Bitte lächeln!
Bitte lächeln!
Unter der Herausgeberschaft von Sabine Ludwigs und Eva Markert präsentieren wir Ihnen 23 humorvolle Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Stefan Schweikert IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Dezember 2005
“Paul”
von Stefan Schweikert

“Eisenbahn”, rief Paul und lief los. Sein Blick galt allein dem weihnachtlich geschmückten Schaufenster des Spielwarengeschäfts auf der anderen Straßenseite. Rebecca vermisste plötzlich die Wärme seiner kleinen Hand in der ihren. Sie drehte sich um, erblickte den LKW, der wie beseelt von dem Wunsch zu töten auf ihren Sohn zuraste. Mit einem beherzten Sprung wollte sie ihn aus der Bahn des dreißig Tonnen schweren Projektils stoßen, doch ihre Füße schienen mit dem Gehweg verwachsen. Der Fahrer hupte, Bremsen quietschten, die Geräusche vermischten sich zu einem entsetzlichen Schrei. Einem Schrei, den Paul nicht mehr ausstoßen konnte. Sein sechsjähriger Körper wurde erfasst und wie eine Gliederpuppe auf die Gegenfahrbahn geschleudert.

Seit einem Jahr der gleiche Traum! Rebecca presste das Gesicht ins Kissen, schluchzte, glaubte ganz fest, wenn es ihr gelänge, eines Nachts Paul zu retten, würde sie am Morgen sein Lachen aus dem verwaisten Kinderzimmer hören: “Mama, machst du mir Schoko-Müsli zum Frühstück?”
Sie stand auf, zog die schlichte schwarze Kombination an, ging zum Friedhof und legte Blumen auf Pauls Grab.
Obwohl nicht religiös – wie soll man zu einem Gott beten, der einem den einzigen Sohn am Nikolaustag nimmt -, betrat Rebecca die Friedhofskapelle, setzte sich in die erste Reihe und betrachtet den leidenden Christus am Kreuz. Hätte er zweitausend Jahre in die Zukunft geblickt, würde er sich noch einmal für diese missratene Menschheit opfern?, fragte sie sich.
Mit geschlossenen Augen, sog sie den schwachen Geruch von Weihrauch ein. Die Stille tat ihr gut.

Damals, vor acht Jahren, hatte Rebecca Klaus nicht eingeweiht, als sie die Pille absetzte. Er sagte nichts, als Rebecca ihm “Du wirst Papa!” eröffnete. “DU wolltest das Kind und hast MICH als Samenspender benutzt! Danke!”, stand eine Woche später auf einem Zettel an seinem leeren Kleiderschrank. Die Freunde und Kollegen schüttelten den Kopf: “Mit fünfunddreißig noch Mutter – O.K. Aber dafür die Karriere opfern? Rebecca, du bist auf dem Sprung nach ganz oben! Wenn du dich jetzt mit einem Balg belastest, lebst du in fünf Jahren von Sozialhilfe. Überlass das Kinderkriegen den Assos. Wir sind für Höheres geschaffen.” Rebecca lachte: “Wann, wenn nicht jetzt? Außerdem leben wir bald im einundzwanzigsten Jahrhundert. Kind und Karriere sind kein Widerspruch!”
Nach drei Jahren wollte sie zurück in ihren Job und musste feststellen, dass für eine vierzigjährige Alleinerziehende im Management kein Bedarf war.
Rebecca bedauerte es nicht lange, tauschte die Designerklamotten gegen Konfektion von C&A oder H&M und war trotzdem glücklich, es gab ja Paul.
Jetzt gab es ihn nicht mehr.

