Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Dezember 2005
Die letzte große Reise
von Sergej A. Maslennikow

Schon wieder stieß ihr ein bitterer Schwall fauliger Galle hoch. Mit einem saftigen Plätschern landete alles in der dreckigen Toilettenschüssel und spritze die Ränder voll.
Miriam hatte Hunger sowie einen riesigen Durst, doch seit Tagen behielt sie nichts mehr bei sich. Ihre Kehle brannte wie eine Wunde, in die man alle zehn Minuten Salz streute, doch das kühlende Nass, welches sie sich vor gerade einmal zwei Minuten noch gegönnt hatte, konnte seine Wirkung nicht mehr entfalten. Sie rappelte sich mühsam wieder auf und schleppte sich ins Wohnzimmer, wo sie auf einem Schaukelstuhl Platz nahm. Sie war abgemagert - ihre Augen tief in die Höhlen eingefallen. Mit etwas Fantasie sah man ihr aber noch an, wie hübsch sie wohl einmal gewesen sein mochte. Doch der Krebs hatte sie zerfressen.

Miriam sah in das Feuer, das im Kamin vor ihr gemächlich loderte. Auf ihren Pupillen tanzte der Widerschein der roten Flammenzungen fast so, als ob er ihre Lebensfunken neu entfachen wollte. Sie nahm ein Foto in die Hand. Wie sehr vermisste sie doch ihre beiden Mädchen, die sie auf dem Lichtbild lachend in den Armen hielt. Es war in Deutschland, auf einem Hof, und sie standen vor einem goldenen Heuhaufen. Die Sonne schien lachend auf alle drei herab. Die Töchter umarmten ihrer Mutter, die ganz zerzaust, aber gut gelaunt, in deren beider Mitte stand. Sie überragten Miriam um mindestens zwei Köpfe, doch das machte ihr nichts: Das war der Tribut der Zeit. Miriam lief eine Träne über die rechte Wange und fiel traurig auf das Foto, wo sie ein schmales Rinnsal bildete. Das Bild entstand kurz bevor Miriam an Krebs erkrankte.
Seit über zehn Jahren lebte sie nun schon in New York - in der Stadt, die niemals schläft -, obgleich ihre Familie schon immer nur in Deutschland gelebt hatte. So unendlich weit weg von ihr! Jetzt, wo sie sie alle am dringendsten brauchte, war sie ganz allein. Miriam lauschte dem monotonem Ticken der Uhr, das sich mit dem Knistern des Feuers zu einem traurigem Stakkato vereinte. Sie fühlte sich so einsam wie noch nie zuvor. Sie wusste bereits um den Tod, der sie bald ereilen würde. Wie gern hätte sie einen tröstenden Beistand; wie gerne eine geliebte Person bei sich, die ihr die Einsamkeit sowie die nagende Ungewissheit hätte nehmen können, indem sie sie nur ganz, ganz fest in ihre Arme schloss. Miriam wollte so sehr umarmt, so sehr gedrückt werden, während ein liebevolles Flüstern sie zu trösten suchte, dass es fast schon wehtat. Mama, wir sind doch alle bei dir, hab keine Angst. Der Tod ist ganz sicher nicht das Ende!
Doch dieser Satz entsprang leider nur der hoffenden Fantasie - weil ihre Töchter für sie keine Zeit mehr fanden. Sie konnten Haus, Hof und Kinder nicht einfach so im Stich lassen, um erneut über den großen Teich zu fliegen und sie zu besuchen. Soviel Geld hatten sie auch nicht.

