Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Januar 2006
Basar der Wunder
von Birgit Erwin

„Sie sind ein Spieler.“

„Wie meinen?“

Der Zwerg grinste und wippte auf den Ballen.

„Kommen Sie einfach mit. Der Basar der Wunder hält auch für Sie das Richtige bereit.“ Er legte seine kleine Hand auf den Arm des jungen Mannes und zog ihn mit sich fort. Die lockenden Rufe der Händler verklangen, als hätten sie darauf gewartet, dass der junge Mann einen Führer fand. Wie betäubt betrat er das Zelt aus schwarzem Samt, in das der Zwerg ihn mit sanfter Gewalt schob. Er wusste nicht, was er zu finden hoffte.

Er wusste nicht, was er suchte.

Nur einer der drei Männer, die bei Kerzenschein am Tisch saßen, hob den Kopf. Sein Lächeln galt dem Zwerg.

„Ah, du hast ihn gefunden“, sagte er. Mit kalten blauen Augen musterte er den jungen Mann. Der streckte die Hand aus.

„Guten Abend, ich heiße…“

„Unwichtig. Sie sind hier, um zu spielen. Setzen Sie sich.“ Er zeigte auf den freien Stuhl.

„Aber ich habe …“

„Sie haben kein Geld, ich weiß. Das ist egal. Wir spielen nicht um Geld.“

Die eisblauen Augen wanderten kurz über die Wände, auf die der Kerzenschein zitternde Lichtflecke warf. Der junge Mann folgte dem Blick. Er schauderte, ohne genau zu wissen warum. Ein feines graues Tuch, das die Form eines menschlichen Körpers bildete, war ihm gegenüber an die Wand genagelt. Aber es war kein Tuch … es war …

„Richtig, das ist ein Schatten. Peter Schlehmil war ein schlechter Spieler. Und ein schlechter Verlierer. Er konnte nicht warten“, säuselte der Mann rechts von ihm mit einem metallischen kleinen Lachen. Sein Gesicht war von bestrickender seelenloser Schönheit. Der linke Spieler grunzte und fuhr sich mit der Hand in den Bart.

„Spielen. Ich will spielen, Dorian.“

„Du bist zu ungeduldig, Vincent“, sagte der schöne Mann, der Dorian hieß. „Ich habe keine Eile. Du etwa, Doc?“

Der eisblaue Blick des Spielleiters streifte das makellose Gesicht, während sich seine Mundwinkel zu einem humorlosen Lächeln hoben.

„Frag mich nicht. Ich bin freiwillig hier. Ihr seid die Getriebenen. So wie Sie, mein Freund“, sagte er und wandte sich plötzlich wieder an den jungen Mann. Der riss erschrocken den Blick von einem filigranen Silbertablett los, auf dem etwas lag, das in Tücher eingeschlagen war. Wieder ließ sich Dorians honigsüße Stimme vernehmen.

„Ja, auch sie hat hier gespielt. Sie werden von ihr gehört haben, von Salome. Sie hat so lange gespielt, bis sie verlor. Das war alles, was sie wollte. Seinen Kopf loswerden. Den Kopf des Täufers. Was für eine Frau.“

„Aber keine Muse. Keine Inspiration“, grollte der bärtige Mann und rollte mit den Augen.

„Sie wollte verlieren?“, fragte der junge Mann verwirrt. „Die Salome?“

„Jeder, der herkommt, will etwas. Manche müssen erst herausfinden, was es ist“, sagte Doc. „Und mache müssen warten, bis der Einsatz stimmt.“ Sein Blick streifte Dorian, der ihn mit sardonischer Verzweiflung beantwortete.

„Sie wollen nicht zufällig Ihre Seele setzen?“

„Meine …?“

„Hören Sie nicht auf Dorian, machen Sie Ihren Einsatz, junger Mann“, unterbrach Doc.

„Aber… aber was soll ich denn setzen?“

„Das können nur Sie wissen.“

Zum ersten Mal fiel der Blick des jungen Mannes auf den Tisch. Er keuchte. Dort lag neben einem altmodischen Revolver und einem Malerpinsel ein abgeschnittenes Ohr.

Dorian verzog spöttisch den Mund.

„Oh nein, schauen Sie nicht mich an. Ich bin nicht so geschmacklos, mir ein Ohr abzuschneiden. Vincent hier…“

Der Bärtige grunzte wieder, lauter diesmal. „Setzen Sie, setzen sie, ich habe keine Zeit zu verlieren!“

Doc hustete leise und hielt sich die Hand vor den Mund. Als er sie zurückzog, war sie blutig.

„Sie brauchen einen Arzt“, sagte der junge Mann erschrocken.

„Ich bin Arzt. Machen Sie Ihren Einsatz und kümmern Sie sich nicht um mich. Sie wären nicht hier, wenn Sie nicht Ihre eigenen Probleme hätten.“

Der junge Mann schwieg senkte den Blick auf das traurige Häuflein auf dem grünen Tuch. Nur das unregelmäßige Atmen der Spieler füllte das Zelt.

„Gut“, sagte er endlich. Seine Stimme kam wie aus weiter Ferne, und in seinen Augen glitzerten plötzlich Tränen. „Ich setze eine Erinnerung.“

Die Kerze zischte, als sich der Zwerg lautlos auf den Boden kauerte. Die drei anderen blickten ihn schweigend an.

