Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Dezember 2005
Ziegenhirte Meck
von Gerhard Becker

Der steinalte Ziegenhirte Meck – genau 99 Jahre und 99 Tage alt, ging wie gewöhnlich an einem Morgen – es war der 99zigste Tag des Jahres 1999, also der 9. April – mit seiner letzten verbliebenen Ziege, zu einer bestimmten Schlucht. An diesem Tage hatte er sich jedoch verspätet, weil er den Piepton seines Weckers zwar ausstellte, aber wieder einschlief. Die Belastungen des Vortages lagen ihm wie Blei in den Knochen. Schließlich schreckte ihn das laute Meckern seiner Ziege auf und er sprang mit fast jugendlicher Leichtigkeit aus den Federn. Ein kurzer Blick auf den Wecker ging ihm auf den Wecker: Sein Schlaf dauerte eine Stunde zuviel!. Schnell steckte er sein Notizheft ein, nahm die Nachricht von dem Fensterbrett des Schlafzimmers, die ihm seit siebzig Jahren, dieselbe Brieftaube täglich brachte. Seit siebzig Jahren dieselbe Nachricht, mit demselben Zettel, mit derselben Handschrift und mit demselben Tintenklecks. Seit siebzig Jahren die gleiche Botschaft von seinem, seit dieser Zeit verschollenen Onkel gleichen Namens. In ihr hieß es stets im selben Wortlaut, dass der Onkel in eine Schlucht gestürzt sei, als er eine Ziege retten wollte. Doch ihm sei nichts passiert, außer dass er ab sofort in einer anderen Zeit leben müsse. Über diese – in seinen Augen wirre – Nachricht, machte sich der alte Ziegenhirte schon lange keine Gedanken mehr. Nie wurde dieses Rätsel gelöst ...
So kam es jedenfalls, dass er statt um 8.08 erst 9.09 Uhr des genannten Tages, die Schlucht erreichte. Insofern begann dieser Morgen höchst ungewöhnlich. Das schien nichts Gutes zu bedeuten, denn seine Ziege stolperte und verletzte sich schwer am rechten Hinterbein. Meck steckte schnell sein Notizbuch ein, in das er gerade einen Blick werfen wollte. Die Ziege verlor endgültig ihren Halt und fiel in die Schlucht. Hirte Meck blickte seiner fallenden Ziege hinterher und wusste nicht, ob er ihr nachtrauern oder froh darüber sein sollte, dass ihr kärgliches Leben endlich ihr Ende finden würde. Zu seinem Erstaunen sah es so aus, als ob sich die Ziege während des Falls in Luft auflöste, bevor sie auf dem Boden aufschlagen konnte. Meck rieb sich die Augen und fragte sich, ob er unter einer Netzhauterkrankung litt, denn dass sich eine Ziege in Luft auflöste, schien dem Alten unmöglich. Nachdem er die Augen wieder öffnete, vermochte er beim besten Willen keine tote Ziege auf dem Boden der Schlucht zu erkennen.
„Wie ist das nur möglich?“, fragte sich der Hirte. „Es gibt drei, nein vier Möglichkeiten: Erstens, sie kann plötzlich fliegen. Zweitens, ein Adler fing sie während des Falls ab. Drittens, eine aufgewirbelte Schicht von Gesteinsstaub legte sich sofort auf den Tierkörper, so dass ich sie nicht sehen kann oder viertens, der Ziege ist nichts passiert und sie läuft quietschvergnügt unten in der Schlucht umher“, wobei er überlegte, wie sich eine quietschende Ziege anhörte. Die ersten zwei Versionen verwarf er sofort. Eine fliegende Ziege kam ihm unheimlich vor und einem Adler mochte er die Ziegenmahlzeit nicht gönnen. Die dritte Version hielt der Hirte für die Wahrscheinlichste, aber die vierte war ihm am liebsten, auch wenn die Ziege quietschen sollte ...
Die Zweifel abstreifend besann sich Meck schweren Herzens, nach dem mutmaßlich toten Tier zu sehen, um es zu begraben und nicht den Aasfressern zu überlassen. Er ging über die Brücke zur anderen Seite der Schlucht, um auf einem Pfad zum Grund hinabzusteigen. Nach etwa der Hälfte des Weges, fiel er fast in Ohnmacht: Seine Ziege kam ihm tatsächlich leise meckernd und ohne zu quietschen entgegen. Und nicht nur das: Die Ziege verfügte über keinerlei Verletzungen.
