Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Christine Todsen IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Dezember 2005
Spideria
von Christine Todsen

Manche halten es für Gefühlsduselei, aber ich kann einfach kein Tier töten. Sehe ich im Haus einen Käfer oder eine Spinne, so lasse ich sie auf ein Stück Papier krabbeln und trage sie nach draußen in den Garten.

So auch diesmal. Beim Staubwischen entdeckte ich eine große, garstig aussehende Spinne mit behaarten Beinen. Zum Glück leide ich nicht an extremer Arachnophobie, sonst wäre ich wohl in Ohnmacht gefallen. Stattdessen schnappte ich mir eine Zeitung, hielt sie der Spinne hin, wartete, bis sie draufgekrochen war, stürmte in den Garten und streifte das Monster an einer Blume ab, bevor es auf seiner Wanderung über das Papier meine Hand erreichen konnte. Das hätte sogar mich um den Verstand gebracht.

Aufatmend lief ich ins Haus zurück und ließ mich auf das Sofa gegenüber der Gartentür fallen. Die Zeitung warf ich auf den Boden. Hatte ich sie eigentlich schon gelesen? Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob die Überschriften mir bekannt vorkamen.

Als ich wieder aufblickte, schrak ich zusammen. Im Garten, dort, wo ich die Spinne abgesetzt hatte, stand eine schöne junge Frau in einem silbrig schimmernden Gewand. Jetzt ging, nein, schwebte sie auf das Haus zu, glitt durch die halbgeöffnete Tür hinein und blieb vor mir stehen. In Panik starrte ich sie an.

„Hab keine Angst, Melanie“, lächelte sie. Woher kannte sie mich? Wer war sie? Ich versuchte zu sprechen, brachte aber kein Wort hervor.

„Ich bin die Spinnenfee Spideria. Ich wollte mich bei dir bedanken, weil du mich nicht umgebracht hast, sondern mir die Freiheit schenktest. Dafür möchte auch ich dir etwas schenken. Bist du mit deinem Leben zufrieden? Oder gibt es etwas, was du, wenn du dein Leben noch einmal leben könntest, anders machen würdest?“

„Wie... wie meinst du das?“

„Ich kann dich auf eine Zeitreise schicken. Wenn du meinst, irgendwann eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, so kann ich dich in jene Zeit zurückversetzen, und du kannst diesmal anders handeln. Was ist mit deiner Ehe? Du bist jetzt fast 20 Jahre lang mit Peter verheiratet, aber eigentlich warst du in einen anderen verliebt, nicht wahr?“

Staunend nickte ich. „Stimmt. In Harald. Aber meine Eltern hassten ihn. Sie hielten ihn für einen Taugenichts und Herumtreiber. Peter dagegen erschien ihnen als der ideale Schwiegersohn. Dauernd schwärmten sie mir vor, wie solide und verlässlich er sei. Schließlich folgte ich ihrem Rat. Das werfe ich mir heute oft vor. Obwohl meine Ehe eigentlich nicht schlecht ist. Kinder haben wir leider keine – es liegt an Peter –, aber ansonsten kann ich mich nicht beklagen. Sogar ein schönes Haus mit Garten besitzen wir, wie du siehst.“

„Aber so verliebt wie in Harald warst du in Peter nicht“, stellte Spideria sachlich fest.

„Nein. Verliebt war ich in ihn nie. Es ist eine Vernunftehe.“

„Also, Melanie“, sagte die Spinnenfee, „wenn du möchtest, dann versetze ich dich jetzt 20 Jahre zurück.“

Ich zögerte kurz, dann sagte ich: „Ja, tu das bitte.“

*

Um zwei Jahrzehnte verjüngt, stand ich vor meinen Eltern (die inzwischen beide nicht mehr leben). Mein Vater tobte. Meine Mutter weinte. Es war alles genau wie damals. Bis auf die Worte, die ich jetzt sprach: „Ich will Harald. Keinen anderen.“

„Dann verschwinde!“ schrie mein Vater. „Geh zu diesem Halunken! Aber unsere Tochter bist du dann nicht mehr!“

Ich packte meine Siebensachen und zog noch am selben Abend zu Harald. Bald heirateten wir. Der Himmel hing für mich voller Geigen.

Einen einzigen Wermutstropfen gab es allerdings. Ich wünschte mir schnellstmöglich ein Kind, ganz im Gegensatz zu meinem Mann. „Das eilt doch nicht, Liebste! Wir sind doch beide erst Anfang zwanzig. Mindestens zehn Jahre können wir doch noch das Leben genießen, ohne Windeln und Babygeschrei.“

Immer wieder versuchte ich ihn zu überzeugen, dass ein Baby der höchste Lebensgenuss sei. Schließlich gab er widerwillig nach, und ich wurde sofort nach Absetzen der Pille schwanger. Dann kam das, womit keiner von uns beiden gerechnet hatte. In banger Vorausahnung seiner Reaktion teilte ich ihm mit: „Der Arzt sagt, es sind Zwillinge.“

Harald starrte mich entsetzt an. „Das darf doch nicht wahr sein! Wo das Geld kaum für uns beide reicht! Alles wegen deinem Babyfimmel! Jetzt sieh selber zu, wie du damit fertig wirst!“ Wütend stürmte er aus der Wohnung.

