Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Dezember 2005
Wenn ich einmal...dann...
von Dominik B.

Lisa war weiter entwickelt als andere Kinder mit fünf Jahren. Ihre Oma Hannelore machte sich schon Sorgen, Lisa würde ihre Kindheit einfach überspringen. Zuviel war passiert, als dass sie da normal bleiben konnte. Ihre Eltern kamen bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Auf eisglatter Fahrbahn geriet ein anderes Fahrzeug mit abgefahrenen Sommerreifen außer Kontrolle und knallte frontal in ihr Auto. Der Vater starb noch an der Unfallstelle. Die Geräte, die Lisas Mutter am Leben hielten wurden nach zwei Wochen abgestellt. Lisas komplettes Leben hatte sich in nur einem halben Jahr total gewandelt. Sie redete anders. Erwachsener. Stellte Fragen, die sonst sicher kein Kind stellen würde.
Der Kinderpsychologe hatte geraten vor dem zu Bett gehen Rituale einzuführen. Das sollte Lisa helfen, besser in den Schlaf zu finden. Sie spielten jeden Abend das Spiel „Wenn ich einmal..., dann...“. Es waren kleine phantastische Zeitreisen wie „Wenn ich einmal ein Segelboot finde, dann male ich es bunt an und fahre nach Italien Pizza essen.“ An manchen Abenden entstanden so richtige Geschichten. 15 Minuten lang oder mehr. Sie wechselten sich ab. Jeden Tag war ein anderer an der Reihe.
Heute durfte Lisa wieder erzählen: „Wenn ich einmal sterbe, dann bin ich gar nicht traurig.“
„Nein, nimm was anderes“, unterbrach ihre Oma.
„Bitte, ich will aber.“ Hannelore atmete tief ein und nickte beim ausatmen. „Wenn ich einmal sterbe, dann bin ich gar nicht traurig. Wenn es dunkel ist fliege ich mit den anderen neuen Toten in den Himmel.“ Sie dachte wirklich, dass die Körper der Toten durch die Luft in den Himmel fliegen. Es heißt ja immer, man kommt in den Himmel. Da war es für Lisa nahe liegend, dass es auf diese Art und Weise passiert.
„Und was passiert da im Himmel?“
„Zuerst komme ich in einen blauen Wartesaal. Da sind auch die ganzen anderen Toten. Es dauert ein bisschen, bis ich aufgerufen werde, weil da so viele Tote sind. Wenn ich dann endlich dran bin muss ich duschen und bekomme frische blaue Wäsche. Man muss sich gründlich sauber machen, denn als Nächstes kommt man in das Büro vom Lieben Gott. Da darf kein bisschen Erde mehr an einem sein. Das Büro ist der einzige Ort im Himmel, der weiß ist. Alles andere ist blau.“
„Und was machst du dann im Büro vom Lieben Gott?“
„Das ist ein bisschen so, wie wenn der Nikolaus kommt. Der zählt dann auf, was man alles für liebe Sachen auf der Erde gemacht hat. Aber man muss keine Angst mehr vor dem Knecht Ruprecht haben. Man war schließlich lieb genug, dass man im Himmel gelandet ist. Es gibt auch ein Geschenk. Ein Video.“
„Ein Video?“
„Ja das ist so ähnlich wie deine CD von den Beatles, wo die schönsten Lieder drauf sind.“
„Du meinst das Best Of Album?“
„Ja, im Himmel gibt es ein Best Of von deinem Leben auf Video. Mit den schönsten und lustigsten Momenten. Die kann ich mir dann immer ankucken, wenn ich doch mal ein bisschen traurig bin tot zu sein. Aber eigentlich werde ich nie traurig sein. Mama und Papa sind schließlich auch da und im Himmel dürfen die nicht mal mit mir schimpfen. Ich bekomme ein großes blaues Zimmer, mit einer Wolke als Bett, im gleichen Haus in dem auch Mama und Papa wohnen. Da ist eine richtige Stadt. Alles in blau.“
Lisa erinnerte sich daran, dass ihre Oma immer dann, wenn sie zusammen auf dem Friedhof das Grab der Eltern pflegte sagte, dass Lisas Eltern ihnen jetzt sicher zusehen und sich über die frischen Blumen und die neue Kerze freuen würden.
„Wenn mir langweilig ist mache ich einfach die kleine Klappe im Boden von meinem Zimmer auf. Dann nehme ich mein Fernglas und schaue auf die Erde runter. Wenn gutes Wetter ist kann ich meine Freunde spielen sehen. Und wenn ich dich auf dem Friedhof an meinem Grab sehe, schicke ich dir einen Kuss runter.“
„À propos Kuss“, unterbrach Hannelore ihre Enkelin, „du bekommst jetzt von mir auch einen Kuss. Aber einen Gute Nacht Kuss. Das klingt ja so, als wäre es wirklich schön da oben im Himmel.“
„Ja, aber eigentlich will ich noch gar nicht dahin. Bei dir ist es ja auch schön. Und auch noch bunt. Ich glaub, immer dieses blau würde mir irgendwann auch auf den Keks gehen.“
Hannelore musste lachen, nahm Lisa in den Arm und drückte sie fest an sich. „Ich hab dich lieb“, sagten beide gleichzeitig. Beim rausgehen steckte Hannelore noch das Nachtlicht in die Steckdose, löschte das Licht und schloss die Tür. Es war offensichtlich. Lisa kam inzwischen gut mit ihrer Situation zurecht.

Letzte Aktualisierung: 05.11.2013 - 21.56 Uhr
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