Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Dezember 2005
Der letzte Rabe
von Elsa Rieger

Ich sitze auf der sonnenwarmen Bank vor dem Bauernhaus, spitze den Bleistift, der Schreibblock liegt auf dem Tisch. Mein Blick wandert über die hügelige Landschaft in der Ferne zu meiner Tochter Laura, die den gefüllten Wäschekorb auf die Wiese stellt. Sie ist vierzehn und zur jungen Frau geworden. Schade, dass sie niemals einen Gefährten haben wird. Wir bekamen keinen Menschen zu Gesicht, nachdem zwei Plünderer mein Kind vor sieben Jahren beinahe getötet hätten. Laura winkt mir zu. Sie schüttelt den Kopf über mich und wendet sich der Wäsche zu, die sie mit den grob geschnitzten Holzklammern an das Seil zwischen den Linden aufhängt. Schnork, der Rabe, sitzt im Gras. Auch er wird keinen Partner mehr finden.
Wir sind die letzten unserer Art.
Auf seinen stelzigen Füßen hinkt er nach Rabenart heran, um mit dem schwarzen Schnabel ein Wäschestück aus dem Korb zu stehlen. Lauras Lachen durchbricht die Stille wie die Morgensonne die Nacht.
Ich hoffe, dass die Papiervorräte ausreichen werden, um unsere Geschichte fertig schreiben zu können, auch wenn Laura den Kopf darüber schüttelt. Sie findet das unnötig, wer sollte das schon lesen?
Ich neige mich über den Block:

*

Ich erinnere mich genau, dass ich schweißnass erwachte. Meine Frau schüttelte mich sanft. „Max! Max, so hör doch!“
Schlaftrunken blinzelte ich in das Rosa der aufgehenden Sonne.
„Schatz, was ist denn? Warum schreist du?“, hörte ich ihre Stimme wieder.
Benommen schloss ich die Augen vor dem Licht, spürte Olgas Haar an meiner Wange, als sie sich an mich drängte.
„Der letzte Rabe“, sagte ich, wischte Tränen der Angst vom Gesicht.
Ich umarmte beschützend und selbst Schutz suchend den Körper neben mir, spürte den warmen, hochgewölbten Bauch an meinen Lenden. Unser Kind würde bald geboren werden, ein Mädchen. Wir hatten uns für den Namen Laura entschieden.
„Sag mir, welcher Tag ist heute?“, fragte ich.
„Der fünfzehnte März.“
„Das Jahr, Olga, das Jahr –“
„2065. Warum?“
„Ich hatte einen Traum. Ich saß vor einem Bauernhaus und schrieb meine Vergangenheit auf, die in der Zukunft stattfinden würde.“
Olga legte die Hände auf ihren Bauch. „Vergiss deinen Traum! es geht los, Max!“ Sie lächelte.

Fünf Jahre danach erfüllte sich meine Vision, wurde zur grausamen Realität.
Süßlicher Geruch wehte über die Stadt. Im Bett hinter mir lag Olga. Sie war in der Nacht gestorben. Ich stand am Fenster und sah, wie ein Bautrupp daran arbeitete, rund um unser Wohnviertel unüberwindbare Betonmauern zu errichten. Bewaffnete Polizeikommandos riegelten die Straßen ab.
Die Seuche war nicht einzudämmen. Sie machte keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Ganze Landstriche waren entvölkert. Niemand wagte sich dorthin, wo keine Vögel sangen, in Ställen und Wäldern Kadaver verrotteten, denn hier regierte der Tod.
In den Städten hatte man nach Ausbruch der pestähnlichen Krankheit vor einigen Monaten damit begonnen, die Viertel mit Mauern einzugrenzen und so die Infizierten in Ghettos einzusperren. Aber auch die wenigen, die immun waren, mussten in den Sektoren bleiben.
Die Trupps in Schutzkleidung kamen mit dem Verbrennen der Toten nicht nach.
Ich wusste bereits gestern davon, obwohl die Stadtverwaltung nicht mehr verlautbarte, welcher Sektor als nächster dran war, damit die Bewohner nicht flüchteten und die Krankheit in die anderen Bezirke verschleppten.
Ich hatte es gewusst, weil ich zur Maurerbrigade gehörte. Damals, als sie mir den Job gaben, war ich vor Freude in die Luft gesprungen; endlich konnte ich meine Familie wieder ernähren.
Ein letztes Mal sah ich Olga an. Die flammende Röte, die am Siedepunkt des Fiebers die Wangen überzogen hatte, war verschwunden. Die ersten Symptome zeigten sich vor einer Woche als nässender Hautausschlag, dazu kam eine Bindehautentzündung. Vorgestern trockneten die Pusteln ab. Gleichzeitig hörten die Tränendrüsen auf, Flüssigkeit zu produzieren. Sie erblindete unter Schmerzen. Dann das Fieber; Olga war wie Hunderttausende andere gestorben.
Ich ging ins Nebenzimmer und streichelte meine fünfjährige Tochter wach, wir lebten.