„Sollte es wirklich meine Ziege sein?“ grübelte Meck. Er lief dreimal rechts um sein Tier und dreimal links – ohne Zweifel – seine Ziege!
Meck nahm das sie an einer Leine, um wieder zurück an die Unfallstelle zu gehen. Kurz bevor er ankam, blickte er auf seine Taschenuhr. Vor Entsetzen hätte er fast seiner Blase freien Lauf gelassen: Die Uhr zeigte 9.09 Uhr! Kaum angelangt stolperte seine Ziege und verletzte sich schwer am rechten Hinterbein. Sie verlor den Halt und fiel abermals in die Schlucht. Der Hirte blickte entgeistert seiner fallenden Ziege hinterher und schrie: „Nein – nicht schon wieder!“
Nochmals löste sich die Ziege scheinbar in Luft auf.
Er ging wieder über die Brücke zur anderen Seite der Schlucht, um den Pfad zum Grund hinab zusteigen. Kaum bewältigte er die Hälfte, traute er seinen Augen nicht: Die Ziege kam ihm tatsächlich erneut leise meckernd entgegen. Und wieder sah der Alte nichts von ihrer Verletzung. „Das ist doch nicht zu fassen!“, schrie Meck. Verzweifelt kniff er sich so kräftig in die Wange, bis es ihm schmerzte. Nein – er träumte nicht oder aber er träumte die Schmerzen ebenfalls. Der Hirte kniff sich zur Sicherheit erneut in die Wange, aber mehr als schmerzen konnte sie nicht. „Wenn ich jetzt träume und in meinem Traum träume, dass ich träume, ich würde mir in die Wange kneifen, dann träumte ich ja nur, dass ich einen Schmerz verspüre ...“ Der alte Mann schüttelte sich: „Wirst darüber ganz wirr im Kopf, träumen, dass man einen Traum träumt – jetzt reichts aber“, schalt er sich selbst. Eine Brieftaube mit einer Nachricht im Schnabel flog plötzlich dicht an ihm vorbei. Der Ziegenhirte erstarrte vor Schreck und beschloss der Sache im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund gehen, stieg mit der sich widerstrebenden und schreienden Ziege - sie quietschte jetzt tatsächlich - zum Boden der Schlucht herab. Unterwegs ritzte er in Bäume kleine Markierungen, damit er den Weg auch wieder fände.
Am Grund angekommen, verlief zunächst alles normal. Nachdem er wenige Meter zurückgelegt hatte, begegnete er einem jungen Mann, der, merkwürdiger Weise die gleiche Kleidung trug, wie sie der Mode seiner Jugendzeit entsprach. Kaum erblickte er Meck, rief er sofort: „Fliehen Sie, fliehen Sie so schnell es geht, bevor Sie Ihr Gedächtnis einbüßen. Wenn Sie in dieser Zeitschleife einmal gefangen sind, gelingt absolut kein Entrinnen mehr!“
„Beruhigen Sie sich junger Mann“, entgegnete Meck. Ich markierte den gesamten Weg, dadurch finde ich garantiert zurück.“
„Hach – so schlau glaubte ich ebenfalls zu sein. Sie werden nicht mehr wissen, was diese Markierungen bedeuten. Unzählige Male erging es mir so.“
„Dafür erscheint mir Ihre prähistorische Kleidung in einem erstaunlich guten Zustand.“
„Weil sich meine Kleidung ständig wieder erneuerte, verstehen Sie denn nicht?“, sagte der junge Mann verzweifelt. „Fliehen Sie endlich!“
„Fliehen? Bin in meinem ganzen 99jährigen Leben nie geflohen. Weder vor den Truppen des Kaisers, noch vor den braunen, roten, gelben oder schwarzen Weltverbesserern, auch nicht vor der Regenbogenpresse oder den angeblich fast unfehlbaren Finanzdienstleistern. Und jetzt eben so wenig vor dieser Schlucht, zu der ich meine letzte Ziege, seit Jahren zum weiden führe. Schreibe mir einfach die Bedeutung der Markierungen auf, wodurch ich im Bilde bleibe, auch wenn ich alles vergessen sollte.“
„Da versuchen Sie nichts Neues. Denken Sie, ich ließ etwas unversucht?“
„Und?“
„Nichts und, funktioniert nicht.“
„Wieso?“, fragte der Ziegenhirte ungläubig.
