Der himmelblaue Schmengeling
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Dezember 2005
Tödliche Zeiten
von Fabian Lindner

Reinhard Meier betrachtete sein Spiegelbild. Er sah gut aus und angesichts der Bedeutung des heutigen Tages sollte er das auch. Endlich war es soweit. Nach unzähligen Tests würde man mit ihm den ersten Menschen durch die Zeit schicken.
Sein Ziel war der 31. August 1888, 2.00 Uhr, ein Freitag. Man würde ihn in der Nähe der Whitechapell Road absetzen, ausreichend Zeit für ihn. Natürlich hatte er sich entsprechend vorbereitet, hatte hunderte von historischen Texten gelesen, einen Stadtplan auswendig gelernt und sich das Zielgebiet in der Gegenwart angesehen. Selbstverständlich war ein großer Unterschied zwischen dem heutigen East End und dem des Jahres 1888, aber im Endeffekt waren die Straßen mehr oder minder immer noch dieselben.
Er fühlte sich etwas unwohl in der Kleidung, man hatte ihn mit originalgetreuen Kopien der damaligen Garderobe ausstaffiert, damit er so wenig wie möglich auffiel. Am Unterarm trug er eine versteckte Scheide, in der ein langes, scharfes Messer steckte. Die historischen Aufzeichnungen bezeichneten das East End als gefährliches Pflaster. Da war es besser vorbereitet zu sein. Ein Verbot der wissenschaftlichen Abteilung untersagte ihm die Mitnahme moderner Waffen.
Die geschmeidigen Bewegungen eines erfahrenen Kämpfers und sein, trotz der nur durchschnittlichen Körpergröße, kräftiger Körperbau, würden vielleicht genügen, etwaige Angreifer abzuschrecken. Seine Vorgesetzten hatten ihn vor jeglicher Gewaltanwendung gewarnt, wegen der Integrität der Zeitlinie, temporalen Paradoxa und unüberschaubaren aber möglicherweise höchst gefährlichen Konsequenzen für die Gegenwart.
Ein bisschen nervös war er schon, auch wenn die Tests an Primaten bewiesen hatten, dass keine Gefahren bestanden. Allerdings wurde ihm auch gesagt, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gäbe, solange nicht der erste Mensch von der Reise zurückgekehrt wäre. Er war sozusagen das Versuchskaninchen. Immerhin hatte man ihn Ort und Zeit selbst auswählen lassen. Er würde das Rätsel um die Morde lüften.

Reinhard warf einen letzten Blick auf die Arbeitsstation an der die Techniker den Versuch überwachten. Ihm fiel auf, dass diese nicht zufrieden mit den Anzeigen zu sein schienen, aber sie würden sicher den Versuch abbrechen, wenn etwas nicht stimmte. Das Letzte, was er vor dem Sprung wahrnahm war, dass irgendwo etwas explodierte, ein Lichtbogen schlug auf das Zeitfeld über, kurz bevor er durch die Zeit katapultiert wurde.

