Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Dezember 2005
Traumreisen
von Jutta Federkeil

Julia hatte es sich auf der blauen Bank im Garten bequem gemacht und sich ihren Tagträumen hingegeben. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie mehrere Fremdsprachen sprechen könnte. Oder noch besser alle Sprachen der Welt. Warum sollte sie beim Träumen bescheiden sein? Alle Sprachen zu sprechen, wäre zum Beispiel möglich, indem man ihr einen Chip einpflanzen würde. Sie hatte davon gehört, dass man in Japan und in den USA bereits spezielle Wissens-Chips im menschlichen Schädel einpflanzt und mit dem Gehirn verknüpft hatten. Auf diese Weise konnten Schlaganfallpatienten, die ihre Sprache verloren hatten, wieder sprechen. Warum sollte dies für Fremdsprachen nicht möglich sein? Bestimmt wäre so ein Fremdsprachenchip kein Problem. Sie könnte in jedes Land reisen und hätte keine Sprachschwierigkeiten. Dann würde sie irgendwo am Meer, weit weg von Deutschland, mit einem Fischer in seiner Sprache eine Unterhaltung führen können. Oder sie könnte auf eine wunderschöne Insel auswandern und dort in einem Haus am Ozean leben.
Während Julia so vor sich hinspann und der Wind leise im Grün der Birke raschelte, stand plötzlich eine weiße, halbtransparente Gestalt vor ihr und sprach: "Hallo Julia, erschrick nicht, ich bin dein Tagtraumbote. Ich werde dir helfen, dass deine Träume sich erfüllen. Schließe deine Augen und lass dich von mir führen.“ Ohne zu zögern, tat Julia was ihr das freundliche Wesen aufgetragen hatte und ließ sich im Geiste fallen. Sogleich klang das Rauschen des Windes wie der Gesang des Ozeans. Langsam schlug sie die Augen auf und sah vor sich das unendliche blaugrüne Meer.
„Na, Julia, wie gefällt es dir hier?“, hörte sie ihren Traumboten flüstern, der wie aus dem Nichts auf einmal neben ihr stand.
„Schau, wie das Wasser in der Sonne glitzert. Ziehe deine Schuhe aus, der Sand ist weich und angenehm - löse dich von deinem Alltag.
Siehst und hörst du die Kinder?“
Julia nickte. Fasziniert stellte sie fest, dass die Kinder spanisch sprachen und sie jedes Wort, das ihr der Wind herübertrug, verstand. Zwei junge Leute kamen direkt auf sie zu und fragten: „Wer bist du? Wo kommst du her?“ Julia antwortete den beiden ohne zu stocken in deren Muttersprache. Zu dritt führten sie ein angeregtes Gespräch.
Nach einiger Zeit tippte ihr Traumerfüller sie an: „Julia, wir müssen zurück, verabschiede dich. Ich habe dich erleben lassen, wie es ist, eine fremde Sprache zu erfassen. Dies war nur ein Tagtraumgeschenk“.
So schnell wie alles gekommen war, so schnell war alles auch wieder verschwunden. Auch ihren Traumboten konnte sie nicht mehr sehen. Statt das Meer und den goldenen Strand, sah sie wieder ihren Garten und ihr Haus vor sich. Irritiert rieb Julia sich die Augen. Irgendwie war ihr nicht klar, ob sie dies wirklich erlebt hatte. Verblüfft blickte sie auf ihre nackten Füße, das Gras kitzelte zwischen den Zehen – sie ging nie barfuß über dieWiese. War sie doch am Strand gewesen? Ihr Blick fiel auf die Wäschespinne, eigentlich müsste sie die Wäsche abhängen! Doch da kam ihr spontan die Idee, ihrem Traumboten zu schreiben.

Lieber Traumbote,

es war wunderbar, mit dir auf Reisen gehen zu dürfen. Immer noch bin noch ganz erfüllt von den Erlebnissen, spüre den Sand unter meinen Füßen, schmecke das Salz und höre die Töne der fremden Sprachen, die mir gar nicht mehr fremd waren. Es war ein tolles Gefühl, sich mit den Menschen in Spanisch unterhalten zu können.
Jetztnachdem ich spanisch verstehen und sprechen konnte, wächst in mir immer mehr der Wunsch, irgendwann einmal dort zu leben.
Ein kleines Haus, direkt am Meer, wo die Sonne den Tag bestimmt. Es wäre einfacher und eher möglich, wenn ich die Sprache tatsächlich könnte, so wie es mir eben möglich war, als ich mit dir auf Reisen war.
Kannst du mir diese Fähigkeit nicht für immer schenken? Ich will auch gar nicht mehr alle Sprachen der Welt können, spanisch würde genügen. Dies wäre mein größter Wunsch.
Ich danke dir, dass du bei mir warst und mich geführt hast.