„Ich vergaß, wie die Markierungen aussehen.“
„Ein Witz oder? Ich könnte zehnmal häufiger an Alzheimer leiden als Sie.“
„Leider kein Witz und Alzheimer hat andere Merkmale. Die Zeitschleife sorgt dafür, dass Sie die Bedeutung und das Aussehen der Markierungen vergessen. Fiel Ihnen denn nicht auf, dass die Baumrinden voller Markierungen sind? Viele Menschen versuchten es bereits!“
„Demnach sind wir nicht die einzigen hier unten?“
„Hier unten? Sehen Sie Mal nach oben!“
Meck sah nach oben und erschrak: Von der Schlucht keine Spur. Im Gegenteil, der Pfad, den er mit seiner Ziege hinab gestiegen war und der jetzt hinaufführen müsste, führte hinab! Über ihm ein gewöhnlicher blauer Himmel, keine Felswände ringsumher, wie man sie sieht, wenn man sich auf dem Grund einer Schlucht befindet.
„Das gibt es nicht!“, sagte Meck mit zitternder Stimme.
„Hier schon“, sagte der junge Mann trocken und setzte fort:„Wenn Sie diesen Weg weitergehen, gelangen Sie an Städte und Dörfer dieser Umgebung, mit der Besonderheit, dass hier eine Zeit herrscht, die 99 Jahre zurückliegt. Wir schreiben heute den 9. April, also den 99zigsten Tag des Jahres 1900 ...“
„So lautet mein Geburtsdatum, ich bin 99 Jahre und 99 Tage alt“
„Das hilft Ihnen auch nicht weiter.“
„Das sehe ich anders, das dürfte keine zufällige Zahlenspielerei sein:“
Der junge Mann lachte. „Na sicher, weil Sie ein Hirte sind und in dieses Zahlenkonzept passen, erlösen Sie uns aus diesem Zeitgefängnis. Das kann bestenfalls der biblische Hirte, Jesus, aber nicht Sie. Wer einmal hier verweilt, der ist für alle Zeit gefangen!“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Es wird langsam Zeit, dass wir uns bekannt machen. Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Josef Meck.“
„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? So heiße ich zum einen selbst und zum anderen hieß mein vor 70 Jahren verschollener Onkel väterlicherseits so, der als bekannter Ziegenhirte in unserem Dorf lebte. Deshalb musste ich seine Ziegenherde übernehmen.“
„In diesem Fall bin ich Ihr, das heißt dein Onkel! Du also hast mein Ziegenherde übernommen?“
Meck sah seinen fremden Onkel entgeistert an: „Wegen dir Trottel musste ich sie übernehmen. Wollte Seemann werden.“
„Sei froh, dass du meine Herde übernehmen durftest, sonst wärst du vielleicht schon längst ertrunken.“
„Dein Schicksal gefällt dir wohl besser? Sag mal, wie bist du hierher gekommen?“
„Ganz einfach: Eine meiner Ziegen drohte in die Schlucht zu stürzen, weil sich ein großer Stein lockerte und ich wollte sie festhalten. Dabei fand ich selbst keinen Halt mehr und sie zog mich mit in die Tiefe. Was heißt Tiefe. Wir fielen wie auf eine Nebelwatte und plötzlich fanden wir uns hier wieder.“
„Ziegen, immer diese Ziegen. Die haben wohl ein Zieh-Gen, Zogen uns hinab in diese Schlucht und jetzt haben wir den Salat.“
Der Onkel lachte: „ Ziehgen – dürfte gar nicht darüber lachen. Ziehgen – verfluchte Sch...“
„Sag Mal Onkel, du hast wirklich viele Male versucht hier raus zukommen?“
„Ja. Fünfmal schaffte ich es bis oben, weil ich mir nicht nur die Markierungen in mein Notizheft malte, sondern auch, was sie bedeuten.“
„Genauso wollte ich ebenfalls vorgehen.“, sagte der alte Meck.