Reinhard sah sich in der düsteren Gasse um. Man hatte versucht ihn an einen verlassenen Ort zu schicken, aber natürlich konnte man niemals sicher sein, dass sich nicht doch jemand an dem entsprechenden Platz aufhielt. Hinter ihm erklang ein Geräusch und er wirbelte sofort herum, instinktiv schoss seine Hand zum Messer. Seine Augen suchten die Umgebung ab, aber erst ein Quieken ließ ihn erkennen, was sich in der Dunkelheit bewegte. Die Ratte huschte schnell davon und er schob die Waffe wieder zurück in die Scheide.
Kurz dachte Reinhard über seine Situation nach, etwas war bei dem Versuch fehlgeschlagen, aber er war am rechten Ort. Auch die Zeit musste ungefähr stimmen, in dem Abfall entdeckte er einen Teil einer Zeitung, auf dem er August 1888 als Datum erkennen konnte. Reinhard konnte keinerlei Schäden an sich selbst feststellen, auch wenn sein Schädel brummte. Also war es wohl kein ernsthafter Zwischenfall gewesen. Aus der Hosentasche zog er den Tachyonenemitter. Das kleine Gerät war für Zeitreisende unumgänglich, da nur Tachyonen eine Kommunikation durch die Zeit ermöglichten. Das Gerät war eine einfache Testversion, die lediglich ein Peilsignal durch die Zeit sandte. Ohne ein solches Signal war es so gut wie unmöglich einen Zeitreisenden wieder zu finden. Anscheinend hatte etwas seinen Emitter beschädigt, die Batterien waren entladen worden. Das hieß er würde ungefähr siebzig Tage hier bleiben müssen, so lange brauchte das Gerät, um sich selbst aufzuladen. Natürlich könnte er versuchen mit lokaler Technologie den Aufladeprozess zu beschleunigen, angesichts seiner Technikkenntnisse und der primitiven Technik dieser Zeit war das keine gute Idee.
Über die Details musste Reinhard später nachdenken, denn er hatte eine Verabredung, eine Begegnung mit dem Tod. Es flirrte vor seinen Augen und in seinem Kopf hämmerte es laut. Er hörte um sich herum Frauenstimmen und Gelächter, sie machten sich über ihn lustig, schienen von überall zu kommen, doch er konnte einfach nicht erkennen woher. Aber er wusste, wie man die Stimmen zum Schweigen bringen konnte, er würde ihnen schon zeigen, dass er das nicht mit sich machen ließ. Das Gewicht des Messers an seinem Unterarm beruhigte ihn. Aufmerksam lauschend streifte Reinhard durch die Straßen, strebte seinem Ziel zu, es konnte nicht mehr weit sein. Seine Finger wanderten über die pochenden Schläfen, massierten sie kreisend, aber der Schmerz wurde schlimmer.
In einer Seitenstraße entdeckte er eine Frau. Das musste der Tatort sein sagte ihm der Straßenname. Wo war der Mörder? Sie hatte eine schwarze Haube auf dem Kopf, trug einen rötlichbraunen Mantel und einen braunen Rock. Ihre Stiefel schienen mit Metallbeschlägen versehen zu sein, so wie sich ihre Schritte anhörten. Außerdem schien sie wohl schon einiges intus zu haben, jedenfalls bewegte sie sich, als wäre sie betrunken. Lachte sie nicht? Über ihn? Er würde ihr zeigen, was es hieß sich über ihn lustig zu machen. Behutsam zog er sein Messer aus der Scheide und folgte ihr, lautlos wie ein Schatten, `Was tue ich hier?´ Dann sah er den Schatten, er eilte ihm voraus. Der Killer war hier bei ihm. `Wo?´Sein Kopf zuckte herum, unruhig. Nichts. Er war allein, abgesehen von der Frau. Und doch konnte er ihn atmen hören, ganz dicht bei sich, sah sogar die Atemwolken des anderen, hörte sein irres Kichern. Die Frau, nein das Opfer beschleunigte ihre Schritte, zu spät, er und sein Schatten hatten sie erreicht, ihre Spöttelei verstummte.

„Wir wissen jetzt endlich genauer, was mit Patient Meier passiert ist. Sie wissen ja sicher, dass er über siebzig Tage im Jahr 1888 war. Während dieser Zeit hat er fünf Frauen ermordet, die kanonischen Fünf, wie man die Morde von Jack the Ripper auch nannte. Meier hat sich vor seiner Reise intensiv mit den Rippermorden beschäftigt. Anscheinend hat die Überladung des Kondensators während des Zeitsprungs zu massiven psychischen Schäden geführt. Meier leidet seitdem unter audiovisuellen Halluzinationen, in denen er von Frauen ausgelacht wird. Wir glauben, das sich diese Wahnvorstellungen mit seinen Kenntnissen über den Ripper vermischten und ihn selbst die Morde des Rippers begehen ließen.“ beendete Doktor Williams, seines Zeichens wissenschaftlicher Leiter des Zeitreiseprogramms, den Bericht.
„Hat dies nicht massive Konsequenzen für unsere Gegenwart? Man sollte einen zweiten Zeitreisenden schicken der Meiers Taten verhindert oder sehe ich das falsch?“, antwortete Sterling, der als offizieller Leiter des Zeitreiseprogramms galt. Er hatte seinen Posten zum einen durch Beziehungen, zum anderen wegen seines Talentes im Umgang mit Medien erhalten und nicht durch seine fachliche Qualifikation, weswegen er eigentlich nur auf dem Papier etwas zu sagen hatte.
„Nein, wir haben es hier mit einem Fall von selbsterfüllender Prophezeiung zu tun. Meier reiste durch die Zeit, um herauszufinden wer Jack the Ripper war und wenn er es nicht getan hätte, hätte es Jack the Ripper nie gegeben. Für die Integrität der Zeitlinie ist es also unabdingbar, dass Meier die Rippermorde begeht.“
„Und was wird aus Meier?“
„Er wird den Rest seines Lebens in einer Gummizelle verbringen. Der Zeitsprung hat dermaßen schwere psychische Schäden verursacht, dass man es unmöglich riskieren kann, Meier erneut auf die Menschheit loszulassen. Ein kleines Opfer wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht.“

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