“Wenn du eine Entscheidung noch einmal treffen könntest, welchen Weg würdest du gehen?”, fragte eine Stimme, kalt wie ein elektronischer Ansagetext. “Nach all dem, was du jetzt weißt.”
Rebecca schreckte auf. War sie eingeschlafen? Da war niemand. Nur Christus schaute weiterhin teilnahmslos zu ihr hinab.
“Ich biete dir einen Weg, einen Tür, eine Gelegenheit die Zeit zurückzudrehen”, fuhr die Stimme fort. Rebecca war sicher, dass sie nur in ihrem Kopf existierte, trotzdem kam das Echo von den Wänden zurück: “Ein Weg, eine Tür, eine Gelegenheit!”
Sie erhob sich, fröstelnd, glaubte Schwefel unter dem Weihrauch zu riechen.
“Geh zum Portal hinaus und alles bleibt, wie es ist”, sagte die Stimme. “Ich biete dir jedoch eine anderen Weg!” In einem Seitenschiff – die Kapelle erschien plötzlich groß wie eine Kathedrale – öffnete sich eine niedrige Pforte.
Rebecca ging darauf zu, zögerte, schaute noch einmal zurück. “Die Chance alles ungeschehen zu machen?”, fragte sie.
“Die Gelegenheit eine Entscheidung noch einmal zu treffen”, erwiderte die fremde Stimme.
Gebückt trat Rebecca durch die Pforte. “Wähle weise!”, mahnte die Stimme, als sich die Tür hinter ihr schloss.
Nieselregen, graue Wolkenfetzen am Himmel, wie zuvor. Rebecca schüttelte den Kopf. Die Stimme schwieg. Alles nur ein Tagtraum, geboren aus Müdigkeit, Trauer und unterdrückten religiösen Gefühlen?
“Nach Hause, ein heißes Bad”, dachte sie, zog den Mantel enger und eilte zwischen den Gräbern hindurch.
Dann wurde ihr bewusst, dass auf den Grabsteinen zwar Daten waren, aber keine Namen, sondern kurze Texte wie: “Rebecca entschließt sich, die Hausaufgaben zu machen”, “Rebecca kauft das rote Kleid”, “Rebecca schläft mit Klaus”, “Rebecca setzt die Pille ab”.
Eisblumen am Fenster gleich, kroch die Kälte ihren Rücken hinauf. Wie viele Entscheidungen musste man in seinem Leben treffen, ahnungslos, wohin sie führen?
Ihr Blick schweifte über das Gräberfeld. Reihe um Reihe erstreckte es sich bis in die Unendlichkeit. Und an allen Steinen waren Türklinken. Plötzlich erschien Rebecca der Friedhof wie ein bizarrer Adventskalender, bei dem sie nur ein Türchen öffnen durfte, ein einziges.
“Wähle weise!” Die Stimme war wieder da.
Rebecca fand, was sie suchte: 6. Dezember 2004, stand auf dem Stein, “Paul ruft: ‚Eisenbahn‘. Rebecca lässt seine Hand los.”
“Nur ein Augenblick und alles wird gut!”, sagte die Stimme.
Ihre Hand schwebte über dem Türgriff.
”Ein Chance, das Leid zu beenden!”
Ihre Finger krümmten sich.
“Eine Gelegenheit, die Zeit zurückzudrehen!”
Rebecca zog die Hand zurück und ging weiter. Aufmerksam las sie weiterhin die Texte. Vor einem anderen Stein blieb sie stehen.
Die Stimme schien überrascht: “Oh! Eine interessante Wahl!”
Dieses Mal zögerte Rebecca nicht. “Ein Weg, das Leid zu vermeiden”, flüsterte sie.
Es dauerte wirklich nur einen Augenblick.

Rebecca betrachtete sich im Spiegel. Für ihre Fünfundvierzig sah sie in dem nagelneuen Chanelkleid verdammt gut aus. Ob Klaus sie deshalb oder ihres Geldes wegen nicht für eine Jüngere verließ, spielte keine Rolle.
Vor acht Jahren war der Wunsch nach einem Kind fast übermächtig geworden. Klaus war dagegen, Kollegen und Freunde rieten ab, letztlich war es eine unbestimmte Angst, die das Begehren unterdrückte. Zu lieben heißt leiden, und Rebecca hatte das Gefühl, in einem anderen Leben genug gelitten zu haben.
Aber tief in ihr blieb die Sehnsucht, diese Entscheidung noch einmal treffen zu dürfen. In Träumen, aus denen Rebecca auf einem tränennassen Kissen erwachte, sah sie das traurige Gesicht eines Jungen. Er hatte sogar einen Namen: Paul.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 6222 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.