„Vergiss es. Ich bin sogar bis nach Hause gekommen und jedes Mal passierte am Folgetag dasselbe, ohne mir dessen im jeweiligen Augenblick bewusst zu sein. Wie sollte ich das verhindern? Stets landete ich hier.“
Der Hirte wich entsetzt zurück. Ihn überfiel eine dunkle Ahnung. „Nein, nein und nochmals nein. Mit mir nicht! Wenn ich zu Hause bin, wiederhole ich nicht die gleichen Handlungen, die letztlich dazu führten, dass ich hier landete. Ich notiere mir alles genau im Notizheft und lese alles vorher.“
Der junge Josef Meck schüttelte nur den Kopf und sagte resignierend: „Einmal im Zeitgefängnis – immer im Zeitgefängnis. Meinst du, ich bliebe freiwillig hier? Selbst eine Brieftaube von meinen früheren Nachbarn, die hier einmal landete, bewirkte nichts. Ihr gab ich eine Postkarte mit, die an dich gerichtet war. Du solltest mir helfen, hier raus zukommen. Aber nichts geschah.“
„Bitte Josef, nimm es mir nicht übel. Wir alle wussten zwar durch deine Nachricht, dass du verschollen bist. Und seit siebzig Jahren kommt tatsächlich täglich eine Brieftaube und bringt uns deine Zeilen mit dem Hilferuf. Wir nahmen das deshalb bald nicht mehr ernst. Seltsam auch: Deine Karte verschwand jeden Tag, um am nächsten erneut von der Taube gebracht zu werden! Wir konnten die Karte festnageln, an die Wand kleben – nichts half – sie verschwand täglich. Selbst als unser verzweifelter Nachbar das Tier fünfmal tötete, kam diese „tote“ Taube weiterhin mit deiner Nachricht. Sie muss jedes Mal hierher gelangt sein. Wir beschlossen darüber zu schweigen, hatten keinen Bock darauf, dass die Behörden hier auftauchten.“
„Tja, dass muss wohl so sein, wenn die Brieftaube in der Zeitschleife gefangen ist. Und da ich deine Ziege hier auch zweimal sah ...“
„Halt, sei still Onkel Josef! Das kann nicht wahr sein. Ich komme hier raus. Ganz gewiss werde ich kein Gefangener der Zeitschleife sein“. Dann verabschiedete er sich von seinem Onkel, nahm die Ziege und ging zu dem hinabführenden Pfad, der hinaufführte.

Je länger Meck den Pfad entlang lief, desto mehr beschlich ihn das Gefühl, die Belastung seiner Beine ändere sich, ohne dass er wusste warum. Er wollte zum Himmel schauen, jedoch versperrte das dichte Blattwerk der Baumkronen die Sicht. In der Mitte des Pfades angekommen, blickte er wiederholt nach oben und erbleichte: Der Pfad führte plötzlich tatsächlich hinauf und rings um ihn her, sah er die schroffen Felswände der Schlucht ...
Nach einer halben Stunde war der Hirte mit seiner Ziege oben und jubelte vor Freude. Er hatte es geschafft! So schnell ihn seine müden Beine trugen lief Meck nach Hause. Seine Kraft reichte gerade noch dafür, dass er die Ziege füttern, sein Notizheft auf die Seite legen und sich ungewaschen ins Bett begeben vermochte. Sofort fiel er in einen tiefen Schlaf. Als der Wecker piepste, stellte er ihn mit Mühe den Piepton aus und schlief sogleich wieder ein. Das laute Meckern seiner Ziege weckte ihn auf. Er blickte auf die Uhr. „Was - schon so spät!“. Schnell wusch er sich, schlang sein Frühstück hinunter, steckte das Notizheft ein, nahm die Nachricht, die gerade die Brieftaube brachte, vom Fensterbrett, und lief mit seiner Ziege zur Schlucht, um sie fressen zu lassen. Nachdem er dort ankam, wollte er seine Notizen ansehen, warf jedoch vorher einen Blick auf seine Taschenuhr. Es war 9.09 Uhr und die Datumsanzeige zeigte den 9. April des Jahres 1999 an. Um 8.08 Uhr hätte er hier sein müssen, wie immer. Insofern begann dieser Morgen höchst ungewöhnlich. Das schien nichts Gutes zu bedeuten, denn seine Ziege stolperte und verletzte sich schwer am rechten Hinterbein. Er steckte schnell sein Notizbuch ein, in das er gerade einen Blick werfen wollte. Meck blickte seiner fallenden Ziege hinterher und wusste nicht sogleich ...

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