Miriam atmete tief durch, aber bekam kaum noch Luft. Wie gerne wäre sie jetzt in Deutschland, bei den wohlriechenden Wiesen und sanft geschwungenen Hügeln. Wie gerne würde sie zu dem Wald laufen, in dem sie schon als kleines Mädchen gespielt hatte. Vorbei an den vielen kleinen Fachwerkhäusern ihres Örtchens. Doch es fehlte ihr an der nötigen Kraft, solch eine gewagte Reise zu unternehmen. In den letzten Tagen war sie schon froh drum, wenn sie es noch rechtzeitig zur Toilette schaffte und sich nicht in ihrem Bett erbrach. Sie konnte nicht mehr zurück. Das Leben ihrer Töchter verlief in geregelten Bahnen, die sie nicht zu stören wagte. Außerdem war sie hier versichert - die Behandlungskosten in Deutschland würde ihr keiner mehr übernehmen. Miriam schloss die Augen. Zahlreiche feine Schweißperlen benetzten ihr blasse Stirn - in ihnen spiegelte sich das hell lodernde Kaminfeuer wider. Die Flammen brachen leuchtend im salzigen Nass und verwandelten es zu kleinen, zähflüssigen Bernsteintropfen. Miriams knochige Hände fuhren unbedacht über den weichen Flausch, der nach der letzten Chemotherapie wieder auf ihrem Kopf gewachsen war - und plötzlich befand sie sich in Deutschland. Es war jener letzte Tag, bevor sie zum letzten Mal ihrer Heimat den Rücken kehrte und wieder in die Staaten flog. Ihre Reise ... dem Tod entgegen.
Miriam war nun Zuhause; in heimatlichen Gefilden. Sie stand vor einem Heuhaufen, blinzelte zur Sonne hinauf, während ein Zitronenfalter um ihre Nase seine flatterhaften Bahnen zog. Ihre kräftigen Hände fuhren durch das volle Haar, das noch lange nicht ganz ergraut war, und sie ließ sich rücklings fallen. Ein strahlendes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen, während sie das Gefühl genoss, endlich daheim zu sein. Warme Sommerluft umarmte ihren Körper und sie landete lachend im großen Strohballen, der auf der Wiese vor dem Haus ihrer Tochter lag. Kleine, goldene Staubflocken wirbelten schwirrend in die Luft - verdeckten für einen winzigen Augenblick den warmen Sonnenschein. Danach schwebten sie ganz sanft zu Boden, bis Miriam schließlich unbesorgt wieder Luft holen konnte. Die kleinere ihrer beiden Töchter lugte ungläubig aus dem Fenster und rief: "Was machst du denn, Mutti? Du bist doch kein kleines Kind mehr!"
... Kurz darauf lag sie neben ihr. Voller Lebensfreude hielten sich beide lächelnd im Arm. Die Luft duftete nach Veilchen, wie auch wilden Rosen, die überall in ihrem Garten wuchsen; zudem erfüllte eine hübsche Melodie zirpender Heimchen die warme Sommerluft. Eine leichte Brise kam auf und trug Miriam den leckeren Duft eines Apfelkuchens zu: Es war der Kuchen, den ihre Tochter so wunderbar zubereiten konnte - mindestens so gut wie ihre mütterliche Lehrmeisterin.

Mutter und Tochter blickten gen Himmel. Wetteifernd versuchten sie zu erraten, welche Form die wenigen, träge vorbeischwebenden Wolken hatten, doch dieser Wettstreit geriet nur zu einer kindischen Farce, die mit diesem sonnigen Wetter irgendwie im Einklang stand.
"Aber Mama, das ist doch nie im Leben ein Pferd!" "Doch, doch ich sage es dir, das ist ... ein ... Pferd! Kannst du das etwa nicht erkennen? Dort ist der lange Schweif und da, ...", sie zeigte mit ausgestreckter Hand auf einen Wolkenzipfel, "... da ist der Kopf! Siehst du nicht die Nüstern, da hinten? Es ist doch ganz offensichtlich!" "Da ist absolut gar nichts offensichtlich, Mutti! Also für mich sieht es, wenn schon, dann nach einem Nilpferd aus. Allerhöchstens!" "Nilpferd?" Miriam stemmte sich auf die Ellbogen und blickte ihre Tochter an, als hätte sie den Verstand verloren. "Wo soll das denn bitte schön ein Nilpferd sein? Das ist doch viel zu fett und viel zu plump. Soviel Masse würde nie im Leben in so ein rank und schlankes Wölkchen passen! Ein Nilpferd?", wiederholte sie ungläubig und verengte dabei die Augen zu kleinen Schlitzen. Katharina konnte diesem sonderbaren Blick nicht lange standhalten. Lachend blickte sie wieder zum Himmel. "Ja, ein Nilpferd!" "Du ... bist auch so ein Nilpferd!", sagte ihre Mutter fröhlich überzeugt und ließ sich wieder in den Heuhaufen fallen.

