Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Januar 2006
Herzspiel
von Ivonne Schönherr

„Du hast es fallen lassen.“ Der kleine Asiate fuchtelte wütend mit blutverschmierten Fäusten vor der Nase seines blonden, breitschultrigen Kollegen herum.
„Nein, du warst es! Ich wasche meine Hände in Unschuld.“ Der Blonde drängte den anderen zur Seite, raffte seine schwarze Robe und bückte sich neben dem Altar, um nach dem glitschigen Herz zu greifen, das in einen Spalt zwischen der Wand und dem schwarzen Opferstein gerutscht war. Seine Finger ertasteten den Batzen Fleisch und zogen daran, bis er sicher auf seiner Handfläche lag.
„Gib mal her, Dermot, ich mach es sauber, bevor wir es dem Meister bringen.“ Der Glatzkopf des Asiaten schob sich in den Sichtbereich seines Kollegen.
„Ich kann das besser, Kato. Du lässt es ja doch wieder nur fallen.“ Dermot nutzte die Gelegenheit ihm eine auf den hochglanzpolierten Schädel zu geben. Dabei flutschte ihm das verdreckte Organ aus der Hand, landete auf dem Kopf seines Kollegen, rutschte über dessen Rücken herunter und hinterließ eine Spur aus Blut mit kleinen Steinchen gespickt.
„Ups.“ Er bückte sich und knallte mit Kato zusammen, der es ebenfalls aufheben wollte. Beide taumelten. Der Fuß des Asiaten verhakte sich in Dermots langen Beinen und brachte ihn zu Fall. Er selbst wurde mitgerissen. Ein Schuhabsatz traf den Klumpen, der mit einem schmatzenden Geräusch gegen die Wand über dem Altar sauste und in den schmalen Spalt dahinter platschte.
Sie sahen sich an, sprangen auf, beugten sich über den Opferstein und den blutüberströmten Körper mit dem klaffenden Brustkorb, um in der Dunkelheit das Herz wieder zu finden.

Schritte hallten. Sie erstarrten, sahen zu dem in den Felsen gehauenen Türdurchlass, wo eine in Hellrot gewandete Person erschien. Unter der hochgezogenen Kapuze blitzte eine Brille hervor.
„Wo bleibt ihr denn? Unser Meister wartet.“ Der Neuankömmling sprach mit nervtötender Fistelstimme. Neugierig versuchte er einen Blick hinter die schwarz verhüllten Gestalten zu werfen, die ihm die Sicht auf den Altar verstellten.
„Wir sind gleich soweit, Chefchen“, stotterte der Asiate verlegen und versuchte seine blutbesudelten Hände zu verstecken, während Dermot eifrig mit dem Ärmel seiner Robe über Katos Glatze wischte, um die verräterischen Spuren zu beseitigen.
„Was macht ihr denn da?“ Den Kopf gereckt, stolzierte der dickliche Brillenträger näher. „Zeigt mir mal eure Hände!“, befahl er, als die Beiden ihre Finger in den Taschen ihrer Roben verschwinden ließen und stur auf ihre Füße blickten.
Kato schüttelte den Kopf. „Nix, Chefchen.“
„Jo Chefchen. Alles Paletti“, nuschelte Dermot.
„Ich sagte, ihr sollt eure Hände herzeigen!“, brüllte der Dicke und trat ganz nah an den Kahlkopf heran. Erschrocken zog Kato seine heraus, die zitternd einen Ritualdolch umklammerten und stieß sie nach vorne. Der Rotgekleidete keuchte, Blut rann ihm aus den Mundwinkeln, überrascht starrte er auf die Klinge, die bis zum Heft in seinem Herzen steckte. Mit verdrehten Augen plumpste er zu Boden.