Vierundzwanzig Stunden wanderten wir durch nasse, stinkende Kanäle, krochen auf allen Vieren, robbten durch die Finsternis; Kilometer um Kilometer.
Wochenlang hatte ich die Route geplant, war dazu nach der Arbeit an den Mauern hinunter in die Dunkelheit geklettert, um die Gänge bis zu ihren Endpunkten zu verfolgen. Oft befand ich mich stundenlang auf der Suche nach einem sicheren Fluchtweg; war feucht, frierend und übel riechend zurückgekommen und hatte den eben erforschten Tunnel in meinem Kanalnetzplan eingezeichnet.
Den Weg hinaus, entdeckte ich, als Olga bereits krank war. Dieser Gang war der Einzige, der wirklich in die Freiheit führte. Ein offenbar vergessener Kanal, der weit außerhalb der Stadt unter einer verlassenen Baustelle endete.

„Siehst du ihn, dort auf der Wiese?“ Ich fasste es nicht; offiziell war diese Gattung seit dreißig Jahren ausgestorben.
„Den großen schwarzen Vogel?“, fragte meine Kleine.
Die Sonne war über dem Wald aufgegangen und warf ihre ersten Strahlen auf die taunasse Wiese. Plump stakste der Vogel auf Nahrungssuche durch das Gras. Ich kauerte neben Laura. „Schau, jetzt hat er uns gesehen“, flüsterte ich. Nein, es war bestimmt keine Krähe, sondern einer der ausgerotteten Kolkraben.
Auch Greifvögel gab es seit Ewigkeiten nicht mehr, genauso wenig wie Nachtigallen oder Lerchen. Aber die Insekten hatten überlebt. Ich erschlug einen Moskito, der an meinem Hals saugte. Laura döste im Stehen an meiner Schulter. Ich bettete sie auf den mitgebrachten Schlafsack.
Während sie schlief, suchte ich Holz und entfachte ein kleines Lagerfeuer. Als ich die Konservendosen mit Gulasch öffnete, in den Topf leerte, näherte sich der Rabe. In einiger Entfernung verharrte er, flatterte mit den blauschwarzen Flügeln, faltete sie ordentlich auf dem Rücken. Ich legte ein Stück Fleisch auf die Handfläche.
„Komm, hol es dir!“ Fast sah es aus, als schüttelte das Tier den Kopf. Ich wartete regungslos. Nach einer Weile hatte sich der Rabe, scheinbar unablenkbar mit Picken und Scharren beschäftigt, nahe herangepirscht. Unvermutet schnellte er den Hals vor, packte den Brocken mit dem Schnabel, hüpfte wieder weg.
Den ganzen Vormittag umkreiste er das Lager. Er beobachtete jeden meiner Schritte mit glänzenden Augen. Als ich erneut mit Bruchholz vom Waldrand kam, stand er neben Laura. Ich rannte voller Angst hin; Raben besitzen Schnäbel wie Waffen. Das Tier sprang erschreckt davon. Laura maulte: „Warum hast du ihn weggescheucht! Wir haben uns gerade so gut unterhalten.“
Sie kroch auf ihn zu, lockte in einem Singsang: „Komm, mein Schöner! Komm, süßer, schwarzer Vogel.“
Er stolzierte ihr entgegen.
Später beim essen blieb der Rabe dicht bei ihr. Sie verfütterte einen Teil ihrer Ration an ihn. „Ich nenne dich Schnork“, beschloss Laura.
Als wir aufbrachen, folgte er uns.