„Es ist die Erinnerung an eine Frau. Sie war Kellnerin in einem kleinen Cafe in einer dieser Küstenstädte in Südfrankreich. Ich ging jeden Abend hin. Ich ging hin und träumte von ihren schwarzen Augen, ihrem wiegenden Gang, ihrer zarten Haut. Aber ich wagte nicht, sie anzusprechen. Ich sah sie im Licht der Straßenlaternen zwischen den Tischen hin- und hergehen, und die Sterne waren wie riesengroße Löcher in einem Himmel aus schwarzem Samt. Wo sie auftrat, schimmerten die Pflastersteine, so schön war sie.“

Er vergrub das Gesicht in den Händen. Die Augen des Bärtigen glänzten hungrig.

„Aber hier endet es nicht, nicht wahr?“

„Nein“, sagte der junge Mann dumpf. „Sie haben Recht, hier endet es nicht.“

Dorian lachte sein grausames kleines Lachen: „Lassen Sie mich raten, Sie haben Sie vergewaltigt? Getötet?“

Der junge Mann starrte ihn halb erschrocken, halb angeekelt an.

„Nein“, sagte er heiser. „Nein, natürlich nicht. Ich … ich bin einfach gegangen, ohne ihr gesagt zu haben, dass sie die Frau meiner Träume ist. An diesem letzten Abend ging ich in das Cafe mit dem festen Vorsatz, ihr endlich meine Gefühle zu gestehen. Ich hatte mir die Worte zurechtgelegt, die ich sagen wollte. Verzeihen Sie, wollte ich sagen, verzeihen Sie, aber ich liebe Sie. Aber ich tat es nicht.“

„Ich verstehe: ein anderer Mann!“, wisperte der Zwerg. Er war näher gekrochen und berührte den Revolver mit seinem Stummelfinger. „Sie haben Sie mit einem Rivalen erwischt!“

Doc scheuchte ihn mit einem Blick in den Halbschatten zurück.

„Kein Rivale“, flüsterte der junge Mann. „Ich konnte es einfach nicht. Ich … ich war zu feige. Sie sah mich an, als ob sie wartete. Nur eine Sekunde lang, und ich ließ den Augenblick verstreichen. Ich habe sie nie wieder gesehen. Aber seit jener Nacht suche ich sie in jeder Frau, ohne sie zu finden. Für mich gibt es weder Frieden noch Liebe. Mein Leben ist eine endlose Suche nach der Frau aus dem Nachtcafe.“

„Und Sie setzen die Erinnerung an sie?“, fragte Doc. Die Karten unter seinen hageren Fingern wisperten aufgeregt.

„Ja“, sagte der junge Mann und hob den Kopf. „Wir können anfangen.“

Sie spielten schweigend, sprachen nur das Nötigste, bis Vincent endlich einen heiseren Schrei ausstieß.

„Ich habe gewonnen! Gewonnen! Endlich!“

Er riss den Pinsel vom Tisch und starrte dann den jungen Mann an. Der erwiderte den Blick, und während er in das bärtige Gesicht schaute, ging eine seltsame Veränderung mit ihm vor sich. Es war, als fiele eine unerträgliche Last von seinen Schultern. Einen Augenblick lang war da noch die vage Erinnerung an einen Schmerz, der einmal sehr tief gegangen war, dann war auch dieses Gefühl verflogen. Er hob den Kopf und lächelte. Er fühlte sich leicht und frei. Der Mann, der sich Vincent nannte, drängte an ihm vorbei.

„Nachtcafe“, murmelte er und schwang den Pinsel. „Die Sterne, die Frau … ja! Ja!“

„Du hast dein Ohr vergessen!“, rief Dorian ihm spöttisch nach.

„Wer braucht schon ein Ohr, ich habe ein Bild vor Augen!“

Der junge Mann sah ihm mit einem verwunderten Lächeln nach, während er aufstand.

„Was …“

„Fragen Sie nicht“, sagte Doc und schob ihn sanft zum Ausgang. „Der Basar der Wunder hat Ihnen nichts mehr zu bieten. Sie sind frei. Gehen Sie jetzt. Leben Sie Ihr Leben.“

„Wer sind Sie?“

Die blauen Augen lächelten zum ersten Mal. „Vor langer Zeit war ich Arzt. Ich war auch Mörder und Glücksspieler. Man nannte mich Doc Holiday.“

„Aber dann sind Sie ein Mensch, Sie sind real. Aber er … er ist doch Dorian Grey? Er ist nur eine Figur aus einem Buch …und dieser Ort …“

Docs Blick streifte Dorians halb abgewandtes Gesicht mit einem Ausdruck von Mitleid.

„Auf dem Basar der Wunder ist jeder real. Jeder, der sucht. Jeder, der leidet. Gehen Sie. Wenn Sie Glück haben, sehen wir uns nicht wieder.“

„Aber …“

„Wenn es Ihnen hilft, denken Sie, dass das alles ein Traum war. Und bedenken Sie, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.“ Er lächelte. „Wenn ich es recht bedenke, der war auch hier.“

„Shakespeare?“, keuchte der junge Mann.

„Nein. Hamlet.“

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