Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Dezember 2005
Jennys Traum
von Anita Handlbaur

Kurz nachdem Sabine meinen Anruf erhalten hatte, stand sich auch schon vor der Tür. In Tränen aufgelöst, öffne ich meiner Freundin. Liebevoll nimmt sie mich in den Arm. Mitleidiger Blick, bestürzt forscht sie: „Was ist denn mit dir los? Du schaust aus wie ein G´spenst.“
Sabine schälte sich aus ihrer Jacke, ich nahm sie ihr ab, ferngesteuert in Richtung Waschmaschine wackelnd, wollte das Lederteil eben in die Trommel der Maschine stecken, als ein schriller Schrei mich hochfahren lässt.
„Was machst du da? Um Gottes Willen Jenny!“, rief Sabine entsetzt, ein Lächeln unterdrückend. Wortlos drückte sie mich an sich und führte mich ins Wohnzimmer. Freundlich drapierte sie mich auf einen Sessel, um sich in der Küche selbst zu bedienen, mich hielt sie dafür nicht im Stande. Mit einer Cola in der Hand nahm sie neben mir Platz. „So nun lass mal hören.“
„Es war ein anstrengender Tag. Die Kunden. Die sind teilweise wirklich böse, egal was du machst, wenn es ihnen nicht passt, stempeln sie dich als unfreundlich ab. Rufen in der Zentrale an. Egal jetzt. Das ist nur der Grund, warum ich mich entspannen wollte. Total abschalten, die Seele baumeln lassen. Weißt schon mit der Panflötenmusik von Georg Zamfir. Ich schloss die Augen, konzentrierte mich auf die Klänge, ließ mich total fallen. Bald schon stellte sich ein angenehmes Gefühl in der Magengegend ein. Bis mir die Kontrolle ganz verloren ging. Eingeschlafen bin ich, einfach so“, schossen die Worte wie ein Schwall aus mir heraus. Sabine, hörte aufmerksam zu. „Der Traum ist harmlos.“
„Nun erzähl schon, du machst mich neugierig“, drängte meine Freundin.

***

Aus einer Ahnung heraus, gehe ich zur Wohnungstür. Auf dem Weg dorthin läutet es tatsächlich. Ohne durch das Guckloch zu sehen, war mir plötzlich klar, wer der Besucher war. Helmut mein Freund. Ich öffne und ... Tatsächlich mein Lebensgefährte, steht vor mir. Er sieht abgekämpft aus, verlegen schaut er mich an.
„Jenny! Wir müssen miteinander reden“, stößt er hastig hervor.
„Ja ich weiß.“ Wieder bin ich ein paar Atemzüge der Zeit voraus. Ziemlich verdattert guckt er mich an. Nicht nur Helmut ist darüber überrascht. Keine Ahnung, warum mir alles ein paar Sekunden vorher bekannt ist.. Komme mir vor, wie in einer Zeitschleife. Die Beine tragen mich kaum, der Weg zur Küche, um Kaffee zu machen, ist schwer. Meine Finger zittern, wie Espenlaub, den Kaffee bringen sie kaum ohne zu verschütten in den Filter. Das Herz rast wild. Tränen brennen in den Augen. Helmut steht nun neben mir, er ist sichtlich nervös. Mir ist elend zu mute. Musste mich am Tisch festhalten, um nicht umzukippen.
Die Kaffeemaschine röchelt, gibt uns zu verstehen, dass sie fertig sei. Mein Nicken gibt Heli, wie ich ihn nenne, wenn ich ihn nicht gerade „Schatz“ rufe, zu verstehen, dass er sich bedienen soll. Mein Liebling holt sich seine Tasse vom Automaten, folgt mir ins Wohnzimmer.
Die Stereoanlage läuft noch. Helmut zieht den Kopfhörerstecker heraus. Dreht die Lautstärke zurück. The lonley Shepherd, mein persönlicher Hit, die Titelmusik von „Kill Bill“ erfüllt den Raum. Normalerweise würde ich jetzt die Augen schließen, die Töne voll in mich aufnehmen. Helmut nimmt neben mir Platz, lässt aber einen Sicherheitsabstand.
Der Versuch, meine Gedanken zu ordnen, scheitert. Sie purzeln durcheinander. Gegenwärtige, zukünftige. Ich komme mir vor wie auf einer Reise zwischen den Zeiten, jetzt und ein paar Sekunden vor dieser Zeit.
„Liebst du sie?“, höre ich mich fragen. Helmuts Mund klappt auf, sein Blick ist starr auf mich gerichtet.
„Woher weißt du von Gabi?“
„Gabi. So heißt sie also. Eine Vermutung, nicht mehr“, Ich will ihn nicht noch mehr verwirren.
„Hör zu. Dich trifft keine Schuld, es ist einfach passiert.“
„Wie lange läuft das schon?“ – Schweigen.. Die Stille macht mich verrückt. Mit meiner Fassung, scheint es bald vorbei zu sein.
“Es gibt ja dann wohl nichts mehr zu sagen. Das war´s?“, sage ich innerlich kochend in das erdrückende Schweigen hinein.
„Ja.“ Zaghaft erhebt sich mein Helmut, legt den Wohnungsschlüssel auf den gläsernen Couchtisch, leises Klirren. Den Atem anhaltend, hart schluckend. Helmut kommt auf mich zu, sieht mir in die Augen. Seine Lippen nähern sich, den meinen zu einem Kuss. „Spinnst du! Aus und vorbei!“, schreit mein Inneres.
„Fass mich nicht an! Geh!“ krächzte ich, nach Luft schnappend.


***

„Heftig. Das war aber nicht alles habe ich Recht?“ forschte Sabine nach. „Ich bin aufgewacht. Verstand gar nichts. Das war alles so echt. Verstehst du. Die Tränen, ich konnte sie spüren, als sie in meinen Augen brannten, der Herzschlag all die Gefühle. Man könnte sagen ich habe diesen Traum gelebt, mit jeder Faser meines Körpers. Ich hatte so ein Erlebnis schon einmal. Damals bevor deine Mutter starb. Erinnerst du dich?“ Sabine nickte, senkte den Kopf, nahm einen bedächtigen Schluck von ihrer Cola.
„Also nun kommt es. Ich bin aufgewacht, wie gesagt. Stand auf, ging zur Tür. Auf dem Weg dorthin, läutet es.“ Erstaunt mit großen Augen sah mich meine Freundin an. „Sag bloß!“
„Ja genau! Helmut stand davor, wollte mit mir reden. Den Rest kennst du nun schon, es lief genau so ab wie ich dir eben geschildert habe.“

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