Deine verzauberte Julia


Nachdem sie ihren Brief beendet hatte, überkam Julia ein Glücksgefühl, ihr war als würde sie schweben. Was für ein seltsamer Tag - lange hatte sie sich nicht so frei gefühlt.
Julia faltete das Papier zusammen. Als sie ihn in ihre Schreibmappe legen wollte, riss ihr unsanft eine heftige Windböe die Nachricht aus den Händen.
Sie erschreckte, wollte hinter ihm her, doch plötzlich stand ihr Traumbote mit ihrem Brief in der Hand abermals vor ihr. Irgendwie sah er unmutig aus.Julia bekam das Gefühl, dass dieser Besuch anders sein würde als der zuvor.
Grantig sprach er sie an:
„Also wirklich, Julia, einen Chip einbauen lassen und sich auf so einfache Weise alle Sprachen der Welt zu Eigen machen! Dies ist doch ziemlich überspannt und unrealistisch - findest du nicht?“
„Ja, ich weiß, du magst Recht haben. Ich könnte sie wohl erlernen. Aber ich habe dazu einfach nicht genug Ehrgeiz; und auch gar kein Sprachgefühl.“
„Dass sind meiner Meinung nach Ausreden; du wirst doch fähig sein, wenigstens eine einzige Sprache erlernen zu können.“
„Sag was ist los mit dir? Du warst es doch, der mich eingeladen hat, Spanisch zu verstehen und auf diese Fantasiereise zu gehen. Ich bin dir gefolgt, habe dir vertraut und nun greifst du mich an. Warum?“
„Weil du nichts dafür tun möchtest. Du willst am Meer leben, ein schönes Leben führen und redest dich damit heraus, dass du dies nur verwirklichen könntest, wenn du die Sprache des Landes beherrschst. Ich bin überzeugt, dass es dir in Wirklichkeit um etwas anderes Geht. Kein Mensch bekommt etwas für nichts“.
„Ach lass mich doch in Ruhe, ein schöner Traumerfüller bist du. Erst verführst du mich und nun willst du mich fertig machen. Nein so kommen wir nicht weiter“.

Kaum hatte Julia den letzten Satz ausgesprochen, da war ihr Traumbote fort. Möglich, dass sie ihn verärgert hatte. Aber auch sie war verstimmt - sie war sauer, vor allem über sich selbst. Das hatte sie nun von ihrer Tagträumerei. Und dann musste sie sich ausgerechnet auch noch mit dem Tagtraumboten anlegen, nur weil er sie an ihrem Ehrgeiz packen wollte. „Ich muss verrückt gewesen sein“, dachte sie.
Kopfschüttelnd packte sie ihre Schreibutensilien zusammen und eilte ins Haus, ungeachtet ihrer Wäsche, die dringend abgehängt werden musste - der Himmel hatte sich schwarz gefärbt, ein Gewitter kündigte sich an.
Doch als Julia das Wohnzimmer betrat, saß im Dämmerlicht am Tisch wieder ihr angeblicher Traumerfüller.
„Was gibt es denn noch?“, fragte Julia unwirsch.
„Wie, was gibt es noch?“, konterte er – und hatte die Stimme ihres Mannes. Als sie den Lichtschalter betätigte, sah sie, dass es wirklich Jens war, der da am Tisch saß – ihr Mann war von der Arbeit heimgekehrt und zur Vordertür hereingekommen, während Julia das Haus vom Garten her betreten hatte.
„Oh, Verzeihung“, sagte Julia.
„Was gibt es noch? – Verzeihung!,“ wunderte sich Jens. „Redest du mit mir? Na, was soll´s, wahrscheinlich macht dich das drohende Gewitter wohl nervös. Schau her Liebes, ich habe uns einen Urlaubsprospekt mitgebracht. Spanien! Da wollten wir doch immer schon mal hin. Schließlich haben wir nun drei Jahre lang keinen Urlaub gemacht – wäre das was für diesen Sommer? Weißt du - ich hätte da auch noch eine Idee, wir belegen vorher einen Spanischkurs. Dann könnten wir uns imUrlaub mit den Leuten dort auch mal unterhalten. Wäre doch schön, wenn wir uns verständigen könnten und nicht immer mit Händen und Füßen reden müssten. Was meinst du?“
Verdutzt blickte Julia Jens ins Gesicht:„Ach, Schatz!“, rief sie, „von so etwas habe ich schon mal geträumt!“ Und während sie ihn vor Freude umarmte, meinte sie zu sehen, wie ihr Tagtraum lächelnd durch die Tür zum Garten das Zimmer verließ.

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