Udo schreckte aus seinem Alptraum auf. Sein Schlafanzug war pitschnass. Das Herz schmerzte. `Scheiße. Ich komm` zu spät´, fluchte er nach einem Blick zur Uhr. Augenblicklich sprang er aus dem Bett, zog die Klamotten an und wetzte zur Tür. Rannte an seiner Frau Margaret vorbei, die in der Küche Kaffee trank und ihm mit großen Augen hinterher starrte. Der Motor brüllte auf, als Udo das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückte, die schmale Anwohnerstraße herunterraste, sich in den Verkehr einfädelte und zum Krankenhaus fuhr. `Glück muss man haben´, dachte er, als er eine Lücke auf dem überfüllten Personalparkplatz entdeckte. Erleichtert seufzend schloss er den alten Golf ab und betrat das Innere des nüchternen Gebäudes. An der Wand des Chirurgenzimmers studierte er den Operationsplan. Doktor Newman stand da geschrieben; für jeden lesbar. Seine erste Herztransplantation, die Erfüllung seiner Wünsche! Er hatte es geschafft, endlich war er an der Reihe, würde es allen Besserwissern zeigen. Ihm schwindelte. `Ich muss mich zusammenreißen!´
„Nervös?“, fragte eine Stimme hinter ihm.
Er erkannte sie sofort. `Doktor Sulivan. Wer sonst?´
„Nicht im Geringsten“, erwiderte er und wendete seinem ärgsten Konkurrenten das Gesicht zu, lächelnd, wohl wissend, dass es den anderen wurmen würde. „Du entschuldigst mich jetzt? Ich hab eine OP, du verstehst?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, begab er sich zu seiner Patientin, Evelyn Hartman, checkte sie durch und stellte zufrieden fest, dass die Fünfundzwanzigjährige bereit war. Erstaunlich, wie sehr sie Margaret ähnelte.
Doktor Newman machte sich auf dem Weg zum Besprechungsraum, in den er sein Team bestellt hatte. Plötzlich krümmte er sich, seine Hand schnellte zum Herz, wo er im Traum vom Dolch getroffen worden war. Grauenhaft war das gewesen.
Schwester Dagmar Hentzen trat aus dem Aufzug, lächelte. „Doktor Newman“, begrüßte sie ihn, während sie die letzten Schritte gemeinsam gingen. „Es gab noch eine kleine Veränderung in der Zusammensetzung des OP Teams“, teilte sie ihm mit.
Sie betraten den Raum. Der entsetzte Blick des Chirurgen heftete sich auf den glatzköpfigen Asiaten und seinen blonden Kollegen.
„Darf ich vorstellen?“, hörte er verschwommen die Stimme seiner Begleiterin. „Kato und Dermot.“
Kreischend ergriff er die Flucht.

„Neeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!“, schrie er. Sein Herz trommelte und Schweiß perlte auf seiner Stirn.
„Was ist denn, Liebling?“, erkundigte sich Margaret mitfühlend und zog ihn in ihre warmen Arme. „Bist du nervös? Wegen deinem großen Tag morgen?“
„Ja, ein wenig“, murmelte er und fing an zu zittern.
„Das brauchst du nicht. Und weißt du was? Wenn du deine erste Transplantation hinter dir hast, kommst du nach Hause und ich mache dir deine Leibspeise: Schweineherzen. Was hältst du davon?“ Sie lächelte verführerisch und strich ihm sanft über die Wange.
Er riss die Augen auf, ihr Gesicht veränderte sich in Sekunden. Würmer krochen aus aufplatzenden Pusteln, während ihre Haut verfaulte. Der Druck in seiner Brust nahm zu, als er vor ihren tastenden Händen zurückwich.
„Wo willst du denn hin, mein süßer Doktor?“ Sie kicherte. Er konnte sehen, wie sich in ihrem zerfressenen Mund ein schwarzer Klumpen bewegte. Ihre skelettierten Finger umfassten sein Gesicht, zogen es nah an sich heran, um ihm das, was einmal ihre Zunge gewesen war, in den Rachen zu schieben. Ihm schwanden die Sinne.