In den nächsten Wochen sah ich ihn kaum. Er übernachtete meist bei „Freunden“. Auf Umwegen erfuhr ich, dass diese in der Regel weiblichen Geschlechts waren. Auch in Kneipen trieb er sich herum. Dafür hatte er merkwürdigerweise Geld genug.

Verzweifelt schrieb ich schließlich meinen Eltern einen langen Brief. Tags darauf klingelte das Telefon. Es war meine Mutter. „Siehst du!“ triumphierte sie. „Haben wir es dir nicht gesagt? Hatten wir nicht Recht? Wir haben es kommen sehen!“

„Ja, Mama“, schluchzte ich.

„Also“ – sie legte eine Pause ein –, „von uns aus kannst du zurückkommen und mit den Zwillingen bei uns wohnen. Groß genug ist das Haus ja. Aber nur, wenn du dich sofort nach der Geburt von dem Kerl scheiden lässt!“ Dankbar kehrte ich heim.

Ich bekam einen Sohn und eine Tochter. Harald war bei der Geburt nicht dabei. Er besuchte mich danach lediglich kurz in der Klinik, schaute sich seine Kinder uninteressiert an und verschwand wieder. Auch die Namenswahl überließ er mir. Ich nannte sie Tom (nach meinem Vater Thomas) und Lisa (nach meiner Mutter Elisabeth).

Harald setzte sich nach der Scheidung ins Ausland ab und war seitdem unauffindbar. Die Zwillinge und ich erhielten keine einzige Unterhaltszahlung von ihm.

Unser Zusammenwohnen mit meinen Eltern klappte relativ gut. Als Tom und Lisa zur Grundschule gingen, schlug das Schicksal jedoch erneut zu. Meine Eltern starben kurz hintereinander (zur gleichen Zeit wie in meinem richtigen Leben).

Ich blieb mit den Zwillingen im Haus wohnen. Je größer sie wurden, desto mehr Kummer machten sie mir. In der Pubertät wurde es besonders schlimm. Sie hatten den Charakter ihres Vaters geerbt, trieben sich herum, kamen mit Alkohol und Drogen in Kontakt. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag schellte eines Abends die Polizei bei mir und überbrachte mir die Nachricht, dass beide bei einem illegalen Autorennen tödlich verunglückt waren.

Jetzt war ich ganz allein. Irgendwie musste es weitergehen. Als erstes wollte ich mir eine kleine Wohnung suchen. Auf dem Weg zu einem Besichtigungstermin wurde ich in der Fußgängerzone von einem Herrn angesprochen. Es war Peter.

„Melanie! Ich habe gehört, was mit deinen Kindern passiert ist – herzliches Beileid.“ Ich dankte ihm.

Er wies auf eine Konditorei. „Darf ich dich zu einem Kaffee einladen?“

„Vielen Dank, aber ich habe jetzt leider einen Wohnungsbesichtigungstermin.“

„Du ziehst um? Kann ich verstehen...“ Er zögerte und sagte dann: „Ich habe von einer verstorbenen Tante ein Haus mit Garten geerbt, in dem ich jetzt wohne. Es ist für mich allein zu groß... möchtest du zu mir ziehen?“

In diesem Augenblick schlägt mit gewaltigem Knall eine Tür zu.

***

Ich schrecke hoch. Wieso liege ich hier auf dem Sofa? Bin ich beim Staubwischen eingeschlafen? Entsetzt sehe ich auf meiner Uhr, dass es schon Spätnachmittag ist. Draußen ist Wind aufgekommen, und dieser hat wohl die Gartentür zuschlagen lassen, wodurch ich aufgewacht bin.

Langsam erinnere ich mich. Ich hatte eine Spinne in den Garten getragen, wurde danach offenbar vom Schlaf übermannt und hatte einen seltsamen Traum. Von der Spinnenfee Spideria, die mich auf eine Zeitreise schickte.

Alle Einzelheiten des Traums stehen mir jetzt vor Augen. Noch einmal durchlebe ich mein Leben, wie es verlaufen wäre, wenn...

Dann stehe ich energisch auf. Genug gesponnen! Gleich kommt Peter von der Arbeit nach Hause. Ich will mich für ihn hübsch machen. Und ihm dann endlich sagen, dass ich ihn liebe.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 7728 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.