Irgendwann kam auch Sabine mit ihrem kleinen Sohn vorbei.
Sie half ihnen, sie spielerisch schallend, aus diesem wohlriechenden, nun zerwühlten Strohhaufen heraus. Die beiden waren über und über mit Heu bedeckt und sahen zwei gelben Vogelscheuchen ähnlich ... auch, wenn es zwei freundliche Vogelscheuchen waren. Sabine konnte nicht mehr an sich halten. Prustend beauftragte ihren kleinen David ganz schnell die neue Kamera zu holen, um dieses Götterbild für die Ewigkeit festzuhalten. David war ganz stolz, als er mit der Kamera in der Hand zurückkam und Mutti, Tante und Omi fotografieren durfte.
"Schaut her, ich bin jetzt ein richtiger Fotograf! Und nun müsst ihr mir gehorchen, denn sonst wird es ein ganz schrecklich furchtbares Bild, wenn ihr nicht hört!", sagte er aus tiefster Seele überzeugt. "Los stellt euch eng zusammen und jetzt immer schön grinsen ... Mama, du auch! Genau so! Und jetzt: Schieeeeezz!", piepste er mit seiner kindlichen Stimme. Die drei Damen lachten in das Objektiv. Ein weißer Blitz durchbrach die Luft und plötzlich barst das Glas. Ein Fotorahmen war durch die Luft gewirbelt; lag nun zerbrochen auf dem feinen, weißen Fliesen vor dem Kamin.

Miriam schrak in die Höhe. Sie schnappte verzweifelt nach Luft. Ihre Bronchien waren vom Krebs befallen und schon sehr mitgenommen. Sie merkte, wie die Atemwege von Atemzug zu Atemzug immer weiter anschwollen. Die ganze Welt begann sich plötzlich zu drehen.
Meine Süßen, dachte Miriam, während sie nach Luft japste. Wieso nur seid ihr nicht bei mir? Wieso könnt ihr nicht meine Hand halten - da, wo ich doch solche Angst habe!
Sie keuchte, versuchte Luft zu kriegen, doch irgendetwas in ihrer Luftröhre blockierte es zusehends. Sie bekam Panik. Es geht zu Ende!
Das reine Leben bestand plötzlich nur noch aus Luft: Überall war Luft, überall das Leben, doch dieses Lebenselixier befand sich nur um sie herum - ohne dass Miriam noch dazu fähig war an dieses heranzukommen. Ihre Lebensfunken glommen matter. Wohin entschwand sie nur? Ihr Herz raste. Die blasse, ungesunde Haut sah wieder feucht und rosig aus - fast wie in alten Zeiten, doch die Augen starrten angsterfüllt aus ihren tiefen Höhlen hervor. Miriam wollte aufstehen. Sie wollte den Tod nicht einfach so hinnehmen, wollte etwas unternehmen; doch fiel nur kraftlos auf ihre Knie. Die Haut platzte auf und begann zu bluten, doch dass bemerkte Miriam nicht. Vollends zur Seite gekippt, lag sie röchelnd wie ein Fisch am Boden, ihr Kopf neben dem zerbrochenem Fotorahmen. Das Stück Glas war genau in der Mitte herausgebrochen, dort wo sich Miriams fröhlich strahlendes Gesicht befand. Neidisch musterte sie ihr gesundes Gegenüber: Die langen Haare - in einer Sommerbrise flatternd, beide Wangen rosig und voll. Die Statur; wohlgenährt und hübsch. Direkt daneben ihre zwei Süßen! In ihren letzten, flachen Atemzügen hob sie die rechte Hand in die Höhe und strich mit der restlichen Kraft über die Gesichter ihrer geliebten Töchter. Sie glitt an die gesplitterte Kante und schnitt sich. Jetzt blutete auch der Zeigefinger, doch das spielte keine Rolle mehr:
Ein Zucken durchraste ihren Körper. Miriam bäumte sich auf, unfähig nur ein einziges Geräusch von sich zu geben, und als sie wieder in sich zusammensackte, blieb sie reglos auf dem Boden liegen. Ihr Bewusstsein begann zu schwinden. Sie fühlte sich plötzlich sehr leicht und wohl. Die Welt schien unwirklich zu werden, weil sie sich immer weiter von ihr entfernte, und irgendwann wirkte alles nur noch wie ein stark verblassender Traum.
Miriam starb ...

Sie starb, ohne noch einmal in ihrer geliebten Heimat gewesen zu sein, starb fern der sanften Hügel und der weiten Wiesen voller Löwenzahnblumen; fern jener niedlichen, kleinen Fachwerkhäuser an denen sie vorbeischritt, wenn sie als kleines Kind in den Wald wollte: Ihr Tod war einsam.
Ein letzter, seltsamer Gedanke durchbrach den sie verhüllenden Todesschleier: Das wären sie wohl; meine letzten, großen Reisen. Die eine führte mich in meine Vergangenheit, doch die andere ... Führt sie mich denn in eine Zukunft?
Der wirre Gedankenstrom brach ab, und Miriam stürzte in die kalte Dunkelheit. Und dann ...
Was ist das für ein schönes Licht?

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