzten Ausflug hatte sich viel verändert. Noch nie war es ein Problem gewesen, Wasser und Brot zu bekommen.
Homer spürte den dünnen Arm des Mädchens unter seiner Achsel, gleichzeitig zog sein eigenes kolossales Gewicht sie beide zu Boden.
Das war nun das Ende. So lange hatte er in seinem Wohnturm am Rand der Stadt gelebt. Nie musste er Durst oder Hunger leiden. Heute bekam er nichts. Er hatte einfach zu lange gewartet, bis er zum Bäcker aufgebrochen war.
Zu lange! Ein Zittern lief ihm über den Rücken. Plötzlich verstand er: Alle Zeit der Welt war sein gewesen. Nun klauten Hunger und Durst ihm dieses Gefühl.
Homer sackte vollends zusammen. In einem Universum, in dem man schnell genug sein musste, um an Brot und Wasser zu kommen, wollte er nicht mehr leben. Hier gab es keinen Platz für seine Gattung. Keinen Platz. Wenn er doch ... In seinem Kopf breitete sich Schwarz aus.

Homer blinzelte. Es war immer noch dunkel. Ein schönes Schläfchen! Er fühlte sich erfrischt und ließ seine Augen die Umgebung absuchen. Von Haus zu Haus, überall Sterne, leuchtende Tannenbäume und kleine Engel. Im Schaufenster der ehemaligen Bäckerei flackerten gelbe, blaue und rote Birnchen. Keine Menschenseele war zu sehen.
Der Hunger meldete sich, der Mund war trocken. Aber etwas hatte sich während seines Schläfchens verändert: Homer fror. Er versuchte einen Fuß zu rühren, da entdeckte er außerdem, dass er auf einem Sockel kauerte. Zwei Treppenstufen führten zu seiner erhöhten Position. Weiß, mit einer feinen Zuckerschicht überzogen. Es war Winter geworden. Homer jubelte.
Ich, der letzte der Gattung der Zeitriesen, habe überlebt. Hunger und Durst können mir nichts anhaben. Ich habe alles mit einem zeitlosen Schläfchen von mir geschoben!

Schlurfende Schritte näherten sich.
„Habt ihr das gesehen? Unsere Statue hat sich bewegt. Homer lebt!“ Tinkas Stimme funktionierte wie eine Heizung von innen.
„Kann nicht sein, ich habe nichts gesehen.“ Homer erkannte Fritz.
Auch Pep war dabei und starrte ihn wie die beiden anderen forschend an. Die Finger in knappe Jacken gestopft, jeder mit einem großen Schal um den Hals und dünnen Turnschuhen. Sie schienen genauso zu frieren wie er.
Homer streckte seine Nackenwirbel, um den Kopf zu heben. „Wie ist es euch ergangen?“, fragte er lächelnd.
„Weißt du gar nichts?“
„Ich habe geschlafen. Jetzt möchte ich etwas essen.“
Pep stieß Fritz an, Fritz knuffte Tinka. „Wir waren das letzte halbe Jahr jeden Tag hier und haben immer Brot dabei. Für alle Fälle. Hier.“ Sie legten ihm einen runden, knusprigen Laib vor die Füße.
Homer berührte mit den Fingerspitzen die Kruste. Die raue Oberfläche rief nach einer schnellen Bewegung. Aber der herbe Duft nach Backstube ließ Homer den Hunger vergessen. Er sog das prickelnd dumpfe Aroma ein.
„Das ist gut. Wo habt ihr es her?“
„Wir sind dank deiner Hilfe zu Brot und Arbeit gekommen. Du bist unser guter Engel“, erklärte Tinka stolz.
„Riesenengel“, korrigierte Pep.
„Genau zur richtigen Zeit“, ergänzte Fritz.
Homer sagte nichts.
Das war schön, also hatte er diesen Menschlein doch noch helfen können.
„Willst du nicht wissen, wie?“
„Ist das wichtig?“
„Naja. Du bist unser Kunstwerk und unsere Inspiration.“ Tinka sah zum Boden, als ob sie sich schämte. „Als du zusammengesunken warst, sahst du aus wie versteinert. Wir konnten dich nicht wecken, nicht bewegen, nichts. Dann hatte Pep eine Idee. Am nächsten Morgen stellten wir uns neben dir auf.“
Pep unterbrach sie. „Tinka tanzte. Nein, sie schwebte. Sie bewegte sich fast so langsam wie du. Jedem sagten wir, dass wir Künstler seien und du unser Werk. Stell dir vor, der Bürgermeister, die Schulen, selbst das Museum waren begeistert! Sie bauten einen Sockel, die Treppenstufen und so weiter. Seitdem machen wir hier immer unser Programm. Naja, nichts dolles, aber wir verdienen ganz gut.“
„Wie heißt das Programm?“, fragte Homer.
Die drei scharrten mit den Turnschuhen auf dem Boden.
„Der Zeitriese.“
Homer hopste innerlich wie ein Grashüpfer. Sie waren selber darauf gekommen! Sie wussten, wer er war! Sie waren schlau, er hatte es von Anfang an geahnt.
„Wirst du jetzt, wo du Brot hast, wieder gehen?“ Wie eine Diva legte Tinka ihren Kopf zur Seite, so dass die roten Haarspitzen auf die Schulter fielen.
Homer lachte.
„Ich habe Zeit.“

***

Der Fremdenführer lächelt. „Das ist also die Geschichte dieser Skulptur. Seit fünfzig Jahren steht sie hier. Tinka ist eine berühmte Tänzerin geworden und arbeitete lange mit ihrem Manager Pep und ihrem Chauffeur Fritz zusammen. Die Jugendlichen der Stadt legen dem Zeitriesen jedes Jahr Brot, Wasser und Bücher vor die Füße. Sie fürchten, dass er den Marktplatz sonst verlässt und nie wieder kommt, da es in unserem Zentrum keine Läden mehr gibt. Wenn Sie, liebe Besucher, sich etwas Zeit nehmen, erleben Sie vielleicht auch, wie sich Homer regt...“

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