Ein Stechen im Brustraum weckte ihn, seine Bewegungen waren eingeschränkt. Seine Frau? Die sich an ihn klammerte? Mit ihren toten glitschigen Armen? `Nein! Das darf nicht sein! Sie ist nicht tot. Nur ein Traum. Ja genau. Nur so ein verdammter Alptraum!´, versuchte er sich zu beruhigen. Er schielte an sich herab, erkannte überrascht eine Zwangsjacke, die sich straff um seinen Körper spannte und hörte Stimmen. Irgendwer kam zu ihm und stach eine Nadel in seinen Arm. Der glatzköpfige Asiate, Kato stand auf dem Namensschild seiner weißen Pflegerkleidung, wirkte vertraut. Er verdrehte die Augen, um den anderen Mann zu betrachten, der mit verschränkten Armen neben der Tür lehnte, blond und breitschultrig. Dermot entzifferte er auf dessen Schildchen.
„Ihr kommt mir so bekannt vor“, lallte er mit schwerer Zunge.
Die Beiden ignorierten ihn, richteten ihre Aufmerksamkeit auf die aufgehende Tür. Zwei Weißkittel traten ein.
Ein Dicker mit Brille wies auf Udo. „Das ist Udo Newman. Hält sich für einen Herzchirurgen. Hat doch glatt seiner Frau das Herz aus der Brust geschnitten und wollte ihr ein Schweineherz transplantieren.“
„Familie?“, wollte der andere Mann wissen.
„Nein. Keine.“ Dickie fühlte seinen Puls.
`Seltsam, den kenne ich auch´, dachte er verwirrt und spürte die verschwitzten Hände an seinem Handgelenk.
„Ein idealer Kandidat für das Ritual.“ Weißkittel zwei musterte ihn aufmerksam. „Den vermisst keiner.“
Die anderen im Raum nickten sich verschwörerisch zu.
„Mein Herz tut weh“, nuschelte Udo dem Fremden zu.
„Natürlich, mein Freund. Das muss es auch.“ Der Unbekannte tätschelte seine Wange. „Denn schließlich bist du tot.“

`Tot?´ Seine Sicht war verschwommen, verwirrt sah er an sich herunter. Nein falsch, nicht an sich, auf sich. Erst jetzt wurde ihm dieser Umstand bewusst. Sein Körper lag steif auf einem Altar, der Brustkorb war aufgeschnitten. Die Augen standen offen, ein Schleier schien darüber zu liegen. Er versuchte, mehr zu erkennen, aber die leuchtenden Nebel um ihn verhinderten es. Immerhin hatte der Schmerz in seiner Brust endlich nachgelassen.
„Nun sieh nur, was du wieder angerichtet hast“, hörte er jemanden fluchen. „Wie sollen wir das denn dem Meister erklären?“
Dermot war das, entschied er. Ja ganz sicher, der Pfleger aus der Anstalt.
„Könnten wir nicht einfach sagen, dass es ein Unfall gewesen ist?“, störte Katos zaghafte Stimme Udos Überlegungen.
Er richtete seinen Blick auf die Streitenden. `Wieso kann ich eigentlich sehen?´, fragte er sich und beobachtete weiter.
„Unfall? Sieht der Dolch in seiner Brust wie ein Unfall für dich aus?“ Blondie machte einen aufgeregten Eindruck, als er auf die Leiche des Dicken wies.
`Irgendwie hat er da Recht, das glaubt ihnen keiner. Hihi. Nun kriegen sie Ärger.´ Er war tot, aber seltsamer Weise störte ihn das nicht. Udo fühlte nur Erheiterung.
„Was machen wir denn nun?“ Der Asiate wirkte unsicher.
Dermot spähte durch den Türdurchlass. „Wir verschwinden. Oder willst du als nächster dem Meister dein Herz schenken?“
„Nein bestimmt nicht.“ Kato kaute sichtlich nervös auf seiner Unterlippe.
„Dann los! - Und vergiss das Lächeln nicht, immer lächeln!“
Beide verließen den Raum. Er wollte ihnen folgen, doch als er auf die Tür erreichte, prallte er an einer unsichtbaren Wand ab. Stattdessen spürte er einen starken Luftzug, der ihn mit sich trug. Er fühlte, wie ihn etwas auseinander riss, herumwirbelte und seinen Geist verschluckte.




Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.43 Uhr
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