Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Dezember 2005
Eine u(h)rige Geschichte
von Vera Klee

Ich liege steif und geschockt auf dem kalten Boden. Totenstille herrscht um mich herum. Kein Ton ist zu vernehmen, kein Ticken einer Uhr. Die Stille ist unerträglich.

Noch vor einer Nacht stand ich auf dem Regal in Roberts Jugendzimmer. Robert nahm mich jeden Abend vor dem Schlafengehen in seine weichen, warmen Hände, sah mich liebevoll an, und drehte vorsichtig das Rad auf meiner Rückseite. Er stellte meine Zeiger präzise auf die gewünschte Weckzeit ein. Robert kontrollierte dies noch einmal und wischte gefühlvoll mit einem weichen, flauschigen Tuch über meine empfindliche Vorderseite. Zärtlich stellte er mich dann zurück auf sein Regal, wohl wissend, dass er sich auf mich verlassen konnte, wie in all’ den Jahren zuvor. Beruhigend schloss Robert dann sogleich seine tiefbraunen Augen und fiel in einen wohligen Schlaf. Die ganze Nacht konnte ich seine glatten Gesichtszüge beobachten.

Pünktlich um 6.00 Uhr morgens erzitterte ich und klingelte Robert aus seinen Träumen. Mit einem mir viel zu harten Schlag stoppte er meinen Versuch, ihn zu wecken. Ich erstarrte und gab keinen Ton mehr von mir. Meine Zeiger fielen nach unten Richtung 6. Die durchsichtige Vorderfront zerbarst in hunderte kleine Stücke. Ich sah nur noch, wie Robert mich erschrocken in seine großen Hände nahm und mit einer mir fremden riesigen Wut durch sein Zimmer schleuderte.

Ich landete im Papierkorb. Dort lag ich nun steif und geschockt auf dem kalten Boden. Nachdem ich meinen Schreck überwunden hatte, fiel mein Blick auf den leeren Platz des Regals. Gähnende Leere erfüllte den Raum und eisige Stille zog ein. Mein Ticken war gestorben, die Zeiger lahm, und meine durchsichtige Scheibe zerschmettert.

Nach zwei Stunden unerträglicher Stille sah ich nur noch, wie Robert zurückkam und einen steif glänzenden, silberfarbig anmutenden Apparat mit hässlichen roten Digitalziffern auf meinen alten Stammplatz setzte.

Dieser wurde von Robert an das Stromnetz angeschlossen und blickte mich hämisch von oben herab an. Ich schloss die Augen und mein Herz hörte auf zu schlagen. Begraben wurde ich unter der Pappverpackung des modernen Radioweckers.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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