Wir trafen auf einen einschichtigen kleinen Bauernhof, umgeben von Feldern und Obstbäumen.
„Papa, sieh mal, Spatzen!“ Laura streckte den Arm in die Richtung aus.
Sie zupften Sämlinge auf dem Feld. Die Tiere waren also zurückgekehrt. Das bestätigte meine Annahme, dass die Krankheit nicht bleiben würde, wo sie gewütet hatte, sondern verschwand, wenn alles Leben vernichtet war. Ich entdeckte auf der Wiese einen frisch aufgeworfenen Maulwurfshügel, und fast zur gleichen Zeit brach ein aufgeschrecktes Reh durch die Büsche am Waldrand.
„Ich schau mir den Hof an“, sagte ich.
„Ich gehe mit!“
„Nein. Du wartest hier.“
Laura gehorchte, streckte mir aber die Zunge heraus.
Ich musste mir erst selbst ein Bild. Erleichtert, das Kind dem Anblick nicht ausgesetzt zu haben, schleppte ich die Leichen von drei Menschen – Vater, Mutter, ein Säugling – hinter das Haus und verbrannte sie zusammen mit den verdorbenen Lebensmitteln aus der Küche. Abschließend räucherte ich das Haus aus.
Raben sind klug. Sie meiden Orte der Krankheit. Laura trug ihn auf der Schulter ins Haus. Er flog sogleich auf die Stange über dem Herd, glättete sein Gefieder, setzte sich zurecht. Wir zogen ein.

Eines Tages, im zweiten Frühling, den wir hier verbrachten, kam ich von der Jagd, zwei erlegte Hasen auf der Schulter.
Noch ehe ich das Haus erreichte, klopfte mein Herz nervös. Zu still und wie ausgestorben war unser Anwesen, ich fühlte, da stimmte etwas nicht, stürzte in die Stube. Laura lag ausgestreckt auf dem Boden. Schnork zupfte an ihren Haarsträhnen, ein Bein an den Körper gezogen. „Aua“, murmelte sie und setzte sich auf.

Später erzählte sie, dass plötzlich zwei Fremde vor ihr gestanden hatten. Sie flocht gerade einen Kranz aus Gänseblümchen. Die Männer bemerkte Laura erst, als sie redeten. „Schnork tanzte aufgeregt zwischen mir und denen herum. Sie grinsten irgendwie gemein ... ihre Kleider waren zerlumpt ... dann wollten sie essen, haben gedroht, meinen Schnork zu schlachten! Ach, Papa! Ich hab ihnen Brot gegeben und Fleisch, dann sind sie einfach ins Haus.“ Laura zitterte, ich nahm sie fest in die Arme.
„Sie sagten, wie toll wir es hätten, gemütlich. Während sie in der Stadt fast verhungerten, lebten wir hier in Saus und Braus. Sie waren furchtbar böse.“
Der Rabe hüpfte einbeinig um uns herum, das andere schien gebrochen.
„Die wollten wissen, wie viele wir wären. Ich sagte, dass zehn Leute hier wohnten. Der eine schrie: ‚Lüg‘ mich nicht an!’“ Laura versteckte ihren Kopf in meinem Schoß. „Schnork hat oben auf der Trockenstange gesessen. Der eine wollte mich schlagen, da fuhr er schimpfend herunter, hackte auf ihn ein. Der Mann riss den Arm hoch, erwischte Schnork am Hals. Er brüllte: ‚Das machst du nicht noch einmal, du Teufelsbiest!’“
Laura seufzte, ich streichelte ihre Wange. „Der Mann warf ihn zu Boden. Schnork rührte sich nicht mehr. Sie haben alle Maisbrotfladen und das Trockenfleisch gestohlen. Bevor sie gingen, schlug mich einer von ihnen ganz fest und dann war alles schwarz.“ Sie schnaufte, lockte den Vogel zu sich, strich über sein Federkleid. „Er ist doch der letzte Rabe.“ Jetzt weinte sie Tränen der Erleichterung.

*

Lauras Stimme unterbricht mein Schreiben.
„Vater, Abendessen!“, ruft sie aus dem Fenster.
„Ich komme gleich!“, antworte ich. Mich schaudert.
„Vater!“
Ich stehe auf, strecke mich, nehme Block und Bleistift, gehe ins Haus. „Das duftet gut.“
Schnork nickt mit schief gelegtem Kopf. Nach dem Essen werde ich wie jeden Abend einen ausgedehnten Spaziergang machen. Ich gehe erst ins Bett, wenn ich vor Müdigkeit umfalle, ich hoffe darauf, so tief zu schlafen, dass ich nie wieder träumen muss.

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